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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1970-09-01 · No. 28 (September 1970) · p. Seite 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1970
Issue
No. 28 (September 1970)
Date
1970-09-01
Page
Seite 13 (sequence 2798)
Language
German
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Die Papier-Fingerhuts in der Gartenstrasse DER Gründer der in aller Welt vertretenen und bekannten Schlesischen Spitzenpapierfabriken FINGERHUT & CO. GmbH, zwischen der Markthalle in der Gartenstrasse und der späteren Druckerei Schenkalowsky gelegen, war mein Grossvater HERMANN FINGERHUT. Seine Abendempfänge am Mittwoch jeder Woche, die damals “jour” genannt wurden, fanden in seiner Wohnung in unserm Nebenhause Hohenzollernstrasse 68, statt. Für uns Kinder, die noch zu jung waren, selbst daran teilzunehmen, waren diese Abende insofern eine freundliche Erinnerung, als wir am nächsten Morgen auf unsern Nachttischen die Reste der bunten Schüsseln von “Brandtsche Erben”, geziert mit den Tortenpapieren unserer Firma, und den Petit-Fours in den mit Golddruck versehenen Papierkapseln, vorfanden. Meine Grossmutter CLARA FINGERHUT geb. STERNBERG, die mit Umsicht nie mehr als 30 Gäste einlud, machte diese Abende gemeinsam mit der Heiterkeit meines Grossvaters zu einem begehrten Treffpunkt für viele. Es waren immer Herren und Damen vom Vorstand der Fränkelschen Stiftung, des Jüdischen Krankenhauses, der Brüdergesellschaft und der Lessing-Loge zugegen, ebenso wie der alte Freund meines Grossvaters Geheimrat Goldfeld, der ihn juristisch seit den Gründerjahren der Firma beraten hat. Ausserdem sah man dort die jungen Dichter und Musiker, sowie manche Sänger der Breslauer Oper, die zur Unterhaltung beitrugen. Armin T. Wegner las bei vielen dieser Abende seine ersten Aufrufe gegen die Armenier-Greuel, sowie seine erste Fassung der meiner Cousine gewidmeten schönen Gedichtsammlung “Höre mich reden Anna Maria”. Viele neue und klassische Musik wurde geboten und nachdem die bunten Schüsseln fortgeräumt waren, besprach man Probleme der Breslauer Jüdischen Wohltätigkeit. Oft erzählte mein Grossvater von seinen Reisen für die Firma in ferne Länder und wie er sich freute, auf den Schiffen im In- und Auslande seine Tortenpapiere wiederzusehen. Zunächst wurden Tortenpapiere und Konfektkapseln, bei denen man die Spitzenpapiere von echten Spitzen nicht unterscheiden konnte, mit der Hand von Meistern des Faches ausgeschlagen. Mein Vater MAX FINGERHUT, der schon in jungen Jahren grosses Interesse für die Fabriken zeigte, stellte später die Herstellung dieser Erzeugnisse auf Maschinenarbeit um. Da er grosse Begabung für Sprachen und den Umgang mit ausländischen Kunden zeigte, wurde er als jungverheirateter Sohn meines Grossvaters gemeinsam mit meiner Mutter ERNA FINGERHUT geb. HOLZ als junger Geschäftsführer auf die Reise geschickt. Inzwischen waren Küchenspitzen und Tortenpapiere ein Bedarfsartikel geworden, und mein Vater führte diese im Ausland in den grossen französischen, englischen, belgischen und holländischen Kaufhäusern, begleitet von seiner geliebten Frau, auf diesen Reisen ein. Bei unsern Besuchen gab mein Grossvater uns Schulkindern nämlich meinem Bruder HERBERT und mir, viel eingegangene ausländische Briefmarken aus einem Kästchen, das wir, da es kein Edelmetall war, sondern schön gearbeitet, noch heute vor uns stehen haben. Nachdem mein Vater vom ersten Weltkrieg heimkam, voll von Ideen und Plänen