Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1981
- Issue
- No. 48-49 (1981)
- Date
- 1981-01-01
- Page
- Seite 17 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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ERFAHRUNGEN ALS EHRENAMTLICHER WOHLFAHRTSDIREKTOR IN BRESLAU ER WAERE JETZT 100 GEWORDEN PROFESSOR JULIUS GUTTMANN, DER BRESLAUER PHILOSOPH „Das Judentum hat seine Eigenart darin, dass die höchste Autorität iseines religiösen Lebens das Buch der Lehre, die offenbarte Urkunde des Glaubens ist — nicht, wie in anderen Religionen, das heilige Amt und sein Träger oder die persönliche Inspiration gottgesandter Führer ... Dieser Sachverhalt hat für die Entwicklung des nachexilischen Judentums ausschlaggebende Bedeutung. Dass das Judentum zur Gemeindereligion geworden ist, beruht allein auf der Unterordnung aller amtsmässigen und personalen Autorität unter die sachliche Autorität der Lehre“. Diese scharf umrissenen Sätze, von Julius Guttmann, dem Religionsphilosophen, 1929 niedergeschrieben, sind enthalten ln einer privaten Festgabe, die das Dozentenkollegium der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums (Berlin) dem Direktor der Deutschen Bank und damaligen Präsidenten des Keren Hayessod, Oscar Wassermann, zum 60. Geburtstag am 4. April jenes Jahres überreichte. Auch dadurch wird man an den Philosophen erinnert, desesn Geburtstag sich am 15. April, zum hundertsten Mal jährt. Wo immer Julius Guttmann wirkte, in Breslau während der Jahre 1911 bis 1919 als Privatdozent für neuere Philosophie, danach als Professor an der vorgenannten Hochschule (von 1922 an auch als Direktor des Forschungsinstituts der Akademie für die Wissenschaft des Judentums) und von 1934 bis zu seinem Tode an der Hebräischen Universität in Jerusalem — er war eine Zierde des akademischen Lebens, als Forscher, als Denker und als Lehrer. Der wissenschaftlichen Bedeutung Guttmanns als Philosophen des Judentums hat einer seiner Schüler an der Berliner Hochschule, Professor Dr. Fritz Bamberger, jetzt New York, im 5. Jahrbuch des Leo-Baeck-Instituts (London 1960) ein schönes, ehrendes Denkmal gesetzt. In diese, auch mit ausgezeichneten Fotos Guttmanns versehene Studie ist natürlich manches, was Guttmanns Wesen und das Leben seiner Familie betrifft, vieles auch, was die Entwicklung der modernen Wissenschaft des Judentums angeht, hineingewoben. In seinen Büchern und Aufsätzen (namentlich in der MGWJ, der Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums) hat sich Professsor Guttmann insbesondere mit Maimonides, Yehuda Halevi und Spinoza, mit Kant und Moses Mendelssohn, auch mit Max Weber befasst. Sein opus magnum, „Die Philosophie des Judentums“, erschien 1933 (in hebräischer Sprache 1951); zu einer von ihm zu schreibenden Theologie des Judentums ist es nicht mehr gekommen. Als Theologe des Judentums kann Rabbiner Dr. Max Wiener (1882—1950) angesehen werden, während Dr. Leo Baeck (1873—1956) der Denker aus dem Glauben war. Zweifellos war Julius Guttmann, 1880 in Hildesheim geboren und 1959 in Jerusalem gestorben, wissenschaftlich erblich belastet. Sein Vater, Jakob Guttmann (1845—1919), war als Rablbner ein Gelehrter (mittelalterliche jüdische Religionsphilosophie); und ein Onkel mütterlicherseits, der Orientailist u. Historiker Prof. David Jacob Simonsen (1853—1932), hatte