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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1993-01-01 · No. 57 (1993) · p. Seite 16

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1993
Issue
No. 57 (1993)
Date
1993-01-01
Page
Seite 16 (sequence 16)
Language
German
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DER UNTERGANG EINER (Fortsetzung von Seite 5) wohlhabende Gemeinden. Der älteste Friedhof stammt aus dem 13. Jahrhundert, ein Zeichen des Wohlstandes der Glogauer Gemeinde schon damals. Die Friedhöfe dieser wohlhabenden Gemeinden, wurden auch von kleinen Nachbargemeinden mitbenutzt. Bis zum Jahre 1806 wurden die Toten nach jüdischem Brauch, am Todestag beigesetzt. Am 8. Mai 1806 wurde eine sogenannte ,,Bestattungsordnung“ erlassen, welche die Beerdigung erst 3 Tage nach dem Tode erlaubte. Während des 2. Weltkrieges wurde auch der jüdische Friedhof von der Zerstörung Glogaus betroffen. Nach dem Krieg wurde er durch die polnische Regierung eingeebnet. 1968 wurden die letzten 19 auf dem jüdischen Friedhof beerdigten Personen auf den katholischen Friedhof überführt und in einem Gemeinschaftsgrab bestattet. Besonders war das Wohlfahrts- und Sozialwesen in der Glogauer Gemeinde er.'twickelt. Wir lesen über viele Stiftungen, deren Aufgabe darin bestand, sich um Kranke, Arme, Witwen und Waisen zu kümmern. Ausser der Chewra Kadischa, deren Aufgabe es ist die Bestattung der Toten nach jüdischem Gesetz und Brauch vorzunehmen, wurde im Jahre 1796 ein Verein „Haspakat Avelim“ (Haspokas Avelim) gegründet. Die Chewra Kadischa in Glogau befasste sich ausser mit dem Bestattungswesen auch mit Aufgaben wie freie ärztliche Betreuung, Krankenpflege und Versorgung mit Medikamenten. Ausserdem gab es die jüdische Wohlfahrtspflege, die sozialen Institutionen des Israelitischen Frauenvereins, die Malbisch Arumim Vereinigung, welche für die Bekleidung Hilfsbedürftiger sorgte. Auch die Salomon Munk Loge (eine Bne-Brith-Loge) widmete sich, unter anderem, auch sozialen Aufgaben. Besonders interessant ist das Kapitel vom Erscheinen des Antisemitismus schon am Ende des 19. Jahrhunderts. Die antisemitischen Hetzreden, welche in Breslau, Glogau und anderen Orten gehalten wurden, enthielten alles was nachher die Nazis zu ihrem Programm erhoben. Die traurigsten und erschütterndsten Kapitel, sind diejenigen, weiche das Ende der Glogauer Gemeinde von 1933 bis 1942 behandeln. Nachdem die Nazis 1933 zur Regierung kamen, wurden viele prominente jüdische Bürger ins „Braune Haus“ in Glogau gebracht und verhaftet. Boykottaktionen wurden gegen jüdische Geschäfte vorgenommen. Jüdische Richter, Notare, Professoren wurden aus den öffentlichen Ämtern entlassen, und suchten Auswanderungsmöglichkeiten. Desgleichen Ärzte, Rechtsanwälte, Kaufleute. Viele, welche keine Auswanderungsmöglichkeiten hatten, zogen in grössere Städte wie Breslau und Berlin, da dort bessere Möglichkeiten für handwerkliche Ausbildung bestanden. Im Jahre 1934 wurde der jüdische Lungenarzt Dr. Lindemann von der SS erschossen. Die Zahl der Hilfsbedürftigen in dieser einstmals wohlhabenden Gemeinde stieg an. Der Untertitel des 9. Kapitels „Rechtlos und verfolgt“ ist bezeichnend für die Lage der Juden in Deutschland. Das Novemberpogrom 1938 war der Höhepunkt der Verfolgungen. Wie überall in Deutschland, wurden auch in Glogau alle jüdischen Männer ins Konzentrationslager gebracht. Die Synagoge wurde verbrämt. Danach wurden die G“ttesdienste in der Leichenhalle des Friedhofs