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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1978-10-01 · No. 44 (Oktober 1978) · p. Seite 18

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1978
Issue
No. 44 (Oktober 1978)
Date
1978-10-01
Page
Seite 18 (sequence 2387)
Language
German
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(Fortsetzung von Seite 17) erhalten. Vor allem wendet er sich an die Kollegen in Nord-und Südamerika. Absender ist Hermann Vogelstein. Das Rundschreiben ist von ihm, Leo Bärwald, Slegmund S. Hannover, Jacob Hoffmann und Adolf Kober. Über den Trümmern des Judentums in Deutschland reichten sich Kollegen der verschiedensten Richtungen die Hände, um die Verbindung aufrecht zu erhalten, den in die Welt zerstreuten Kollegen zu helfen und diejenigen zu fördern, die eine neue Position suchen. Noch nach Gleiwitz erhalten wir kurz vor unserer Auswanderung einen Brief vom 12. Juli, 1939 aus USA: “Auch ich habe den lebhaften Wunsch, dass die Beziehungen, die in Breslau zwischen uns und diesem Kreis Junger Kollegen geknüpft worden sind, nicht abgebrochen werden. Mir hat dieser freundschaftliche Verkehr mit dieser jungen werdenden Theologengeneration gerade in diesen sehr schweren Jahren sehr viel gegeben’’. Ab 19. Januar, 1940 teilt mir Dt. Vogelstein nunmehr nach Santiago de Chile mit, dass der Joint für die neugegründete Gemeinde von Juden aus Mitteleuropa eine erste Quote von US $ 350.— bewilligt hat’. Ich freue mich ausserordentlich über diesen Beschluss. Denn mir liegt die religiöse Versorgung unserer deutschen Juden sehr am Herzen, und in Santiago de Chile sind überdies so viele Breslauer, dass ich ein besonderes Interesse an dieser Gemeinde habe. Die letzte Post brachte zahlreiche Briefe aus Breslau. Die Gemeinde zählt noch immer 9000 Seelen, und die Institutionen sind noch immer in gutem Zustand und in fruchtbarer Tätigkeit..” Darüber hinaus ist in jedem seiner Briefe die tiefe Sorge um seine jungen Kollegen und Freunde spürbar. Ein ausführlicher Brief vom 25. März, 1942... "Ich bin ein schlechter Briefschreiber geworden. Das erklärt sich auch zum Teil aus der Art der Briefe, die ich zu schreiben hatte. Lauter Absagebriefe auf Bitten, die ich gern erfüllt hätte, aber nicht erfüllen konnte, um armen Menschen herauszuhelfen. Denn wenn ich in der ersten Zeit noch etwas erreichen konnte, so hörte das sehr bald auf; denn der kleine Kreis war sehr bald erschöpft. Aber Sie werden verstehen, dass eine derartige Korrespondenz vom Schreiben abschreckt. Und doch ist es unrecht, wie ich mir manchmal und auch jetzt wieder gesagt habe.... Das Problem dort (in Santiago de Chile) ist, die deutschen Juden hineinzubauen in die allgemeine, also spanische Kultur. Denn diese heimatlos gewordenen deutschen Juden dürfen nicht wie die Türken, Syrer, Araber usw. ausserhalb stehen bleiben, sonst sind sie überall heimatlos. Sie müssen vielmehr heimisch werden in den Ländern, in denen sie neue Heimat suchen. Das aber ist der Begriff der Assimilation, d.h. Angleichung: nicht wie man von gewisser Jüdischer Seite das Wort missbraucht: Aufgehen mit Haut und Haaren in der umgebenden Mehrheit. Es ist mir gerade jetzt besonders wieder interessant, in einem soeben erschienenen Buch von Liebermann (Schaul) für die hellenistischen und in einem mir bisher unbekannt gebliebenen Buch von Blondheim für die romanische, also mittelalterliche Zeit den Nachweis geführt zu finden, dass die Juden nicht nur die Sprache ihrer hellenistischen, bez. romanischen Umgebung gesprochen, sondern sich auch in Sitten — und bisweilen auch in Unsitten — nach der Umgebung gerichtet haben.... Meine ganze Bibliothek und alle meine schriftlichen Aufzeichnungen sind verloren, die Nazis haben alles konfisziert”. Wiederum bemüht er sich durch Anregungen