Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1970
- Issue
- No. 28 (September 1970)
- Date
- 1970-09-01
- Page
- Seite 12 (sequence 2797)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Louis Pinczower s. A. - zum 100. Geburtstag Louis Jehuda Pinczower wurde am 25.6.1870 in Nicolai O.-S. geboren. Nicolai war ein kleiner Ort mit etwa 4000 Einwohnern, darunter 10% Juden. Sein Vater Elieser Pinczower war Religionslehrer in Nicolai. Über ihn hatten wir bereits in unseren “Mitteilungen” anlässlich seines 50. Todestages einen ausführlichen Artikel über sein Wirken als Lehrer und Erzieher gebracht. Louis P. besuchte in Nicolai die dortige Schule und als sein Vater eine Berufung nach Kempen erhielt, setzte er seinen Schulbesuch dort fort. Kempen war, Was heute nur wenigen bekannt ist, die 4. grösste jüdischen Gemeinde in Preussen. Die dortige Religionsschule, an der der Vater von L. P. als Leiter tätig war, hatte zeitweise bis zu 600 Schülern. Dort wurde Louis P. auch Barmizwa. Die Gehälter eines jüdischen Lehrers waren in damaliger Zeit sehr niedrig und so musste Louis P. als ältester Sohn schon in frühester Jugend eine Beschäftigung suchen, um Geld zu verdienen. Inzwischen waren 6 Kinder geboren und da starb plötzlich seine Mutter und sein Vater blieb mit den Kindern, von denen das jüngste 2 Jahre alt war, allein zurück. Nach Ablauf des Trauerjahres heiratete sein Vater, um den Kindern wieder eine Mutter zu geben. Seine Frau war eine Nichte von Rabbiner Zwi Hirsch Kalischer, Franziska, Tochter des Rabbinatsassesors Choyinski aus Graudenz. Im Jahre 1889 wurde Elieser P. nach Breslau berufen und erhielt auf Empfehlung von Herrn Aron Kober s.A. eine Anstellung an einer Privatschule als jüdischer Religionslehrer und gleichzeitig wurde er Hauslehrer der Familie Kober. Dr. Wilhelm Seew Freyhän s.A., der Gründer des Verbandes ehemaliger Breslauer und unseres Verbandsblattes war einst Schüler von Elieser Pinczower und sein Lebensweg ist von ihm stark beeinflusst worden. Die beiden Söhne Louis und Efraim Pinczower wurden bei der Metallgrosshandlung Josef Kober beschäftigt. Doch verliess Louis P. nach einigen Jahren die Firma Kober, um als Reisevertreter einiger jüdischer Grosshandlungen tätig zu sein. Im Jahre 1897 heiratete Louis P. Jehudith Freimann, die Tochter des Rabbiners Dr. Israel Meir Freimann aus Ostrowo, Enkelin des Oberrabbiners Jakob Ettlinger aus Altona. Er liess sich in Berlin nieder, wo er zusammen mit seinem Bruder Efraim die Metallhandlung Gebr. Pinczower begründete. Im Jahre 1898 wurde sein erster Sohn Max Israel Meir geboren. Im Jahre 1901 trat sein Bruder Efraim aus der Firma aus, um sich einer akademischen Laufbahn zu widmen. Über ihn und seinen weiteren Werdegang haben wir auch bereits in oben citierten “Mitteilungen” ausführlich berichtet. Die Firma entwickelte sich im Laufe der Zeit, insbesondere durch die intensive Reisetätigkeit ihres Inhabers und durch die Mitarbeit seiner Frau bis der Ausbruch des 1. Weltkrieges die Entwicklung der Firma zum Stillstand brachte. Inzwischen waren insgesamt 5 Kinder geboren worden; Felix Daniel, z.Zt. in Tel-Aviv, Sokolowstr. 