Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1977
- Issue
- No. 41 (April 1977)
- Date
- 1977-04-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/7411685-7412524-7496487--0641-7412526- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Der Bild des deutschen Rabbiners, Dr. Isidor Bleichrode (Fortsetzung von Seite 1) se und Massenmedien zum Entsetzen vieler Tausender Israelis. Sie sind es, die es wussten und immer von neuem zu wissen glauben, dass wir Juden ja in Wirklichkeit nur da frei sind, wo wir gebunden sind, an die Gebote, an die Mlzwoth schlechthin, die bekanntlich nur als solche gelten dürfen, wenn sie schwer zu erfüllen sind... Wer hätte es nicht an sich erfahren, dass ihm aus der Gewissheit heraus, das Seine, das von ihm Verlangte, getan zu haben, sein wahres, inneres Freisein erwächst? Das ist sein Weg, weit entfernt von Selbstzufriedenheit, die ihn allenfalls stagnieren liesse, ihn von neuem “unfrei” machen würde. Wenn wir es wagen, die klassische Frage des “Manischtanah? ” einmal abzuwandeln zum “Was unterscheidet diese Generation von allen früheren?”, so bleibt wenig zu antworten: Auch heute noch fühlt sich jeder unter uns so, als "sei er selbst mitausgezogen aus Ägypten” und habe davon seinem Söhne zu erzählen, sei einst wie jetzt aufgerufen, sich durch Selbstbefreitung von allen Lockungen und Versuchungen der ungezählten Beispiele ringsumher zu distanzieren — sehr ähnlich also dem Geschick unserer Vorfahren, jenen “Emigranten” aus früher Zeit! So wie sie der Idee der inneren Freiheit durch die jahrzehntelangen Wanderjahre treu blieben, so blieben es ja in Grunde genommen vor noch gar nicht langer Zeit unsere Schwestern und Brüder, als sie mit dem “Schema” auf den Lippen das Krematorium betraten. Führt nicht — über Jahrtausende hinweg — eine gerade Linie von der Schwere jenes "Auszugs” und seinen Folgen bis hin zum Überleben nach "Auschwitz”? Nichts scheint sich geändert zu haben. Allerdings sollten wir vielleicht eines mutig bekennen, wenn auch nur leise für uns selbst, vielleicht sogar beim Anhören des Heldenepos’ der “Haggada”: Wir selbst haben uns offenbar seit 1948 in diesem Lande geändert, denn anstelle unserer damals unbeschreiblichen Freude bei der Staatsgründung trat (oft depressive) Ernüchterung, anstelle der gegenseitigen Hilfsbereitschaft ein eigolstisches Trachten, ja, anstelle der einst wunderbaren Zusammengehörigkeit trat Unterscheidung von “Rang und Namen”, von Besitz und Abkunft — um nur einige der heute dominierenden Fakten zu nennen — trat all dies nicht nur nicht mehr verbindend, sondern nur noch trennend zwischen unsere Menschen. Wie — so fragen wir uns — können wir bestehen, ebenso vor unserer grossen historischen Vergangenheit wie auch vor der Forderung der Zukunft in diesem Lande? Vielleicht, so folgern wir als die unentwegten Optimisten, die wir doch einmal sind, könnte es doch trotz allem gelingen, uns frei zu fühlen, weil wir gebunden sind an die einzigen Werte, die dieses Leben lebenswert machen, Dinge wie Ethik, Moral, persönliches und allgemeines Verantwortungsgefühl! Ja, wir wagen es zu sagen, solches Gelingen könnte zum bahnbrechenden Beispiel werden in der heutigen gesamten morbiden Welt, in der kaum mehr etwas zählt als grenzenloser Luxus und Besitz neben der Sucht nach letzter (atomarer) Zerstörung. Die Sucht aber auch, der Natur ihr letztes Geheimnis abzulauschen und streitig zu machen, um es dann fälschlich als etwa “Philosophie von den letzten Dingen” zu deklarieren. Müssen wir Juden und Israelis wirklich in diesem reissenden Strom mitschwünmen oder dürfen wir uns retten auf jene “verlorene Insel” der individuellen inneren Freiheit? Werden wir solches können und tun? Das wäre eine neue “Überschreitung”, eine von der zermahlenden Routine zum endlichen Zurückfinden als eine Tat des sprichwörtlichen jüdischen Mutes — das wäre ein neues herrliches Pessachü FRIEDA HEBEL Den Rabbiner, der die Rabbinergestalt Europas des ersten Drittel unseres Jahrhunderts, den Seelsorger, Prediger, Berater, gibt es nicht mehr. Das Bild gehoert der Vergangenheit an, wie vieles, was unsere Traeume belastet. Der Rabbiner wohnte im gleichen Stadtteil, jeder kannte ihn. Hier soll einer Persönlichkeit gedacht werden, gleichsam stellvertretend für Dutzende seiner Kollegen, die einige Jahrzehnte das Bild des mitteleuropaeischen Judentums formen halfen. Isidor Bleichrode kam aus einer kleinen Stadt West-Preussens, 1867 geboren, Fuer die vielen juedischen Familien bestand nach 1871 die Moeglichkeit in die junge Reichshauptstadt zu gehen, dort wirtschaftlich sich einzuordnen, oder zu studieren. Und gerade die Juden aus den oestlichen Provinzen trugen so viel zu der Entwicklung der Hauptstadt bei. Bleichrode ist ein Nachfahre des Rabbiners Akiba Eger, der einmal in Märkisch - Friedland, dann in Posen seine beruehmten Jeschiwoth unterhielt. Der junge Rabbiner fand seine erste Anstellung in einer kleinen Privatgemeinde im Sueden Berlins, einem, um die Jahrhundertwende neu ent- ■ wickeltem Viertel, und er bleibt bis zu seiner Pensionierung mit dem Stadtteil verbunden. Im Jahre 1916 uebernahm er die damals neue Gemeindesynagoge am Kottbusser Ufer. Als beamteter Gemeinde-Rabbiner wurde er Mitglied der Kaschruth-Kommission und Religionslehrer, der in den zwanziger Jahren zum Leiter der Religionsschule wird, an der an zwei Nachmittagen die juedischen Jugendlichen des Bezirks Unterricht in religiösen Fächern, in jüdischer Geschichte erhalten. Es gelang ihm zwar nicht ganz, mit den oft recht zweifelhaften Lehrern aufzuraeumen, die alles andere als Pädagogen waren, aber er versuchte, juengere Kraefte heranzuziehen und er führte Neuhebräisch als Unterrichtsfach ein, ein fuer Berlin um 1923 unerhoerter Vorgang. Er unternahm vieles, um die jungen Menschen heranzuziehen, so organisierte er Feierstunden in Gartenlokalen und Restaurants, Dampferausfluege in den Sommerferien, zu denen die Frauen der Gemeinde fleissig Kuchen backen mussten. Mit den ältern Schülern ging er Sonntags auf Fahrt, und der Rabbiner mit dem Lodenmantel und dem Rucksack war in der recht proletarischen Gegend des Berliner Suedens eine bekannte Erscheinung. Es gab keine Barmizwa, oder andere Familienereignisse, bei denen er nicht in der Wohnung der Familien-Mitglieder erschien. — Die grossen Feiern der Barmizwa waren damals noch unbekannt! Er organisierte Gemeindeveranstaltungen, Tanz — und Unterhaltungsabende, die mit einem kuenstlerischen Teil begannen, oft mit einem heiteren Vortrag von ihm. — Die Veranstaltung verliess er unauffaellig, bevor das Tanz-Orchester aufspielte. Als nach dem 1. Weltkrieg Teile junger juedischer Menschen des Stadtviertels, das viele der Flüchtlinge aus den abgetretenen Provinzen Posen und West-Preussen aufnahm, ohne Kontakte blieben, organisierte er den Jungendklub “Esra” 1 B) — der Name hat nichts gemeinsam mit der agudistischen Jugendvereinigung, oder der des Hilfsvereins, die bis 1914 das Schulwerk in Eretz Israel unterhielt, sondern stand fuer "ehemalige Schueler der Religionsschule Annenstrasse 1 B”, Ende der