Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1980
- Issue
- No. 46-47 (Mai 1980)
- Date
- 1980-05-01
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Zur Demographie der Juden im früheren Durch den Im Frühjahr 1979 ins Leben gerufenen „Verein für Erforschung der Geschichte der Juden Oberschlesiens e.V.“1 wird dieser Aspekt oberschlesischer Geschichte wieder stärker ins Bewusstsein treten. Bei den wissenschaftlichen Forschungen, die durchgeführt werden sollen, und bei den sich daraus ergebenden objektiv-kritischen Veröffentlichungen, die sich die neue Vereinigung zur Aufgabe und zum Fernziel setzt, liegt der Akzent auf dem Zeitraum etwa zwischen 1750 und dem Zweiten Weltkrieg. Damit ist diejenige Periode abgesteckt, in der es eine nennenswerte jüdische Bevölkerung in Oberschlesien gab, die, abgesehen vom engeren jüdischen Gemeindeleben, ihren Beitrag zum öffentlichen Leben leistete, insbesondere zu der Wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Entwicklung einzelner Städte sowie der Provinz und deren Selbstverwaltungskörperschaften. Dieser Gesamtkomplex ist bisher weder in der allgemein-historischen noch in der jüdisch-historischen Literatur zusammenfassend, geschweige denn erschöpfend behandelt worden, so dass sich hier ein breiter Forschungsraum ergeben' könnte. Vereinzelte kleine Arbeiten sind vorhanden,5 aber sie gelten überwiegend Teilaspekten (Schicksal einzelner jüdischer Gemeinden und deren Einrichtungen; Berufszweige, Leistungen, Persönlichkeiten, Familiengeschichte). Die Erstellung einer Bibliographie, einer der Hauptvoraussetzungen für die aufzunehmenden Untersuchungen, wird weit über die bereits vorhandenen Nachweisungen (wie Hans Bellee, Heinrich und Viktor Loewc, Herbert Bister u.a.m.) hinausgehen müssen; das bezieht sich namentlich auf das spezielle jüdisch-historische Schrifttum auf diesem Gebiet, das eher in Aufsatzals in Buchform vorliegt. Dabei handelt es sich bei den Juden in Oberschlesien — ob Regierungsbezirk Oppeln oder, später, selbständige Provinz — noch nicht einmal um eine so grosse Zahl. Sie beginnt, um Heinrich Silbergleit3 zu zitieren, 1816 mit 7700 (oder 1,4 v.H. der Gesamtbevölkerung), steigt 1334 auf 12 716 und 1880 auf über 24 000 an. Dann sinkt sie 1910 auf 18 268 zurück; bei der amtlichen reiehsdeutschen Bevölkerungs- und Berufszählung vom 16. Juni 1925 werden in dem nach 1922 bei Deutschland verbliebenen Westoberschlesien nur noch 10 069 ermittelt. Begründetermassen ist anzunehmen, dass seitdem die jüdische Bevölkerung (und ihr prozentueller Anteil an der Gesamteinwohnerschaft) zahlenmässig weiter erheblich zurückgegangen ist. In den dreissiger Jahren existieren in der deutschen Provinz Oberschlesien nachweisbar mindestens 20 Synagogengemeinden,4 die sämtlich in dem Synagogenverband der Provinz (mit Sitz in Gleiwitz) zusammengeschlossen waren. (Hinzu kommen weitere neun Synagogengemeinden in dem 1922 an Polen abgetretenen Ostoberschlesien: Antonienhütte, Kattowitz, Königshütte, Lublinitz, Myslowitz, Nikolai, Rybnik, Sohrau und Tarnowitz). Nach der Zahl ihrer Mitglieder im Jahre 1925 (in Klammern: geschätzt 1932) waren die grössten: Beuthen mit 3260 Mitgliedern (3500; ca. 6,5 v.H. der Gesamtbevölkerung), Gleiwitz mit 2200 (1900; 2,6 v.H.), Hindenburg mit 