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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1993-01-01 · No. 57 (1993) · p. Seite 6

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1993
Issue
No. 57 (1993)
Date
1993-01-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Zur Bedeutung des Oberschlesischen Judentums Die Ausführungen zu dem zu behandelnden Thema sind von den folgenden Prämissen her zu sehen: Was jüdische Unternehmer, Wissenschaftler, Künstler oder Literaten im deutschen Kulturbereich im allgemeinen und im oberschlesischen Raum im besonderen an Leistungen erbracht haben, ist nicht allein Ausdruck der Besonderheit der betreffenden Personen, sondern gleichzeitig auch ein Beleg für den Kulturkreis, ln dem sie wirkten und aus dem sie empfangend schöpften und dadurch die Chance des Gebens erhielten. Das Wirken und die Leistungen jüdischer Menschen waren dadurch möglich geworden, dass die Juden nach ihrer Emanzipation, die ihnen den Austritt aus der physischen und psychischen Enge des Ghettos seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert ermöglichte, das beeindruckende und nachhaltig wirkende Erlebnis der Begegnung mit dem liberalen europäischen Geist hatten. Auf diesem Wege war, was heute wie ein Anachronismus, ja eine Ironie der Geschichte erscheint, die deutsche Geistes¬ und Kufturweit der Klassiker der Aufklärung und der Toleranz, der Romantik, der Philosophie und der Musik „der erste und eigentliche Partner der Juden“. Und die deutsche Sprache galt ihnen als die lingua franca, die ihnen das Tor zum liberalen Europa aufstiess, und dies keineswegs allein für die innerhalb der Grenzen Deutschlands lebenden Juden, sondern ebenfalls für die Masse der zu den neuen Horizonten des freien Geistes strebenden sog. Ostjuden, die speziell für Oberschlesien besondere Bedeutung erlangen sollten, da von dieser Region aus Gründen der geographischen Nähe sowie ihrer Industrialisierung und der damit in engem Zusammenhang stehenden Urbanisierung eine bemerkenswerte Attraktivität ausging. Der in diesem Vorgang sich ausdrückende emanzipatorische Prozess umschreibt eine Rechts¬ und Gesellschaftsentwicklung, an der keinesfalls nur die Juden, sondern sämtliche Teilgruppen der Gesellschaft, denen die ständische Ordnung des Mittelalters und des Absolutismus die politische Freiheit sowie die volle Rechtsfähigkeit versagt 'hatte, teilnahmen. Von entscheidender Bedeutung erwies sich die Erklärung der Menschenrechte durch die Französische Revolution und deren Einbringen in das öffentliche Bewusstsein, denn dadurch wurde eine Reihe von Emanzipationsbewegungen ausgelöst, gleichzeitig die überständigen gesellschaftlichen Bindungen aufgehoben, was einerseits zu einer Gefährdung des Gefüges der Gesellschaftsordnung, andererseits zu einer Förderung des Individualismus führte. Ludolf Wienburg, 1802 zu Altona geboren, seit 1833 Privatdozent an der Universität Kiel, der 1834 seine Vorlesungen unter dem Titel „Ästhetische Feldzüge“ publizierte, rühmte die Deutschen seiner Zeit als Menschen, „die nichts hinter sich sehen als ihre eigenen Fussstapfen und nichts vor sich als Raum, freien Spielraum für ihre Kraft“. Daher siedelten die damaligen Deutschen — wie das übrigens noch öfters durch sie geschehen sollte — ihre Geschichte im Nichts an. Die Deutschen waren nach 1815 ebenso wie vor 1815 ohne Staat, d.h., sie waren ohne eine Herrschaftsordnung, durch