Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1980
- Issue
- No. 46-47 (Mai 1980)
- Date
- 1980-05-01
- Page
- Seite 15 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/7411685-7412731-7496867--0864-7412746- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
MÄRKTE IN BRESLAU Von VERA ROSENBAUM Vor dem ersten Weltkrieg hatte jede Stadt in Deutschland ihr eigenes Gesicht, das die Ereignisse geformt hatten, eine Stadt war nicht die Anhäufung viereckiger Zementklötze zwischen denen unzählige Autos versuchten ,den übrig gebliebenen Rest der Fussgänger zu beseitigen. Breslau, die uralte Stadt, deren Anfänge in die Prehistorie reichen und die nun, seit Friedrich der Grosse Schlesien in den drei blutigen Kriegen, von dem der letzte, der siebenjährige, den grössten Schaden anrichtete, von Österrreich abgerissen hatte, Maria Theresia beklagte den Verlust „der schönsten Perle meines Reiches“, jetzt wenn Breslau, seines natürlichen Hinterlandes beraubt, aus der blühenden Handelsstadt, die in intensivem Verkehr mit West und Ost gestanden hatte, eine langweilige Provinz- und Garnisonsstadt geworden. Die Welt war mit Brettern vernagelt, die Grenze nahe, hatten doch Preussen, Österreich und Russland, Polen zwischen sich aufgeteilt, und an der schlesisch-russischen Grenze stand alle 100 m ein Kosak mit der „siebenschwänzigen Katze“ der gefürchteten Peitsche. Erst nachdem die reichen Erz- und Kohlenfunde in OberschleBien gemacht wurden, blühte auch Breslau wieder auf und wurde Deutschlands östlichster Kulturträger. Eine gewisse Isolierung von den anderen deutschen Kulturzentren blieb, denn schliesslich bis Berlin waren es 7% Schnellzugsstunden Fahrt, auf die Idee, nach Krakau, einer, wie man sagt, sehr schönen Stadt, der Hauptstadt des nun öster. Galiziens zu fahren, die viel näher lag, auf die kam buchstäblich kein Mensch. Der Boden, fruchtbare Felder und herrliche Wälder gehörte zumeist den grossen Feudalherren, wie dem Fürsten von Pless und dem Herzog von Trachenberg, der so grosse Gebiet besass, dass er sie an einem Tage nicht mit seinem Pferd herumreiten konnte. Die Bauern, seine Dienstleute, waren sehr arm, meist den Landeigentümern verschuldet und eine Art von Sklaven. Kam der Herr auf seinem Pferd vorbei, so knieten die Bauern nieder, küssten seinen Rock. Die Isolierung Breslaus hatte die Folge, dass sich hier Eigentümlichkeiten fanden, die es woanders nicht oder nicht mehr gab, davon erzähle ich aber ein anderes Mal, heute soll nur die Rede von den jährlichen Hauptereignissen der Stadt die Rede sein, Fremdenverkehr gab es wenig, daher war der jährliche Maschinenmarkt, auch die „Gruer Woche“ genannt, ein wichtiges Ereignis. Dann kamen nämlich die Gutsbesitzer in die Stadt, um sich die neusten Modelle von landwirtschaftlichen Maschinen anzusehen, gleichzeitig allerhand Einkäufe zu machen, Bekannte zu treffen und wieder einmal Grossstadtluft zu atmen Sie waren nicht zu übersehen, es war beinahe wie eine andere Rasse. Grossgewachsene Leute, nein, besonders schön waren sie aber nicht, die Männer meist in Stiefeln und mit Jägerhütchen, sassen bei Haase oder Kipke in den Brauereien und tranken geeistes Bier. Lässt man Bier frieren, entfernt dann das sich gebildete Eis, so wird das Bier alkoholstärker, oder sie tranken Wein in der Bodega. Es ging ihnen nicht grade glänzend, denn sie konnten ihre Wirtschaft nicht mehr modernisieren, weil sie schwer Credit bekamen. Es waren alles Majorate, also unverkäuflicher, nur