Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1982-1983
- Issue
- No. 50 (1982-1983)
- Date
- 1982-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Mentioned entities
- Wrocław 5× ep/1002369
- Markus Brann 2× ep/1011647
- Abraham Berliner 1× ep/1011577
- Buenos Aires 1× ep/1047860
- Bydgoszcz 1× ep/1047854
- Ferdinand Rosenthal 1× ep/1013128
- Heinrich Graetz 1× ep/1004835
- Ismar Schorsch 1× ep/1002600
- Jakob Guttmann 1× ep/1002562
- Julius Guttmann 1× ep/1002777
- Kwidzyn 1× ep/1045131
- Mordechai Eliyahu 1× ep/1006190
- Moritz Lazarus 1× ep/1025292
- Zecharias Frankel 1× ep/1007681
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Gedanken über Ost und West (Fortsetzung von Seite 3) relativ grossen Gemeinden über eine Fülle kleiner Ortschaften verstreut. (Kurt Wilhelm, L. B. year Book, 1957 “The Post-Emancipation Period”). Durch die Teilung Polens verstärkte sich das zahlenmässige Gewicht und damit die kulturellereligiöse Bedeutung des ostdeutschen Judentums. Sie brachten noch eine Lerntradition mit. Ein Blick in das Büchlein “Jüdische Persoenlichkeiten in und aus Breslau” von Rabb. Dr. A. Heppner, 1931 zeigt die Bedeutung des Judentums aus Posen. Von den Dozenten der Rabbinerseminare in Berlin und Breslau kamen vor dort Abraham Berliner, Simon Eppenstein, Heinrich Graetz, Israel Lewy, Marcus Brann, Leo Baeck, Ismar Ellbogen, Moritz Lazarus. In diesen zahlenmässig groesseren Gemeinden blieb man volksnahe. 1837 wohnten mehr als 84% aller Juden der Distrikte von Posen, Bromberg, Marienwerder und Oppeln in Stadtgebieten, während in den westlichen Gebieten des Rheinlands und Westfalen nur 9% in Staedten lebten. (W. Cahnmann, The three Regions of German- Jewish History, 1969, Jubilee Volume to C. C. Silbermann). Im Osten gab es in dieser Zeit 20 Gemeinden mit mehr als 1000 Mitgliedern, im Westen zählte nicht mehr als eine mehr als 500 Mitglieder. Dabei hatte an den Errungenschaften der Aufklärung zunächst nur eine dünne Oberschicht Anteil. Die grosse Masse lebte in Not, die zunahm je mehr man sich nach Osten wandte. Der Auswanderungsstrom zog über Breslau nach Berlin und hat den Charakter des Judentums in Deutschland verändert. Die Einheitsgemeinde in Breslau schuf Menschen, die im Volke lebten und nicht ln Dogmen dachten. Es ist kein Zufall, dass das Rabbinerseminar der religioesen Mitte in Breslau errichtet wurde. Dazu gehoerte eine Atmospähre, die Breslau bot. Extreme sind leicht zu formulieren. Sie sind dogmatisch klar und eindeutig. Das erklärt den Erfolg von Samson Rafael Hirsch in Frankfurt und den Abraham Geigers in Berlin. Die Mitte ist immer schwer zu definieren, weil sie leicht nach rechts oder links ausschlägt. Aber das Leben sucht den Ausgleich zwischen den Extremen. In Breslau — in der geographischen Mitte Europas — gelang es damals, Judentum neu zu formulieren. Juden, die gerade aus dem Ghetto ausgegozen waren, wurden erzogen, Judentum in westeuropäischen Begriffen zu formulieren und doch als Juden zu leben. (Ismar Schorsch: Zacharias Frankel in “Judaism”, Summer 1981). Eine ganz andere Entwicklung wird im Donaubecken sichtbar. Durch das Massenreservoir aus Ungarn und Galizien ging das Bewusstsein eines eigenen Jüdischen Volkstums nicht verloren. Es steckt ein Funken Wahrheit in der Feststellung dass der Herzl’sche “Judenstaat” die