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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1978-10-01 · No. 44 (Oktober 1978) · p. Seite 17

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1978
Issue
No. 44 (Oktober 1978)
Date
1978-10-01
Page
Seite 17 (sequence 2386)
Language
German
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Hermann Vogelstein - Gemeinderabbiner in Breslau - 35 Jahre später Im Gedenken an Herbert Bileski (1909—1942) und Adalbert Saretzki (1911—1942) Unter den Briefen, die ich aufbewahrt habe, weil mir die Menschen nahe standen, sind auch Briefe des einstmaligen Breslauer Gemeinderabbiners Dt. Hermann Vogelstein s.A. aus U.S.A. die er mir nach Santiago de Chile schrieb. Die Mitteilungen des Verbandes ehemaliger Breslauer und Schlesier in Israel sind der geeignete Ort, um einiges aus ihnen wiederzugeben, obwohl wir uns fragen können, ob er seinen weltanschaulichen Frieden mit dem Staat Israel geschlossen hätte. Ich möchte diese Frage nicht verneinen. Er war nicht blind gegenüber der Realität des Lebens; er war ein Mensch einer Welanschauung. Dass diese der Welt angehört, die unter den Trümmern der Barbarei liegt, ist unser aller Tragödie. Vor allem ist es mir ein Herzensbedürfnis, seiner zu gedenken, so lange noch Menschen leben, die sich seiner erinnern. Ich sehe ihn vor mir mit seiner stets schon von weitem unverkennbaren Erscheinung. Er war äusserlich klein, aber hatte einen energischen Schritt. Sein Antlitz strahlte Willenskraft wieder. Wenn er wollte, konnte er sehr herzlich sein aber auch sehr kämpferisch und agressiv. Man musste zu ihm eine Beziehung haben — sie konnte auch negativ sein, — vor allem wenn es um Fragen der Weltanschauung ging. Er war ein überzeugter religiös liberaler Jude. Er bekämpfte den Zionismus. Aber der Mensch Hermann Vogelstein rifit seinen klaren, kompromisslosen Überzeugungen wurde geachtet. Er ist in Pilsen, wo sein Vater Heynemann Vogelstein damals Rabbiner war, 1879 geboren; er studierte in Breslau und Berlin (Jüdisch-Theologisches Seminar, Hochschule, Universität). War zuerst Rabbiner in Oppeln und Königsberg und seit 1920 (in Breslau. Am 5. November 1938 übergab er seinem Nachfolger Dr. Reinhold Lewin seine Kanzel in der Neuen Synagoge am Anger. Fünf Tage später wurde sie durch barbarische Hände zerstört. An diesem Morgen hat er sich wohl die Liebe zu dem Land seines Lebens aus dem Herzen gerissen und ging in die Emigration nach USA. In New York suchte er von Neuem aufzubauen. Er versammelte um sich einen Kreis von Kollegen, mit denen er sich den neuen Problemen der Einordnung widmete. Vogelstein war aktiv im New Yorker Rabbinerverband und der Association der Reform Rabbis in New York. Trotz des Verlustes seiner Bücher und Materialiensammlung gab er eine neue Fassung seines zusammen mit seinem Jugendfreund dem Stuttgarter Gemeinderabbiner Dr. Paul Rieger 1895/6 geschriebenen Buches über die Geschichte der Juden in Rom heraus. Mein Exemplar enthält seine klaren schönen Schriftzüge: “Meinem lieben Kollegen Egon Löwenstein freundschaftlichst, der Verfasser“. Diese Widmung sagt sehr viel. Der bewusst religiös liberale Rabbiner, der am Ende einer erfolgreichen-tragisch abgeschlossenen Karriere stand, begrüsste den jungen Freund, der gerade seine Laufbahn begann. Vogelstein kannte meine Familie und unsere religiös konservative Einstellung, die mit der