abgehalten. Rabbiner Dr. Lucas blieb bei den noch in Glogau verbliebenen Juden. Anfang 1939 lebten nur noch etwa 100 Juden in Glogau; meistens ältere Menschen, welche keine Auswanderungsmöglichkeiten hatten. In diesen letzten Kapiteln JUEDISCHEN GEMEINDE werden viele Namen von Gemeindemitgliedern erwähnt, sowohl von solchen, welchen es noch gelang Deutschland zu verlassen, sowie von solchen, welche in die Todeslager der Nazis verschleppt wurden. Von 1940 bis zur Deportation im Jahre 1942 mussten die arbeitsfähigen Männer oder solche, die dafür erklärt wurden, Zwangsarbeit leisten. Dann wurde der Rest der jüdischen Gemeinde im Frühjahr 1942 nach Izbica Kreis Lublin verschleppt. „Unbesungene Helden“ (welche den verfolgten Juden beistehen konnten), gab es in Glogau nicht, Typisch für das Verhalten der Nichtjuden in dieser Zeit ist die Antwort eines Glogauer Bürgers nach dem Krieg an ein überlebendes Mitglied der Gemeinde Glogau, der ihn bat, ihn über das Schicksal seiner Familie zu informieren (S. 378): „Es war damals für Niemanden... (ich selbst war nicht Mitglied der NSDAP) ratsam, sich für das Schicksal der Abtransportierten besonders zu interessieren“. Auch diejenigen, welche nicht Mitglieder der Nazipartei waren, gaben durch ihr zustimmendes Schweigen ihre schweigende Zustimmung zu den Greueltaten gegen die wehrlosen, verfolgten jüdischen Menschen, denn es war für sie „nicht ratsam sich für das Schicksal der Abtransportierten zu interessieren“, wie sich dieser Glogauer Bürger ausdrückte. Den Schluss dieses so interessanten Buches bilden die „Lebensbilder“ und Statuten der Glogauer Gemeinde. Die „Lebensbilder“ geben einen Überblick von verschiedenen berühmten Persönlichkeiten, welche in Glogau geboren wurden, u.a. der berühmte Orientalist Salomon Munk; Rabb. Dr. Michel Sachs, dessen Übersetzung von Ssidur (Werktags und Schabbatgebete) und Machsor (Feiertagsgebete) in allen jüdischen Gemeinden in Deutschland verbreitet war. Als Rabbiner der konservativen Richtung in Berlin, war er strikter Gegner der Reform von Holdhelm. Auch David Cassel, welcher viel für die Wissenschaft des Judentums beigetragen hatte, stammte aus Glogau. Unverständlich ist es nur, warum in dieser Reihe von jüdischen Gelehrten, auch Renegaten wie Leopold Kuttner, Paulus Cassel, Ludwig Wilhelm Sachs und Eduard Meier zu finden sind. In einem Gedenkbuch, welches einer jüdischen Gemeinde und ihren Märtyrern, welche verfolgt und ermordet wurden nur weil sie Juden waren, gewidmet ist, ist kein Platz für solche, welche dem Judentum schmählicher Weise den Rücken kehrten. Wir schliessen das Buch mit dem traurigen Gedanken, über das schreckliche Ende einer einst so blühenden Gemeinde, welche das gleiche Schicksal mit allen jüdischen Gemeinden in Deutschland zu teilen hatte. Alle Rechte wurden mit Füssen getreten, und wir können in vollem Masse der Schlussfolgerung von Monika Richarz zustimmen, welche rückblickend schreibt (S. 351): „Im ganzen gesehen konnte die Integration der jüdischen Bevölkerung in die Gesamtgesellschaft, die niemals eine vollständige gewesen ist, binnen sechs Jahren in einem Umfang rückgängig gemacht werden, der fragen lässt, welche Realität sie vor 1933 überhaupt gehabt hat. Partei und Regierung nutzten den in der Bevölkerung vorhandenen Antisemitismus, um durch Terror, Propaganda und Entrechtung die Juden vollständig aus der Gesellschaft auszuschliessen“. Das Buch ist nicht nur eine Darstellung der jüdischen Gemeinde in Glogau und ein Gedenkbuch, gewidmet