jüdische Formulierung des oesterreichischen Nationalitätenproblems ist. Das süddeutsche Judentum war seit Jahrhunderten auf dem deutschen Reichsgebiet sesshaft. In Zeiten der Vertreibung fand eine Binnenwanderung statt — von Ort zu Ort. In seinen kleinen Gemeinden wurde viel Traditionsgut bewahrt. W. Cahnmann schliesst im Jahre 1937 seinen Aufsatz im “Morgen”: “Ein mittleres Judentum gleich weit entfernt von Reform wie von Orthodoxie, suchte sich herauszubilden. Es schien sich eine neue Gruppe der Judenheit in Mitteleuropa mit einheitlichen Charakterzügen... zu formen. Diese Entwicklung ist seit 1933 abgebrochen. Es ist die Frage, ob die Juden des deutschen Reichsgebiets Eigenart und Eigenwillen genug besitzen, um sie in die Länder einer neuen Zerstreuung hinaustragen zu koennen”. Ohne Zweifel wurde die Breslauer „Einheitsgemeinde” über die Meere verpfanzt. In den meisten Ländern in Südamerika schufen Juden aus Deutschland “Einheitsgemeinden”. Für sie war das Gemeindebewusstsein charakteristisch. Sie ist keine exclusiv religioese Institution. Sie ist Brennpunkt des Gemeindelebens. So konnte im Jahre 1943 in einem in Buenos Aires erschienen Sammelwerk “Zehn Jahre Aufbauarbeit” der Berichterstatter aus Santiago de Chile schreiben: “Die (Gemeinde bezeichnet sich mit berechtigtem Stolz als eine Einheitsgemeinde”. Diese Einheitsgemeinde war vier Jahrzehnte für Gemeinden der Juden aus Mitteleuropa in den spanisch sprechenden Ländern Südamerikas charakteristisch. Dazu hat wahrscheinlich auch die Tatsache beigetragen, dass viele der aktiven Mitarbeiter in den Gemeinden aus Schlesien kamen. In ihnen leben und beten konservative und liberale Juden bei gegenseitiger Toleranz zusammen. Sie eint Aufgabe, Erziehung und Kulturfreudigkeit. Julius Guttmann schrieb in seinem grundlegenden Werk: “Die Philosophie des Judentums” im Jahre 1933, dass Deutschland das Geburtsland des modernen Judentums ist. So wahr die Feststellung auch ist, sie allein genügt nicht. Das Judentum in Deutschland hat vor allem unter Beweis gestellt, dass Juden der verschiedensten Auffassungen friedlich unter einem Dach — in einer Einheitsgemeinde — leben koennen. Das Bild der drei Persoenlichkeiten des Judentums in Breslau ist kennzeichnend. Der konservative Rabbiner der Storchsynagoge Ferdinand Rosenthal, der Dozent des Rabbinerseminars Marcus Brann, und der Rabbiner der liberalen Neuen Synagoge, Jakob Guttmann, die oft Schabbat nach dem Gottes- AWRAHAM TOBIAS - Erschienen im Selbstverlag der Familie, Nathania 1983 -«- Vor uns liegt ein Gedenkbuch, welches das Leben des Vaters des Verfassers und dessen Familie beschreibt, von seiner Geburt bis zum Märtyrertod; zusammen mit seiner Frau, durch die Nazischergen. Aber dieses Buch ist mehr als ein Gedenkbuch. Der Verfasser gibt uns eine lebendige Darstellung vom Leben der jüdischen Zuwanderer aus Polen nach Deutschland in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg bis zu Hitlers Machtergreifung. Berlin, wohin die Familie des Verfassers kam, war ein Zentrum des jüdischen Lebens. Dort trafen sich jüdische Gelehrte und Rabbanim welche in Deutschland geboren wurden, mit jüdischen Gelehrten aus Polen und Russland, eine Tatsache welche grossen Einfluss auf das geistige jüdische Leben hatte. Grosse talmudische Koryphäen wie Rabbi Chajim Heller, Raw