Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1993
- Issue
- No. 57 (1993)
- Date
- 1993-01-01
- Page
- Seite 17 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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DER HIRTE SEINER GEMEINDE Die Rabbinergestalt, die das erste Drittel unseres Jahrhunderts geformt hat, Lehrer, Berater, Prediger, Seelsorger, gibt es kaum noch. Das Bild gehört der Vergangenheit an. Er war ein Teil „seiner Gemeinde“, lebte im gleichen Stadtviertel, er gehörte gesellschaftlich, menschlich zu ihr. Hier soll von einem erzählt werden, gleichsam stellvertretend für Dutzer.'de seiner Kollegen, die einige «Jahrzehnte das Bild des deutschen Judentums geprägt haben. Es ist nicht leicht, über Menschen wie Bleichrode zu berichten, Erinnerungsbrocken aufzufrischen. Der jungte Mensch misst einer Persönlichkeit kaum Bedeutung zu, ihm wird erst später bewusst, was verloren gegangen ist. Bleichrode gehörte nicht zu den „Kämpfern“ der zwanziger Jahre. * Isidor Bleiohrode wurde im Jahre 1867 in einer Kleinstadt Westpreussens geboren. Die damalige Jugend, und nicht nur die aus jüdischen Familien, strömte in die junge Reichshauptstadt, und war Teil ihrer Entwicklung zur Weltstadt. Bleichrode, ein Urenkel, des „Friedländer Raws“, Akiba Eger, (1761—1837), kommt aus einer Gelehrtenfamilie. Der Vater gibt eine hebräisch geschriebene Biographie über Eger heraus. Der junge Bleichrode studiert in Berlin. Seine Dissertation über Maimonides liefert er in arabischer Sprache'ab. Er besuchte das von Esriel Hildesheimer (1820—1899) im Jahre 1873 gegründete Rabbinerseminar. Zusammen mit Joseph Wohlgemut (1867—1942), seit 1895 Dozent am Seminar, gibt er 1899 eine Übersetzung der Fünf Bücher Moses heraus, die 1969 im Goldschmidt Verlag, Basel, naohgedruckt wurde. Ein von ihm redigierter Siddur, das Gebetbuch für das Jahr, fand seinerzeit weite Verbreitung. Seine erste Anstellung fand er in eirter kleinen Synagoge im Südosten der Stadt, Dresdner Strasse. Bis zu seiner Pensionierung blieb er mit der Gegend wie mit den Menschen verbunden. Im Jahre 1916 übernahm er die damals neue Gemeindesynagoge „Kottbusser Ufer“, heute Fränkelufer. Als beamteter Rabbiner wird er Mitglied der Kaschrutkomission. In den zwanziger Jahren, nach dem Tode Dr. Löwenthals, wird er, der schon vorher dort unterrichtete, Leiter der Religionsschule, Annenstrasse. (Die Schulen waren in städtischen Volksschulen untergebracht, in denen zweimal wöchentlich an Nachmittagen gelehrt wurde.) Die Unterrichtsfächer waren Jüdische Geschichte, Religion (Gebetserklärungen), Bibeltexte. Bleichrode bemühte sich das Lehrpersonal zu verbessern. Er konnte einige jüngere Kräfte heranziehen, wie die Geschwister Jonas, Abraham und Regina, die ihren gewählten Beruf als Berufung auffassten, so dass die damaligen Kinder gerne freiwillig — es war ja kein 'Pflichtunterricht— ir.' der Religionsschule erschienen sind, und sogar Schularbeiten vorbereiteten. Regina Jonas war eine der ersten Frauen, die die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums absolvierte. In der Schule führte Bleichrode „Neuhebräisch“ ein, ein in Berlin jener Tage, um 1926, unerhörter Vorgang. Für das Lehrfach fand er Dr. Silber; unterrichtet wurde nach dem Lehrbuch von M. Rath. Um