Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1992
- Issue
- No. 56 (1992)
- Date
- 1992-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Das Ende der Wir bringen nachfolgend, mit der frdl. Erlaubnis der Verfasserin und des Verlag, einige Abschnitte aus deren Buch „Karla Wolf, Ich blieb zurück“, Die Überlebensgeschichte der Tochter einer christlichen Mutter und eines . jüdischen Vaters im Nazideutschland und ihr Neuanfang in Israel — Schriftenreihe des Arbeitskreises Kirche und Israel in Hessen und Nassau, Heppenheim. 27. Februar 1943: Ich weiss gar nicht mehr, wie es begann. Aber plötzlich wussten es alle ■— das ist der Tag der vollkommenen Liquidierung der jüdischen Gemeinde. Das ist der letzte Abschnitt. Ich war bei meiner Arbeit im Altersheim, dessen Fenster auf den Hof der Storchsynagoge gingen. Die Toreder Synagoge waren offen und schnell füllten sich Hof und Synagoge mit Hunderten von blassen Menschen, gelber Judenstern auf der linken Brustseite, ihr armseliges Gepäck hinter sich herschleppend. Familien, Gruppen bildeten sich in dem kalten Hof, man packte und ordnete. Viele aber sassen nur apathisch auf ihren Kisten und starrten vor sich hin. Zu Anfang gab es noch eine Identität, eine Würde. Jeder bewahrte noch das ihm eigene menschliche Antlitz. Doch mit jeder Stunde verschwanden bekannte Gesichter, verschwamm das eigene, das persönliche. Sie verwuchsen zu einer Masse von Angst und tiefster Trostlosigkeit. Die ersten Todesfälle ereigneten sich und es gab ihrer an diesem Tage eine Menge. Die Mutigen oder die ganz Hoffnungslosen, die das schnelle Ende dem Ungewissen vörzogen und die auch die Mittel dazu hatten: die „Obertoni“, die Oberschwester Toni aus dem Krankenhaus, Familie Berger — er spielte Harmonium im liberalen Gottesdienst — und viele andere. Meistens war es eine Kapsel Zyankali, die in wenigen Minuten das Leben .auslöschte. Natürlich hatte das eine furchtbare Wirkung auf die ohnehin verzweifelten Menschen. Aus dem Altersheim wurde die Leiterin, Frau Sandberg, geholt. Sie gab mir ihren dunkelblauen Wintermantel — er wäre ihr zu schwer auf der langen Reise! Rabbiner Lewin, der den Vorschlag der Gestapo ausschlug, an einem späteren Termin nach Theresienstadt zu gehen, war für viele sicher eine grosse Stütze und moralische Hilfe. Als Vorbild von unerschrockenem Mut strahlte er Ruhe und Würde aus, ciie über allem zu schweben schien: Er ging ihnen allen voran, Trost ausstrahlend auf dieser Fahrt in die ewige Nacht. Einen Tag und eine Nacht sassen und lagen sie alle in dieser Februarkäite im Hof und in der Synagoge. Im Krankenhaus, das auch in diesem Komplex untergebracht war, und im Altersheim wurden dauernd Kessel mit heissem Tee oder Suppe gekocht und verteilt. Wir waren die ganze Zeit bei den Menschen, um zu helfen, womöglich mit ihnen zu sprechen, dazusein. Auch der „Freundesaal“ war voll belegt bei diesem grossen Transport. Von dort bekam ich den letzten, geschriebenen Gruss von Schulkameraden und von Frau Lewin, die mir Trost zusprach und Kraft wünschte, wenn ich allein zurückbleibe. Sie wusste um mein Schuldgefühl und verstand es. Am nächsten Tag kamen die Lastautos. Stundenlang wurden die Menschen mit ihrem armseli- Jüdischen Gemeinde Breslau Von KARLA WOLF gen Rucksack oder Koffer verladen. Manche winkten sehnsüchtig, manche blickten nicht zurück — die Gesichter verschwanden, Nelly mit dem Waisenhaus, Horst Zwilenberg — er kam, von seiner Mutter im Altersheim Abschied zu nehmen und trug mir auf, gut auf sie aufzupassen. Ein Jahr später bekam ich noch einen aus Auschwitz geschmuggelten Zettel von ihm, aber er selber kam nicht zurück. Sie gingen alle von uns auf dieser letzten langen Reise: die Freunde aus der Schule, die Lehrer, die ganze grosse, einstmals blühende jüdische Gemeinde zu Breslau. Zurück blieben die Altersheime, einige Hundert privilegierte Familien sowie ehemalige Kriegsverletzte aus dem Ersten Weltkrieg. Träger des .Eisernen Kreuzes“, enige Ärzte, Kapazitäten, und wir — die Mischehen. Auch Renate mit ihrer Familie wurde zurückgestellt, denn der Vater war Kriegsverletzter des Ersten Weltkrieges, und das hat wahrscheinlich ihr und den Geschwistern das Leben gerettet. Ich sah sie in der letzten Zeit nicht mehr viel. Ich war sehr eingespannt in der Arbeit, viel Personal fehlte, war nicnt mehr da, und wir arbeiteten oft zwei Schichten hintereinander. Auch sie war in die Zwangsarbeit eingespannt und arbeitete schwer. Im April kam die Reihe auch an die Bevorzugten. Der Trapsport ging nach Theresienstadt, die Chancen des Überlebens waren dort viel grösser, es war kein Vernichtungslager. Renates Vater starb dort nach ungefähr einem