Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1982-1983
- Issue
- No. 50 (1982-1983)
- Date
- 1982-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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GEDANKEN ÜBER OST UND WEST Im Beiblatt der C. V. Zeitung vom 14. Januar 1937 schreibt das “lebende Archiv” des Judentums aus Deutschland Dr. Ernst G. Loewenthal einen noch heute interessanten Artikel über: Breslau- Bild einer Gemeinde: “Mag jene Bemerkung, jeder Berliner Jude sei “einmal aus Breslau gekommen”, noch so oft, auch nur im Scherz geäussert worden sein, sie entbehrt einer tieferen Bedeutung keineswegs. Eine ständige, starke Abwanderung jüdischer Menschen aus der schlesischen Metropole in die Reichshauptstadt ist nicht zu leugnen. Aber das ist nicht das Entscheidende. Jenes bon mot will vielmehr sagen, dass Breslau gleichsam ein Reservoir echt jüdischer Menschen ist, die jüdische Tradition pflegen und jüdisches Wissen in sich tragen.” Mit dieser Bemerkung werden zwei Tatbestände aufgezeigt. Breslau lag im Osten Deutschlands. Juden, die westlich der Elbe lebten, sahen in Breslauer Juden “Ostjuden”. Aber Breslau war auch im Schnittpunkt der Strassen von Westen nach Osten, nach dem Balkan und Orient. Juden haben im Wirtschaftsleben der Handelspforte eine Rolle gespielt. E.G.L. beendet seine Beschreibung im Jahre 1937: “Was aber an geistigen und wirtschaftlichen Werten geschaffen wurde, welche führenden Menschen Breslau hervorbrachte, kurzum, was einst gewesen, sollte man über gegenwärtigem Schicksal nicht vergessen, Geblieben ist Breslau jedenfalls bis auf den heutigen Tag eine Kraftquelle jüdischen Lebens, auf die das Judentum Deutschlands mit Stolz blicken darf”. Seitdem sind 47 Jahre vergangen. Die weltpolitische Entwicklung hat dazu geführt, dass das geschichtliche Quellenmaterial über das Judentum in Schlesien unerreichbar für uns in Archiven in Warschau verstaubt. So kann Kurt Schwerin im (Fortsetzung von Seite 2) Alle diese Persönlichkeiten gaben der Breslauer Gemeinde ihr Gepräge, welches sich auch nicht änderte als nach dem Tode von Rabb. Dr. Rosen, thal Dr. Moses Hoffmann und nach dem Tode von Prof. Guttmann Dr. Vogelstein als Rabbiner nach Breslau berufen wurden. Vogelstein war ein militanter und aggressiver Vertreter des liberalen Judentums. Er führte Änderungen im G’ttesdienst ein; gab zusammen mit Seligmann aus Frankfurt ein neues Gebetbuch heraus. Aber noch mehr: Er setzte ein „Bet-Din” zusammen welches Scheidungen vornahm welche anscheinend im Widerspruch zur jüdischen Tradition standen und setzte sich über die Vorschriften der „Chaliza” hinweg, wie wir aus einem Brief von Rabb. Dr. Hoffmann an Rabb. Dr. Unna in Mannheim erfahren. (12.2.1924). Als im Jahre 1933 in Deutschland das Schächtverbot erlassen wurde erlaubte Dr. Vogelstein im Jahre 1935 „Neu-Koscher” zu essen. (Damals sagte man schon: „Neu-Koscher” ist „Alt-Trefe”). Das waren alles Sachen die im krassen Gegensatz zur Halacha standen. Auch die Beziehungen zwischen Vogelstein und dem Seminar waren mehr als kühl. Trotzdem blieb Breslau das Vor. bild der Einheitsgemeinde. Jetzt war es der verehrte Rabbiner Dr. Simonsohn welcher immer ausgleichend und vermittelnd wirkte. Er war der GEWIDMET PROF. DR. JOSEF WALK Von I. E. LOEWENSTEIN Bulletin des Leo Baeck Instituts, Nr. 56/57, 1980 in seinem kenntnissreichen Beitrag: “Die Juden in Schlesien” damit beginnen: “Es gibt keine umfassende Geschichte der Juden in Schlesien oder der Juden in Breslau in moderner Zeit.” Wichtige Vorarbeiten wurden von Markus Brann, Israel Rabin,; Louis Lewin u. a. geleistet. Insbesondere macht sich Bernhard Brilling durch unermüdliche Forschung verdient. Wie wenig jedoch Schlesien bearbeitet wird, beweist ein Blick in die Jahrbücher des L.B.I. (1966, 1970 & 1978). In einer Übersicht über die Nachkriegsveroeffentlichungen zur jüdischen Gemeindegeschichte in Deutschland zeigt E.G. Loewenthal nur 4 Arbeiten über Schlesien an unter denen Bernhard Brilling: “Die jüdischen Gemeinden Mittelschlesiens” und “Als Jude in Breslau — 1941” aus den Tagebüchern von Dr. W. Cohn hervorragen. Dieser bedauerliche Tatbestand ist die Folge internationaler Entwicklungen. Aber es sollte moeglich sein, Probleme zu behandeln, die nicht vom Quellenmaterial abhängig sind. Im Sommer 1970 veranstaltete das Leo Baeck Institut, Jerusalem eine Tagung mit dem Thema: “Zur Geschichte der Juden in Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert”, deren Vorträge zusammengefasst veröffentlicht',wurden. In der Aussprache machte Prof. Dr. Walk eine mir grundlegend scheinende Bemerkung. “Anstatt über das deutsche Judentum als eine Einheit zu sprechen, wäre es richtig, zwischen seinen verschiedenen Teilen zu unterscheiden. So