sich nach zehnjähriger Amtszeit als dänischer Oberrabbiner entschlossen, sich ausschliesslich wissenschaftlichen Aufgaben zu widmen: die „Bibliotheca Simonsenlana“ in Kopenhagen legt bis auf den heutigen Tag Zeugnis von der Forschungsgabe und dem Sammelgeist ihres Gründers ab, sie ist Bestandteil der Königlichen Bibliothek. E. G. L.,Berlin Mein Interesse für Wohlfahrtsarbeit begann als Student als ich als Schüler von Prof. Zwiedenick-Suedenhorst an der Universität Breslau in den Jahren 1919/1920 studierte. 1925 trat ich der neugegründeten Enal Brith Loge „Zachavias Frankel“ bei und wurde bald von dem damaligen Direktor des Wohlfahrtsamtes der Jüdischen Gemeinde, Herrn Glaser, der auch ein Gründungsbruder der Zacharias Frankel Loge war in verschiedene Projekte <on Sozialarbeit verwickelt, von denen ich mich an Vormundschaften für sozial gefährdete Famifien und Jugendliche erinnere. Obwohl die Resu'tate in den meisten Fällen sehr enttäuschend waren, muss ich doch nicht völlig erfolglos gewesen sein, denn einige Jahre später nannte mich Herr Glaser der Stadtverwaltung Breslau, die dringend Anwärter für solche Posten suchte, as Kandidaten für die Stelle als ehrenamtlicher Wohlfahrtsdirektor in einem besonders schwierigen Distrikt. Breslau war in eine Anzahl Wohlfahrtsdistrikte eingeteilt. An der Spitze jedes Distrikts stand ein „Direktor“, mit welchem in jedem von 4 oder 5 Subdistrikten je 10 bis 12 „Pfleger“ arbeiteten, die persönliche Fühlung mit den „Empfängern" von Wohlfahrtszahlungen hatten. Einmal im Monat fand eine Versammlung der Pfleger unter dem Vorsitz des Direktors statt, in der die Zahlung an den Wohlfahrtsempfänger beschlossen wurde. Der normale Betrag war, soweit ich mich erinnere 30 bis 40 Mark im Monat. In dringenden Fällen war der Pfleger berechtigt Vorschüsse zu geben, mit Einverständnis des Direktors, der eine Summe von der Stadtverwaltung zur Verfügung hatte, über die monatlich abzurechnen war. Für jeden Fall wurde ein Aktenstück eröffnet, das ich vor jeder Sitzung studiert hatte. Ich forderte dann den nötigen Betrag, etwa 4000 Mark im Monat von der Stadtverwaltung an. Der Bezirk bestand aus 4 Strassen im Mittelpunkt der Stadt, die alle um den Karlsplatz herumlagen und einen der Slumsbezirke Breslaus darstellten, wie die Weissgerbergasse, Antonienstrasse, Goldene Radegasse etc. Jede der Strassen hatte seine Eigenarten. In einer waren es sehr arme jüdische alte Menschen, die in bitterer Not lebten. In einer anderen waren es vorwiegend Prostituierte, die zu alt wurden, um ihrem Berufe erfolgreich nachzugehen. In einigen Fällen gaben wir diesen Frauen statt Geld: Nähmaschinen, mit denen sie sich etwas verdienen konnten. Dann gab es eine Nachbarschaft, wo Diebe und andere Verbrecher lebten. Ich erinnere mich, dass das häufigste Vergehen Diebstähle von Geflügel war, für die sie mit relativ kurzen Freiheitsstrafen bestraft wurden. Wenn sie aus dem Gefängnis entlassen wurden, war das erste, was sie taten, zum Wohlfahrtspfleger oder besser direkt zum Direktor, zu kommen. Sehr oft, schon wieder für ein neues Vergehen hinter Scholss und Riegel, bevor wir über eine Unterstützung beschlossen und das Geld von der Stadt bekommen konnten. Aber es kam auch vor, dass mehr gewalttätige Verbrecher, vom Gefängnis entlassen, direkt in unsere Wohnung in der