Jahr, und sofort wurden die Mutter und die Kinder nach Auschwitz abtransportiert. Alle drei Geschwister haben die Hölle überlebt. Das Verladen der alten Menschen für diesen Transport im April ist eine meiner schwersten Erinnerungen. Auf Tragbahren wurden die meisten in den Hof getragen, dort auf die Erde gelegt und in Decken und Mäntel eingepackt. Die meisten verstanden nicht, was eigentlich vor sich ging und schrieen, schimpften, jammerten vor sich hin. Das Elend war gross. Meinen Schützlingen von Zimmer 9 wurden Hände und Füsse zusammengebunden, sie schlugen um sich und wollten nicht aus ihren warmen Betten heraus. Die ganze Nacht sassen und lagen diese alten, kranken Menschen in dem kalten Hof der Synagoge, im Morgengrauen wurden sie verladen. Das war das Ende. DEPORTATIONEN Ich weiss nicht, nach welchen Richtlinien die Transporte im Jahre 1942 zusammengestellt wurden, ob die Gemeinde die Listen aufstellen musste oder ob es willkürlich vor sich ging. Die Menschen wurden im „Freundesaal“ gesammelt, wo schon lange keine kulturellen Vorstellungen und auch keine Schule mehr stattfand. Dorthin kamen sie mit ihren Rucksäcken von 10 kg. Jeder hatte immer noch ein Köfferchen oder eine Tasche mit etwas „Unentbehrlichem“. Dort wurden sie registriert, aüfgerufen, gesammelt und herumgestossen. Manche erschienen nicht. Sofort wurden zwei „Ordner“ mit SA-Bewachung in die Wohnungen geschickt, die man dann meistens aufbrechen musste. Da war niemand mehr abzuholen, sie hatten den friedlichen Weg, ohne Leiden und Qualen, In den Tod gewählt. Ich gehörte zu den Helfern im „Freundesaal“. Da mussten Rucksäcke umgepackt werden, jeder wollte doch soviel wie möglich mitnehmen. Es war aber nur ein Gepäckstück erlaubt. Kinder mussten beruhigt werden, ältere Leute brauchten Hilfe, und dann wurde eine Kartoffel-Rübensuppe ausgeteilt, die unten im Keller von zwei Frauen gekocht wurde. Sie blieben meistens eine, manchmal zwei Nächte im „Freundesaal“. Es gab Matrazen auf der Erde oder Tische und Stühle. Nicht alle hatten Platz zum Liegen, aber wer konnte schon schlafen! Wir wussten damals noch nichts von Auschwitz und nichts von den anderen schwarzen Namen. Wir wussten noch nichts von Vergasung und Vernichtung, wir wussten, dass es schrecklich war, wohin sie fuhren. Man dachte an grosse Not, an Kälte und Hunger und schwere Arbeit. Aber jeder hat wohl bei sich gedacht, ich werd es schon schaffen, ich bin stark; so schlimm wird es schon nicht werden. NAMENLOSE HELDEN Ich will noch die Geschichte von Frau Teichmann erzählen, einer guten, starken Frau, deren christlicher Mann, ein einfacher Tischler, ihr auf eine heldenhafte Weise das Leben rettete. Sie hatten ihre Kinder schon vor Beginn des Krieges nach Palästina geschickt. Als überzeugte Zionistin tat sie viel, um das Feuer und die Idee in der Jugend in diesen Jahren wachzuhalten. Bei ihr traf sich die Jugend, besonders diejenigen, die irgendwie alleingeblieben waren, deren Eltern schon deportiert oder gestorben waren. Dort lernte man Lieder, hörte Erzählungen, und man bekam auch etwas zu essen. Die Gestapo war rfir schon lange auf der Spur. Sie wurde rechtzeitig gewarnt. Sie verschwand, ehe man sie verhaften konnte. Beinahe ein Jahr hielt der Mann sie in einem Schrebergartenhäuschen ausserhalb der Stadt versteckt. Täglich machte er den weiten Weg hinaus, um ihr Essen zu bringen. Sie durfte Kein Feuer machen, damit die Nachbarn den Rauch nicht bemerkten. In den kalten Wintertagen bis minus 20 Grad und mehr, hielt sie sich kaum am Leben. Als man sie verhaften wollte, erzählte ihr Mann, dass sie schon seit längerer Zeit verschwunden sei und er wisse nicht, wo sie ist. Nach einigen Wochen fand man in der Oder eine Frauenleiche. Chajas Mann identifizierte sie als seine Frau, und sie wurde mit allen Ehren von meinem Vater begraben. Keiner wusste, dass das gar nicht Frau Teichman war, nur ihr treuer Mann, der die tägliche Pilgerfahrt in den Schrebergarten machte und sie versorgte. Nach Kriegsende gingen wir alle gemeinsam mit ihr zu' ihrem Grab. Gleich im Sommer 1945 sammelte sie wieder all die Unglücklichen, Alleingebliebenen um sich, die aus den Lagern kamen und niemanden mehr vorfanden. Sie hatte einen kleinen Kibbutz dort in Breslau gegründet. Mit allen gemeinsam und ihrem zwanzig Jahre älteren Mann ging sie auf illegalen Wegen über die italienischen Alpen den mühevollen Weg tausender jüdischer Flüchtlinge, bis sie nach Palästina zu ihren Kindern kam. Beide Teichmanns lebten noch viele Jahre in einem Kibbutz im israelischen Gallil mit Kindern und Enkeln. Chaja Teichmann, einer der vielen namenlosen Helden, die aus dieser dunklen Zeit geboren wurden. 3