Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1999
- Issue
- No. 67 (1999)
- Date
- 1999-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 1559)
- Language
- German
- Belongs to
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11 "Sie wirken in einer Gemeinde, die einen historischen Namen besitzt" (Fortsetzung von Seite 10) hat es gebracht, daß sie nicht nur von Ihrer Gemeinde den Namen erhalten, sondern ihr den Namen gegeben haben, daß, wie sie einst die Gemeinde von Benjamin Rippner war, sie nun nach Leopold Lucas genannt wird. Über den Kreis Ihrer Gemeinde hinaus hat Ihre Arbeit sich erstreckt. Ihre wissenschaftliche Leistung und das weittragende Verdienst, daß Sie durch die Gründung der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums erworben haben, gibt Ihnen Ihren Platz im deutschen Judentum". Leo Baeck blieb bis zu seinem Lebensende der Familie Lucas verbunden. Er stammte mütterwie väterlicherseits aus einer bedeutenden Rabbinerfamilie. Sein Vater, Samuel Baeck, war - wie gesagt - Rabbiner in Polnisch-Lissa, einer Stadt, die seit Generationen Zentrum christlicher und jüdischer Gelehrsamkeit war und enge Beziehungen zur nahe gelegenen Stadt Glogau unterhielt. Hier in Lissa trafen westliche und östliche Denker aufeinander. Zu den bedeutenden Rabbinern der Gemeinde gehörte Akiba Eger (1761 -1837), die größte talmudische Autorität seiner Zeit, der später 14 Jahre Rabbiner im westpreußischen Märkisch-Friedland (Miroslawiec) und anschließend Oberrabbiner in Posen (Poznan) wurde. 1940 wurde Leopold Lucas als Nachfolger für Eugen Täubler, Historiker und Direktor des Gesamtarchivs der deutschen Juden, der seine Emigration nach Amerika vorbereitete, als Dozent für biblische Literatur und Geschichte mit dem Schwerpunkt des frühen Mittelalters von Leo Baeck an die Lehranstalt berufen. Dieses zu einer Zeit, als die planmäßige Ermordung des europäischen Judentums von den Nationalsozialisten vorbereitet wurde und in der Pogromnacht vom 9./10. Nobvember 1938 ihren ersten furchtbaren Höhepunkt gefunden hatte. Auch in Glogau verlief das zynisch als "Reichskristallnacht" bezeichnetö Pogrom nach dem gleichen brutalen Muster wie in allen anderen Städten Deutschlands. Franz D. Lucas, Sohn des Rabbiners, der 1938 noch einen Studienplatz für Orientalismus an der Königsberger (Kaliningrad) Universität erhalten hatte, wurde im November 1938 vom Rektor der Universität angeraten, im Interesse seiner eigenen Sicherheit bis auf weiteres keine Vorlesungen mehr zu besuchen. