Mannheim
Compact Memory

Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1993-01-01 · No. 57 (1993) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)

OCR text

19 entity mentions

DER UNTERGANG EINER (Fortsetzung von Seite 4) Selbstverwaltung der Gemeinde erwähnt. Dagegen lesen wir 6 Seiten über den Briefwechsel zwischen David Friedländer mit einem traditionsgebundenen Juden in Glogau (Mayer Eger). Friedländer war einer der extremsten Assimilanten aus dem Kreise Moses Mendelsohns. Wenn auch die Tendenz des ganzen Mendelsohnkreises zur Auflösung des deutschen Judentums führen musste (Rabbiner Jecheskel Landau aus Prag sprach mit vollem Recht den Bann gegen die Bibelübersetzung des Mendelsohnkreises aus), so war Friedländer eit rer der extremsten dieser Kreises. Aus dem Briefwechsel ersehen wir die Ironie und den Hass Friedländers gegen das traditionelle Judentum. Kapitel V behandelt die formelle und politische Gleichstellung der Glogauer Juden im 19. Jahrhundert und in Kapitel VI lesen wir über die jüdische Gemeinde in dieser Zeit. Um diese Zeit beginnt die Assimilation eines grossen Teiles der Gemeindernitglieder. Trotz des Bestehens einer jüdischen Schule, zogen es die meisten vor ihr Kinder in die allgemeinen Schulen zu schicken (S. 151). Interessant ist das Kapitel über die Rabbiner der Glogauer Gemeinde. Die Gemeinde verstand es grosse Gelehrte als Rabbiner zu gewinnen, und es wird uns genau berichtet, welche Rechte und Pflichten diese hatten. Auf Seite 237 lesen wir über die Pflichten des Rabbiners: „Erläuterung der Heiligen Schriften in Form von Predigten, Trauungen, Talmudunterricht, Aufsicht über religiöse Erziehung, Prüfung und Bestellung von Schächtern und Schlichtungsfunktionen bei Religionsstreitigkeiten“. Schade, dass wir gerade über den Talmudunterricht und die religiöse Erziehung keine Einzelheiten erfahren. Nur an zwei Stellen wird das Bestehen einer Jeschiwa in Glogau erwähnt: „Schenkungen von jungen Männern der Jeschiwa Rosch Golat Ariel in Glogau aus den Jahren 1734/35... für ihren verehrten Lehrer“ R. Arje Löb Lowenstamm (S. 237), und R. Jacob Joseph Oettinger ,,wurde in den Jahren der französischen Besatzung Glogaus Leiter der dortigen Jeschiwa“ (S. 252). Wir wissen nicht, ob die Jeschiwa ohne Unterbrechung bestand und in welchen Jahren. Hier muss auf einen historischen Fehler der Verfasser hingewiesen werden: In dem Paragraphen des Buches, welche die drei Rabbinergenerationen Tiktin behandelt, Rabbiner Abraham Tiktin, welcher zuerst Rabbiner in Glogau war, wurde dann als Rabbiner in Breslau gewählt und nach seinem Tode fungierten sein Sohn Salomon und sein Unkel Gedalja als solche in Breslau. Auf Seite 249 wird Ludwig Geiger mit seiner Ansicht über Rabbiner Salomon Tiktin zitiert. Die Ansicht Geigers ist vom historischen Standpunkt nicht haltbar, seine subjektive Einstellung der Breslauer Gemeinde gegenüber ist von dem Verhalten seines Vaters, Abraham Geiger beeinflusst, der sich in Breslau nicht behaupten konnte und deshalb nach Frankfurt a/M übersiedelte. Im Jahre 1849 wurden in Breslau zwei Kultusverbände gegründet: Der orthodoxe Kultusverband und dessen Rabbiner Gedalja Tiktin war zugleich Kgl. Landesrabbiner von Schlesien. Geiger wurde Rabbiner des reformistischen Kultusverband, jedoch waren seine Neuerungen im G"ttesdienst auch in den Augen der Mitglieder dieses Kultusverbandes zu extrem, und Geiger musste Breslau verlassen und ging nach Frankfurt. An seiner Stelle wurde der vielmehr traditionsgebundene Rabbiner, Dr. Manuel Joel, berufen. Die ser stand