1200 (1200; 0,9 v.H.), Ratibor mit 800 (640; 1,6 v.H.) und Oppeln mit 650 (600; 1,4 v.H.). Mit insgesamt etwa 8200 Mitgliedern machten diese fünf jüdischen Gemeinden im Jahre 1925 rund 85 v.H. des jüdischen Gesamtbestandes in Oberschlesien aus. Mehr als je 100 Mitglieder zählten 1925: Gross-Strehlitz, Kreuzburg, Oberschlesien Von ERNST G. LOWENTHAL Leobschütz, Neisse und Rosenberg; die übrigen waren Kleingemeinden. Von den Städten in dem polnischen Ostoberschlesien hatten Kattowitz und Königshütte die weitaus grössten jüdischen Gemeinden; Kattowitz zählte rund 4000 Mitglieder (6.6 v.H.) und Königshütte 1200 (1,4 v.H.). Eine „Einzelerscheinung“ ist, jüdisch-historisch gesehen, die Stadt Zülz, die 1782 über 1000 jüdische Einwohner hatte; diese machten damals mehr als die Hälfte der Gesamtbevölkerung aus. Seit dem 16. Jahrhundert hatten Juden — für Deutschland eine Ausnahme — in Zülz unbehindert wohnen dürfen. Nach dem Emanzipationsedikt von 1812 begannen sie in das übrige Schlesien abzuwandern; 100 Jahre später, 1914, wurde die Gemeinde durch Regierungsdekret aufgelöst, und die dann übrigbleibenden zwei jüdischen Familien wurden der Synagogengemeinde Neustadt angeschlossen.5 Bei der 700-Jahr-Feier der Stadt Zülz am 27. Juni 1926 fand in der 1774 im Barockstil erbauten Synagoge eine besondere Andacht statt;" auf dem uralten jüdischen Friedhof befanden sich jedenfalls damals noch, die Gräber mehrerer tausend Zülzer Juden. Die oberschlesischen Städte konnten in ihrer Blütezeit, besonders vor dem Ersten Weltkrieg, mit der Integration ihrer jüdischen Mitbürger im ganzen sehr zufrieden sein. Diese repräsentierten eine Mischung von grösseren Unternehmen, mittleren Kaufleuten und Kleinbankiers, von Handwerkern und kaufmännischen Angestellten, von Angehörigen der freien Berufe, hin und wieder auch von Beamten und Gewerkschaftssekretären. Wohlhabende Existenzen trugen als Mäzene zum Gedeihen und Ansehen der politischen Gemeinden bei; zuweilen entstand eine Art jüdischer Honoratiorenschicht. Das industrielle Element unter den Juden Oberschlesiens war zwar nicht sehr gross und auch nicht durchweg ortsansässig, aber es war sehr bedeutend. Namen, wie Friedländer, Huldschinsky, Caro und Kern1 im oberschlesischen Kohlenbergbau und in der oberschlesischen Eisenindustrie — um nur einige zu nennen — waren auch überregional und international bekannt. In der Textilindustrie war es zum Beispiel die Leinen- und Damastfabrik Pinkus in Neustadt, bis 1925 von Max Pinkus (1858—1934), dem Freund Gerhart Hauptmanns, geleitet. Die finanziell leistungsfähigen und kulturell anspruchsvollen jüdischen Gemeinden, vor allem die grösseren wie Kattowitz, Oppeln, Beuthen und Gleiwitz, zogen namhafte, akademisch gebildete und meist fortschrittlich eingestellte Rabbiner an. Bei Oppeln denkt man an Leo Baeck (Amtszeit: 1897—1907), Felix Goldmann (bis 1917) und David Braunschweiger (bis 1928; vorher war er in Kattowitz), Siegfried Galliner (1904—1914), Max Kopfstein (bis 1924) und Marcus Melchior (bis 1933; später Oberrabbiner in Kopenhagen) amtierten in Beuthen, Samuel Ochs (1916—1939) in Gleiwitz und Max Ellguther (bis 1933) in Neisse, sämtlich Persönlichkeiten, deren kulturelle Ausstrahlung, auch als wissenschaftliche Autoren, über den Jüdischen