83 verheiratet mit Dr. Hilda Kamerling, Jakob, z.Zt. New York 711 W. 190 Str. verheiratet mit Käte Leopold, Tochter Rosa, verheiratet mit Elkana Leissner, Cholon, Fabrigatstr. 26, Tochter Leni, verheiratet mit Leopold Fischmann; z.Zt. New- York, 17 Ft. George Hill. Alle Kinder erhielten eine gute und religiöse Erziehung in echt jüdischem Sinne, Söhne und Töchter besuchten die Gymnasien und die jüdische Religionsschule und die Söhne erhielten von privaten Lehrern noch besonderen jüdischen Unterricht. Besonders talentiert war der älteste Sohn Max, der im Gymnasium fast immer der Klassenbeste war. Der Tradition der Familie folgend sollte er den Beruf eines Rabbiners ergreifen. Doch da brach der 1. Weltkrieg aus. Er hatte bereits 2 Semester am Rabbinerseminar und an der Universität studiert, da erhielt er den Einberufungsbefehl zum Militär und fiel am 15. Juli 1918. Das war ein schwerer Schlag für die Eltern. Typisch für die damaligen Verhältnisse war der Kondolenzbrief, den der Kompagnieführer des gefallenen Sohnes an die Eltern sandte und der neben den damals üblichen konventionellen Phrasen wie “Diensterfüllung, Opferbereitschaft etc.” den lapidalen Schlussatz enthielt. “Der Dank des Vaterlandes ist Euch gewiss”. Wie der Dank des Vaterlandes aussah, mussten die Eltern des Gefallenen 24 Jahre später im Juni 1942 in dem Depoetationsbefehl erfahren. Kehren wir wieder zum Jahre 1918 zurück. Louis P. führte sein Geschäft weiter und trotz erheblicher Anstrengungen konnte er es nicht verhindern, dass ein grosser Teil seiner Ersparnisse in der Inflation dahinschwand, sodass er sozusagen nach Beendigung der Inflation wieder von vorne anfangen musste. Inzwischen waren seine beiden Söhne soweit herangewachsen, dass sie ihm im Geschäfte helfen konnten und damit begann wieder ein Aufstieg der Firma, die im Laufe der Zeit über einen grossen Kundenkreis verfügte und in Fachkreisen eine grosse Achtung genoss. Louis P. beschäftigte in seinem Betriebe vorwiegend jüdische Angestellte und Arbeiter. Die Arbeiter, die aus Osteuropa kamen und keinerlei Fachkenntnisse besassen, wurden von ihm angelernt. Ein Teil von ihnen machte sich später selbständig und wurde dabei von ihrem ehemaligen Chef unterstützt. Zu erwähnen wäre ausserdem, dass Louis P. nicht nur ein einfaches Mitglied der “Adass Jisroel Gemeinde” in Berlin, sondern auch bei der Chewra Kadischa dieser Gemeinde aktiv tätig war. Oft kam es vor, dass er mitten in seiner Geschäftszeit angerufen wurde, um an einer Beerdigung teilzunehmen und niemals kam es vor, dass er dem betreffenden Leiter der Chewra Kadischa eine Absage erteilte. Gross war die Zahl der Armen, die von ihm laufend unterstützt wurde, ja er besass auch die Gabe, wenn es sich um bebesondere Notfälle handelte, andere Leute zu beeinflussen und dadurch grössere Beträge zusammenzustellen. Vielen Leuten half er im Aufbau einer Existenz dadurch, dass er die Bürgschaft für Anleihen übernahm und oft kam es vor, dass die Leute ihren Verpflichtungen nicht nachkamen und er auf Grund seiner Bürgschaftsverpflichtung zu zahlen hatte. Das hielt ihn aber nicht davon ab, seine helfende Tätigkeit weiter fortzusetzen. Noch ein bemerkenswerter Punkt