Elijahu Kaplan, Raw Ja’akow Yechiel Weinberg, Leiter des Hildesheimer Rabbinerseminar in Berlin, welche ihr immenses Wissen aus den Jeschiwot des Ostens mitbrachten, und es durch ihre Studien an den deutschen Universitäten1, wissenschaftlich fundierten, übten einen grossen Einfluss auf eine dienst auf dem Schweidnitzer Stadtgraben in eifriger Diskussion gesehen wurden. Das war in Breslau moeglich. Das erklärt auch, warum die Anekdote auf Wahrheit beruhen kann, die von einem Breslauer liberalen Gemeinderabbiner erzählt wird, den der Mut zur Überzeugung charakterisierte. Obwohl er einen Koerperfehler hatte, sah man ihn am Schabbat oft zu Fuss weite Strecken gehen um Kranke zu besuchen oder eine Bar Mizwa zu feiern. Er wurde am Schabbat in Berlin von einem Gemeindemitglied in der Stadtbahn getroffen. Auf die Frage, warum er nicht auch in Breslau ein oeffentliches Verkehrsmittel benutze, soll die Antwort gewesen sein: “Weil dann der Galgen, den mir die Breslauer Gemeinde errichten wuerde, nicht hoch genug sein koennte”. In Breslau wurden Grenzen respektiert. Nur einmal kam es in der Geschichte zu extremen Auseinandersetzungen — A. Geiger-Titkin. Aber Geigern Tätigkeit in Breslau blieb ohne Folgen für die Einheitsstruktur der Gemeinde. Dieser Entwicklung, seinen Ursachen und Konsequenzen nachzugehen, sollte ein Aufgabe für die Institute und Lehrstühle sein, die sich mit der Geschichte der Juden in Mitteleuropa beschäftigen. Ohne Zweifel ist die Sammlung des Materials wichtig. Leider sind uns viele Quellen versperrt. Aber für das, was wir eine Typologie der Froemmigkeit der Juden in Mitteleuropa nennen, ist es so lange nicht zu spät, solange ‘Wissensträger” leben. Mit ihrer Hilfe sollten die “Minhagim” des jüdischen Lebens festgehalten werden. Die Wenigen, die uns noch erzählen koennen, wie man in ihren Gemeinden gelebt hat, wie ihr Judentum aussah, wie sie geführt wurden, sollten gut vorbereitet von einer zentralen Institution befragt werden. Vielleicht kann diese Typologie des Judentums in Mitteleuropa für eine künftige Entwicklung zum Vorbild werden. Sie koennte unser “Memorbuch” auf die Chasside Aschkenas des 19. und 20. Jahrhunderts sein. ganze Generation jüdischer Menschen in Deutschland aus. Die ersten Jahre der Familie Tobias im Nachkriegs Berlin waren sehr schwer und der Verfasser beschreibt mit viel Liebe wie sein Vater, ein grosser talmudischer Gelehrter, trotz des schweren Alltags und der grossen finanziellen Probleme, immer Zeit fand zu „lernen” und das jüdische Leben so fortzusetzen, wie es in seiner alten Heimat, in Krakau, üblich war. Wir lesen über die Zusammenkünfte der jüdischen Gelehrten im Hause Tobias, welche einen grossen Eindruck auf den Verfasser hinterliessen. Es werden auch viele Erklärungen zu verschiedenen Thora- und Talmudstellen gebracht, welche der Verfasser von seinem Vater und anderen „Talmide Chachamim” hörte. Das Buch, welches mit grosser Liebe zum Vater und der ganzen Familie geschrieben ist, ist ein Stück jüdischer Familiengeschichte in der Zeit zwischen 2 Weltkriegen bis zum Untergang des europäischen Judentums. Die hebräische Sprache des Verfassers ist leicht und verständlich, und trotzdem die Sprache einea Talmid Chacham, welcher mit allen Finessen der Sprache und ihrer Wurzeln vertraut ist. EJVI. Avi-Achijah B’ARZOT HAGHAJIM 4