Storch-Synagoge verbunden war. Trotzdem lud er auch mich im Rahmen einer Arbeitsgemeinschaft von Hörern des Breslauer Rabbinerseminars ein, die sich in seiner Wohnung versammelten und denen er aus seinem reichen Wissensschatz weitergab. Wie oft stand er vor seinem grossen Zettelkasten und sagte mit einem Stossseufzer: “Leider muss es bei diesen Zetteln bleiben. Die praktische Gemeindearbeit lässt mir keine Zeit, um Bücher zu schreiben“. Diesem Kummer gab er auch in seiner Glückwunschadresse zum 75 jährigen Bestehen des Rabbinerseminars Ausdruck sowie im Vorwort zu seinem Buch “Rome" (Jewish Publication Society). Er lernte Zeit seines Lebens. Immer wieder sagte er den Schülern, die seine religiös liberalen Überzeugungen teilten: Unwissenheit ist keine Begründung für religiös-liberales Judentum. Wir müssen unsere Entscheidung belegen können“. Ich erinnere mich, dass wir ihn nach seiner Rückkehr von einer Nordamerikareise am Schabbat — nach dem Gottesdienst in der Seminarsynagoge — am Seiteneingang der “Neuen Synagoge” begrüssten. Er rief mit der für ihn charakteristischen Stimme aus: “Alle meine Kollegen”. Voller Stolz über diesen Empfang gingen wir in seine Wohnung. Es war Post abgegeben worden. Obwohl Schabbat, wollte er doch ihren Inhalt kennen. Er sah auf mich. Ging ins Nebenzimmer. Sie war später geöffnet. Der kämpferisch religiös liberale Hermann Vogelstein konnte auf die Überzeugung anderer Rücksicht nehmen. Vogelsteins persönliche Beziehungen zum Seminar waren reserviert. Er hatte an ihm mit seinem Rabbinerstudium begonnen, war aber dann zusammen mit seinem Freund Paul Rieger an die Hochschule nach Berlin gegangen, die der frühere Breslauer Gemeinderabbiner Abraham Geiger gegründet hatte. Vogelstein fühlte sich als Schüler Abraham Geigers. Im Jahre 1910 schreibt er in seiner Einleitung zu dem von seinem Vater geschriebenen Artikel über die “Systematische Theologie Abraham Geigers” folgendes Bekenntnis: “Wir stehen auf den Schultern Abraham Geigers”. Damit bekennt er sich nicht nur zu der kritischen Geschichtsauffassung des ersten Breslauer liberalen Gemeinderabbiners. Geiger war von Breslau nach Berlin gegangen mit der Überzeugung, dass im ein schwere Unrecht geschehen war. Er war der Auffassung, dass der Stifter des Breslauer Seminers, Jonas Fränkel, an ihn als den ersten Seminardirektor gedacht hatte und nicht an Zacharias Frankel. Vogelstein gab Geiger recht. So kam es, dass seine Beziehungen zum Seminar nicht so warm waren wie die seiner Vorgänger Emanuel Joel und Jakob Guttmann, die auch in ihrer religiösen Einstellung Dem “positiv-historiscSien “Judentum nahestanden. Die positive Einstellung zu Geiger bestimmte Vogelstein’s religiöse Überzeugung. Ihr entsprang auch seine Ablehnung des Zionismus. Geiger war in erster Linie Theologie. Seine reichen und ausgedehnten religionsgeschichtlichen Arbeiten dienten der Fundamentierung seiner Theologie. Wollte Secharja Frankel zeigen wie es geworden war, suchte Geiger das Werden — die Entwicklung — zu zeichnen. Dieses Werden ist nicht abgeschlossen, es wirkt auch in der Gegenwart. So gibt nach Geiger Theologie den ewigen Gehalt des Judentums wieder, aber auch die in den Gemütern wurzelnden Anschauungen, — auch wenn sie sich an vergängliches klammern — und sie spiegelt Geist der Gegenwart wieder. Auf diesen Schultern stand Hermann Vogelstein. Vor mir liegt eine Vorlesung, die Vogelstein 