die ein Volk auf einem abgegrenzten Gebiet durch hoheitliche Gewalt von Wahrung gemeinsamer Güter und Werte verbunden ist. Doch nicht nur das, es war ihnen sogar untersagt, sich als Deutsche zu fühlen. Dieser Tatbestand, der nationalistischen oder gar . chauvinistischen Tendenzen (URSACHEN UND WIRKUNGEN) Von Prof. KONRAD FUCHS und Entwicklungen den Boden entzog, entziehen musste, kam der Akzeptierung und Integrierung des jüdischen Bevölkerungsteils ganz gewiss entgegen. Wie in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts der Staat gesehen wurde, hat Friedrich Christoph Dahlmann in seiner Schrift „Die Politik auf den Grund und das Mass der gegebenen Zustände zurückgeführt“, die 1835 erschien, beschrieben. Sie stellt die zweite grosse Bekundung des deutschen Liberalismus dar. Dahlmann vertrat einen historisch ausgerichteten Liberalismus nach englischem Vorbild. Die erste grosse programmatische Schrift des deutschen Liberalismus war Wilhelm von Humboldts Werk aus dem Jahre 1792; es trägt den Titel „Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu verstehen“. Darin setzt er sich mit dem Bürokratismus und dem aufgeklärten Despotismus auseinander. Die Aufgabe des Staates schränkt er auf äusseren Schutz und innere Rechtssicherheit ein. Dass eine dermassen liberal und tolerant artikulierte Staatsauffassung, sieht man von den real gegebenen Verhältnissen, die angesprochen wurden, einmal ab, sich zugunsten der Juden auswirken musste, versteht sich von selbst. Dass die Emanzipation gleichwohl nicht ohne Widerstände vonstatten gehen sollte, erklärt sich aus dem uralten Fremdkörpermotiv, dem man bereits in der Antike begegnet. Seit den Kreuzzügen, vor allem aber seit dem Spätmittelalter, hatte sich die Stellung der Juden nicht zuletzt unter dem Einfluss antijüdischer Legenden — Hostienschändung, Brunnenvergiftung etc. — trotz Einspruchs mancher 'Theologen und vieler Päpste, verschlechtert. Und die weltliche Obrigkeit hatte den Judenhass zur Erreichung wirtschaftlicher und politischer Ziele nicht selten missbraucht. Die nach wie vor ausgeprägte Wirkweise überkommener Klischees wurde u.a. deutlich anlässlich der Tagung des vereinigten Landtags in Berlin im Jahre 1847, dem der Entwurf eines neuen Judengesetzes vorgelegt wurde. Am 22. April äusserte sich der rheinische Unternehmer und Politiker Gustav von Mevissen hierzu u.a. folgendermassen: „Die Regierung hat ein Judengesetz vorgeschlagen, das diese Fragen um mehrere Jahrhunderte zurückzuwerfen droht. .Ich werde an A. Oppenheim schreiben, damit die Juden energisch gegen jenen Vorschlag einkommen.“ Und am 26. April 1847 registrierte er: „Es ist mit lieb, dass A. Oppenheim herkommt. Dieses Gesetz ist scheusslich in seiner jetzigen Gestalt, und wird, dennoch von der Regierung mit der allergrössten Entschiedenheit vertreten, vielleicht von allen Gesetzen am heftigsten. Dieses Gesetz empört mich in tiefster Seele, und das wäre freilich ein Punkt, wo ich dem Gouvernement gegenüber meine sonstige Mässigung verlieren könnte.“ Ebenfalls der Abgeordnete Hermann von Beckerath, Bankier in Krefeld, hatte seiner Auffassung von einer totalen Gleichstellung der Juden gegenüber den Christen lebhaften Ausdruck gegeben, was zu einer Kontroverse mit Otto von Bismarck geführt hatte. Am 15. Juni 1847 hatte dieser sich gegen die volle Emanzipation der Juden gewandt und erklärt: „Ich gönne ihnen auch alle Rechte, nur nicht das, in einem christlichen Staat ein obrigkeitliches Amt zu bekleiden.