Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1980
- Issue
- No. 46-47 (Mai 1980)
- Date
- 1980-05-01
- Page
- Seite 14 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Die Stadt an der Grenze DIE KXTTOWITZER KONFERENZ VOR 95 JAHREN Ein Jahrhundert hindurch war die Grenze zwischen den beiden Mittelmächten einerseits und Russland und den Balkanländern andererseits stabil geblieben. Diese Grenzlinie, 3000 Kilometer lang, zog sich von der Ostsee im Norden, bis zur Adria im Süden. Diese Grenzlinie zerschnitt das grösste Siedlungsgebiet, das je in der Geschichte unseres Volkes bestanden hat, in zwei ungleiche Hälften: westlich von ihr, in Preussen-Deutschland und in Oesterreich - Ungarn, lebten gegen Ende jener Epoche (1815 — 1914) 214 Millionen Juden in politischer, wenn auch nicht immer in gesellschaftlicher Gleichberechtigung, östlich von ihr — lagen die klassischen Länder der Entrechtung und Diskriminierung, Russland und Rumänien, die fast 6 Millionen unseres Volkes beherbergten. Es war keine so hermetisch verschlossene Grenze wie etwa später zur Zeit des „Eisernen Vorhangs“ — strömten doch über sie oft genug Auswanderer, Flüchtlinge, Pogromopfer, Studenten in westlicher Richtung und passierten sie auch einige besondere privilegierte Besucher, die dem Zarenregime mehr oder weniger genehm waren (wie Lilienthal und Montefiore, wie Herd und Hermann Cohen) in der entgegengesetzten Richtung. Aber alles in allem war es doch eine starre, finstere, drohende und unheimliche Grenze — und für viele war sie Schicksal. Nun ist es gewiss kein Zufall, und für den Trend der damaligen Entwicklung durchaus bezeichnend, dass es Punkte auf dieser Scheidelinie gab, die in der Geschichte jenes Jahrhunderts eine besondere Rolle gespielt haben, quasi als Furten, Durchgangsstationen, als Brückenköpfe und Treffpunkte, Städte und Städtchen, mitunter auch recht unbedeutende Flecken, die kraft ihrer besonderen Grenzlage in die Annalen unserer Volksgeschichte einrücken konnten und sich in dem historischen Erinnerungsregister behaupten konnten — oft bis auf den heutigen Tag. Jahre und Jahrzehnte wirkten drei bedeutende rabbinische Persönlichkeiten in drei Orten, die auf dieser Grenzlinie lagen: Dr. Ruelf in Memel, grenzend an das russische Kurland und Litauen, Raw Zwi - Hirsch Kalischer in Thom, Sokolows erste Reise ins Ausland galt der Stadt Thorn. Dort wollte er die Atmosphäre des Raw Kalischer auf sich wirken lassen, das war 1877 kurz nach dessen Hinscheiden, nahe dem russischen Polen und Raw Alkalai in Senilin an der österreichisch - serbischen Grenze. — Und auch die Vorfahren Theodor Herzls haben über ein Jahrhundert in jener Stadt gewohnt. Das Städtchen Sadagora in der österreichischen Bukowina war seit 1845 Zentrum einer der berühmtesten (nach ihm benannten) chassidischen Dynastie, 1855 begann im ostpreussischen Lyck die erste moderne hebräische Zeitung „Ha Magid“ zu erscheinen und das galizianische Brody, gleich Sadagora nur wenige Kilometer von der russischen Grenze entfernt, war Jahrzehnte lang Hochburg der Aufklärungsbewegung. Das oberschlesische Kattowitz nun lag in jenem Zeitraum an einer besonderen „Nahtstelle" Jener entscheidenden Grenzlinie — ging doch der preussisch-deutsche Teil jener Ost-Linie da in den österreichischen über, sodass ganz in der Nähe Jene berühmte Drei-Kaiser-Ecke sich befand. Als um die Jahrhundertwende die Beziehungen Russlands zu den Mittelmächten sich zu verschlechtern begannen, legten die Russen auf ihrer Seite der „Dreikäiser-Ecke“ eine Stadt an, die sie vorerst mit einem imposanten militärstrategischen Bahnhof ausstatteten. Das Projekt kam später ins Stocken. Die Stadt erhielt den bezeichnenden Namen Granica (Grenze). Der Schnittpunkt dreier Reiche also, auf deren Territorien der jüdischnationalen Idee ihre ersten namhaften Verkünder erwuchsen. Im Cheschwan 5645 (Oktober 1884) vor 95 Jahren, feierte die Jüdische Welt den hundertsten Geburtstag des grossen Philanthropen und Förderer des Eretz-Israel Gedankens, Sir Moses Montefiore. Dies war der äussere Anlass zu der Einberufung einer Konferenz, die eine Dankadresse abfassen sollte und zur Gründung eines Montefiore-Vereins schritt, der die Bestrebungen des grossen Vorkämpfers weiterpflegen sollte. Gleichzeitig sollte eine Heerschau der verschiedenen Gruppen d. „Zionsfreude“ abgehalten werden, die in verschiedenen Ländern bereits im Entstehen waren und dadurch der damals beginnenden Kolonisation in Eretz Israel eine festere organisatorische Basis geschaffen werden. Wer nun hat Kattowitz als. Konferenzort vorgeschlagen? Nach Ansichten einiger ist die Initiative dazu von dem Journalisten David Gordon ausgegangen, der aus Russland stammte, aber in Lyck wohnhaft war und dort die bereits erwähnte Zeitung „Ha Magid“ herausgab. Gordon stand mit Montefiore in Verbindung, gleichzeitig muss ihm, der nahe der russischen Grenze lebte, ein ähnlicher „Grenzpunkt“ in der Nähe des Zarenreiches — aber ausserhalb seiner — für ein derartiges erstes „internationales“ jüdisches Treffen als besonders geeignet erschienen sein. Zu jenem Zeitpunkt war auch Kattowitz höchstens als Kleinstadt zu bezeichnen. Es zählte etwa 12.000 Einwohner, von denen freilich 10% Juden waren. Es wirkten aber in ihm bereits eine Anzahl frühzionistischer Aktivisten, die 1883 bereits eine Zeitschrift „Der Kolonist“ herausgaben. In ihren Händen befand sich dann auch die eigentliche vorbereitende technische Arbeit der Konferenz. In seiner „Geschichte des Deutschen Zionismus" nennt R. Lichtheim in erster Linie den Kaufmann Moses und den Lehrer Frenthal. Die Delegierten-Versammlung trat am 6. No vember 1884 zu ihrer ersten Tagung in der Concordia-Loge in Kattowitz zusammen. Sie selbst bezeichnete sich als Kongress, später jedoch setzte sich die Bezeichnung „Konferenz“ durch. (So heisst auch heute eine Strasse im Norden Tel Aviv, Rechow Weidath Kattowitz). 32 Delegierte nahmen an den Beratungen teil, von denen zwei Drittel aus den verschiedensten Teilen Russlands kamen, fünf lebten in Deutschland, vereinzelt waren auch Vertreter aus Rumänien, Frankreich, England — und vielleicht auch auch Österreich — erschienen. Die Zusammenkunft währte vier Tage, Dr. Leon Pinsker wurde zum Vorsitzenden gewählt, neben ihm fungierte Raw Schmuei Mohilewer als Ehrenpräsident, beide stammten bekanntlich aus Russland. Einige der Kattowitzer Delegierten, wie Schallt (aus Riga) und Prof. Mandelstamm (aus Kiew) haben noch später in der zionistischen Bewegding unter der Aegide Herzls eine Rolle gespielt. Die Ergebnisse der Konferenz waren bescheiden. Es wurden 2 Komitees in Aussicht genommen, in Warschau und in Odessa, von denen das letztere dann in der Tat noch einige Jahre von sich reden machte. Ferner wurden gewisse Beträge für die Unterstützung der damals gerade gegründeten landwirtschaftlichen Kolonien, wie Petach Tikwa und Jessod Hamaala bereitgestellt. Dies rechtfertigt jedoch nicht die Tatsache, dass dieser Konferenz in der zionistischen Literatur eine recht stiefmütterliche Behandlung zuteil ward. Sokolow etwa erwähnt sie in seiner „Geschichte des Zionismus“ mit keinem Wort. Denn diese Tagung, so geringfügig ihre realen Ergebnisse waren, hat doch ein neues Zeitalter eingeläutet. Das mag auch ein späterer Gelehrter, Dr. Israel Klausner, gespürt haben, als er die zwei Bände seiner Frühgeschichte des Zionismus in Russland unter dem Titel „Von Kattowitz bis Basel“ hinausgehen liess. Das Werk erschien im Jahre 1965 (schildert die Konferenz jedoch nicht). Aber schon 1909 veranstaltete der oberschlesische Verband der Z.V.F.D. eine Gedenkfeier zur 25. Wiederkehr des Jahrestags der Kattowitzer Konferenz. Zu dieser Gelegenheit verfasste Prof. Heinrich Eliakiem Loewe eine Festschrift, in der er die historische Bedeutung der Konferenz ins rechte Licht zu rücken versucht. Die Festschrift erschien übrigens auch in Kat towitz. Das Titelblatt trägt das Datum und den Erscheinungsort Kattowitz - Cheschwan 5670 -1909. So erschien also ein hebräisches Datum in einer deutsch geschriebenen Schrift und das ist genau 70 Jahre her. Und gibt zu denken A Tobias, Natania VORLÄUFER DES POLITISCHEN ZIONISMUS AUS BRESLAU Aus einem Bericht von Oskar Splett: Gedanken zur Ausstellung „Der Berliner Kongress“, veröffentlicht in: Kulturpolitische Korrespondenz, Bonn, 5.9.1978. Unter den ausgestellten Resolutionsentwürfen befindet sich auch eine schon damals eingereichte Forderung von sechs Juden aus Breslau nach einem eigenen Staat in Palästina. ALLE NEUERSCHEINUNGEN LIEFERT LANDSBERGER TEL-AVIV, BEN JEHUDASTR. 9. TEL. 65533 0 SPEZIALABTEILUNG FÜR DEUTSCHES ANTIQUARIAT AN- UND VERKAUF ZU GÜNSTIGEN PREISEN 14