Bevölkerungsbereich der Städte hinaus oft auch die christliche Umwelt erreichte und beeinflusste. Dr. Kopfstein und Dr. Braunschweiger spielten überdies eine prominente und sichtbare Rolle auf der deutschen Seite während der Abstimmungszeit* Im einzelnen von Juden zu sprechen, die als gebürtige Oberschlesier in ihrem späteren Leben und Wirken, sei es in anderen Teilen Deutschlands, sei es in anderen europäischen und überseeischen Ländern (bis hin nach Südamerika und Israel), Bedeutung erlangten (übrigens ein Thema, das der neue „Verein“ mit ins Auge fassen wird), würde hier zu weit führen. Zu diesem Kreis zählen allein zwei Nobelpreisträger, nämlich aus Sohrau Otto Stern (Atomphysik, 1943) und aus Neisse Konrad E. Bloch (Biochemie, 1964). Schon eine nur andeutungsweise Bestandsaufnahme dessen, was war, wie sie in dieser Miszelle versucht wird, dürfte manche Anregugn für Historiker, Politologen, für Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler, möglicherweise sogar für Technikhistoriker enthalten, die an der Durchforschung und objektiven Darstellung der Geschichte der Juden im ehemaligen Oberschlesien zwischen 1750 und 1939 interessiert Sind, unter allgemeinwie Jüdisch-historischen Gesichtspunkten. Studien Uber die Herkunft der Juden in Oberschlesien (Preussen, Mähren, Polen) über die spätere Migration in Richtung Breslau—Berlin und über ihr Endschicksal, das heisst ihre erzwungene Auswanderung und ihre Vernichtung durch das nationalsozialistische Regime, sollen gebührende Berücksichtigung finden. Erschienen in: Zeitschrift für Ostforschung, 28 (1), 81 - 84 (1979) Marburg/Lahn. 1. Vorsitzender: Dr. Ernst Lustig, Rossinenweg 10, D-3340 Wolfenbüttel. 2. Z. B. Immerwahr: Zur Geschichte der Juden in Oberschlesien, in: Oberschlesischer Heimatkalender 1933, hrsg. vom Presse-, Statistischen und Verkehrsamt der Provinzialverwaltung von Oberschlesien, Ratibor, und M. Kopfstein: Geschichte der Synagogengemeinde in Beutthen O.-S., Beuthen 1891. 3. H. Silbergleit: Die Bevölkerungs- und Berufsverhältnisse der Juden im Deutschen Reich, Ed 1: Freistaat Preussen (Veröff. der Akademie für die Wissenschaft des Judentums, Sektion für Statistik und Wirtschaftskunde, Bd 1), Berlin 1930. Dass Prof. Silbergleit, von 1906 bis 1923 Direktor des Statistischen Amtes der Stadt Berlin, gebürtiger Oberschlesier war (Gleiwitz, Jahrgang 1858), ist ein Zufall. 4. Nach „Handbuch der jüdischen Gemeindeverwaltung und Wohlfahrtspflege 1924/25“, hrsg. von dem Deutsch-Israelitischen Gemeindebund und von der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden, bearb. von dem Bureau für Statistik der Juden, Berlin o. J„ und „Führer durch die Jüdische Gemeindeverwaltung und Wohlfahrtspflege in Deutschland 1932—33“, hrsg. von der Zentralwohlfahrssteile der deutschen Juden, Berlin o. J. (auch zum Folgenden). 5. Vgl. J. Chrzf^szcz: Geschichte der Stadt Zülz in Oberschlesien, Zülz 1926. 6. Vgl. „C.-V.-Zeitung (Blätter für Deutschtum und Judentum“), Organ des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens e. V., Ber lin, 1926, S. 362. 7. Vgl. auch K. Zielenziger: Juden in der deutschen Wirtschaft, Berlin 1930, S. 24 f.; A. Perlick: Oberschlesische Be~g- und Hüttenleute, Kitzingen 1953, passim. 8. Nach Privatarchiv Ernst G. Lowenthal. Berlin. 13