Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1982-1983
- Issue
- No. 50 (1982-1983)
- Date
- 1982-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Aschkenas-zum Problem eines biblischen Ländernamens Eine Reihe von geographischen Bezeichnungen, manche Staedte- und Laendernamen aus der klassischen Literatur der biblischen und rabbinischen Epoche sind in spaeteren Zeiten fuer Staedte und Laender zur Verwendung gekommen, die jenseits des Horizontes der alten Welt sich befinden. In neuerer Zeit sind sie jedoch in Wegfall gekommen und im modernen Hebraeisch Israels durch die international ueblichen ersetzt worden. So hiessen z.B. im Mittelalter die slavischen Voelker bei den Mittelalterlichen Autorn „Kenaan“, weil ja Kenaan (in der Genesis 9,25) als „Sklave“ bezeichnet wird und der Begriff „Sklave“ sich aus dem Namen Slave entwickelte, da ja das oestliche Europa eine Zeitlang das Hauptreservoir fuer den Sklavenhandel darstellte. Von all den Bezeichnungen haben sich eigentlich nur drei (oder, wenn man will — vier) in der heutigen Sprache behauptet. Dies sind in erster Linie die Namen fuer Frank, reich (Zarfat) und Spanien (Sefarad), die beide in einem beruehmten Vers des Propheten Owadia Vorkommen, der fuer Sefarad uebrigens die einzige biblische Quelle ist, daneben die in der Voelkertafel des 1, Buches Moses (Kap. 10, Vers 3) vorkommenden Aschkenas, fuer Deutschland und Togarma fuer die Tuerkei, die sich als geographische Bezeichnungen wenigstens bis in die neueste Epoche gehalten haben, aber heute wohl nur noc) im poetischen Stile zur Verwendung kommen. Aschkenas z.B. in der hebraeischen Uebersetzung des hochinteressanten Buches „Ahasver“ von Stefan Heym (1981), dessen Hauptfabel im 16. Jahrhundert spielt. (S. 16). So heisst das bekannte Werk von S. Rosanes ueber die Geschichte der Juden in der Tuerkei, das in 2. Auflage 1930 erschien, „Divre Jeme Israel be Togarma!“ Nun haben alle diese Vier Eines bestimmt gemeinsam: Sicher hatten sie urspruenglich mit den Laendern, denen sie in spaeterer Zeit ihre Namen lieferten nichts zu tun; jene Laender waren ja als politische Gebilde in der biblischen Epoche noch nicht existent. Was sie urspruenglich bezeichneten, ist eine Frage, die hier uneroertert bleiben soll, eine eindeutige Antwort gibt es allenfalls bei dem Namen Zarfat. — So hiess eine Stadt im heutigen Libanon. (Vgl. 1. Buch, Koenige 17,9). Bleibt noch die Frage, was die Uebertragung auf neu aufkommende Staaten in Europa nahegelegt hat — und das ist bei dreien von ihnen zweifellos der Wortklang. Sefarad hat zwei Konsonanten — S — F (P) — mit Spanien gemeinsam. Zarfat drei mit Francia, der bedeunde jüdisch-französische Historiker Joseph Reinach schrieb 1919 eine franz. Geschichte unter dem Titel „Francia“. Togarma — drei mit Tuerkei. Warum aber waehlte man gerade den Namen Aschkenas fuer Deutschland? Das ist auf den ersten Blick durchaus nicht verstaendlich. Diese Frage nun hat manche Hypothesen auf den Plan gerufen, die aber nicht recht ueberzeugen wollen. Bevor ich die dafuer in Frage kommenden Antworten kritisch untersuche, will ich ein anderes Problem anschneiden, dessen Loesung fuer ABRAHM TOBIAS,, Natania die Beantwortung eine Rolle zu spielen scheint, und den Zeitpunkt zu bestimmen versuchen, an dem die Identifizierung Aschkenas mit Deutschland allgemein sich durchgesetzt hat. Auch darüber gehen die Meinungen auseinander. Prof. Flusser, der verdienstvolle Herausgeber einer kri. tisch-wissnschaftlichen Edition der Chronik des Josippon, weist nach, dass in diesem Buch, das in der Mitte des 10. Jahrhunderts verfasst wurde, i. J. 953, diese Identifizierung zum ersten Male ganz eindeutig geschieht. Dort erzaehlt der Autor anlaesslich der Krregszuege des Vespasian in Europa, dass er in die Laender des Westens, Aschkenas, Britannia, Sachsonia und Scottia zog und sie unterwarf. In der Quelle, die dieser (uns sonst unbekannte) Autor benutzt hat, im Geschichtswerk des Flavius Josephus steht aber an dieser Stelle Germania! Nun ist es richtig, dass der Name Aschkenas noch vor dem 10. Jahrhundert erwähnt wird, etwa in Responsen der Geonim, aber dort lässt sich nicht eindeutig feststellen, von welchem Volk der betreffende Autor spricht. Ja, es ist sogar die Vermutung geaeussert worden, dass