Mannheim
Compact Memory

Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1992-01-01 · No. 56 (1992) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1992
Issue
No. 56 (1992)
Date
1992-01-01
Page
Seite 2 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/7506414-7412132-7492276--084-7412134
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

»«“ Klein- und Kleinstgemeinden in Ostdeutschland Das jüdische Leben in Deutschland, in beiden Teilen des jetzt vereinten Staates, ist so verschieden von dem vor der Katastrophe. In grossen Orten sind Historiker bemüht, die Geschichte der Juden zu erforschen, in den kleinen, auf dem Gebiet der früheren Bundesrepublik, sind es oft Lehrer und Geistliche, die sich bemühen, die jüdische Vergangenheit ihrer Städte und Dörfer zu erarbeiten. In vielen der kleinen Orte sind Archive erhalten, manchmal sogar Gemeindebücher der untergegangenen Kehillot gerettet. In den Orten, die 45 Jahre zur DDR gehört haben, sind deartige Bemühungen nicht — oder mindestens unveröffentlicht geblieben — unternommen, wie aus den kleinen Orten östlich der Oder, aus denen die Bevölkerung transferiert wurde, und die Neusiedler niemals mit der Frage der ehemaligen jüdischen Einwohner konfrontiert wurden. In diesen Gebieten gab es viele jüdische Gemeinden, wie die hier beschriebene östlich der Oder. Für die Heutigen ist es kaum vorstellbar, und passt nicht in die Lehrmeinung über das deutsche Judentum, die alle Juden in den grossen Städten ansiedelt, dass einmal über tausend Gemeinden bestanden haben. Das Philo Lexikon, 1935, zählt 13 Landesverbände jüdischer Gemeinden auf, angefangen von Preussen mit 700 Gemeinden, Bayern 264, Baden 124, Hessen 137, bis Hamburg 1, wo die Gemeinde als Landesverband zählt: zusammen 1335 Gemeinden, und dabei muss man wissen, dass während der zwanziger Jahre sich viele der Kleinstgemeinden aufgelöst haben, die Synagoge vermietet oder verpachtet, verkauft, den Aron Hakodesch auf dem Dachboden irgendwo untergestellt, wie wir es in Pommern gefunden haben. ★ Die Klein- oder Kleinstgemeinden von denen bis 1938/39 noch viele bestanden, hatten schon vor dem Zusammenbruch ihre Bedeutung eingebüsst. Mit dem Beginn des Jahrhunderts, zog die seinerzeit jüngere Generation in die grosssen Städte. Für die in Ostdeutschland war es Berlin, das die Zuwanderer absorbierte, Juden wie Nichtjuden, die aus der Mark Brandenburg, Pommern, West- und Ostpreussen, Posen und Schlesien kamen. Aus den West- und Süddeutschen Kleingemeinden wanderte man in die Landeshauptstädte oder nach Übersee, so hatten aus diesen Kreisen nach 1933 viele oft weitentfernte Verwandte in Amerika, Südafrika, Australien, die ihnen Ausreisemöglichkeiten verschaffen konnten. * Hier soll von einen kleinen Gemeinde in der Neumark erzählt werden, die wir noch 1935 besuchten. Weniger ein historischer Überblick, dafür fehlen die Unterlagen, sondern ein Versuch, an einem Beispiel das Schicksal, typisch für Dutzende, vielleicht Hunderte der Kleingemeinden, festzuhalten. Es gehörte zur preussischen Politik des 18. Jahrhunderts, die Ostprovinzen zur „germanisieren“. Die Juden übernahmen diese Aufgabe wie die des Handels: Ankauf wie Verteilung der Produkte. In jenen Tagen erlebten viele der Gemeinden eine wirtschaftliche Blüte. Einige wie Märkisch Friedland, später zur Grenzmark