Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1978
- Issue
- No. 44 (Oktober 1978)
- Date
- 1978-10-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2371)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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(Fortsetzung von Seite 1) chen wird? Wird unser aller Sehnsucht nun im Jahre 5739 ihre Erfüllung finden, werden zumindest entsprechende Verhandlungen eingeleitet werden? — Wie immer — und wie seit Jahrtausenden — wir können nur beten und hoffen. Da kann jeder mittun, Jeder, ohne Unterschied von Geschlecht und Alter, an jedem Platz dieser Welt und zu jeder Minute. Auch das ist unser Teil, dieses ununterbrochene Mittun, jeder mit dem untergründigen Gefühl, er sei nur ein Tropfen im Ozean — aber gerade auf diesen Tropfen kommt es vielleicht letztlich an.. Gewiss, die hohe (und niedere) Politik, die leider bekannten Zwistigkeiten in Gremien und Parteien, geben sich gewichtig und verhindern so oft den geraden Weg des Guten. Und wieviel Gutes gibt es doch, wenn man es nur sehen will: Wir feiern jetzt unser Neujahr, begehen den Versöhnungstag und freuen uns auf Sukkoth — wir kommen zusammen, ernst und freudig gleichermassen gestimmt. Ja, wir sind doch zusammen, hier, in unserem Lande, in unserer jüdischen Gemeinschaft — kann es noch Besseres geben? Nicht immer sind wir uns bewusst, wie viel Dank wir schuldig sind für diese beglückenden Tatsachen. Auch wenn es mal Streit gibt "in der Familie”, bleibt sie doch geeint — auch dann, wenn diese Familie einen ganzen Staat bildet! Im Grunde genommen — leider geschieht’s nur selten, dass man sich seiner Familie rühmt, weil sich das nicht passt! — sind wir doch stolz auf diese Familie, und sie ist es auf uns; sind wir stolz auf unsere Jugend, und sie ist es auf ihre Vorfahren. Aber Demut und gleichzeitig Stolz? Geht das an oder ist statthaft? Wir glauben, dies in einem Atemzug sagen zu dürfen — stolz dürfen wir sein den Menschen, Völkern und Nationen gegenüber, demütig aber nur vor dem Grossen und Einen, dem Schöpfer des Lichtes nach aller Finsternis. — Dies unsere einfache, rein menschliche Betrachtung, die uns in den Tagen und Stunden beschäftigt, die wir da verbringen auf unserem Platz in aufgereihten Bänken zwischen Thoraschrein und Ewigem Licht, in die alten Gebete vertieft. Da dringt kein Alltagslärm und kein Geschrei bis zu uns, nie mehr möge unser heiligster Tag gestört werden durch brutale Angriffe. — Da zählt nur noch unsere tiefe Bitte, den “geraden Weg zum Guten” zu finden, zählt nur unsere grenzenlose Sehnsucht nach endlichem Frieden mit den Völkern ringsum. An die Jahreswende als Schicksalswende zum Guten zu glauben, war und ist unser Teil und wird es bleiben, so lange wir selbst noch bleiben dürfen.. Wir, die ehemaligen Zugehörigen der sogen. "Fünften Aliya”, und die nun — 45 Jahre später — noch immer von den gleichen Ideen getragen sind, denen nach Ausgleich, Versöhnung und Frieden. Die Realisierung dieser Ideen bedeutet uns auch heute wie damals das Erstrebenswerteste in diesem Leben, mag man uns auch öfters dafür leise lächelnd als die “ewig Unbelehrbaren”, die unentwegt Naiven, bezeichnen. Wir halten trotz allem daran fest, dass der Glaube an' die Verwirklichung schon die halbe Erfüllung beinhaltet — der Friede wird kommen, weil er kommen muss! — — Ein neues “Bereschit”, in