Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1982-1983
- Issue
- No. 50 (1982-1983)
- Date
- 1982-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Zum Jubiläum besonderer Prägung: 50 Jahre Fünfte Aliyah 1933 Um historisch gesehen bis zu den unvergesslichen Geschehnissen im Unglücksjahr 1933 zurückzugehen und die anschliessende Epoche chronologisch darzustellen, muss man — auch im nachhinein — schon etwas weiter ausholen. Denn auch diese Katastrophe warf wie jede andere in dieser Welt, gleich ob politisch, gesellschaftlich oder “nur” historisch, (lässt sich da wirklich ei. nes vom anderen trennen oder fliessen nicht alle drei a priori ineinander?) ihre Schatten zeitlich weit voraus, obgleich nur ganz wenige bereit waren, diese beklemmenden Schatten auch nur wahrzunehmen.. Die Entwicklung in der Geschichte der Deutschen Juden begann ja bekanntlich schon Jahrhunderte früher, nicht erst 1933! Die relativ noch Junge Vergangenheit dieser Entwicklung führt heute zurück zu den unzähligen Schilderungen der inzwischen so berühmt gewordenen” Goldenen Zwanziger Jahre”, die übrigens ja so golden gar nicht waren, sondern sie waren flankiert von po_ litischen Unruhen, drohender Arbeitslosigkeit, von der noch leisen Unsicherheit des kleinen Mannes. — Schon 1919 hörten unter vielen anderen auch die damaligen jungen Juden in Deutschland mit Schrecken und Grauen vom Hinmorden der damaligen Sozialistenführer Karl Liebknecht bei den Berliner Januarunruhen und der Rosa Luxemburg (Jüdin von Geburt); nur 3 Jahre später, 1922 wird der damalige Deutsche Aussenminister Walter Rathenau (Jude von Geburt!) von nationalistischer Seite ermordet. Der weltberühmte Autor Jakob Wassermann legt 1921, nach allenseinen bisherigen literarischen Erfolgen in seinem schmalen Band "Mein Weg als Deutscher und Jude” ein erschütterndes Bekenntnis ab, menschlich schon an tragische Resignation grenzend: Er, ein begeisterter Patriot und bewusster Jude zugleich, ist hier am Wendepunkt seines Lebens und Wirkens angelangt, sah offenbar und visionär die unausbleiblichen Konsequenzen voraus! — Kaum mehr als ein Jahrzehnt später schreibt der begabte Ernst Toller, der 1939 als USA-Emigrant dort durch Freitod endete, sein nostalgigisches Buch “Eine Jugend in Deutschland” — auch uns Heutigen noch unvergesslich.. Wer aber von all den damals in ihrer Saturiertheit und offensichtlichen Zufriedenheit dahinlebenden “deutschen Bürgern jüdischen Glaubens” war bereit, den Wassermann’schen Aufschrei zu vernehmen oder die aufwühlenden Toller-Dramen zu lesen? Und wie viele andere damaligen Geistesarbeiter wären in dieser Reihe noch aufzuführen? Ihre Zahl ist Legion geworden, würde, einzeln namentlich genannt, den Rahmen jeden Zeitschriftenbeitrags sprengen. — Nein, in dieser doch nach aussen hin irgendwie “goldenen” Spanne wandte man sich den Künsten im allgemeinen, der schöngeistigen Literatur im besonderen zu, wollte die Schatten verscheuchen statt Sie zu sehen. — Und das gelang in den meisten Fällen, verhalf diesem Jahrzehnt zum bekannten Nimbus, Da waren vielleicht nur die Menschen und Führer der damaligen deutschjüdischen Jugendbewegungen die “Visionäre en masse”, die das nahende Unheil voraussahen — gleich, ob sie sich “ JJWB” (JungjüdischerWanderbund), “Blau- Weiss” oder “Kameraden” nannten, alle schon damals “Palästinafahrer” par excellence! Das Unheil trifft ein, viel schlimmer, als von irgendjemanden vorausgeahnt. Schon der Auftakt zum 1. April 1933, der bis heute berüchtigte Beginn des allgemeinen Boykotts gegen die Juden, ihre Unternehmungen, ihre Geschäfte, ihre Stel. lungen in allen möglichen privaten und öffentlichen Ämtern bis hm zu den Akademikern, deren Berufe als lehrende Professoren, als Ärzte — um nur einige dieser Beispiele zu nennen — alles musste verschwinden von einm Tag zum anderen im Sog dieses unheimlichen Juden_Boykott’s! Universitäten, Hochschulen und sonstige Lehrkörper, Krankenhäuser und medizinische Forschungsanstalten wie auch sämtliche Gerichte in deutschen Landen — alle vereinten sich in der von oben her angeordneten plötzlichen Eliminierung ihres jüdischen Personals, das seinerseits bis zu diesem Tage, oft durch Jahrzehnte hindurch, treu und gewissenhaft die jeweilige Auf. gäbe erfült hatte — deutsche Bürger jüdischen Glaubens! Und dieses Datum fiel ausser allem anderen auf einen Schabbat, bereits ein zynisches Vorzeichen auf kommende Brutalität. Die anschliessenden Woche und Monate zu schildern, wäre müssig, weil allzu bekannt und jedem geläufig. — Allerdings, die jüdische und