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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1978-10-01 · No. 44 (Oktober 1978) · p. Seite 3

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1978
Issue
No. 44 (Oktober 1978)
Date
1978-10-01
Page
Seite 3 (sequence 2372)
Language
German
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Der We Diese Zeilen werden in der Woche geschrieben, in der in den Synagogen der Welt aus dem Buch der Bücher der Satz zur Verlesung kommt: „Du sollst des ganzen Weges gedenken, den der Ewige Dein G’tt Dich schon 40 Jahre in der Wüste geführt...”. Die Zahl 40 kehrt in unserem Schrifttum immer wieder Vierzig Jahre war für unsere Vorfahren die Dauer einer Generation — nicht 30, wie im Gedankengut Europas. Auch wir gedenken in diesen Tagen besonders intensiv der 40 Jahre unseres Weges. Wir gehen dem Jom Hasikaron entgegen, mit dem ein neues Jahr seinen Anfang nimmt. An ihm ziehen im Bilde unseres Schrifttums unsere Taten vor dem Richterstuhl des Allmächtigen vorüber. Aber in den Jamim Noraim erinnern wir uns auch unseres eigenen Lebensweges, unter allen Fest—und Fasttagen des Jahres sind die “ehrfurchtsgebietenden Tage” die erinnerungsreichsten. Vor nunmehr 40 Jahren — im November 1938 — wurde die Wiege des modernen Judentums — das Judentum in Deutschland — endgültig zerstört. Viele der Leser der “Mitteilungen” haben die Flammen gesehen, in denen unsere Synagogen vernichtet wurden und die Hände beobachtet, die die Zentren jüdischer Kultur in West-Europa barbarisch zerstörten. Die Erinnerung an diese Novembertage begleitet unser Leben. Damals wurde uns brutal alles aus dem Herzen gerissen, was uns mit dem Land verband, das unsere Wiege war. Es gibt Augenblicke, in denen wir uns bewusst werden, was uns genommen wurde. Dies geschah mir im Verlauf des vergangenen Jahres 5738. II. Aus Anlass des 90. Jahrestages der Gründung der B’ne Brith in Israel wurde in Jerusalem die B’ne Brith Bibliothek auf der B’ne Brithstrasse wieder eingeweiht. Jahrelang war dieses Gebäude unbenutzt geblieben. Ich sah es nach meiner Alijah vor fast 8 Jahren zum ersten Mal von innen. Dank der Initiative des Präsidenten des Jüdischen Welt- Kongresses u. Ehrenpräsidenten des Weltordens Bne Brith Philip Klutznik wurde diese Haus vor allem als Bibliothek wieder neu eingeweiht. Im Jahre 1927 beschrieb Prof. Heinrich Löwe im 2. Band der Soncinoblätter (Beiträge zur Kunde des jüdischen Buches) dieses Haus. Er erwähnt die Unterstützung der Grossloge Deutschlands der Bne Brith, sowie des Hilfsvereins der deutschen Juden bei der Errichtung dieses Gebäudes. Es steht in der Nähe von “Mea Shearim”, am Ende der Abessynischen Strase, wo diese auf die neue Vorstadt Sichron Mosche stösst. Soweit reichte damals das Interesse unserer Eltern u. Grosseltern. Man dachte nicht nur an die Armen Jerusalems sondern auch an alle diejenigen, deren Lebensinhalt “Lernen” war. Bei der Wiedereinweihung dieser Bibliothek ging ich durch die Buchreihen. Ich sah nur hebräische Bücher, die alle nicht mehrneuesten Datums waren. Aber in einer Ecke versteckt sah ich eine Zeitung in deuscher Sprache. Ich wurde neugierig. War es die zionistische „Jüdische Rundschau” oder der orthodoxe “Israelit“? Es war die C.V. Zeitung vom 4. Januar 1935. Wie mag diese einzelne Nummer dorthin gekommen sein? Das werden wir niemals erfahren. Aber nicht der Fund selbst war das Erregende des Augenblicks. Sondern der Inhalt dieser Zeitung. Eine Unzahl von Erinnerungen wurden aufgerührt — im Text, in den Mitteilungen, Inseraten u. durch den Leitartikel. Ich g einer Ge _ Von Rabb. Israel Egon Löwenstein, Jerusalem , kann von diesen Erinnerungen nur einen kleinen Ausschnitt wiedergeben. III. Auf der ersten Seite wird Otto Hirsch, einem der leitenden Mitarbeiter der Reichsvertretung und Mitglied des Hauptvorstandes des C.V. zum 50ten Geburtstage gratuliert. Ihm werden noch viele Jahre gesegneter Arbeit für das deutsche Judentum gewünscht. Leo Bäck sagt von ihm nach der Katastrophe “Nie hat seine Tapferkeit versagt. Als der Verfasser dieser Zeilen am Tage nach dem Brande der Synagogen im November 1938 beschloss, nach der Reichskanzlei zu gehen... bestand Dr. Hirsch darauf, dass er mitgehe, um jede Gefahr zu teilen.” Otto Hirsch ging zusammen mit Millionen anderen den Weg bis zum bitteren Ende. Auf der ersten Seite ist noch trügerische Hoffnung sichtbar. Es wird von “Konkordatsbemühungen“ gesprochen. Man hielt es noch für möglich, das Dasein deutscher Juden innerhalb der deutschen Volksgemeinschaft und der deutschen Grenzen regeln zu können. Vor 40 Jahren kam der Tag des tragischen Erwachens. Für viele war es zu spät. Auf einer anderen Seite veröffentlicht Mark Wischnitzer Auswandererbriefe aus Süd-Amerika. Für den Schreiber dieser Zeilen, der 32 Jahre auf diesem Kontinent gelebt und gearbeitet hat, eine besonders erregende Wiederbegegnung. Unter der Überschrift “Ehrungen für Justizrat Arthur Kochmann, Gleiwitz mein 1. Gemeinde- Präsident — zu seinem 70. Geburtstag finden wir Namen, die vielen unserer Leser bekannt sind: Die Rabbiner Dr. S. Ochs u. Prof. Dr. Golinski, Dr. Julius Seligsohn, namens der Reichsvertretung, (seiner gedenkt Leo Bäck zusammen mit Otto Hisch als Opfer unserer Zeit). Der Ehrenbürger von Gleiwitz, „Arthur Kochm.ann“, wurde am 28. Dezember 1943 als letzter Jude Oberschlesiens nach Auschwitz verbracht (nach “Bewährung im Untergang” — ein Gedenkbuch von Dr. E.G. Lowenthal). In dieser C.V. Zeitung wird auch über einen Abend berichtet, an dem der Vorsitzende der deutschen Landesorganisation der Agudas Jisroel Rabbiner Dr. Moses Auerbach vor seiner Übersiedlung nach Palästina verabschiedet wirft Es selbst sprach über “Religiöse Erziehungsprobleme in Erez Jisroel”. Einer der Sprecher des Abends war Herbert Naftali Sonn als Vertreter der chaluzisch agudistischen Jugend. Aber auch die Tragödie wird spürbar. Es wird eine Zeitungsumfrage an 12 —14 jährige Kinder berichtet. Sie werden gefragt: Wie denkt Ihr über die Juden? Einer dieser Kinder antwortet: “Warum sollen wir die Juden im deutschen Volk behalten, wo wir doch selber so viele Arbeiter haben?” (Wahrscheinlich werden Arbeitslose gemeint). Die Erwartungen dieses Kindes haben sich tragisch erfüllt. Auch der Lebenswille wird immer wieder spürbar. Die Breslauer Ortsgruppe des jüdischen Frauenbundes beging die 25. Wiederkehr ihres Gründungstages mit einem Festabend. Die Festrede hielt die Gemeindeälteste Paula Ollcndorf. Als die letzten Schöpfungen des Frauenbundes werden das Beate Guttmann Heim und die Pau’a Ollendorf Haushaltungsschule erwähnt. Was für eine Fülle von Erinnerungen. In dieser C.V. Zeitung spiegelt sich auch wieder, was Prof. Akiba Simon “Aufbau Im Untergang” nannte. Viele Kulturveranstaltungen, die ein neration Teil des geistigen Wiederstandes gegen das “neue Deutschland” waren. Prof. Martin Buber — dessen 100. Geburtstag wir in diesem Jahr gedenken — hält in der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums Gastvorlesungen über messianische Texte. Rabb. Dr. Manfred Swarsensky wandert durch die Jahrhunderte, Rabb. Dr. Alexander Altmann spricht über „Jüdisches Lernen“. In das Berliner Logenheim in der Kleisstrasse wird zu einem Vortrag von Dr. Ernst A. Simon “Von Hiob zu Faust” (heute verstehen wir nach 43 Jahren das Thema noch klarer) eingeladen. Mit Recht kann der Leser fragen: Welche Beziehung besteht zwischen diesen Erinnerungen und dem Beginn eines neuen Jahres, dem diese Nummer unserer Mitteilungen gewidmet ist? IV. Auf der Titelseite finden wir den Artikel des Hauptschriftleiters Dr. Alfred Hirschberg. (Er hat später am Aufbau jüdischen Gemeindelebens in Sao Paulo, sowie im Dachverband unserer Gemeinden in Südamerika der CENTRA — führend teilgenommen, und war Präsident des Keren Hajessod in Sao Paulo.). Stellenweise ist dieser Artikel “Die Sekunde der Jahreswende” nur zwischen den Zeilen zu verstehen und auch mit seinen Illusionen nur aus der damaligen Situation zu begreifen. Der Aufsatz geht von der Sekunde der bürgerlichen Jahreswende aus. Aber die Sekunde der harten Zeit wird der Ewigkeit Israels gegenübergestellt. Unsere Geschichte kennt den Aufschrei der Münder und Seelen, im Bekenntnis des Sch’ ma, und wir wissen, dass dieses Sch’ma niemals den Menschen entgegengeschrien, sondern zu G”tt gerufen wurde... Aber wir beten zu einem starken G”tt, dass er uns in unserem Stolz festmache und nur vor sich unseren Aufschrei dringen lasse,— vor ihn, bei dem alles Bindestrich—Menschentum den Bindestrich verliert. Kultur-Mensch, Bildungs—Mensch, Edel-Mensch — oder der Bindestrich verschwindet, der Mensch — bleibt. Und wir wollen durch unseren Glauben Menschen sein. Diese Worte können auch heute noch niedergeschrieben werden. Auch heute mehr als 40 Jahre später — wird unser Menschentum oft auf die Probe gestellt. Unsere Welt hat sich verändert. Aus dem schwarzen Rauch der Schoa wurde unsere Medinat Israel geboren. Aber immer noch bleiben uns Stunden des Aufschrei’s vor G”tt und ihm entgegen. Wir sind in unserem Stolz stark geblieben. Doch das ist nicht alles. In den kommenden Wochen steht der Jude vor G”tt als Mensch ohne Bindestrich. Es genügt das "Unetane Tokef” und unser “Vidui” unser Sündenbekenntnis am Jom Kippur durchzulesen, um das zu verstehen. “Du sollst des ganzen Weges gedenken, den der Ewige Dein G”tt Dich schon 40 Jahre in der Wüste geführt.” Die Neujahrsnummer der C.V. Zeitung vom Jahre 1935 hat uns durch unser Leben geführt. Tragische Jahre des Untergangs, stolze Jahre des Wiederaufbaus, 40 Jahre des Ringens um den MENSCHEN. Mit diesen Gedanken öffnen wir — nach dem Einschnitt des Jahres 1938 — wiederum ein neues Kapitel in der jüdischen Geschichte der Generationen — das Jahr 5739. In der nächsten Generation soll der Mensch ohne Bindestrich in der Welt siegen. Dann wird Schalom — Frieden sein. So G”t will. 3

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