dem wieder das Licht die Finsternis überwindet. (Ein Gedicht der Unterzeichneten, “Genesis” betitelt, schllesst in diesem Sinne, “hoch über Wassern / schwebet Schöpfers Geist”.) Noch immer, für immer — für jeden "Tropfen im Ozean”. Jihje tovü « Uber die Wissenschaft des Judentums in Deutschland (Zum 40. Jahrestag nach der Kristallnacht 1938) von E.M. HAUSCHNER I Als nach dem Ende des 2. Weltkrieges im Senat der hebräischen Universität in Jerusalem die Frage diskutiert wurde, ob die deutsche Sprache an dieser Universität gelehrt werden sollte, sagte Harav Professor Simchah Assaf, Dozent für die Literatur der | Dezisoren und Responsa der Gaonim, nachher J Richter am obersten Gerichtshof des Staates Is- I rael: “BliGermanit — E’n Madae Hajahadut” (ohne | Deutsch gibt es keine Wissenschaft des Juden- I tums). 40 Jahre (der jüdischen Tradition nach I ein ganzes Menschengechlecht) nach der | Kristallnacht und dem Ende der Wissenschaft des | Judentums in Deutschland, soll hier eine Bilanz 5 gezogen werden, was das deutsche Judentum dem | gesamten jüdischen Volke gegeben hat. In den 106 | Jahren vom Jahre 1832, in dem Jom Tow Lipmann | (Leopold) Zunz sein Buch über die g”ttesdienstli- J chen Vorträge der Juden veröffentlichte, bis zum | letzten Band der Monatsschrift für die Wissen- | schaft des Judentums im Jahre 1938, wurden in I Deutschland Standardwerke der jüdischen For-! schung und des jüdischen Denkens in e'Aiem Masse | veröffentlicht, wie es damals in keinem anderen | Land geschah, abgesehen von der halachischen Li- J teratur, welche Rabbanim auf der ganzen Welt | veröffentlichten. I Nach der Mendelsohnschen Epoche und in dem i Streben der deutschen Juden nach Emanzipation, | kam wie immer in der jüdischen Geschichte, wenn | Juden sich assimilieren wollten, der Rückschlag,! und der Judenhass war in Deutschland wieder 1 "salonfähig”. In dieser Zeit standen Männer auf, | welche, ausgerüstet mit den modernen wissen- | schaftlichen Methoden, und beseelt von der Liebe 2 zur jüdischen Vergangenheit und ihrer Literatur I sowohl der nicht jüdischen Umwelt, wie auch ihren | jüdischen Brüdern beweisen wollten, wieviel Kulte tur, Ethik und Denken in dem jüdischen Schrifttum I enthalten ist. Um den jüdischen Gemeinden Rab- | biner und Lehrer zu geben, welche zusammen mit | ihrer rabbinischen Ausbildung auch wissenschaft- J lieh geschult waren, wurde in Breslau das jüdisch | thelogische Seminar (Fränkelsche Stiftung) ge- | gründet. Das Breslaur Seminar war das Vorbild der meisten Seminare in Europa: Budapest, Wien, 1 2 Paris, Florenz, des Jewish College in London u.s.w. I Diese Seminare vertraten die positiv historische | konservative Richtung, im Sinne des Gründers des I Breslauer Seminars R. Secharjah Frankel s.A. Aber 1 auch die 2 Seminare anderer Richtung, die Hoch- | schule für die Wissenschaft des Judentums und | das Hildesheimer Seminar, beide in Berlin, waren 2 auf der wissenschaftlichen und pädagogischen ( Grundlage des Breslauer Seminars aufgebaut, wenn | auch das Lehrprogramm, dem Inhalt und der re- | ligiösen Ansicht nach verschieden war. | Alle diese Institutionen entwickelten eine un- | gewöhnliche Tätigkeit in der Forschung des Ju- J dentums und hatten einen grossen Einfluss auf I das gesamte Weltjudentum. Es erschienen Stan- | dardwerke, welche auch heute noch die Grund- | pfeiler der Forschung des Judentums sind, z.B. die J Werke von Secharjah Frankel über die Entstehung | der Mischnah (“Darke Hamischnah’), von Rabb. I Prof. D. Z. Hoffmann, dem Rektor des Hildeshei- I mer Seminars, über die Ur Mischnah und seine 1 wissenschaftlich — traditionellen Kommentare zum Frieda Hebel | 3. und 5. Buch der Thora und seine Schrift gegen die Bibelkritik von Wellhausen. Die jüdische Geschichte von Zwi Heinrich Grätz ist bis heute unübertroffen. Die Werke von Professor Heinemann über Phiion und andere Philosophen des Altertums und deren Einfluss auf das damalige Judentum und umgekehrt, sowie das Werk von Vogelstein- Rieger “Die Geschichte der Juden in Rom” werden immer wieder von den Professoren Gedaljah Alon und Schmuei Saphrai in ihren Forschungen über die Zeit der Mischnah und des Talmud zitiert. In den letzten 5 Jahren ersshienen in Israel 5 Bücher jüdischer Forschung und jüdischen Denkens, ins hebräische übersetzt: Das Wesen des Judentum von Leo Bäck, der Stern der Erlösung von Franz Rosenzweig, der jüdische G”ttesdienst in seiner geschichtlichen Entwicklung von Ismar Ellbogen, Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums von Hermann Cohen und dieses Jahr eine Auswahl der jüdischen Schriften von Hermann Cohen. All das beweist, wie gross der Einfluss des deutschen Judentums war und bis heute noch ist. Auch in pädagogischer Beziehung war das deutsche Judentum tonangebend. Die Methode von Samson Raphatel Hirsch: “Thora im Derech Eretz” — jüdisches Wissen verbunden mit allgemeinem, verbreitete sich in der ganzen Welt. Es gibt heute auf der ganzen Welt keine wirkliche jüdische Schule, welche nicht nach diesem System geführt wird. Das jüdisch religiöse Schulwerk des Misrachi und der Jeschiwoth Hatichonioth, ohne die heute keine religiöse-jüdische-nationale Erziehung denkbar ist, sind auf dieser Methode aufgebaut. Und zum Schluss noch ein Kuriosum: Die Reformbewegung, welche in Deutschland nie Fuss fasste (es war in Deutschland ein Unterschied zwischen der liberalen u. der Reformbewegung) u.über deren Gründer Samuel Holdheim, Michael Sachs sagte: “Das einzige jüdische an ihm ist sein Deutsch”. — diese Bewegung wurde nach Amerika exportiert und breitete sich dort aus. Sie gründete dort ein Seminar für Reform Rabbis, das Hebrew Union College, und dieses Seminar wird, seit seine Leitung in den Händen von Nelson Glück lag, in jüdisch nationalem Sinne geführt, und keiner seiner Absolventen erhält ein Abschlusszeugnis, wenn er nicht mindestens ein Jahr in Jeruschalajim gelernt hat. . Heute, wo das Hauptzentrum der jüdischen Wissenschaft im Staate Israel ist und danach in den jüdisch wissenschaftlichen Institutionen in Amerika, können wir mit Sicherheit behaupten, dass die Wissenschaft des Judentums in Deutschland viel zur Entwicklung der jüdisch wissenschaftlichen Institute in Israel und Amerika beigetragen hat. Die meisten Gründer dieser Institutionen erhielten ihre erste Ausbildung an den Seminaren in Deutschland und auch viele jüdische Gelehrte aus Polen und Litauen erwarben sich dort ihre wissenschaftliche Ausbildung. Im Abstand von 40 Jahren können wir mit Stolz sagen, dass das Judentum in Deutschland die Grundpfeiler für die Wissenschaft des Judentums gelegt hat und als solches immer einen Ehrenplatz in der jüdischen Geschichte einnehmen wird. E. M. Hauschner, Ramat Gan 2