nichtjüdische Jugend der heutigen Welt, die diesen entsetzlichen HOLOCAUST nicht miterlebte und dessen Schilderungen nur schwer Glauben schenken will oder auch nur kann, müsste und muss wohl immer wieder über diese Epoche gründlich informiert werden allein schon im Hinblick auf das Kommende ln dieser wankenden Welt “Wie konnte es überhaupt so weit kommen?” fragt die Jugend — and wir fragen es bis heute mit ihr: Wo war die Ideologie an sich geblieben in diesem Land der Dichter und Denker, das allen meinen Bürgern “Vaterland” im wahrsten Wortsinne bedeutet hatte? Waren die deutschen Men. sehen plötzlich von einem Virus befallen worden, von einer Epidemie des Hasses und der Gewalttätigkeit? Noch gestern unsere Freunde durch dick und dünn, unsre guten, bewährten Nachbarn, wie auch wir es ihnen waren — waren sie noch die uns durch Zeiten hindurch gewohnten Mitmenschen? Fragen über Fragen, keine Antwort, von keiner Seite. Ein Rätsel, ein Phänomen der Wandlungsfähigkeit eines ganzen Volkes, obwohl, das sei hier ausdrücklich postuliert, es in den folgenden schlimmen Jahren sehr sehr viele Ausnahmen gab, tapfere Retter, bewunderungswürdige Nichtjuden, die ihren Schutz und ihre Hilfe für ihre jüdischen Freunde später gar oft mit dem Leben bezahlen mussten. Niemals darf in der Geschichte ihrer vergessen werden, dafür sollte gesorgt werden, heute, morgen und übermorgen! — Die älteren Mitglieder vieler Jüdischen Familien urteilten zunächst besonnener, kühler, sag. ten etwa “Strenge Herren regieren nicht lange”, mussten grösstenteils später bitter einsehen, wie . O O t sehr sie sich getäuscht hatten. ® Und die Jungen drängten zum Aufbruch, die Zionisten gebrauchten oft das kühne Wort “Gam su le tova!”, (“Auch das ist zum Guten”), glaubten an die endliche Erfüllung Ihrer Sehnsüchte, Visionen und Träume in Bezug auf EREZ! Sie war nahe, diese Erfüllung, aber der Weg zu ihr war mehr als schwer — wer wüsste es nicht?! — Und dennoch, trotz aller Mühen und Opfer, auch jedes Einzelnen, gelang sie, entstand ISRAEL, heute eine selbstverständliche Realität! Nun ist seit der Einwanderung der sogen. “Fünften Aliya” ein halbes Jahrhundert vergangen, eine grosse Zeitspanne im persönlichen Leben, ein Atemzug in der Historie, ”ein Tropfen im Ozean”. — Heute, im Rückblick, darf man ruhig sagen, — und wir Älteren tun dies nicht ohne berechtigten Stolz — dass gerade diese Einwanderungswelle vermochte durch ihr auf vielen Gebieten intensives Mitwirken, das geistige Antlitz, die gesellschaftlich-menschliche Struktur dieses Landes, unserer von altersher angestammten HEIMAT, grundlegend in positivster Weise mit. zubeeinflussen! Welche Eigenschaften waren es generell, die die “Jekkes” da mitbrachten?: Fleiss, Ausdauer und Gründlichkeit in jeder Art von Arbeit, gleich, ob physisch oder psychisch zu leisten, den Hang zur Ordnung, Sauberkeit, zur Aesthetik, auch in schwierigen oder primitiven Situationen, die Liebe zur Natur in Garten, Wald und Feld aber auch — ebenfalls Produkt ihner Erziehung — Vernunft, Intelligenz, rasche Auffassungsgabe und viel guten Willen zur erforderlichen Umstellung und arbeitsmässigen Umschichtung! Keine Frage, dass diese Neueinwanderer vom ersten Tage ihres Hierseins ab einzeln und in ihrer Gesamtheit versuchten, den neuen Anforderungen gerecht zu werden — ganz gleich, ob sie bis dahin zionistisch geschult oder nicht geschult, der Landessprache schon oder noch nicht mächtig waren. Alle waren sich einig in Bezug auf’s eminent grosse Bestreben, dieses “Palästina” der endlichen Existenz einer eigenen MEDINA zuzuführen. Wenn auch bis zur Staatsgründung noch ca. 15 schwierige Jahre vergehen mussten — wir durften sie alle miterleben, sind bis heute stolz darauf und dankbar dafür! Noch immer ist leider das kleine Israel umstritten und umkämpft, noch bis heute will der endliche Frieden mit unseren Nachbarn nicht gelingen, bleibt noch Immer das tausendfach ersehnte Endziel aller unserer (politischen) Anstrengungen. Möge es endlich erreicht werden, noch in unserer Zeit, für Alt und Jung das Erstrebenswerteste der nicht leichten Israel-Existenz. — Ein oft zitiertes Talmud-Wort sei auch hier (wie vielerorts, u.a. auch v.d. Verfasserin) ab. schliessend angeführt: “Auf Dir liegt die Arbeit nicht, dass Du sie vollendest: aber du bist frei dich ihrer zu entledigen,” Jeder von uns hat in diesen fünfzig Jahren nach bestem Wollen und Können, Wissen und Gewissen, sein Scherflein zum grossen Werk bei. getragen — nun mögen es andere vollenden, in einer Zukunft des Friedens und der Freude! Frieda Hebel 6