die Schulkinder zu erfassen, wurden in den Schulferien Treffen in Gartenlokalen im Sommer, in Cafehaussälen im Winter, veranstaltet, sogar 'Dampferausflüge, zu denen Mütter, die daran Teilnahmen, Kuchen vorbereiteten. Er bemühte sich, die Jugend am Gemeindeleben teilnehmen zu las- Dr. ISIDOR (JIZCHAK) BLEICHRODE >-a. 1867-1954 Von HEINZWERNER GOLDSTEIN sen. Am Schabbat Nachmittag übergab er Jugendlichen die religiösen Funktionen in der Synagoge, und wenn sie — während der Ferien — am Vormittag zum G“ttesdienst kamen, liess er sie „aufrufen“, den Segensspruch über den Wochenabschnitt sagen,♦ oder andere „Mizwot“, religiöse Gebräuche, ausführen, um ihnen ein Zugehörigkeitsgefühl zu geben. Während der „Hoher; Feiertage“ wurden im „Betsaal“, dem Nebengebäude, das der Zerstörung entgangen ist, heute die Synagoge Fränkel Ufer, Jugend-G“ttesdienste abgehalten. Es gab keine Bar Mizwa, wo er nicht nach dem G“ttesdienst in die Wohnungen der Eltern zum Kiddusoh kam. Und es waren im Bezirk Kreuzberg oft — nach heutigen Massstäben — recht kleine Wohneinheiten. Die „Empfänge“ in Sälen mit reichlicher Bewirtung waren mindestens in diesem Bezirk eine Seltenheit. An Simchat Tora, Chanuka, Purim wurden Gemeindeveranstaltungen organisiert. Bleichrode leitete diese Zusammenkünfte durch eine kurze Ansprache ein, über literarische Themen, um dann unauffällig den Saal zu verlassen, bevor das Tanzorchester aufspielte. Das gibt vielleicht einen Einblick in seine Lebensphilosophie. Er, ein tiefreligiöser Mensch mit umfassendem jüdischen Wissen, wusste oder erkannte, dass zu einem Zusammenleben gesellschaftliche Kontakte gehören. In den frühen zwanziger Jahren, als sich das Viertel vergrösserte, durch jüdische Emigranten aus Posen und Westpreussen, die für Deutschland „optiert“ hatten, organisierte er eine Jugendgruppe, die sich den Namen „Esra 1 B“ gab. Das Wort stand für „Ehemalige Schüler Religionsschule Annestr. 1B“. Eine Bezeichnung, die nichts mit der Jugendgruppe „Esra" der Adass Jisroel zu tun hat. Auch nichts mit „Esra“, der Organisation, die bis 1914 ein Schulwerk in der seinerzeit ottomanischen Provinz Südsyrien (Palästina) unterhielt, bekannt durch die Realschule, errichtet und lange Jahre geleitet von Arthur Biram, wie der heutigen Technischen Hochschule, beide in Haifa. In den dreissiger Jahren wurde eine neue Gruppe fällig. (Die Jugend ist ein Lebensabschnitt aus dem man herauswächst.) Es wird das „Jugendheim“ gegründet, dessen Heim in der grossen Baracke war, die in dem Gartengrundstück hinter der Synagoge stand, mit einem aufklappbaren Dach, des während der Sukkottage als Sukka für die Gemeindemitglieder diente, die sich keine errichten konnten — und das waren die meisten der Beter. Nach dem G“ttesdienst wurde ein Kiddusch gegeben, und jedem die Möglichkeit gegeben, den Segnsspruch zu sagen. Das ,Jugendheim“ wurde insofern ein Erfolg, als es in der richtigen Zeit, den Jahren der Spannung vor dem Umbruch geschaffen wurde. Die Jungen und Mädchen erhielten in jenen Jahren eine hündische und auch — etwas — zionistische Erziehung, die ihnen die folgenden Jahren erleichterte, sich in den Orten der Auswanderung zurechtzufinden. Die Synagoge Kottbusser Ufer gehörte zu den ersten Berlins, an deren Mauern schon im Jahre 1929 Hakenkreuze