den vielen Toten und den wenigen Überlebenden dieser Gemeinde, sondern auch eir,' Mahnruf und eine Warnung, dass es für Juden in der Diaspora keine Sicherheit gibt, nirgends auf der ganzen Welt; alle sogenannten Rechte, welche man ihnen gewährt, können ihnen über Nacht wieder genommen werden, und nur ihr eigenes Land kann jedem Juden Recht und Sicherheit gewähren. STOLP-EINE JÜDISCHE GEMEINDE IN POMMERN (Fortsetzung Von Seite 15) geschaffenen Friedhof. Der älteste Teil wurde bis ungefähr 1860 benutzt, ein weiteres Gräberfeld bis um 1900, dem ein neues folgte, das bis 1942, bis zur Deportation, belegt wurde. An der Strasse stand die Friedhofshalle. Nach den ersten Verwüstungen durch die Nazis blieben „nur die Friedhofshalle und das Eingangstor ohne den Dawidstern Zeugen der Vergangenheit“. Die Zerstörung des ,.guten Ortes“ wie die Juden sagten begann 1939 als die Metallketten abmontiert wurden, um Kanonen zu giessen, wie das Verschleppen von Grabsteiner.'. Die endgültige Zerstörung, Einebenen und teilweise Bebauen, datiert aus den Jahren 1988/89. Nachdem der Verfasser ausfindig machen konnte, dass 1987 „der hintere Teil des neuen Friedhofteiles noch existiert habe“. Gerhard Salinger wandte sich — erfolglos — an die Behörden der Stadt wie in Warschau, er interessiert einen Kongressabgeordneten, der sich an den polnischen Präsidenten Walesa wendet, mit der Bitte, die Reste des jüd. Begräbnisplatzes zu esrhalten; darauf erhielt Salinger plötzlich die Abschrift eines Briefes der Stadt nach Warschau, der das Datum vom 25. April 1989 trägt, mit der Mitteilung, dass eine Kommission festgestellt habe, dass ,.keine Reste eines jüdischen Friedhofs gefundeT,1 wurden“. „Nach Archivmaterial wurde der jüdische Friedhof vor 1933 liquidiert. Es waren dort ca. 86 Personen jüdischen Nationalität während des ersten Weltkrieges begraben“. Die ehemalige Friedhofshalle wrde als Werkstatt für die Konservierung der Kunstwerke benutzt. Ausser dieser Halle gebe es keine Spuren, „die für die Existenz der jüdischen Bevölkerung im Gebiet der Stadt sprechen“. (Es ist auffallend und vielleicht bezeichnend, dass die Zerstörung des Friedhofs vor 1933 verlegt wird, — aber warum die Halle, wenn es keine jüdische Bevölkerung gegeben hat?). Die Geschichte der Gemeinde, von 1717 bis 1933, ist eine mehr oder weniger positive. Nicht viel anders als die der 700 jüdischen Gemeinden, die im preussischen Landesverband zusammengeschlossen waren. Die Juden Stolps, die die Auswanderung nicht geschafft haben, ungefähr 430, wurden im Juli 1942 in zwei Schüben deportiert, wobei die, die in die Grosstädte abgewandert waren, nicht erfasst wurden. Das letzte Kapitel, das allerletzte, spielt sich 45 Jahre nach der physischen Vernichtung ab, 1987/88, als sich der Ostblock schon in Auflösung befand, und die Stadtverwaltung von Slupsk die letzten Spuren der jüdischen Bevölkerung sozusagen ausradiert hat. Es ist dem Verfasser trotz vieler Schwierigkeiten gelungen. Material zu erhalten und ein Bild der Gemeinde zusammenzustellen. Der Nachtrag, der dem Schicksal des Friedhofgeländes gewidmet ist, zeigt, dass die Behörden, die lokalen wie die des Landes, wenig intereses zeigen, einem jüdischen Forscher zu helfen, und vielliecht doch noch Akten über die Juden ,,zu finden“: Die Zusammenstellung stellt einen Stein in der geschichtlichen Übersicht dar, die helfen kann, sich ein Bild von den endgültig untergegangenen Gemeinden zu bilden. 16

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