schon einer der fruehesten Germanischen Staemme, die Goten, mit dem Namen Aschkenas belegt wurde, und in diesem Zusammenhang hat ein Sprachforscher, der in der Breslauer Monatsschrift schrieb, L. Wallach, die These aufgestellt, dass Aschkenas an Scanza anklingt, Scandinavien, das ja die Heimat der Goten gewesen sein soll. Das mag fuer das fruehe Mittelalter zutreffen, denn das Ostgotenreich in Italien wurde ja schon um 550 zerstört, der Autor der Chronik “Sefer Josippon“ jedoch lebte 4 Jahrhunderte spaeter, und es scheint, dass diese Indentifizierung in seiner Zeit noch recht neu war. Ein Beweis dafuer ist, dass das Wort Aschkenas bei ihm nur ein Mal vorkommt, und er in dem 1. Kapitel seines Buches (das gerade mit der Voelkertafel aus dem 1. Buch Moses beginnt!!)', viele germanische Voelker nennt und sie mit bbilischen Namen in Verbindung bringt, aber mit dem Namen Aschkenas gerade nicht. Ein weiteres Zeugnis, dass in der Fruehzeit Deutschland — oder die germanischen Staemme — noch nicht mit Aschkenas identifiziert wurden, haben wir im Midrasch Rabba im Kap. 36 des Midrasch Bereschith, der die Voelkertafel erlaeutert. Dort wird Germania entweder mit Gomer, einem Sohn des Jephet, oder mit Togarma, einem anderen Nachkommen des Jephet, gleichgesetzt. Also wieder haben wir hier das Prinzip des Gleichklangs — beide Worte haben die Konsonannten G,M,R oder G,R,M. Mir scheint, dass sich diese Gleichsetzung nicht vor dem 10. Jahrhundert vollzogen hat, und es ist kein Zufall, dass der Autor deä “Josippon” der erste ist, der diese Gleichsetzung vornimmt. Er lebte in Sued-Italien und zu jener Zeit begannen die Italienzuege der deutschen Kaiser aus der Dynastie der Sachsen — Otto der I., der sich 962 in Rom zum Kaiser kroenen liess, sein Sohn Otto der II., und sein gleichnamiger Enkel. Nun enthalten die Buchstaben des Wortes „Aschkenas“, bei leichter Umstellung auch die Elemente des Wortes „Sachsen“, und die Kaiser aus dieser Dynastie, von denen einige betont judenfreundlich waren regierten in jenen zwei Jahrhunderten, in denen das Wort Aschkenas endgueltig die Bedeutung „Deutschland“ erhielt, im 10,11. bis zum Beginn des 12. Jahrhunderts. Von da ab bedeutet Aschkenas ein Doppeltes: a) das Deutsche Reich und b) das Deutsche Judentum mit seinen, durch die Vertreibungen und Wanderungen geschaffenen „Filialen“, zunaechst in Europa und spaeter in der weiten Welt. Dafuer will ich zum Schluss zwei markante Beispiele bringen, die diese Polaritaet veranschaulichen moegen. In seinem „Erinnerungen“ erwaehnt der liberale Rabbiner Caesar Seligmann (1860 bis 1950), dass sein Vater Moses Arie Seligmann ein namhafter Paedagoge, oft den Ausspruch tat: „Pfui Aschkenas,“ wenn von antisemitischen Symptomen die Rede war, und als der Sohn ihn deswegen zur Rede stellte, er die Antwort erhielt: „Ich will es Dir nicht wuenschen, aber ich fuerchte, Du wirst es noch einmal erleben, wie der Rische* in Aschkenas unausrottbar ist.“ Seligmann war ueber drei Jahrzehnte Rabbiner in Frankfurt a/Main und verliess die Stadt Anfang 1939. Auch der Gruender der Agudath Israel, der bedeutende Redner und Publizist Jakob Rosenheim (1870 bis 1965) war viele Jahrzehnte mit Frankfurt verbunden. In seinen Lebenserinnerungen, die hoch interessant sind, und leider mit dem Jahre 1920 abbrechen, erwaehnt er u.a. Herrn Meyer Straus, den Vetter seines Schwiegervaters. Ihn, der in Berlin wohnte (und natuerlich der Adass Jisroel angehoerte), besuchte er des oefteren. Abschliessend sagt er dann: „Meyerle.... war ganz und gar verwurzelt in den Traditionen MIclielstadts, Karlsruhe und des juedischen Sueddeutschlands ueberhaupt, ein Stueck Aschkenas auf dem Boden der mehr oder minder polnischen Adass Isroel Gemeinde in Berlin.” f- . DAS VERGESSEN I I Ich stand ich stand, am Blick die Hand im Weizenfeld, die Sonne schien, es blühte grün das Weizenfeld. Ein alter Mann kam dicht heran ans Weizenfeld, beugte sich vor, rief mir ins Ohr ins Weizenfeld: „Du stehst du stehst, wo du auch gehst im Weizenfeld auf rotem Blut, auf totem Blut im Weizenfeld; war eine Nacht, nach einer Schlacht im Weizenfeld, Menschen lagen umgebracht im Weizenfeld.” Ich stand, ich stand, sah unverwandt ins Leichenfeld, und doch und doch, balsamisch roch das Weizenfeld. (Stella Rotenberg) J 5