1925 in London im Jewish Institute of Religion gehalten hat (mit seiner persönlichen Widmung: “Herrn Dr. Heinemann mit ergebenstem Gruss, Breslau, 15.3.28 Vogelstein). Das Thema ist: “Einige Probleme der jüdischen Geschichte der Zeit des zweiten Tempels. Sie behandelt Fragen, die ihn stets beschäftigt haben, u.a. Anfänge des Talmuds und die Entstehung des Christentums, 1902 — Die Enstehung und Entwicklung des Apostolats im Judentum (MGWJ 1905), Thora, Propheten, Weise, (1912 Hermann Cohen Festschrift), Religion und Staat im nachexllischen Judentum (MGWJ 1925) Tradition (1928, Festgabe für Claude G. Montefiore). Alle Problemstellungen scheinen auf den ersten Blick weit ab von den Fragen seiner Zeit zu liegen. Aber die religionshistorischen Arbeiten dienen der Bergündung seiner Theologie: In der Vorlesung in London (s.o.) heisst es: Die grosse religiöse Revolution der Propheten hat das Problem Religion und Staat erst geschaffen. Sie haben die Religion vom Staat gelöst, die Universalität Gottes verkündet und ausgesprochen, dass In der Vernichtung dieses Staates und Volkes, das seinen geschichtlichen Beruf verkannt hat, sich das innerste Sein Gottes erst offenbart. Durch den Zusammenbruch und das babylonische Exil fand diese Lehre ihre Bestätigung. Die endgültige Lösung brachte Jochanan ben Sakai, nach dem Zusammenbruch im römischen Krieg, mit seiner Gründung des Lehrhauses in Jabne mit genialem Weitblick und genialem Erfassen der prophetischen Idee”. Durch die Zerstörung des Staates ist das Primat des Religiösen im Judentum zum klaren Ausdruck gekommen. “Das Entscheidende war nun, dass im Judentum Gemeinschaftsreligion und persönliche Religion in vollem Einklang war.Und wenn ich einen Augenblick von der geschichtlichen Betrachtung abschen und auf Gegenwart und Zukunft blicken darf, so ist diese Frage des Einklangs von persönlicher und Gemeinschaftsreligion die grosse Frage von Gegenwart und Zukunft. Und die grosse Aufgabe gerade für uns Theologen!!) ist, diesen Einklang unter den stetig wechselnden Verhältnissen und geistigen Bedingungen Immer wieder herzustellen”. Aus dem Werden der Geschichte sucht der Theologe die Lösung der Probleme der Gegenwart und Zukunft. Für ihn ist das religiöse Problem nicht der Mensch und sein Schicksal, sondern der Mensch und sein Sollen. Aus dieser Religionsgeschichte ergab sich Vogelsteins Stellung zum Zionismus. Für ihn ist nicht entscheidend das Schicksal des Jüdischen Volkes — damls vor dem Schicksalsjahr 1933. Nicht die äusseren Bedingungen sind für seine Zukunft ausschlaggebend, sondern sein Sollen, seine Aufgabe. Darum war für ihn die “romantische Sehnsucht” nach der nationalen Wiedergeburt eine falsche “Reaktion”. Die Zerstörung des Staatswesens im Jahre 70 hat im Judentum den Weg zur Befreiung des prophetischen Universalismus von den Schranken der Nation gebahnt. Die Tragödie unserer Zeit hat diese Ideen unter den Trümmern einer im Blut der Millionen ertrunkenen Welt begraben. Hermann Vogelstein hat dies in den letzten Jahren seines Lebens geahnt. Vor mir liegen Briefe von ihm selbst und Mitgliedern seiner Familie. Aus ihnen will ich einiges erzählen, um sein Bild abzurunden. Ein Rundbrief aus New York — August 1941. Er bemüht sich den Kontakt mit den in die Welt zerstreuten Kollegen aus Mitteleuropa aufrecht zu (Fortsetzung auf Seite 18) 17

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