Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1978
- Issue
- No. 44 (Oktober 1978)
- Date
- 1978-10-01
- Page
- Seite 16 (sequence 2385)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Mentioned entities
- Max Tau 9× ep/1025681
- Thomas Mann 2× ep/1025357
- Arnold Zweig 1× ep/1009291
- Franz Werfel 1× ep/1000003
- Hans Werner Richter 1× ep/1025515
- Heinrich Mann 1× ep/1025356
- Hermann Stehr 1× ep/1025641
- Lion Feuchtwanger 1× ep/1005753
- Luise Rinser 1× ep/1025520
- Martin Walser 1× ep/1025739
- Max Brod 1× ep/1024844
- Nikos Kazantzakis 1× ep/1025220
- Oslo 1× ep/1045381
- Peter Bamm 1× ep/1024758
- Rainer Maria Rilke 1× ep/1025518
- Sigrid Undset 1× ep/1026525
- Theodor Fontane 1× ep/1024993
- Wolfgang Koeppen 1× ep/1025253
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- CAROLINE COSSINA Ein Leben für den Frieden - (MAX TAU, 1897—197G) - Die Sehnsucht nach dem Frieden und der Wunsch, ihn auf unserer Erde zu verwirklichen, scheint uns um so stärker zu erfüllen, je weiter wir uns von ihm entfernen. Die in propagandistischen Parolen fleissig zitierte Friedenstaube verweilt hartnäckig auf dem Dach unseres Weltgebäudes. Keinen Tag lang lassen die Medien Zweifel an unserer Siuation auf kommen: Kriege unterschiedlicher Temperaturen, von kalt bis heiss, schwelende oder offene Konflikte, Krisen, Aufstände, Überfälle, Geiselnahmen, Glaubenskämpfe, Diskriminierungen, Verfolgungen, Inhaftierungen, Folterungen, Hinrichtungen... Wir haben uns daran gewöhnt — das tägliche Schockieren schockiert uns nicht mehr, es stumpft uns ab. Ein Gefühl der Mutlosigkeit und der Ohnmacht befällt die Gutwilligen und Verantwortungsbewussten, nicht zuletzt angesichts der so häufig vergeblichen Bemühungen der humanitären Organisationen in aller Welt. “Versucht nicht die Welt durch Pläne und Organisationen zu verbessern, versucht einander näherzukommen, die Menschen einander näherzubringen, mit dem Herzen, nicht mit dem Verstand. - Ihr verlegt den Geist in Programme, in Forderungen und grosse Projekte. Ist es nicht vielleicht wichtiger, ihn zuerst einmal in den Alltag hineinzunehmen? In unser tägliches Leben? Meint ihr nicht, dass eure Pläne erst dann Aussicht auf Erfolg haben, wenn der einzelne von eurem Geist, dem Geist der Versöhnung und Liebe, durchdrungen ist? ” Diese Sätze sammen aus der Feder eines Mannes, der am 14. März 1976, im Alter von 79 Jahren, von uns gegangen ist: Max Tau. Der Schriftsteller Max Tau wurde 1897 in Beuthen (Oberschlesien) geboren. Er studierte ln Hamburg, Berlin und Kiel Germanistik, Psychologie und Philosophie und promovierte 1928 mit einer Arbeit über Theodor Fontane. Als Lektor, Autor und Herausgeber begann er bei Friedrich Lintz in Trier, arbeitete in den dreissiger Jahren beim renommierten Berliner Verlag von Bruno Cassirer und nach seiner Emigration bei angesehenen ausländischen Verlagen wie Grundt-Tanum in Oslo, Esselte in Stockholm und bis zu seinem Tode bei Aschehoug in Oslo. Zahlreiche Autoren verdanken ihm Entdeckung und Förderung, Freundesrat und Hilfe, darunter Bruno Arndt, Walter Bauer, Friedrich Bischoff, Josef und Carel Capek, Max Rene Hesse, Marie Luise Kaschnitz, Wolfgang Koeppen, Ina Seidel, Hermann Stehr, Josef Wiessalla, Georg von der Vring. Er machte in Deutschland die grossen Vertreter der skandinavischen Literatur bekannt: Knut Hamsun, Sigrid Undset, Olav Duun, Gabriel Scott, Johan Falkberget, und die beiden griechischen Schriftsteller Nikos Kazantzakis und Pantelis Prevelakis. 