bestanden wesentliche und bis heute nicht genug erforschte Unterschiede zwischen den Juden in Breslau und denen in mm tmm mtm mmt mm* mms mmm tmmrmm mmmmmmm m Rabbiner der Jugend und der Schöpfer der jüdischen Schule Rhedigerplatz. Nachdem 1933 die Nazis zur Macht gelangten und viele jüdische Schüler und Lehrer die allgemeinen Gymnasien verlassen mussten, kamen auch viele Schüler aus liberalen und indifferenten Kreisen in die orthodox geführte jüdische Schule in Breslau. Und nur der klugen Leitung der Schule ist es zu verdanken, dass trotz Vermeidung jeglichen religiösen Zwanges und doch unter Wahrung des orthodoxen Charakters der Schule, alle Schüller sich gut eingewöhnten. Die Breslauer jüdische Schule war auch Vorbild für andere Städte in Deutschland. Das jüdische Gymnasium in Köln, welches zwar von der Austrittsgemeinde „Adat Jeschurun” gegründet wurde, nahm mit der Zeit die Form der Breslauer Schule an. Der Direktor dieser Schule, Dr. Erich Klibansky, welcher bevor er nach Köln kam Lehrer an der Breslauer Schule war, gestaltete die Kölner Schule nach dem Breslauer Muster, und unter Wahrung des orthodoxen Charakters dieser Schule, beteiligte sich auch die Kölner Gross, gemeinde an der Erhaltung dieser Schule. Die jüdische Schule, das Rabbinerseminar, die Altersheime und das jüdische Krankenhaus, und noch viele andere soziale und kulturelle Institutionen — alle diese konten nur entstehen und bestehen in einer Atmosphäre der Eintracht und Toleranz wie sie in Breslau war. Frankfurt, zwischen “Einheitsgemeinden” und den “orthodoxen Trennungsgemeinden”. Diese Feststellung ist für die Beurteilung de* Judentums in Deutschland von Wichtigkeit. Wer die Zusammensetzung und Struktur von Gemeinden kennt, die in Übersee von Juden aus Deutschland aufgebaut wurden — nach 1933, weiss wie verschieden die Typen jüdischer Froemmigkeit in Mitteleuropa waren. Oft wirkte der Individualismus des “bei uns zu Haus” beim Gemeindeaufbau stoerend. Ursprünglich war es nach der Formulierung von Leo Baeck “Milieufroemmigkelt”. Sie war von “Minhagim” (Brauchtum) abhängig. Bedauerlicherweise ist diesem Fragenkomplex nur Y. Wolfsberg (Aviad) im L.B. Year Book I 1956: “Populär Orthodoxy” — soweit mir bekannt — nachgegangen. Auch in sein Buch: Zur Zeit- und Geistgeschichte des Judentums, 1938, Zürich spielt das Problem Ost und West hinein. Die Vielfalt der Froemmigkeitstypen der Juden in Mitteleuropa ist eine Folge der unterschiedlichen historischen Entwicklung in den Ländern Deutschlands. Die Emanzipation der Juden und ihre Aufklärung folgen verschiedenen Prozessen. Der Westen und Süden Deutschlands wurde nicht von Preussen emanzipiert sondern von Frankreich her. Das franzoesische Heer besetzte das linke Rheinufer und führte 1798 überall ihre Verfassung ein. Juden wurden von keiner bürgerlichen Freiheit ausgeschlossen. So durfte z.B. Koeln, das bisher judenrein gewesen war, keine jüdischen Ansiedler zurückweisen. Überall wo Napoleon hinkam, genossen Juden dieselben Rechte und Freiheiten, wie diei Übrigen. Nach der Vertreibung! der Franzosen blieb das Emanzipationsdekret vielfach allein bestehen bis zur Reaktion. Bayern und Sachsen, wohin die Franzosen nicht gekommen waren, emanzipierten ihre Juden sehr zoegernd. In Preussen hingegen war die Emanzipation eine Folge des Zusammenbruchs gegenüber Napoleon. Daraus ergab sich der Wunsch nach Schaffung einer einheitlichen Nation, um alle Kräfte in den Dienst des Kampfes und des Wiederaufbaus des preussischen Staates zu stellen. Der Westen und Süden Deutschlands wurden von Napoleon und seinem Sanhedrin emanzipiert. Die Juden erhalten ihre Bürgerrechte im Namen der Freiheit und nicht der Vernunft. (W. Cahnmann, Ost und West, Morgen, März 1937). Um dieser Religionsfreiheit willen wird di« Gemeinde in Frankfurt a/M. gesprengt und entsteht die Austrittsorthodoxie. “Die freie Vereinigung für die Interessen der orthodoxen Juden” wurde als eine Institution mit frankfurter Kolorit betrachtet und hat jenseits der Elbe nirgends Fuss gefasst. In diesen Jahren war für viele in Frankfurt Paris näher als Berlin. Für die Juden in Ostdeutschland beginnt Jedoch die moderne Geschichte mit der Aufklärung in Berlin durch die Übersetzung der Bibel von Moses Mendelsohn (1780-83). Damit wird das aschkenasische Judentum in eine deutsch sprechende und jiddisch sprechende Judenheit geteilt. Aber der Osten stand noch nicht vor der Frage der Emanzipation der Juden. Die von Moses Mendelsohn und seinem Kreis erstrebte “Berliner Aufklärung” wirkte insbesondere nach Osten. Waehrend entlang dem Rhein und Main und Id Bayern Juden in vielen kleinen Ortschaften lebten, waren sie im Osten, vor allem in Posen, ln (Fortsetzung auf Sette 4) DIE GEMEINDE BRESLAU ~ EIN VORBILD e