der positiv-historischen Richtung frankel’s nahe und so versuchte er den liberalen Kultusverband, welcher unter dem radikalen Einfluss JUEDISCHEN GEMEINDE von Geiger stand, dem traditionellen Judentum zu nähern. Joel war starker Gegner der radikalen Reform von Geiger und kämpfe für die Erhaltung des traditionellen jüd. Charakter im G"ttesdienst. Im Jahre 1854 wurde von Geiger ein Gebetbuch herausgegeben u. in seiner Gemeinde eingeführt. Dieses Gebetbuch war sehr von dem traditionellen Ssiddur entfernt. Mar.'uel Joel entfernte das Geigersche Gebetbuch aus dem G“ttesdienst und gab anstelle dessen, ein neues Gebetbuch heraus, welches trotz verschiedener Reformen an den traditionellen Ssiddur anknüpfte. Das interessante an diesem Gebetbuch ist, dass neben dem offiziellen Text, welcher für den Chasan massgebend war, der Text des traditionellen Ssiddur in kleineren Buchstaben daneben gedruckt war, so dass jeder der wollte, nach dem traditionellen Ritus beten konnte. Aber auch in der Breslauer Synagoge entfernte Manuel Joel verschiedene Sachen, welche Geiger eingeführt hatte:Geiger führte den 3jährigen Zyklus der Thoravorlesung ein; Manuel Joel kehrte zum einjährigen Zyklus zurück. Auch publizistisch trat er gegen Geiger auf. Im Jahre 1869 veröffentlichte er eine scharfe Polemik gegen Geiger ,,Zum Schutz gegen Trutz". Diese Polemik richtete sich gegen Geigers Schrift „Etwas über Glauben und Beten, zu Schutz und Trutz". Die Beziehungen zwischen Dr. Manuel Joel und Rabbiner Gedalja Tiktin waren gut. Auf Seite 251 des Buches wird die Behauptuag aufgestellt, dass „Gedalia Tiktin letzter Repräsentant der 'Altgläubigen' “ war. Auch das ist f^ne historische Ungenauigkeit. Nach dem Tode Rabb. Gedalja Tiktir.s wurde Rabb. Dr. Ferdinand Rosenthal (ein grosser Talmid Chacham, welcher seine Rabbinerwürde von der berühmten Pressburger Jeschiwa erhielt) als orthodoxer Rabbiner nach Breslau berufen. Zu ihm gesellte sich später als 2. orthodoxer Rabbiner Dr. M. Simonsohn. Nach Dr. Rosenthals Tod kam Rabb. Dr. Moses Hoffmann als erster orthodoxer Rabbiner nach Breslau. Die zwei Rabbiblner, Dr. Hoffmann und Dr. Simonsohn, zusammen mit dem Dajan Cohn und nach dessen Tod mit Dajan Wassermann, bildeten das orthodoxe Rabbinat in Breslau. Da die Breslauer Gemeinde immer das Vorbild der Einheitsgemeinden in Deutschland war, waren die Beziehungen zwischen den orthodoxen und liberalen Rabbinern meistens gut. Der erste Rabbiner in Glogau, weicher namentlich genannt ist, war Rabb. Jacob (Ezechiel) Mendel. Anfang des 17. Jahrhunderts. Von hier an bis zu Rabbiner Abraham Tiktin, lesen wir über eine grosse Reihe von Rabbinern, welche zu den talmudischen Koryphäen Europas gehörten. Der Teil b. dieses Kapitels, beginnt mit Jacob Oettinger, welcher 1820 nach Berlin übersiedelte. Dort zog er sich die Kritik des grössten Teils der Gemeinde zu, als er dafür eintrat, dass der Reformrabbiner ur:d Begründer der Sonntagsgemeinde, Samuel Holdheim, nach seinem Tode in der Ehrenreihe der Rabbiner beerdigt werden sollte. Oettingers ehemaliger Schüler, der auch aus Glogau stammende Rabb. Michael Sachs, trat öffentlich, in diesem Falle gegen seinen ehemaligen Lehrer auf. Der Leiter des Breslauer Rabbinerseminars, Zacharias Frankel, schreibt in der „Monatsschrift “für Geschichte und Wissenschaft des Judentums“ (1861, S. 17): „Es sei ein Hohn gegen die verstorbenen Rabbiner, dass dieser Reformrabbiner und Feind des positiven Judentums in der Rabbinerreihe des Berliner Friedhofs bestattet wurde“. (Der grosse Historiker Heinrich Grätz bemerkte