1938 musste Max Tau nach Norwegen fliehen, als Deutscher vor Deutschen, um sein nacktes Leben zu retten; 1942 vertrieb ihn der Nationalsozialismus von dort nach Schweden. Seine nächsten Angehörigen wurden vom politischen Schicksal gequält und gejagt — seine Mutter kam im Konzentrationslager um. Noch während des Krieges, 1943, verlieh die norwegische Exilregierung in London Max Tau die norwegische Staatsbürgerschaft. Zum zweiten Mal war ihm, wie er es fomulierte, sein Leben geschenkt worden. Er gelobte sich, nicht nur nicht zu hassen, sondern von nun an unermüdlich für Versöhnung und Frieden zu arbeiten. Die Weisheit des Leides hatte ihm die Augen dafür geöffnet, dass Friede nur von Mensch zu Mensch geschlossen werden kann. Jeder Weg zur Weite hat seinen Anfang In der Nähe. Friede beginnt mitten im Alltag. Durch alle lauten Parolen und grossen Programme hindurch geht der Ruf zur Ehrfurcht, zur Hilfsbereitschaft und zur Hingabe an den Nächsten, zur Überwindung verhärteter Vorurteile. Denn jedes Unrecht, das zwischen Mensch und Mensch begangen wird, hat weltweite Ausmasse. Jeder Krieg ist nur die Ausstrahlung des Zerwürfnisses, das sich in der Familie, unter Berufskollegen, also im kleinsten Lebenskreis ereignet. Deshalb ist jeder von uns mitverantwortlich für das, was morgen geschieht. Bereits während des Krieges begann Max Tau sein grosses Versöhnungswerk. Es wollte der Stimme des anderen, besseren Deutschlands im Ausland Gehör verschaffen. Der ' Weg zur Verständigung war das Wort — so wurde das Buch zur Botschaft. Als Lektor im Ljus-Verlag (Esselte- Konzern) gründete er eine Abteilung für deutsche Literatur, den Neuen Verlag, und gab Werke von Thomas Mann, Rainer Maria Rilke, Albrecht Schaeffer, Lion Feuchtwanger, Heinrich Mann, Arnold Zweig, Alfred Neumann ü.a. heraus. Diese Bemühungen setzte er nach Kriegsende in Norwegen fort: dort erschienen Waldemar Augustiny, Peter Bamm, Hans Helmut Kirst, Hans Werner Richter, Luise Rinser, Martin Walser ebenso wie Thomas Mann, Franz Werfel und vor allem Albert Schweitzer. Es wäre vollkommen abwegig, Max Taus Haltung als weltfremden Idealismus, als enthusiastische Hochstimmung oder menschheitbeglückenwollende Schwärmerei zu verstehen, als eine Art milden Pazifismus, wie er sich nach dem ersten grossen Krieg unseres Jahrhunderts ausbreitete. Max Taus Menschen- und Weltbild waren tief verankert in der Religion seiner Väter. Die Einheit von Glaube und Gebot, in der die Liebe zum Mitmenschen Gottesdienst ist; In der jedes Leid des Menschenbruders zur Aufgabe wird; in der an Gott glauben bedeutet, an das Gute glauben, an das Leben und an den Menschen, Hessen ihn die Rettung für die Welt nur im Handeln, d.h. in der produktiven Tat der Liebe, im schöpferischen Umgestalten sehen. “Jude sein, das heisst auf dem Wege sein, die Welt zu versöhnen", bekannte er einmal in einem Gespräch mit Max Brod. Nach Kriegsende war