und Arbeitsmaterial behilflich zu sein. Interessant ist auch wie er die spezifische Problematik seiner neuen Heimat zu bewältigen sucht. Er hate einen Vortrag über das Negerproblem in USA gehört: “Das ist auch ein schwieriges Problem... Das Schwerste ist ja, die eigenen Vorurteile zu überwinden, die die Menschen von den Menschen scheiden... Ich habe neulich wieder einmal, um mich von allem Rassenhochmut fernzuhalten und um mich gleichzeitig an die Kultur der Azteken und Inkas zu erinnern, Lessings Nathan gelesen, eine wahre Fundgrube von Sprüchen echter Weisheit und echter Menschlichkeit. Das brauchen wir gerade in unserer Zeit, die auf dem besten Wege ist, infolge des barbarisch geführten Krieges den Rest dessen, was sie noch an Menschentum besitzt, zu verlieren. Es wird ohnehin lange dauern und viel Arbeit kosten, ehe die so unbarmherzig vernichtete Kultur einigermassen wieder hergestellt sein wird — von den vernichteten Menschenleben garnicht erst zu reden. (So zukunftsgläubig war Vogelstein noch 1942!) Anliegend sandte er noch einen Gruss zum Abdruck in unserem Gemeindeblatt. Das war seine letzte Nachricht. Am 28. September 1942 ist Hermann Vogelstein mit 72 Jahren verschieden. Sein Lebenskamerad Emmy Vogelstein schreibt mir am 15. XII, 1942: “Viele hundert Condolenzbriefe sind durch meine Hände gegangen.” Und als letztes finde ich in der Briefmappe einen Brief seiner Tochter: “Die Nachrichten aus Ihrem Brief haben wir, — meine Tante Julie Braun-Vogelstein und ich — am Versöhnungstag meinem sterbenden Vater gebracht.... Ihnen, als einem der Schüler, in denen Vaters geistiges Erbe weiterlebt, möchte ich auch von seinen letzten Tagen und Stunden erzählen. Er war während der drei Wochen seines Krankenlagers ganz er selber. Das Verquälte, das in den Jahren seines Aufenthaltes in Amerika oft wie ein Schleier über seinem Wesen gehangen hatte, war verschwunden. Er war ruhig und bestimmt in seinen Wünschen und in seinen nicht- Wünschen. “Ich mag keine Anordnungen geben”, sagte er, als die Pflegerin ihn etwas fragte... Als Mutter am Versöhnungstag ihm erzählte, sie sei in der Synagoge gewesen und habe für ihn mitgebetet, erwiderte er: das ist bei uns Juden nicht nötig; da kann jeder leben und sterben nach seiner eigenen Art”. Dass es zum Sterben ging, wusste er ganz klar, und er begrüsste es. Jedesmal fragte er nach Tante Julies Arbeit. (Tante Julie ist Vaters einzige, 13 Jahre jüngere Schwester, das “Schwesterchen”): Als Ich ihm an einem der letzten Tage erzählte, das eben vollendete Kapitel ihres Buches (Was niemals stirbt, erschienen 1966) sei ihr geistiges Testament, sagte Vater mit Trauer in der Stimme: “Wohl dem, der sein Testament niederschreiben kann”. Darauf konnte ich ihm mit ganzem Herzen antworten: “Vater, es gibt auch w war mar tsrer mam nv m tsmr «sr umr enr rsm mmr ata * NACH 40 JAHREN IN LIEGNITZ Im Juli dieses Jahres hatte ich die Gelegenheit Liegnitz zu besuchen. Die Stadt hat sich seit 1939 fast nicht verändert. Ausser einigen Häuern am Rathaus und dem Theater ist alles sehr schäbig und vernachlässigt. Zwischen dem Ring und dem Bahnhof ist eine grössere Fläche unbehaut, scheinbar durch Kriegsschäden.Es gibt keinerlei Anzeichen mehr dass d. Stadt mal deutsch war. Fast niemand kann oder will deutsch sprechen. Am Platze der Synagoge und des Gemeindehauses steht eine Schule. Der jüdische Friedhof an der Bresiauerstrasse besteht und ist in sehr gutem Zustand. Ein polnischer Gärtner wohnt dort und pflegt die Gräber und Wege. Es gibt neue Gräber aus den Nachkriegsjahren, einige Grabsteine fehlen. Die meisten jedoch stehen noch. Gegenüber dem Friedhofe liegt eine neue Siedlung. Man sieht viele Russen mit Familien, da eine grosse russische Garnison in Liegnitz stationiert ist. Auf dem Rückwege besuchten wir Waldenburg und