Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 2004
- Issue
- No. 77 (2004)
- Date
- 2004-01-01
- Page
- Seite 16 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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16 Arnold Zweig: und seine Geburtsstadt Glogau (Fortsetzung von Seite 9) Der Orientalist und Philosophiehistoriker Salomon Munk, am 14. Mai 1805 in Glogau geboren, starb am 6. Februar 1867 in Paris. Er hatte Preußen verlassen, als ihm als Jude eine finanzielle Unterstützung für seine wissenschaftlichen Studien verwehrt wurde. Er ging als Hauslehrer der Familie Rothschild nach Paris und wurde Kustos in der Nationalbibliothek. Munk war Dolmetscher, Sekretär und wissenschaftlicher Sachverständiger, übersetzte Maimonides Führer der Unschlüssigen und wurde 1864 Professor für hebräische, chaldäische und syrische Sprache am College de France. Für einen akademischen Titel in Deutschland hätte er sich taufen lassen müssen. Doch dieses kam für ihn, der als Ausländer in Frankreich stets in bescheidenen ökonomischen Verhältnissen lebte, nicht in Frage."[...] so lange das Verhältnis unserer Glaubensgenossen in Deutschland sich nicht ändern wird, danke ich dafür, und halte jeden Juden, der sich darum bewirbt, für einen Narren, welcher das Ehrgefühl seiner Eitelkeit opfert." In den Briefen an seine Mutter in Glogau und seine Schwester Charlotte Danziger in Grünberg betont er wiederholt, dass er gerne Paris gegen ein "kleines Ämtchen" nebst guter Bibliothek in Glogau oder Grünberg tauschen würde und bedauerte seine Berufswahl. Als Arzt wäre es ihm leichter gewesen, in Schlesien zu leben. Es sind nicht wenige Berühmtheiten, die in Glogau ihre Wurzeln haben. Der Historiker Heinrich Graetz schreibt in seiner Geschichte der Juden: [...] In Glogau, der Geburtsstadt Munk's und anderer Männer, die eine Zierde des Judenthums bildeten, herrschte [...] innige Frömmigkeit, gehoben durch eifrige Beschäftigung mit der heiligen Schrift und der neuhebräischen Poesie [...] Hier traf man nicht Wenige, welche ohne dem Gelehrtenstand anzugehören, an der Literatur innigen Anteil nahmen, hebräische Verse machten oder zierliche Briefe in hebräischer Prosa an gleichgestimmte Freunde richtete, eine eigene Klasse von Dilettanten (Muschlamim). So wundert es nicht, dass es neben dieser eigenen Klasse von Muschlamim eine Reihe von Rabbinern, Gelehrten und Schriftstellern gab, die in Glogau geboren waren oder dort ihre Wirkungsstätte fanden. In den Jahren der französischen Besetzung Glogaus lehrte an der dortigen Jeschiwa Jacob Joseph Oettinger, der 1780 in Glogau geboren, 1860 in Berlin starb. Zwar verstand er sich als orthodoxer Rabbiner, doch trat er in Berlin als Vermittler zwischen Orthodoxie und Reform auf, und nicht selten brachten ihm seine reformerischen Ideen Kritik seitens des orthodoxen Flügels der Gemeinde ein. Beispielsweise als er dafür plädierte, den Führer der Reform, Samuel Holdheim, in der Ehrenreihe der Rabbiner beizusetzen, oder als er seine Rede bei der Einweihung des Friedhofs Schönhauser Allee 1827 in deutscher Sprache hielt und sich dafür aussprach, Selbstmörder nicht mehr länger in einem abgesonderten Teil des Friedhofs zu bestatten. Wolf Feilchenfeld (10. Juni 1827 Glogau -10. Mai 1913 Posen) war Rabbiner in Düsseldorf und später Oberrabbiner in Posen. Er gründete mehrere Lehrerausbildungsstätten, war Autor der Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums (MGWJ) und der Historischen Zeitschrift für Posen sowie Mitglied des Zentralkommittees der Alliance Israelite Universelle. Heymann Arnheim, in Posen geboren, war bis zu seinem Tod langjähriger Rabbiner und Lehrer der Glogauer Gemeinde. Sein Name ist als Mitübersetzer der Zunz-Bibel auch heute noch geläufig. Dr. Benjamin Rippnerwar Rabbiner in Glogau, als die Familie Zweig dort noch lebte. Rippner, 1842 in Lissa, Posen geboren, starb 1898 in Glogau. Er studierte am Jüdisch-theologischen Seminar Fraenckelscher Stiftung in Breslau bei Zacharias Frankel, Heinrich Graetz und Jacob Bernay, promovierte in Breslau in Orientalistik und Philologie. Wissenschaftlich stand er Salomon Ludwig Steinheim nahe, dem er einen umfangreichen Artikel in mehreren Fortsetzungen in der MGWJ widmete. Bei der Herausgabe des Israelitischen Gebetbuches für Werktage, Sabbate und Feste 1892 verzichtete er auf die Nennung als Autor. Seine “Vaterländischen Reden des Herrn Rabbiner Dr. Rippners” wurden 1872 von der Glogauer Gemeinde noch zu seinen Lebzeiten herausgegeben. Die Liste ließe sich, gleich einem Auszug aus Kürschners Gelehrtenkalender, beliebig verlängern. Auch Gerschom Scholem betont in seiner Biographie “Von Berlin nach Jerusalem” seine familiären Beziehungen zu Glogau: "Ich stamme aus einer Berliner Judenfamilie, die bis zum zweiten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts in Glogau in Niederschlesien ("Großglogau") saß und vor etwa 160 Jahren teilweise nach Berlin kam." Sein ältester nachweislicher Vorfahre war Scholem ben Elijahu, er starb am 1. Januar 1809 in Glogau und wurde dort auf dem jüdischen Friedhof beerdigt. Dessen Frau Zipore (Zipporah) ist als Witwe in dem Verzeichnis der Glogauer Juden von 1812 aufgeführt. Ihr Gemälde, von dem es heißt, dass es ein Glogauer Verwandter der Familie Scholem gemalt habe, befindet sich noch heute im Besitz der Familie. Sein Urgroßvater war nach den Befreiungskriegen von Glogau nach Berlin übersiedelt. Von seiner Familie sagt Scholem: Sie hatte den Weg von der traditionellen jüdisch-orthodoxen Lebensweise der schlesischen und posenschen Juden, die die überwältigende Majorität der Berliner Judenschaft bildeten, bis zur weitgehenden Assimilation an die Lebensart der Umgebung zurückgelegt. Dieses Spannungsverhältnis zwischen traditionell jüdisch-orthodoxer Lebensweise in der Provinz und liberal-aufgeklärtem Denken in der preußischen Hauptstadt hatte schon im ausgehenden 18. Jahrhundert die niederschlesische Stadt erreicht, wie der Briefwechsel zwischen David Friedländer und dem Glogauer Kaufmann Meyer Eger aus den Jahren 1779 bis 1799 zeigt. Im Briefwechsel werden neben Geschäftsbeziehungen auch wissenschaftliche Fragen erörtert. Den "kaustischen Witz" David Friedländers mußte der Glogauer Kaufmann sich gefallen lassen angesichts seiner abergläubischen Argumentation darüber, dass die Glogauer Synagoge vom Großfeuer in der Stadt im Jahr 1789 verschont geblieben war. Der schlesische Kaufmann zeigt sich als ein typisches Beispiel für die i n n e r j ü d i sc h e Auseinandersetzung und Entwicklung dieser Zeit: Er, der zunächst große Zweifel (Fortsetzung auf Seite 17)