vererbarer Boden, aber zu essen hatten sie reichlich, das wuchs ihnen ja zu, man sah es ihnen auch an. Ihre Frauen tranken Kaffee und assen Kuchen mit Schlagsahne bei Malsky. Sie trugen mit Vorliebe graue Schneiderkostüme. Dan gab es noch die Barmherzige Brüder Kirmis, eine Art Jahrmarkt vor dem Kloster am Tage ihres Stifter Heiligen. Der Orden war ein Pflegeorden, der umsonst Heilpflege betrieb, zu meinen Zeiten schon keine solche Bedeutung mehr hatte, aber mein Vater erzählte, dass die Brüder besonders mit Zahnziehen beschäftigt waren, was sie umsonst ausübten, dafür gewöhnlich eine Spende in ihre Büchse bekamen, manchmal aber taten die Kinder auch nur einen Knopf hinein und kauften sich für den Groschen, den sie von der Mutter bekommen hatten, lieber Zuckerzeug. Viel wichtiger war für die Kinder der „Kindermarkt“ heisst eigentlich Christkindmarkt und fand auf dem Ring in der letzten Adventwoche vor Weihnachten statt, das war das wahre Kinderparadies. Hauptsächlich Christbaumschmuck aus buntem Glas und Papier, glitzernde Lametta und Lichte und Magnesiumkerzen, die so einen Krach machten, wenn sie sprühend, strahlend, verbrannten, dazu Spielzeug, meist wohl Heimarbeit der Eauern im Winter, bunte Lederbälle und Puppen, mein Bruder stand verzaubert vor einem Rollwagen, beladen mit Tonnen und Kisten, davorgespannt zwei starke Pferdchen, aber auch Schaukelpferde, unvergesslich eine Mühle, die sich bewegte, wenn man von oben Sand hineinstreute. Besonders anziehend waren natürlich die Näschereien, was es da nicht alles gab! Grosse Herzen mit rotem Zuckerguss und weissen Buchstaben, Bauernbissen, die man kaum in den Mund hineinstopfen konnte, Liegnitzer Bombe, eine besondere Art Lebkuchen. Thorner Katherinchen, bunte Menth& Bonbons aus dem frommen Wallfahrtsort Einsiedeln, aber wozu den Mund noch mehr wässrig machen, all die Herrlichkeiten gibt es ja nicht mehr. Es gibt auch nicht mehr den Kindelmarkt, der brannte einmal, ich muss so etwa neun Jahre alt gewesen sein, ab, kein Wunder, den* die Beleuchtung waren nur Petroleumlampen. Gert, mein Bruder, und ich konnten das Feuer gut sehen, wir waren grade zum Besuch bei der Grossmutter, die wohnte am Ring. Es wurde darnach Geld gesammelt und die Aussteller voll entschädigt, aber darnach gab es keinen Kindelmarkt mehr. Der letzte Markt von dem zu berichten ist, der spielte ein grosse Rolle bei den Hausfrauen, das war der sogenannte „Scherbelmarkt“ auf dem Neumarkt, wo unser Freund Livius seine „Königlich priviligierte Haus- und Feldapotheke“ betrieb, eher er die Central Apotheke auf dem Carmel einrichtete. (Ganz im Stile der Kgl. Hof und Feldapotheke wurde auch die Apotheke auf dem Carmel der Mittelpunkt der Breslauer). Am anderen Ende des Neumarkt, unter dem Schutz des „Gabeljürgen“ so nannte man den barocken Neptunbrunnen, fand der Scherbelmarkt statt, der jedesmal die Hausfrauen in eine Art Trance versetzte. In Niederschlesien gab es seit alter Zeit eine Keramikindustrie. Die Bunzlauer Tontöpfe waren weit und breit bekannt, dazu lieferte Waldenburg und Dittersbach Porzellan und Steingut. Nun, wie das so in allen Fabriken geht, nicht Jedes Stück gerät, und da sammelte denn in den Fabriken im Laufe des Jahres allerhand solche verkorksten, manchmal sogar ein bisschen angebrochenes Zeug. Nun haben die Breslauer, sogar Herzl schreibt darüber in einem lustigen Essay, eine unausrottbare Neigung, billig zu kaufen, und dieser Lieblingsbeschäftigung kam nun der Scherbelmarkt