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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 2001-01-01 · No. 71 (2001) · p. Seite 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
2001
Issue
No. 71 (2001)
Date
2001-01-01
Page
Seite 8 (sequence 1649)
Language
German
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Chassidismus am Main Zum 200. Todestag von R. Nathan Adler Am 17. September 1800 (27. Eiul 5560) starb Rabbi Nathan Adler. Mit Ausnahme weniger Jahre hatte der am 16. Dezember 1741 Geborene in Frankfurt a.M. gelebt. Obgleich kein Gemeinderabbiner, gehört er doch zu den großen, bis heute erinnerten Gestalten des jüdischen Frankfurt im 18. Jahrhundert. "Unendliche Milde" wird ihm ebenso zugesprochen wie eifernde Schärfe; mehrmals mit dem Bann belegt, genoss er die Hochachtung selbst mancher seiner Gegner. Ähnlich kontrovers wie seine Zeitgenossen urteilen die Späteren über ihn, und seine nicht leicht zu fassende Person zieht bis in die jüngste Zeit wissenschaftliches Interesse auf sich. Nathan Adler entstammte einer alteingesessenen Frankfurter Familie, aus der mehrere prominente Rabbiner hervorgegangen sind. Eine Familientradition sieht im Frankfurter Aulor des midraschischen Sammelwerks Jalkut Sc.iimoni, Schimon Hadarschan Aschkenas (13. Jahrhundert), ihren Begründer Der außerordentlich begabte imd frühreife Nathan machte bereits vor seiner Bar Mizwa als Gelehrter von sich reden. Seine Lehrer waren die Rabbiner Jakob Josua Falk (Pne Jehoschua), Moses Rapp und David Tewele Schiff (später in London). Begnadet mit einer herausragenden intellektuellen Begabung und einem außergewöhnlichen Gedächtnis, galt er bald als genialer Halachist, wobei sich Gelehrtheit mit einer charismatischen Persönlichkeit verband. Anfänglich angeleitet von R. Abraham Abusch Lissa, versenkte er sich auch in das Studium der Kabbala. Möglicherweise bereits 1762, also mit 21 Jahren, war er "Haupt" eines Lehrhauses. Dank seines Rufes als Gelehrter und Kabbalist und auch dank seiner charismatischen Ausstrahlung versammelte er zahlreiche Schüler um sich. Er lehrte später bekannt, ja berühmt gewordene Rabbiner wie Abraham Auerbach (Bonn, gest. 1845), Abraham Bing (Würzburg, gest. 1841), Löb Cariburg (Krefeld, gest. 1835), Moses Sofer (der Chatam Sofer, Preßburg/Bratislava, gest. 1839), Leser Wallau (Großvater von Abraham Geiger, Frankfurt, gest. 1821) und Seckel Löb Wormser (der "Baalschem von Michelstadt", gest. 1847). Seine mystische Inspiration führte ihn zu neuen Praktiken und zu wesentlichen Änderungen von Normen und Ritualen. Er pflegte das ekstatische Gebet, in sefardischer Aussprache und nach dem Siddur des Ari (R. Isaak Luria in Safed). Auch von dem seit 1771 in Frankfurt amtierenden R. Pinchas Horowitz (der Hafla'a) ist überliefert, daß er nach dem Siddur des Ari betete, doch soll er alle anderen auf den aschkenasischen Ritus verwiesen haben. Während seiner Zeit in Litauen hatte Horowitz Kontakt zu chassidischen Kreisen, aber er unternahm nichts, chassidischen Geist und Praxis in Frankfurt einzuführen. Anders sein Freund Nathan Adler, der zum Mittelpunkt einer abgesonderten Gemeinschaft wurde. Es mag sein, daß Adler im Gegensatz zu den Admorim in Osteuropa nicht aktiv Jünger um sich sammelte, doch führte er seinen Minjan in immer größeren Widerspruch zu den Frankfurter Bräuchen und separierte die Mitglieder und ihre Familien damit von der Gemeinde. Die besonderen Regeln betrafen so gut wie alle Lebensbereiche. Vielfach verschärften sie, etwa in Bezug auf die Reinheitsvorschriften für Wöchnerinnen oder für Priester. Adler sprach täglich dwn Priestersegen, und Frauen trugen an ihrer Kleidung Schaufäden wie die Männer. Der Beginn von Schabbat und Feiertagen wurde nach eigenen Regeln festgelegt und damit zwangsläufig auch separat gefeiert. Extreme Normen von Askese und ritueller Reinheit machten sogar ein Eß- und Trinkverbot mit Außenstehenden notwendig. Im Gegensatz zur eher nüchternen Frömmigkeit der Frankfurter maß seine Gemeinschaft Träumen und Visionen höchste Bedeutung zu. Nathan Adler galt als Wundertäter und Hellseher. Während seine Verdienste um die Heilung von Kranken, sein Umgang mit Amuletten