Theaterstrasse kamen, um Geld zu verlangen, was zu unangenehmen Situationen führte. Als die Naziwelle stärker wurde, 1932, zog ich mich von dieser exponierten Position zurück und gab das Wohlfahrtswerk für die Stadtgemeinde Breslau auf. Es gab für einen Juden wichtigeres zu tun. Ich zog mich von deutschen Politik zurück, trat der Breslauer Ortsgruppe der Zionistischen Vereinigung bei, verliess den Verein Breslauer Sportfreunde. in dem ich für viele Jahre stellvertretender'Worsitzender unter dem Vorsitz von Herrn Ratenberg war, und trat dem „Makkabi“ bei. Mein Bruder, einige Freunde und ich nahmen Unterricht in Hebräisch bei einem hervorragenden Lehr-r, Herrn llern kov. Im „Makkabi“ wurde damals ausser Sport viel kulturelle Arbeit geleistet. Wir lasen zusammen jede Woche ein Kapitel aus Elias Auerbach-s „Wüste und Gelobtes Land“ .Mehr als 30 Jahren später hatte ich das Erlebnis in Haifa einen Vortrag von Elias Auerbach selbst zu hören. Es erscheint mir ein grosses Unrecht, dass das Andenken an Elias Auerbach nicht mehr geehrt wird, und dass es in Haifa keine nach ihm benannte Strasse gibt, nach den grossen Verdiensten, die er sich um die Gründung dcis „Technion“ erworben hat. Im Jahre 1934 waren Wahlen zur Jüdischen Gemeindeversammlung fä lig. Breslaus Juden wollten natürlich keinen Wahlkampf, und es kam zu einem Kompromiss, in dem die Zionisten relativ mehr Sitz erhielten, als die Zusammensetzung der Jüdischen Bevölkerung Breslaus sie berechtigte. Dazu kam, dass viele der zionistischen Führer auswanderten. So kam es, dass ich trotz der relativ kurzen Zeit in der zionistischen Bewegung Mitglied des Gemeindevorstands wurde und mit Dr. Lux, Rsgierungsrat Halpern, Amtsrichter Teilhaber und einigen wenigen anderen die Zionistische Fraktion bildete. Jetzt gab es Wohlfahrtswerk anderer Natur. Ich sass in Ausschüssen, die sich mit Umschulung und Auswanderungsberatung beschäftigten. Die Sprechstunden, in denen man versuchte Menschen zu helfen, die ihre Existenz verloren hatten und die entmutigt und demoralisiert waren, wurden zu einem deprimierenden Erlebnis. Meine eigenen Versuche ein Zertifikat für Palästina zu bekommen scheiterten, und erst nach einem Umweg Uber Südafrika, der 27 Jahre dauerte, kam ich 1963 nach Israel. Dr. Louis Eisner, Haifa Chanukka 1940 Nun sind es schon 4 lange, bange Wochen, Dass unser lieber Junge nicht mehr schrieb. Er hat:s beim Abschied uns so fest versprochen, Nie ungehalten sein Versprechen blieb. Wir lebten mit ihm jegliche Minute Auf seiner Fahrt ins weltenferne Land: Er schrieb fürwahr, wie mit des Herzens Blute Wo einen Augenblick der Zug nur stand. Was unterwegs ihm immer auch beschieden, Er schilderte uns alles hoffnungsvoll! Von Moskau, von Harbin, ja selbst vom Meere, Stets Zeichen, dass er liebend uns’rer denkt, Und nun dies Harren, diese schwüle Leere, Sein Brief beschlagnahmt oder gär versenkt? Von solch Gedanken lassen wir uns quälen. Und manche Träne ganz verstohlen quillt. Von Pest zu Post wir die Minuten zählen, Ob uns-re Sehnsucht endlich wird gestillt? Wir tragen schwer es in des Herzens Tiefe, Da schrillt die Glocke an der Tür „Hurra!“ „Aus U.S A. auf ein Mal nun 3 Briefe!“ Lass Gott Dir danken für dies Chanukka! Emil Giücksmann i.A. * überreicht von Walter Gluckman, San Francisco, im liebenden Gedenken an seinen Vater. 17