Hirschberg. Der Marktplatz in Hirschberg wurde sehr schön wiederhergestellt. (Siehe Bild Seite 40) Schmuel Kühnberg, Givatayim ein Testament des Lebens”. Da hielt er meinen Kopf noch einmal fest und küsste mich auf die Stirn. Doch das ganz wesentliche sprach er am Tage seines Todes, wenige Stunden vor seinem Hinscheiden ganz allein mit der geliebten Schwester aus: Er war sehr schwach, aber ganz klar. Jeder, so sagte er, müsse eine Beziehung zur Ewigkeit herstellen. Die echte Beziehung zur Ewigkeit sei eine geistige, dieser geistigen Beziehung vertraute er. Die werde auch der Barbarei eines Tages ein Ende bereiten. Sein Glaube an einen Sieg des Geistes über die niederen Mächte blieb bis zur letzten Stunde unerschüttert. Und so sah er aus. Die Geistigkeit seines Kopfes kam noch einmal ganz zum Ausdruck”.... Mit ihm ging wohl einer der letzten Liberalen aus Weltanschauung von dieser Welt. Er war sich offensichtlich bewusst, dass die Tragik unserer Zeit ihm Umrecht gegeben hat. Darum trauerte er, dass er kein weltanchauliches Testament hinerlassen konnte. Wir können dies nur mit Trauer feststellen. Aber uns bleibt das Testament seines Lebens im Dienst. Im Jahre 1929 gab er zusammen mit Prof. Ismar Elbogen und dem Frankfurter Rabbiner Dr. Caesar Seligman das Einheitsgebetbuch für die Gottesdienste nach liberalem Ritus in Deutschland heraus, in dem viele traditionelle Gebete wieder ihren historischen Platz fanden. Elbogen hat schon im Jahre 1928 in seinem Beitrag zum 70. Geburtstag von Claude Montefiore anerkannt, dass die Geschichte die Stellungnahme von Zacharias Frankel im Sinne des positiv-historischen Judentums (s. der Streit um die “positivhistorische Reform”) gerechtfertigt hat. Und in seinem Epilog zu seinem 1949 posthum erschienenen umfassenden Werk “A Century of Jewish Life” sieht der einstmalige Dozent auf dem Stuhl Abraham Geigers in der Berliner Hochschule "in der Wiedergeburt Zions eine vornehme Aufgabe, welche an den Stolz der Juden und an ihr Solidaritätsgefühl appeliert“. Tragisch ist sein Pessimismus über das Judentmn in USA, der in einem Brief an mich vom 11. August, 1942, zum Ausdruck kommt. Auch Caesar Seligman (1860—1950) einer der Bergünder der “Vereinigung für das liberale Judentum“ im Jahre 1910 schrieb mir am 19. Juni, 1946 als Dank auf meinen Artikel in dem Gemeindeblatt in Santiago de Chile zu seinem 85. Geburtstag: "... Sie haben mein Verhältnis zum Zionismus richtig verstanden und dargestellt, übrigens hat schon Achad Haam vor 50 Jahren mich als Kronzeugen für die veränderte Stellung des liberalen Rabbiners zum Zionismus zitiert”, (siehe Jüdische Rundschau vom Januar 1927) ... Leider ist Hermann Vogelstein zu früh von uns gegangen, um sagen zu können, ob auch er seinen Frieden mit dem Zionismus angesicht des “Schicksals” des jüdischen Volkes gemacht hätte. Trotz aller Verschiedenheit der Wege und der Weltanschauung bleibt über die Jahrzehnte hinweg die Erinnerung seiner Schüler an den Menschen und Seelsorger Hermann Vogeistein mit seinem Ringen um sein Judesein. Er war erfüllt von einer Idee — von der Universalität des Geistes im weitesten Sinne des Wortes. Es mag eine Analyse der Irrungen gewesen sein, aber sie weir von einem tiefen Glauben erfüllt, von dem Vertrauen an den Sieg der prophetischen Revolution. Wir gedenken seiner in Verehrung — trotzdem uns G”ttes Wege auf andere Pfade geführt haben. Wir suchen nicht in das “Werdende” lenkend einzugreifen sondern das “Gewordene” künftigen Generationen in ihrer Sprache weiterzugeben. Das kann überall geschehen, wo ein Minjan sich in einer Gemeinde versammelt. Aber nirgends sind die Vorbedingungen für einen Erfolg so offensichtlich wie in unserem Ringen in Medinat Israel. Rabb. L Löwenstein, Jerusalem 18

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