zwanziger Jahre wurde von ihm in der grossen Baracke, d. in einem Garten hinter der Synagoge stand, das Jugendheim geschaffen. Hunderte Jungen und Maedchen haben in den entscheidenden Jahren vor 1933 dort ihre buendische und zionistische Erziehung erhalten, die es ihnen ermoeglichte, die schweren Jahre des Anfangs im Lande zu ueberstehen. Uebrigens war die Synagoge Kottbusser Ufer die erste, an deren Mauern schon Im Jahre 1929 Hakenkreuze gemalt wurden. Als Prediger nahm er oft kein Blatt vor den Mund, insbesondere an den Hohen Feiertagen, wenn 2000 Andaechtige den Saal fuellten. Auf die jungen Menschen von damals haben einige seiner Ansprachen Eindruck hinterlassen. Er ruegte von der Kanzel die, die ihre Gebetbuecher aengstlich einschlagen. Am Vorabend eines Festes, an dem man die Frau eines Gemeindemitglieds zu Grabe getragen hatte, begann er, dass er fast allen der Versammelten am Morgen in Weissensee, dem jüdischen Friedhof Berlins begegnete, und er überzeugt sei, dass in allen Familien das Festessen vorbereitet sei, aber wer habe sich in den vergangenen Wochen um die Kranke und deren Familie gekuemmert? Man glaubte immer, zu beschaeftigt zu sein, keine Zeit zu haben, ...Die Predigten am Nachmittag des Jom Kippur waren literarischen Themen gewidmet. In den Winter-Monaten hielt er an den Freitagabenden Lehrvorträge naich dem kurzen G’ttesdienst, um all diejenigen, insbesondere Schüler, die nicht am Schabbat zur Synagoge kommen konnten, zu erfassen. Mit Erfolg versuchte er, junge Menschen in den G*ttesdienst zu bringen, sie teilnehmen zu lassen. An den Feiertagen wurden In dem Betsaal ueber der grossen Synagoge Jugend-G’ttesdienste abgehalten. — Dieser Saal in der Kristallnacht von 1938 nicht zerstoert — ist die heutige Synagoge Fränkelufer. Am Schabbat Nachmittag ueberlless er Jugendlichen die religioesen Funktionen, an den Schabbatot in den Ferien, wenn die Schueler manchmal zum G’ttesdienst erschienen sind, wurden sie zur Thora aufgerufen, um ihnen das Gefuehl der Zugehoerigkeit zu geben. Der Chor der Synagoge wurde lange Jahre von Arno Nadel, einer heute vergessenen Kuenstlerpersönlichkeit, der sich als Maler, Musiker u. Lyriker einen Namen machen konnte, und der zum Schoepfer vieler Nigunim der kantoralen Musik wurde, geleitet. Im Jahre 1932 liess er sich pensionieren. Er schlug alle Bitten der Gemeindemitglieder aus, dort zu bleiben. Er siedelte sofort nach Jerusalem ueber. Da er vor dem Umsturz Deutschland verlassen hatte, konnte er seine Pensionen bis zum Kriegsausbruch beziehen, — und das war spaeter sein Kapital. Er lebte zusammen mit einer Schwester in einer kleinen Wohnung ln Schchunath Montefiore, ungefaehr dort, wo sich heute der Autobus-Bahnhof befindet. In Jerusalem war er sehr zurueckgezogen. Als deutscher Rabbiner fand er nur schwer Anschluss an eine Gemeinde, in der sich heimisch fuehlen konnte. Seine ehemaligen Schueler wohnten zerstreut im Land und hatten in jenen Jahren selbst schwer mit den eigenen Einordnungsschwierigkeiten zu kaempfen. Dankbar empfing er die seltenen Besucher und plauderte mit ihnen interessiert. Während der ersten Jahre in Jerusalem erkrankte er schwer, aber er weigerte sich in Europa Heilung zu suchen, er wiess uns auf das Schicksal Bialiks hin und ueberwand die Krankheit. In den Kriegsjahren und bis zu seinem Lebensende hatte er eine schwere wirtschaftliche Zeit in Jerusalem zu ueberstehen. Er erlebte noch die Gründung des Staates Israel und starb im gesegneten Alter von 87 Jahren im Jahre 1954. (Fortsetzung auf Seite 3) 2