zu Hilfe. Jedes Jahr gerieten die Hausfrauen in eine Art Trance und stürzten sich auf das Zeug, kauften Kaffeekannen mit schiefer Schnauze und ohne Deckel, Krüge, die unten nicht grade waren und daher immer wackelten, Tassen mit Untertassen, die dazu nicht passten, manche Sachen auch ein kleinbisschen angebrochen «der mit verzerrtem Muster, gekauft wurde alles. Mein Vater, wenn er Mutter ein bisschen necken wollte, erzählte gern die Geschichte, was Mutter mit ihrem ersten Wochen-Wirtschaftsgeld als junge Frau machte. Anstelle auf den Markt zu gehen und eine Gans zu kaufen, ging sie auf den Scherbelmarkt und kaufte allerhand krumme und schiefe Dinge. Ein paar missglückte Fischgrätenschalen erhielten sich noch viele Jahre. Ich habe aber auch noch ein paar kleine Tellerchen vom Scherbelmarkt. Aber jedenfalls Spass machte es schon, auf dem Scherbelmarkt unter der Aegide des „Gabeljürgen“ zu kaufen. Aber beinahe hätte ich vergessen von dem Obst- und Gemüsemarkt auf dem Ring zu berichten, wo man Kirschen nicht nach Gewicht, sondern nach „Metzen“, einem Hohlmass verkaufte, und was für Kirschen!! und wieviel Sorten!! und Eier die „Mandel" das waren 15 Stück. WIR ALL E... es eilen die Jahre das Leben geht hin und mit dem Alter bekommt es einen anderen Sinn man denkt an vergangene Zeiten zurück schöpft aus seiner Jugend Glück und ist der Kopf mit silbernem Grau gekrönt dann wird man von der Welt nicht mehr verwöhnt vielleicht sie Dich verehrt — aber über einen anderen Wert man schätzt Erfahrung und den Geist man sucht für die Nachwelt und die Jugend wird es gebucht hat man einst genommen — muss man wiedergeben das ist der Ablauf vom menschlichen Leben. Ekmi Goldschmidt KINO TRÄUMEREI Sind Sie schon einmal als erster Zuschauer in ein vollkommen leeres Kino gekommen? Nicht einmal die Platzanweiser sind zu sehen! Sie stehen draussen und diskutieren laut, 20 Minuten bis zmn Anfang. Die Leere gibt eine böse Vorahnung. Wird sicher ein Reinfall, der Film. Egal, im Dunkeln sitzen, bunte Bilder vorüber ziehen lassen, fremdes Leben, es schirmt irgendwie ab von allem, was da draussen geschehen kann, 2 Stunden Atempause. Ein elegantes Kino. Tiefe dunkelrote Sessel, gut gepolstert und ein Vorhang! Ein Traum von einem Vorhang, ein Traum in reichen goldenen Falten. Die Beleuchtung noch nicht eingeschaltet, erweckt er den Eindruck sich leicht zu bewegen und unter weicher Musik vermittelt er Illusionen vergangener Kunstgenüsse. „Jedermann“, Moissi’s Stimme, die, der Helene Thimig-Reinhardtinszenierung, Im Hintergrund der Salzburger Dom! Bassermann als Nathan der Weite, das Gleichnis der 3 Ringe klingt im Ohr — ewig wahr. Turgenjew, der Kirschgarten, gespielt vom Moskauer- Künstlertheater in Berlin — wenige die russisch verstanden und doch erlebte jeder die Tragik des Gutsbesitzers als hinter der leeren Bühne das Fallen der abgesägten Bäume erklang gleich der handvoll Erde auf ein frisches Grab. Vergangene Filme, vergangene Grössen: Asta Nielsen, Chaplin im Kampf mit der Tücke des Objekts, Garbo’s Königin Christine und Danny Kaye, der mit unvergleichlicher Komik, eine Kirsche aus einem Cocktailglas zu angeln versucht. Lachen und Seufzen hallt durch das leere Kino. Die Beleuchtung wird eingeschaltet. Reklameslogans kreischen aus Lautsprechern, Bonbonpapiere knistern, die Sessel scheinen weniger rot, weniger gut gepolstert und der güldene Vorhang zieht sich bescheiden vor der Wirklichkeit zu beiden Seiten zurück. Margot Kammennann 15