Posen-Westpreussen gehörend, konnten Lehranstalten unterhalten und Persönlichkeiten wie Rabbi Akiba Eger anziehen. Bis zum Jahre 1901 bestand dort eine „königlich, preussische jüdische Schule“. Von HEINZWERNER GOLDSTEIN Was zerstörte die wirtschaftlichen Grundlagen der Gemeinden, aber auch die der Ortschaften? Die Erfindung der Eisenbahn. Der Ostwesthandel wird nicht mehr über den Planwagen mit einigen hundert Kilo Gütern befördert, die Waggons fahren an den Orten oder über die Hauptstrecken in der Nähe vorbei, ohne dass die Ware umgeladen, verhandelt, verkauft werden muss. Den Einzelhandel geben die jüdischen Kaufleute in unserem Jahrhundert aus der Hand. Aus falscher Sparsamkeit verzichten sie, jüdische Angestellte zu halten, die im Hause wohnen, und manchmal, wie auch bei Handwerkern, einheirateten. Das Nachbarkind wird ein billiger Gehilfe. Als der sich selbständig machen will, die Zahl der Kunden vergrössert sich nicht, •benutzt er als Werbeparole den Antisemitismus gegen die jüdischen Getreidehändler, die Konfektions- und Manufakturwarenhändler. Gewiss, Antisemitismus hat es in Preussen immer gegeben. Die Parole bleibt ungefährlich, solange die Juden in den Landgemeinden bestimmte Wirtschaftszweige beherrschen. Man konnte in der Schenke gegen den Juden reden; Getreide und landwirtschaftliche Produkte musste man ihnen verkaufen, Bedarfsartikel bei ihnen erstehen. Dass Juden •keine Offiziere werden konnten oder Schreiber in Magistratbüros schadete ihnen kaum wirtschaftlich. Die kleinen Städte in der Mark Brandenburg haben wir seinerzeit gerne besucht und die oft viel zu grossen Synagogen besichtigt, wie die abseits gelegenen Friedhöfe. Ein Eindruck, der sich alle fünfzehn Kilometer wiederholt hat, auch wenn Ende der zwanziger Jahre nur ein oder zwei jüdische Familien übrig geblieben waren. Den Ort, den wir beschreiben wollen, Lippehne, in der Neumark, an der pommerschen Grenze. Eine Kleinstadt, die fünf Tausend Einwohner zählte, zwei Polizisten hatte, einen Nachtwächter, drei Ärzte, einen Apotheker wie einen Amtsrichter, die die Dörfer der Umgebung mitversorgen. In den dreissiger Jahren sind noch ein halbes Dutzend jüdischer Familien übrig geblieben, Inhaber von Manufakturwarengeschäften, einem Getreidehändler, Glasermeister, Vater und Sohn, zwei Generationen. Der damals jüngere bekommt noch 1936 die Goldene Rettungsmedaille, was aber nicht verhindert, dass ihn 1938 seine Schulkameraden und angeblichen „Freunde“, mit denen er zusammen in der Feuerwehr ist, wo er die Rettung vollbringt, halb tot schlagen, ins Konzentrationslager bringen •— worüber er bis zu seinem Tod nicht hinweggekommen ist. Immerhin haben sie — ungewollt —- sein Leben gerettet, da er aus dem KZ nur befreit wurde, nachdem die Familie, Frau, Kinder, Eltern, die alle umgekommen sind, ihm Einreise nach England beschaffen konnten. ★ Wann die ersten Juden in das Nest mit der seinerzeit noch teilweise erhaltenen Stadtmauer und den zwei klobigen Toren gekommen sind, wusste niemand zu sagen. In einer schmalen Gasse, der Judenstrasse, nahe der evangelischen Kirche, stand die Synagoge. Ein schmuckloser Fachwerkbau, im Innern mit weissgetünchten Wänden, einer blau gestrichenen Decke, mit weissen Sternen verziert, in der Mitte des Raumes der Tisch für den Vorbeter, an den Wänden Holzbänke mit