Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 2004
- Issue
- No. 77 (2004)
- Date
- 2004-01-01
- Page
- Seite 15 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/7506414-7412094-7497092--571-7413021- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
15 (Fortsetzung von Seite 14) und ein Gefühl von Ehrfurcht, Stolz und Schmerz stieg in uns auf: hier war die Stätte, von wo der Gedanke des einzigen Gottes in die Welt hinausgestrahlt war, wir waren seine Verkünder, seine Diener gewesen, und heute kommen wir als Gäste, denen man erlaubt, den Platz anzusehen. Links von uns, auf erhöhter Plattform, lag die Omarmoschee. Die Sonne spiegelte sich in dem glänzenden Gebäude, seine Farben verstärkend und tausend goldne Lichter hinzufügend. Die diensteifrigen Araber gaben uns Eintrittskarten und banden Pantoffel über unsere Schuhe, dann durften wir herein. Innen herrschte Dämmerschein, der unsere an die blendende Helle gewöhnten Augen zunächst unfähig machte, etwas zu unterscheiden. Allmählich erkannten wir einen breiten, mit prächtigen Teppichen ausgelegten Gang, der der Wand der Moschee folgte und gegen die Mitte durch Säulen begrenzt war. Er war der Aufenthaltsraum für die Beter und das Mittelstück hinter den Säulen war der heilige Felsen, der außerdem noch durch ein Gitter abgeschlossen wird. Wir reckten uns auf die Zehenspitzen, um ihn besser zu sehen, ein mächtiger, nackter, grauer Stein mit vielen Runzeln und Einschnitten. Hier also war der Felsen auf dem Berge Moria, auf den Gott den Abraham gewiesen hatte, um seinen Sohn zu opfern, hier hatte später unser Allerheiligstes gestanden, und das Blut der Opfertiere war von hier aus hinabgeflossen zum Kidrontal. Dieser Abflußkanal ist heute noch, obgleich verstopft, vorhanden, und in dem Steine finden sich Löcher, in denen wahrscheinlich die Stufen zum Altar eingelassen waren. Der Fels ist unterhöhlt, ein großes kreisrundes Loch in seiner Mitte stellt die Verbindung mit dem unteren Raum her, und unten stehend, hatte man tatsächlich das Gefühl, als ob der Felsen, nirgends gestützt, in der Luft schwebe, wie es eine alte heilige Legende erzählt. Auf den Tempelplatz hinuntersteigend kamen wir zu dem großen Brunnen, wo die Jerusalemer arabischen Wasserverkäufer ihre Schläuche füllen, die sie dann in der Stadt verkaufen. Der Platz zwischen Omar- und Aksamoschee ist nämlich unterhöhlt für eine Zisterne. Das Regenwasser fließt in vielen kleinen, über den ganzen Tempelplatz laufenden Rinnen nach einem unterirdischen Sammelbecken ab und wird von dort in den Brunnen geleitet. Diese Anlage ist auch schon uralt und zeugt von der großen Wertschätzung des Wassers in Jerusalem, das schon König Salomo durch eine großartige zwanzig Kilometer lange Wasserleitung versorgen mußte; denn der kahle Felsen hat keine Quelle und kein Grundwasser. Nur von der Seite des Kidrontales hatte man die Gichonquelle, die König Hiskia zur Zeit einer Belagerung verstopfen ließ, um ihr Wasser durch einen unterirdischen Kanal in den Siloateich zu leiten, der in der Stadt lag. Dieser Kanal ist jetzt wieder entdeckt worden, in seinem Innern fand man eine Tafel mit einer Inschrift an der Stelle, wo sich die Bauleute von beiden Seiten begegneten. Bis vor kurzem, wo die Engländer wieder die alte salomonische Wasserleitung instand gesetzt haben, war Jerusalem meistenteils auf das Zisternenwasser angewiesen, das die Araber sogar ungekocht zum Trinken nehmen, für die andere Bevölkerung hat man zuweilen Wasser in Eisenbahnwaggons herangebracht. Die Aksa-Moschee liegt am Südende des Tempelplatzes. Hier soll Mohammed auf dem Pferd durch die Luft fliegend, sich nach seiner Reise von Mekka niedergelassen haben. (Aksa Ende). Sie ist als siebenschiffige Basilika gebaut und erinnert in ihrer Anlage sehr an eine Kirche. Von der Innenausstattung