gemalt wurden, deren Urheber von der Polizei niemals ermittelt wurden. * Bleichrode war ein guter Kanzelredner, der sich in der grossen Halle mit zwei Frauenemporen, verständlich machen konnte, insbesondere an den Hohen Feiertagen, wenn 2000 Andächtige das Haus füllten. Einige seiner Ansprachen haben auch auf uns Junge Eindruck hinterlassen. Am Vorabend eines Festes, an dem am Morgen die Frau eines Gemeindemitgliedes zu Grabe getragen wurde, mahnte er. Er habe fast alle am Morgen in Weissensee, dem grossen jüdischen Friedhof, getroffen, und er sei überzeugt, dass alle das Festessen vorbereitet haben. Er fragte, wer sich in den langen Krankheitswochen um die Kranke wie um die Familie gekümmert habe. Man habe keine Zeit gehabt,... Die Predigten am Ausgang des Jom Kippur, an dem er dreimal sprach, waren oft nicht religiösen Themen gewidmet, einmal über die Hebräische Universität, oder über allgemeine Literatur. Während der Wintermonate, als der G“ttesdienst am Freitag Abend früh beendet wurde, hielt er Lehrvorträge über den laufenden Wochenabschnitt. * Mit Erreichung des 65. Lebensjahres, Herbst 1932, Messt er sich pensionieren, alle Bitten der Gemeindemitglieder ausschlagend, weiter zu amtieren. Nach den Herbstfeiertagen siedelte er nach Jerusalem über. Da er Deutschland vor dem „Umsturz“ verlassen hat, konnte er die Pension bis zum Ausbruch des Krieges, September 1939, beziehen. In Jerusalem lebte er in einer kleinen Wohnung, gemeinsam mit seiner Schwester, wie in Berlin, nicht weit entfernt, wo sich heute der Autobusbahnhof befindet. Er blieb unverheiratet. Nach den Erinnerunger: von Gerschom Scholem, dem Kabala Forscher (1896—1982), der sein bekanntester Schüler wurde, soll ihn eine enttäuschte Jugendliebe, deren Eltern dagegen waren, dass die Tochter „nur“ einen Rabbiner heiratet, dazu bewogen haben, nicht zu heiraten. Als akademischer Rabbiner aus Deutschland fand er kaum ausfüllende Beschäftigungen und gesellschaftliche Kontakte, ausserhalb des Kreises derer, die ihn aus Deutschland kannten. Die ehemaligen Schüler lebten verstreut Im Lande, und hatten oft schwer um ihre Einordnung zu ringen. Er empfing dankbar die seltenen Besuche, interessierte sich für alles und plauderte anregend. Nach kurzem Aufenthalt in Jerusalem erkrankte er ernsthaft. Die Ärzte rieten ihm in Europa Heilung zu suchen. Als wir ihn das erste Mal In Jerusalem besuchten, Herbst 1936, hatte er die Krankheit überstanden. Er sprach von ihr als etwas, was der Vergangenheit angehört. Er wies auf das Schicksal Bialiks hin, der 1934 nach einer Operation in Wien verstarb; er sei nach Jerusalem gekommen, um dort zu sterben... Die Kriegsjahre brachten eine schwere wirtschaftliche Lage. Nachdem er bescheiden lebte, konnte er am Anfang auf Ersparnisse zurückgreifen. Er erlebte die Gründung des Staates, verstarb im Jahre 1954 im gesegneten Alter von 87 Jahren. Stellvertretend für seine Schüler sprach Gerschom Scholem am Grabe. * Dr. Bleichrode verkörperte eine Rabbinergestalt, wie sie sich vieleilcht nur im deutschen Sprachbereich entwickeln konnte, und in der historischen Zeit, in der Bleichrode lebte. Nur In Deutschland bestand das, was man mit „Einheitsgemeinde“ bezeichnet, in der religiöse wie weniger religiöse zu- (Fortsetzung auf Seite 18) 17