keinen Anstoß erregten, brachte sein Wirken als "Sündenprophet" (Grözinger) die Gemeinde gegen ihn auf. Seine Gesichte ließen ihn sündhaftes Verhalten nicht nur erkennen und aufdecken, sondern auch die Strafe vorhersehen. So sieht die Legende ihn nicht nur als Lebensretter. Einmal ließ er ein Brautpaar, das vor seinem Haus miteinander "lachte und scherzte", mehrmals ermahnen, vom ungebührlichen Verhalten zu lassen. Als Braut und Bräutigam nicht Folge leisteten, sagte er ihnen ein bitteres Los voraus - das dann binnen 24 Stunden eintrat. Verständlich, daß die Gemeinde über den Tod zweier junger Leute außer sich war, und beachtlich, welche Macht die Legende Nathan Adler einräumt. Die Absonderung seiner Gefolgschaft von der übrigen Gemeinde und den so lange gültigen Minhagim, den Bräuchen Frankfurts und Aschkenas', führte schnell in den Konflikt. Von seinen Schülern als "Gottesmann" verehrt und als moralisches Vorbild und Leiter seiner Gemeinschaft unumstritten, sah die Kehilla ihre Autorität gefährdet. Die tradionelle Gemeinde stellte eine gesellschaftlich-religiöse Einheit dar. "Nonkonformistische Gruppen" (Elior) mit eigenen Autoritäten hatten darin keinen Platz, zudem Adler nicht nur den ehrwürdigen Minhag Frankfurt geringschätzte, sondern mit seiner sich erfüllenden Strafprophetie dem rabbinischen Gericht die Arbeit abnahm. Seine Aktivitäten mußten von der Gemeinde als Sektierertum begriffen und als Aufstand bekämpft werden. Aus einem Brief, den R. Josef b. Menachem Steinhardt aus Fürth 1773 an R. Jecheskel Landau in Prag richtete, ist bekannt, daß bereits 1772 oder Anfang 1773 in Frankfurt Verordnungen gegen "Separatisten" erlassen worden waren. Dabei bezieht sich mindestens die Hälfte der Verordnungen auf Bräuche des Kreises um R. Nathan Adler, wie seine abweichenden Gebetsriten und Gebetsinhalte, die fremdartige Aussprache und das tägliche Sprechen des Priestersegens. 1779 wurde die erste Bannschrift gegen Adler (und gegen Leser Wallau) mit dem Verbot erlassen, einen abgesonderten Minjan zu unterhalten; jede Möglichkeit zur öffentlichen Wirksamkeit sollte unterbunden werden. Der Bann sprach sich jenseits der Grenzen der Stadt nicht weit herum, und um der schwierigen Situation in Frankfurt zu entgehen, nahm Nathan Adler 1782 einen Ruf als Rabbiner nach Boskowitz in Mähren an, wo er im Winter 1783 ankam. Da er auch in Boskowitz eine chassidische Gruppe ("Leute von geringem Ruf") um sich scharte und von den allgemein akzeptierten Bräuchen abwich, zog er auch dort den Unmut der Gemeinde auf sich. In einem Brief von 1784 beschwert sich eines der Boskowitzer Gemeindehäupter bei Nathan Maas (Meise), dem Dayen des Frankfurter Rabbinats und Haupt der Gegner, über das höchst sonderbar anmutende Benehmen Nathan Adlers, über seine extrem strengen Schächtregeln, die ihn alles Fleisch zu Rosch Haschana für unkoscher erklären ließen, auch über seine stundenlangen und unverständlichen Predigten. Nathan Adlers Wirken in Boskowitz währte so nur kurze Zeit. Nach einer Denunziation des Pächters der Koscherfleisch- Steuer, der sich durch die Regelverschärfungen wirtschaftlich geschädigt sah, floh Adler "nächtlicher Weile" Ende 1784 aus der Stadt. Wie der genannte Beschwerdebrief zeigt, gab es neben den finanziellen Auseinandersetzungen auch Feindseligkeiten seitens der Boskowitzer Gemeinde, die seinen Stand dort erschütterten, sein Bleiben vielleicht ohnehin unmöglich gemacht hätten. So ging er nach Nikolsburg und Wien, um schließlich 1787 nach Frankfurt zurückzukehren. Dort erneuerte er sein Lehrhaus und ebenfalls den privaten Minjan, woraufhin 1789 der Bann erneut gegen ihn verhängt und erst kurz vor seinem Tod wieder aufgehoben wurde. Neben der Wiederholung der alten Anklagen lag das Hauptaugenmerk der Kritiker nun auf den Träumen und Visionen ("Verbot der Lügenprophetie") 1790 genehmigte die Gemeinde gar das Erscheinen einer Schmähschrift (Maase Ta'atuim) gegen Adler. Daß sich seine Gemeinschaft auf reiche kabbalistische Literatur hinsichtlich der Bedeutung von Träumen und des Traums als Quelle geistiger Autorität stützen konnte, war (Fortsetzung auf Seite 9)

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