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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 2004-01-01 · No. 77 (2004) · p. Seite 17

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
2004
Issue
No. 77 (2004)
Date
2004-01-01
Page
Seite 17 (sequence 17)
Language
German
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(Fortsetzung von Seite 16) hegte, ob er seinen Enkel zur Erziehung nach Berlin schicken sollte, da er befürchtete, daß er dort dem traditionell jüdischen Leben entfremdet würde, schickte später gleich mehrere Schüler in das aufgeklärte Berlin. Die Freizügigkeit in der Wahl des Wohnortes, die das Edikt von 1812 gewährte, hatte Glogau nicht den gewünschten Zuwachs an Mitgliedern gebracht. Den 130 Familien, zu denen wohl auch die Familie Scholem gehörte, standen nur wenige Neuzugänge gegenüber. An einem unkontrollierten Zuzug hatte die Berliner jüdische Gemeinde kein Interesse, sie bevorzugte vor allem wohlhabende Zuwanderer "mit einwandfreiem Leumund". Die Abwanderung aus der Provinz setzte sich kontinuierlich fort und war wiederholt Anlaß zur Klage. 1896 berichtete ein Korrespondent der Allgemeinen Zeitung des Judenthums (AZJ): Die gewaltige Anziehungskraft, welch Berlin ausübt, führte fort und fort tüchtige und wackere Männer aus kleinen und mittleren Städten nach der Residenz und schafft besonders in den jüdischen Gemeinden Lücken, die schwer auszufüllen sind [...]. So haben sich jetzt im Laufe der letzten fünfundzwanzig Jahre mehrere hundert jüdische Familien in Berlin niedergelassen, die alle in Glogau ihre Wurzeln haben." Breslau und Berlin waren die wirtschaftlichen und kulturellen Zentren, die auf die Glogauer Juden eine große Anziehungskraft ausübten. Und doch scheint die schlesische Lebenswelt bei Scholem wie bei Zweig einen tiefen Eindruck hinterlassen zu haben. In Bilanz der deutschen Judenheit ist es daher kein Zufall, dass Arnold Zweig im Kapitel "Ein jüdischer Ausschnitt" überdurchschnittlich viele schlesische beziehungsweise Glogauer jüdische Persönlichkeiten einschließlich seiner eigenen Familie würdigt. Er stellt sie neben Heinrich Heine, Ludwig Börne, Theodor Herzl, Walther Rathenau und Henri Bergson, um nur einige weitaus berühmtere zu nennen. David Cassel siedelte nach Berlin über, studierte Orientalistik, Philosophie und Philologie, promovierte und legte sein Rabbinerdiplom ab. Er übernahm kein Rabbinat, sondern war zeitlebens Pädagoge, u.a. Leiter des Dina Nauenschen Stifts in Berlin, Dozent am jüdischen Lehrerausbildungsseminar und seit 1872 Dozent an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums. Die Beispiele, die Zweig für den Aufstieg jüdischer Familien anführt, stammen ebenfalls aus Schlesien und können als Ausdruck seiner Verbundenheit mit seiner einstigen Heimat gewertet werden. Aus den Reihen der "patrizische[n] Schicht" nennt er die Familie Pringsheim aus Oels in Oberschlesien; für die Mittelschicht die Familie Ludwig Traube aus Ratibor, ebenfalls Oberschlesien und stellt seine eigene Familie als aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammend als letztes Beispiel für den Aufstieg jüdischer Familien dar, indem er seinen persönlichen Aufstieg beschreibt: Die Vorfahren des Schriftsteller A.Z. leben und sterben als kleine Schankpächter und Landjuden im Kreise Lublinitz in Oberschlesien [...]. Dort, in einem Dorfe namens Slupna wird 1856 dem Kretschmer (Schankpächter) Isaak Zweig als zweiter von vier Söhnen Adolf Zweig geboren, der wie alle seine Brüder ein Handwerk erlernt, dieser die Sattlerei. Als Sattlergeselle auf Wanderschaft bleibt er in der niederschlesischen Stadt und Festung Glogau sitzen, verheiratet sich mit der Tochter einer angesehenen bürgerlichen Familie und gründet ein Geschäft als Spediteur und Händler mit Geteide und Futtermitteln. Dort wird ihm 1887 ein Sohn geboren [...]." Zweig beschreibt kurz den Konkurs der väterlichen Firma, den Umzug der Familie nach Kattowitz, dann ausführlich seinen eigenen schriftstellerischen Werdegang 17 und schließt mit dem Jahr 1 933: Im Jahre 1933 wiederholt sich sein Schicksal und das seines Vaters: er muß, ohne persönlich belästigt zu sein, Haus, Garten, Manuskripte und Bücher der Beschlagnahmung durch die politische Polizei überlassen und für sich und seine Kinder in Palästina eine neue Heimat suchen." Palästina ist ihm nicht zur Heimat geworden und auch nach dem Krieg gab es keinen Weg mehr zurück in die niederschlesische Stadt Glogau, in der er seine ersten Lebensjahre rückblickend unbeschwert und glücklich verlebt hatte. Zwar trug er sich mit der Absicht, Glogau mit seiner Familie zu besuchen, doch welches Glogau? In einem Brief wird es beschrieben: Die Unvernunft des Festungskommandanten von Glogau (der übrigens alle Glogauer Brücken sprengen ließ) ließ eine dreimalige Aufforderung zur Übergabe unbeachtet. Das war der völlige Untergang unserer schönen Stadt Glogau. Sämtliche Behördenhäuser in Glogau sind eingeäschert, ihre Urkunden verbrannt, Listen, Steuerunterlagen, und sonstige wichtige Unterlagen der verschiedenen Reichs- und Kommunalbehörden vor der Übergabe vernichtet [...]. Machen Sie sich selbst ein Bild, welch' schreckliches Schicksal der sogenannte "Führer des Großdeutschen Reiches" [...] über unsere schöne und liebe Heimat heraufbeschworen hat. Wünschen Sie nicht, diese Heimat in ihrer jetzigen Verfassung wiederzusehen." Für Arnold Zweig blieb Glogau der Ort seiner Kindertage, neun Jahre hatte er dort gelebt, lang genug, um sich ihrer Menschen und ihrer Atmosphäre als Garnisonsstadt in landschaftlich reizvoller Gegend stets in biographischen Aufzeichnungen und ■; schriftstellerischen Arbeiten * zu vergegenwärtigen. "Wem die Phantasie so genügte wie mir, der hätte ruhig an einem Orte sitzen dürfen", hatte er Sigmund Freud in dem eingangs schon zitierten Brief geschrieben. Dieses war ihm nicht vergönnt, wohl aber seine Begabung zu nutzen und Vergangenes wie selbst Erlebtes in eindringlichen Bildern festzuhalten.

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