bekamen wir keinen Eindruck, da sie gerade ausgebessert wurde und überall Gerüste standen. Auch der Süden des Tempelplatzes ist unterhöhlt, wir stiegen in die unterirdischen Gewölbe hinab, in die sogenannten Ställe Salomos. Es sind weite Hallen, unaufhörlich eine in die andere übergehend, von dicken Pfeilern und Rundbögen gestützt, und es ist möglich, dass die dicken Quadern, die denen der Klagemauer sehr ähneln, aus Salomos Zeit stammen. Es war jedenfalls eine ideale Zufluchtsstätte für Zeiten der Belagerung, und während der Kreuzfahrerzüge hatte man hier Pferdeställe eingerichtet. Die eisernen Ringe waren noch zu sehen, an denen die Tiere angebunden wurden. Im Süden und Osten, wo die Stadtmauer mit der Mauer des Tempelplatzes zusammenfällt, ist sie so dick, dass man bequem heraufsteigen kann. Von dort oben hatten wir einen herrlichen Blick in das Kidrontal und die Gräber, die die Abhänge des Ölberges bedecken. Hier schlafen die Juden, das Gesicht nach dem Heiligtum gerichtet; an dieser Stelle begraben zu werden, ist die schönste Krönung eines frommen Lebens. Aus der ganzen Welt wallfahrten Männer und Frauen nach der heiligen Stadt, um hier an der Klagemauer zu beten und zu lernen und im Angesicht des Tempelplatzes ihr Grab zu finden. ... Nun bogen wir um die Südwestecke der Stadtmauer und gingen zum Jaffator zurück, links blieb der Sultansteich und die hellblau angetünchten Häuser der Kolonie von Montefiore, der hier die ersten jüdischen Wohnhäuser außerhalb der Altstadt gebaut hat, in einer Zeit noch, als die palästinensischen Juden nur von den Wohltaten der Galuthländer lebten. Neben dem Jaffator steht eine mittelalterliche Burg, vielmehr ein Überrest mit einem hohen Turm, von dem die Frommen wieder glauben, dass es der Palast Davids geesen ist, sie nennen den Turm Davidsturm. Der Unterbau wird heute als Ausstellungsraum benutzt. Zu müde um noch mehr Eindrücke aufzunehmen, gingen wir nach dem Hotel, um uns für den Abend etwas auszuruhen; denn heute war der erste Sederabend. Schon frühzeitig gingen wir zum Gottesdienst an der Klagemauer, der wir nun fast jeden Tag einen Besuch abstatteten. Sie zog uns immer wieder an und machte jedesmal einen anderen, neuartigen Eindruck. - Jetzt war das Gedränge beängstigend. Jeder hatte es eilig, zum Seder nachhause zu kommen, und die Gebete betete man nicht so hingegeben, nicht so innig klagend wie bisher. Gott war heute gnädig, Pessach kam heran und man war in Jerusalem. Aus den vielen Mauerritzen hingen freundlich und tröstend die grünen Gräser, und unten, wo man mit den Händen in die Zwischenräume der Steine hineinfasen konnte, wurde manch ein Zettelchen gelegt, auf dem besonders dringliche und wichtige Bitten aufgeschrieben wurden. War doch hier der Briefkasten zum lieben Gott, hier konnten seine Kinder all ihre Wünsche und Kümmernisse ausschütten. Und nun zum Seder! Als wir nachhause kamen, wartete man schon auf uns und bat Martin, den Seder abzuhalten. Es war nur eine kleine Gesellschaft, da die meisten Hotelgäste bei Verwandten eingeladen waren, ein älterer Herr aus China, der neben drei chinesischen Sprachen sehr gut Hebräisch und Englisch konnte, ein junges Ehepaar mit Mutter aus Haifa, die aus Süddeutschland hierhier gekommen waren, wo der junge Mann seit zwei Jahren als Ingenieur beschäftigt war, dazu kamen wir drei, die beiden Inhaber und die Angestellten des Hotels mit ihren Familien, im ganzen ca. 18-20 Personen. Martin bewährte sich als Sedergeber sehr gut, es wurde laut und schön gesungen, doch verlief der Abend nicht viel anders, als bei uns zuhause, es war eben kein spezifisch Jerusalemer Seder, sondern ein Breslauer im Rahmen Jerusalems. Alswir um 11 Uhr auf die Straße gingen, waren die Leute überall noch nicht fertig man hörte Gesang in allen Häusern. (Fortsetzung auf Seite 19)