“ Das Beratungsergebnis, das schliesslich zustande kam, brachte eine Ablehnung der völligen Gleichstellung der Juden mit 215 gegen 185 Stimmen. Gleichwohl stellte das am 23. Juli 1847 verabschiedete Gesetz einen gewissen Fortschritt dar, denn nunmehr durften sich die preussischen Juden als Staatsbürger betrachten, wenngleich als Staatsbürger zweiter Klasse. Seinen offiziellen Abschluss fand der Kampf um die Rechte der Juden durch das Bundesgesetz vom 3. Juli 1869, das nach der Reichsgründung von 1871 Reichsgesetz wurde. Mit dem durch den Emanzipationsprozess seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert möglich gewordenen Auszug der Juden aus dem Ghetto erfuhr der Charakter des jüdischen Lebens und Wirkens eine wesentliche Änderung. Nun entstanden nämlich nicht nur herrliche G“tteshäuser; gleichzeitig entwickelte sich „eine glänzende äussere Gemeindekultur mit mannigfachen Stätten und Veranstaltungen“, die den Unterrichts- und Bildungsaufgaben sowie den sozialen und karitativen Pflichten dienten.1) Darüber hinaus begannen die Juden Im wirtschaftlichen und kulturellen Bereich Aktivitäten zu entwickeln, die das bisher gekannte Ausmass Weit übertrafen. Dementsprechend zählte um 1900 zu den Ältesten der Berliner Kaufmannschaft, einer einzigartigen Institution, die sich mit der allgemeinen Wirtschaftspolitik, mit Stiftungen und Wohlfahrtseinrichtungen, insbesondere aber mit der Heranbildung und Fortbildung von jungen Kaufleuten befasste, eine Reihe jüdischer Persönlichkeiten, die mit der Berliner Wirtschaftsgeschichte verbunden geblieben sind und weit über Berlin hinaus bekannt waren, und zwar James Simon, Louis Ravene, Siegmund Pincus, Wilhelm Kamorowicz, Emil Rathanau, Wilhelm Kopetzky, Hugo Landau, Edmund HeTfft, Eduard Arnhold, Wilhelm Herz und nicht zuletzt Gerson Bleichröder. Dass sich der Emanzipationsprozess im städtischen Bereich, massgeblich in den zu Städten sich entwickelnden Kommunen der Industriereviere zunächst und vor allem vollzog, darf nicht verwundern, denn die hier gegebenen Voraussetzungen stellten sich weit günstiger als 'in den ländlichen »Regionen dar, wo die seit Jahrhunderten herrschenden Vorurteile gegenüber den jüdischen Bürgern auch nach der Emanzipation dominierten. Vor dem Hintergrund dieser Gegebenheiten hat man auch die Beteiligung von Angehörigen des Schlesischen Judentums, nicht zuletzt der Breslauer Kaufmannschaft und Finanzwelt, seit etwa den 30er Jahren des 19. Jahrunderts am Industrialisierungsprozess Oberschlesiens zu sehen. Doch nicht nur das: nunmehr wurden sie In einem nicht unerheblichen Umfang auch zu dessen Mitgestaltern. Dass das Engagement seit etwa den 30er Jahren erfolgte, hängt sicher auch damit zusammen, dass von diesem Zeitpunkt an Investitionen sich zu lohnen begannen, denn wer investiert schon in aussichtslos erscheinende Objekte? Zu den frühen Engagements in der oberschlesischen Industrie gehört das des Moritz Friedländer, eines Beuthener Bankiers, der mit den Partnern Simon Löwi, David Löwenfeld und Mannheimer 1840 die Friedenshütte gründete. Sein Sohn Otto war Gründer der Heinitzgrube und der Moritzhütte, der späteren Julienhütte.2) Ein Verwandter Moritz Friedländers war Emanuel Friediänder in Gleiwitz. Er gründete 1866 die Koh- (Fortsetzung auf Seite 7) 6

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