Max Tau einer der ersten, der der ernüchterten, erschöpften Menschheit mit seinem 1946 zunächst in norwegischer Sprache erschienenen Roman “Glaube an den Menschen” ein Hoffnungszeichen gab, 1947 plante er zusammen mit seinem tschechischen Freund, dem Verleger Bohumil Janda, einen Zusammenschluss der Verlagsunternehmen der kleinen Nationen. Ihre Aufgabe sollte es sein, durch Druck und Verbreitung bedeutender literarischer Werke; die dem Frieden und der Versöhnung dienten, unsichtbare Brücken zwischen den Staaten zu bauen und so die Völker einander näherzubringen. Doch dann machte der Eiserne Vorhang alle diese Hoffnungen zunichte. Erst 1955 konnte die internationale “Friedensbücherei” unter Beteiligung norwegischer, englischer, amerikanischer, schwedischer, dänischer, israelischer, holländischer und deutscher Verleger gegründet werden. “Wir können einander nicht mit dem Geist begreifen, nur mit dem Herzen”, heisst es im ersten Band “Die Zukunft in deinen Händen” von den Holländern A. den Doolard und Cas Oorthuys. Die Veröffentlichungen dieser Buchreihe sind inzwischen über alle Erdteile hin Gruss und Signal geworden. Auch in seinem eigenen literarischen Werk setzte sich Max Tau für die weltweite Versöhnung zwischen Völkern und Konfessionen ein. Nach “Glaube an den Menschen”, dessen skeptisch belächelter Imperativ das Gesetz seines eigenen Lebens war, erschienen u.a. “Bücher, die dem Frieden dienen”’, “Albert Schweitzer und der Friede“ und der grosse Roman “Denn über uns ist der Himmel”. In den Jahren 1961 bis 1968 folgten die drei autobiographischen Bände “Das Land, das ich verlassen musste”, “Ein Flüchtling findet sein Land“ und “Auf dem Weg zur Versöhnung”. Man hat Max Tau allenthalben Anerkennung gezollt und ihn mit Preisen geehrt, von denen hier nur einige genannt seien: Im April 1950 wurde er in Würdigung seiner persönlichen und literarischen Verdienste um Frieden und Völkerversöhnung zum ersten Träger des neu gegründeten Friedenspreises des Deutschen Buchhandels gewählt. 1965 erhielt er den Kulturpreis der Stadt Dortmund (Nelly-Sachs-Preis), 1966 den Literaturpreis deutscher Freimaurer, und 1970 wurde er mit dem Sonning-Preis der Universität Kopenhagen ausgezeichnet. Max Tau war erfüllt von dem Auftrag, als Mittler geistiger Güter zwischen den Völkern zu stehen. Er predigte nicht Versöhnung: er lebte sie! Es wächst ein Föhrenwald Alexander Pechersky and Gefährten gewidmet. Es wächst ein Föhrenwald in Sobibor. Die jungen Stämme streben hoch empor, dicht beieinander spriessen Äste und hervor aus harzgen Knospen zahlreich die Zapfen springen. Glänzend, brüderlich gleich, dringen duftende Nadeln aus den Zweigen und immergrün in Flor steht Baum an Baum im Föhrenwald in Sobibor. Am 16. Oktober 1943, nach dem Aufstand und Ausbrechen der Häftlinge des Vernichtungslagers Sobibor, ordnete Heinrich Himmler an (um alle Spuren zu tilgen) dass die Gaskammern gesprengt, die Baracken verbrannt, die Wachttürme abgerissen, der Stacheldraht aufgerollt, die Wallgräben eingefüllt, der Boden umgepflügt und ein Wald darauf gepflanzt werde. Die Knochen und Asche von 600.000 ermordeten Juden düngen die Erde im Fährenwald in Sobibor. Stella Rotenberg 16