und mein Grossvater durch ein Herzleiden behindert wurde, übergab ihm dieser die alleinige Leitung und Verantwortung für die Weiterentwicklung der Firma. Bald darauf erlag mein Grossvater HER¬ MANN FINGERHUT im schlesischen Herzheilbad Kudowa seinem Leiden. Mein Vater führte nun in seiner Schaffensfreude und seinem aussergewöhnlichem kaufmännischen Weitblick neue Artikel wie Papier-Servietten, licht — echtes Kreppapier für Reklamefeldzüge der Markenartikel-Branche wie Chlorodont, Odol in gemeinsamer Zusammenarbeit mit meinem technisch besonders begabten Bruder HERBERT unser Fabrikationsprogramm ein. Mein Bruder Herbert bestand darauf, dass unsere Fabriken eigene Elektrizität erzeugten und er entwarf neben seinem Studium an der Technischen Hochschule viele neue Maschinen an seinem Zeichenbrett. Ich, der drei Jahre jüngerer Sohn Hans, interessierte mich bald nach Vollendung meiner Lehrzeit in der Fabrik für den Verkauf und den Absatz unserer Artikel im In- und Auslande und wurde 19 jährig zu Sobtzick nach Ratibor und Liegnitz auf die erste Reise geschickt. Von da an besuchte ich regelmässig Vertreter und Kunden sowie alte Geschäftsfreunde noch vom Grossvater her im In- und Auslande. Mein Vater MAX FINGERHUT, dessen Ex Libris “Arbeit und Verehrung der Kunst” von dem Breslauer Künstler Laboschin entworfen winde, sass Nächte lang, nach den anstrengenden Tagen in der Fabrik, mit dem Vergrösserungsglas in der Hand über seine geliebten graphischen Blätter gebeugt. Zuerst interessierte er sich seinem Charakter entsprechend, für das Werk der Käthe Kollwitz, die für die Leiden der Menschheit wie kein Zweiter Ausdruck fand. Er erwarb, nicht als Geldanlage, sondern aus innerem Bedürfnis viele der zerstörten Platten, die der Künstlerin persönlich gehörten und hatte neben Rechtsanwalt Littman wohl die kompletteste Kollwitz-Sammlung in Deutschland. Ausserdem entdeckte er frühzeitig die Grösse von Edvard Munch und Marc Chagall in ihren graphischen Arbeiten. Einmal in der Woche fanden in unserem Elternhause die sogenannten “Graphischen Abende” statt, auf die sich mein Vater mit viel Liebe und Gründlichkeit immer vorbereitete. Es wurde dies eine ständige Einrichtung und zu den regelmässigen Besuchern gehörte auch meines Vaters guter Freund Dr. Wilhelm Freyhan, mit dem er viel u. gern über Kunst und Religion diskutierte. Viele Besucher des In- und Auslandes, die nach Breslau kamen, haben seine Sammlung besichtigt, die mehrfach im “Museum der bildenden Künste” am Museumsplatz ausgestellt war. Seine Liebe und sein Interesse für die Kunst wurde von der allgemein verehrten Gastgeberin, seiner Ehefrau, meiner Mutter, ERNA FINGERHUT, geteilt, die während der Pause an den graphischen Abenden die traditionellen selbstgebackenen Cheddarcheese-Biscuits mit Zitronenlemonade anbieten liess. Mein Vater, der uns soeben den Wert der Arbeit und das Bedürfnis für die Kunst durch Teilnahme an seiner Arbeit und frühzeitig durch Teilnahme an den graphischen Abenden klarmachte, übertrug durch sein Vorbild den vom Grossvater begründeten Beinamen “Papier-Fingerhut” auf uns Brüder. Das Lebenswerk von drei Generationen wurde auch bei uns durch die Kristallnacht für immer zerstört. Doch hatten wir den Trost, in Amerika noch einige Jahre mit unsern Eltern MAX und ERNA FINGERHUT am traditionlellen Familientische sitzen zu können. Wir bemühen uns, dass der Name “Papier-Fingerhut” auch nach dem Ableben der unvergessenen Eltern seinen guten Breslauer Klang behalten soll. HEF Ein Brief