Stehständern. In einer Fensternische der Aron Hakodesch, die Heilige Lade. Die Wände schmückten militärische Auszeichnungen aus dem Krieg 1870/71. Eine Tafel, dem Landesherren Friedrich Wilhelm II. gewidmet, sagt, dass das G“tteshaus 1791 eingeweiht wurde. Gestiftet — das Haus oder die Tafel? — von einem Schaul Friedemann. Im Vorraum, unter der Empore für Frauen, lagen alte, oft zerfressene Folianten, mit denen keiner mehr etwas anzufangen wusste. Es war gleichzeitig der Durchgang zu der Wohnung des Gemeindebeamten, die aber mindestens seit der Jahrhundertwende leet stand. Im Jahre 1900 kam ein jüdischer Lehrer aus dem nahen Berlinchen, der Vater des langjährigen 'Schachweltmeisters, Emanuel Lasker, 1861—1941, um dort Barmitzwa-Unterricht zu geben In einem dichten Wald, dem Tanger, einige Kilometer ausserhalb der Stadt, befand sich der Friedhof, mit einer Ziegelmauer umgeben. Der Legende nach, soll sich hier ein Selbstmörder erhängt haben, dass die Stadt den Platz zum „Judenfriedhof“ gegeben hat. Bis 1923 wurden die Toten nach Geschlechtern getrennt: eine Männerreihe, eine für Frauen wie eine für Kinder und Jugendliche, deren Mazewot, die Gedächtnissteine, oft eine abgebrochene Säule symbolisieren. Nach dem ersten Weltkrieg säuberte man den Stein über dem Grab von Moses Moser, einem Literaten der Aufklärungsepoche, Mitstreiter von Heine und Börne. Die Inschrift, auf einer Seite hebräisch, auf der anderen deutsch mit hebräischen Lettern, sagt: „Der, nur der hat lange gelebt, um dessen Tod die Guten seufzen. Er erwählte sich der Edelsten Schmerz zum Erben. Edles Streben und Schaffen. Moses Moser. Geboren zu Lippehne am 29. Tag Sept. 1796, starb daselbst am 15. Tag August 1838. [Auf der Durchreise), betrauert von den Hinterbliebenen als bester Sohn, liebevoller Bruder. Im Leben und Wissen gleicht tüchtig und wirksam“. In unserem Jahrhundert hat es keine Erinnerung ■an die Familie Moser, wie auch an den Namen Friedemann gegeben. Nach 1919 nimmt der Zerfall der Gemeinden rapide zu. Von den zurückkehrenden Soldaten bleiben nur wenige im Ort, die das Geschäft oder die Werkstatt der Eltern übernehmen wollen. Die zwanziger Jahre verschlimmern die wirtschaftliche Situation, neben der Inflation die Konkurrenz der jetzt entstehenden Ein- und Verkaufsgenossenschaften, wie der neuen christlichen Geschäfte. Von einem jüdischen Leben kann man nicht mehr sprechen. Zu den Feiertagen wird manchmal ein Vorbeter engagiert, um überhaupt G“ttesdienste abhalten zu können. Die wenige Jugend bekommt keinen jüdischen Unterricht, denn auch die meisten der umliegenden Gemeinden können sich keine Beamten mehr leisten, bei Beerdigungen amtiert ein Rabbiner aus der weiteren Umgebung. Man stellt wenige Ansprüche an ein kulturelles Leben. Sie sind Mitglieder der Kriegervereine, der Schützen- und Sängerbünde, der Freiwilligen Feuerwehr, die regelmässig Bierabende abhalten und Gartenfeste veranstalten. Das „Hamburger Israelitische Familienblatt“ stellt den Heiratsvermittler. Es ist die Zeitung, die in den Kleingemeinden sehr verbreitet gewesen ist, und sogar gründlich gelesen wurde, während die politischen Blätter weitgehend unbekannt gewesen sind. Das „Familienblatt“ stellte den Kontakt mit der jüdischen Welt dar. ★ (Fortsetzung auf Seite 17) 2

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.