wäre zu erwähnen. Nach Beedingung des 1. Weltkrieges hielten sich in Berlin eine Reihe jüdischer Zwangsarbeiter auf, die aus Polen nach Deutschland verschickt wurden und den Ausweisungsbefehl erhielten, falls sie nicht den Nachweis erbringen, dass sie eine Beschäftigung in Berlin haben. Louis P. beschäftigte diese Leute formell einen Tag, gab ihnen die gewünschte Bescheinigung und der Ausweisungsbefehl wurde zurückgezogen. So hat er damals vielen Menschen geholfen. Er führte ein gastfreundschaftliches Haus. Es verging wohl kein Freitag Abend ohne dass Gäste, meistens jüdische Studenten, oder Menschen, die keine Angehörigen hatten, am Tische des Hauses sassen. Die Seder Abende werden allen, die daran teilnahmen, unvergessen sein. In diesem Sinne wurde er von seiner Frau in jeder Weise unterstützt, die keine Arbeit scheute, um die Mizwa Gäste aufnahme auszuführen. Es war ein echt jüdisches Haus, das die jüdische Tradition im Geiste der Eltern fortführte. Nach Hitlers Machtergreifung nahm die Metallwirtschaft duroh die allgemeine Aufrüstung einen grossen Aufschwung, von denen auch jüdische Firmen dieser Branche profitierten. Doch bereits im Jahre 1937 trat ein ständiger Rückgang aller Geschäfte ein und am 10.11.1938 war auch das Schicksal der Fa. Gebr. Pinczower besiegelt. Seinen Kindern gelang es noch allen auszuwandern und sein Sohn Jakob, der damals in London weilte, erreichte noch eine Einreiseerlaubnis seiner Eltern nach England, die durch den Kriegsausbruch nicht mehr ausgenutzt werden konnte. Im Juni 1942 erhielten sie den Deportationsbrief und damit teilte er und seine Frau das gleiche Schicksal wie 6 Millionen andere Juden. Aus Anlass seines 100. Geburtstages, der auch gleichzeitig der Tag der Jahrzeit war, fand in den Räumen der Jeshiva “Kol Thora” in Jerusalem eine Gedenkfeier statt, zu der sich die nächsten Angehörigen und Bekannte von Louis P. eingefunden hatten. Nach einleitenden Worten von Felix Daniel P. lerhte Herr Aron Langermann, der Schwiegersohn von Felix Daniel P., ein Perek Mischnajoth. Dann sprachen Rabb. Dr. Merzbach (Leiter der Jeshiva) sowie Dr. Eli Munk, Sohn von Rabb. Dr. Esra Munk s.A. (früher Adass Jisroel, Berlin), der über den Status und die Lage der Mitglieder der Adass Jisroel Gemeinde, wie sie vor 40 Jahren war, berichtete. Zum Schluss sprach der Schwiegersohn von Louis P., Herr Elkana Leissner, einige Gedenkworte über die echt jüdische Persönlichkeit und tiefe Frömmigkeit der so tragisch Dahingeschiedenen. Auf dem ölberg in Jerusalem befindet sich der Grabstein eines Onkels von Louis P., der im Jahre 1900 verstorben ist. Der Name von Louis P., seiner Frau sowie seines Sohnes Max, die alle kein Grab mehr gefunden haben, wurde auf diesem Stein eingemeisselt (siehe untenstehendes Foto). srnKjrt, Hier ruht Rabbi Josef, Sohn des Rabbi Daniel Pinczower aus Myslowitz gest. am 5. Adar scheni 5660 (1900). ZUM EWIGEN GEDENKEN Rabbi Jehuda Arie, Sohn von Rabbi Elieser Pinczower und seiner Ehefrau Jehudith, Tochter des Rabbiners Israel Meir — umgekommen in der Nazi Vervolgungszeit. Israel Meir, Sohn des Rabbi Jehuda Arie gefallen im 1. Weltkrieg am 6 Aw 5678 (1918). FORTS. S. 21 12