einmal mit beissendem Spott, dass das einzig jüdische, was an Holdheim noch übrig blieb, ist sein Deutsch). Die letzten 4 Rabbiner in Glogau, Heymann Arnheim, Dr. Josef Klein, Dr. Benjamin Rippner und Dr. Leopold Lucas waren hauptsächlich Prediger und Lehrer der jüdischen Schüler an den allgemeinen Schulen. Von der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts fängt auch in Glogau die Periode der Assimilation an. Auf der einen Seite der materielle Aufschwung der jüdischen Bevölkerung, und auf der anderen Seite der Niedergang in jüdisch-geistiger Beziehung. Auf Seite 255 lesen wir über die Einweihung eines neuen Schulhauses für die jüdische Schule, deren Leiter Arnheim war, aber die Zahl der Schüler ging zurück, „da immer mehr wohlhabende Eltern eine öffentliche Schule für ihre Kinder bevorzugten“. Die Rabbiner erteilten den jüdischen Schülern Religionsunterricht an dem evangelischen und katholischen Gymnasium. Bezeichnend für diese Assimilationsepoche ist der Titel eines von Arnheim herausgegebenen Buches: „Leitfaden beim Unterricht in der mosaischen Reli gion“. Man „fürchtete“ sich vor dem Wort „Jüdisch“ und umschrieb es mit „mosaisch“. Der Nachfolger von Rabb. Arnheim, Rabb. Dr. Josef Klein, bemühte sich die Kenntnisse der jüdischen Schüler zu erweitern, indem er ausser den Religionsstunden an den Gymnasien, ihnen zusätzlich Unterricht in den jüdischen Fächern an den Sonntagen und christlichen Feiertagen erteilte. Die Gründung einer neuen Religionsschule geht auf seine Initiative zurück. Dr. Kleins Nachfolger, Rabb. Dr. Benjamin Rippner, fungierte von 1872 bis 1899. Er war Absolvent des Breslauer Rabbinerseminars, wo er noch bei Frankel, Grätz und Bernay studierte. Rippner gehörte zu den Rabbinern, die es vorzogen in einer kleinen Gemeinde zu wirken und dadurch genug Zeit zu haben, um sich wissenschaftlicher Arbeit zu widmen. Auch der letzte Rabbiner der Glogauer Gemeinde. Dr. Leopold Lucas, konnte sich hier, neben seiner Rabbinats-Tätigkeit, seinen wissenschaftlichen Forschungen, widmen. Wann in Glogau zum ersten Mal eine Synagoge gegründet wurde, steht nicht fest. Als jedoch im Jahre 1442 im jüdischen Viertei ein grosser Brand ausbrach und die Glogauer Bevölkerung die Juden für das Feuer verantwortlich machten, kam es zu anti-jüdischen Ausschreitungen, bei denen aufgehetzte Banden die Gelegenheit benutzten „jüdische Häuser zu plündern und die Synagoge zu zerstören“ (Seite 264). Also ein Beweis, dass es 1442 schon eine Synagoge gab. Im Laufe der Zeit wurden neben der Hauptsynagoge noch kleinere Synagogen und Betstuben gegründet. Jüdische Kaufleute aus Glogau, die nach Breslau kamen, gründeten dort eine Synagoge, die „Glogauer Schul“. Auf Seite 266 Ist den Verfassern ein Fehler unterlaufen. Doit steht, dass die letzte Glogauer Synagoge in Breslau bis 1905 bestand. Die Altglogauer Schul in Breslau, derer: letzter Rabbiner Dr. Bernhard Hamburger war, bestand bis zum Novemberpogrom 1938. Die Grundsteinlegung der letzten Synagoge in Glogau war im Jahre 1891 und wurde diese am 15. September 1892 eingeweiht. Ausserdem gab es noch eine kleinere orthodoxe Gemeinde, welche eine Betstube unterhielt. Der Kinderarzt, Dr. Plachte, in seinen Erinnerungen an die Glogauer Synagoge bezeichnet die Glogauer Gemeinde als eine konservative Gemeinde. Nach der Darstellung der Synagogen, wird über die Friedhöfe der jüdischen Gemeinde berichtet. Die Glogauer Gemeinde hatte insgesamt 4 Friedhöfe. Eigene Friedhöfe hatten nur (Fortsetzung auf Seite 16) o

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.