in dunkler Stunde EINE WAHRE BEGEBENHEIT Von Dr. ERNST WARSCHAUER (früher ÖLS) März 1933. Ich war wegen meiner “rassischen Unvollkommenheit” und weil ich der Anwalt der Sozialisten in Öls gewesen war, von einer Horde SA-Leuten in meinem Büro überfallen und schwer misshandelt worden. Kurze Zeit später wurde ich nazi-legal meines Berufes beraubt und sah einer düsteren Zukunft entgegen. Bald nach dem Überfall bekam ich einen Brief von einem mir persönlich unbekannten Domänenpächter des Exkönigs von Sachsen, dem Oberamtmann Stephan in Grossgraben nicht weit von Oels. Dieser Brief war ein Lichtblick für mich in einer Zeit, wo mich die meisten meiner früheren Freunde und Bekannten plötzlich nicht mehr kannten u. auf der Strasse wegblickten, wenn sie meiner ansichtig wurden. Um so mehr erfreute mich dieser Brief, der etwa folgendermassen lautete: “Sehr geehrter Herr Rechtsanwalt! Mit Abscheu und Verachtung habe ich von dem feigen überfall gehört, der auf Sie verübt worden ist, was ich Ihnen gegenüber hierdurch zum Ausdruck bringen möchte. Hochachtungsvoll Oberamtmann Stephan.” Ich war sehr beeindruckt von dem ungewöhnlichen Mut dieses Mannes. Ich hielt es aber für taktvoll, ihm lieber nicht zu antworten. Als aber einige Wochen später der endgültige Verlust meines Berufes feststand, hörte ich zufällig, dass Stephan der Schwager des Oberlandesgerichtspräsidenten Witte in Breslau war. Ich tat darauf etwas, was ich später bereut habe und noch heute bereue: Unter Verletzung der Solidarität mit meinen Leidensgefährten (Sozialisten und Glaubensgenossen) fuhr ich zu Stephan und bat ihn, bei seinem Schwager, dem Oberlandesgerichtspräsidenten, zu vermitteln, dass ich den von mir geliebten Beruf als Rechtsanwalt und Notar behalten könne. Ich dankte Stephan dabei für seinen Brief. Er sah mich mitleidsvoll an und meinte: “Mein lieber Herr Rechtsanwalt, ich kann leider nichts für Sie tun. Mein Schwager, der Oberlandesgerichtspräsident, ist völlig machtlos. Er wird von Nazijuristen überwacht, die ihm alles vorschreiben, was er zu tun hat. Er wird übrigens morgen oder übermorgen nicht mehr dort Präsident sein, sondern als liberaler Mann von einem Nazi ersetzt werden. Was nun mich betrifft, so sind Sie nicht der einzige, für den ich eingetreten bin. Ich habe meinem Abscheu über das, was jetzt geschieht, im Kreistag Ausdruck gegeben. Meine Frau hat ganz genaue Anweisungen, was sie zu tun hat, wenn die Nazis mich abholen sollten.” — Ich erhob mich und sagte: “Dann hat wohl unsere weitere Unterhaltung keinen Zweck mehr. Ich möchte Ihnen aber nochmals für Ihren Brief danken, der mir ein grosser Trost gewesen ist.” “Oh”, erwiderte Stephan, “lassen Sie mich Ihnen noch ein paar Worte sagen: Es war ein Jude, der mir einmal in der vielleicht schlimmsten Situation meines Lebens uneigennützig geholfen hat. Ich bin ein gläubiger evangelischer Christ. Was jetzt gegen die Juden geschieht, glauben Sie mir, das wird sich einmal bitter am deutschen Volke rächen.” Ich verabschiedete mich von dem Manne, den ich niemals mehr wieder gesehen habe. Ich verliess bald darauf Schlesien und weiss nicht, ob er auch ein Opfer der Nazis geworden ist. Jedenfalls hat er spätestens dann alles verloren, als die Russen Schlesien besetzt haben. Ich weiss nicht, ob er noch lebt, habe aber diesen aufrechten Ritter ohne Furcht und Tadel nicht vergessen, was diese Erinnerungen beweisen, die ich, fast 81 Jahre alt, niedergeschrieben habe. 13

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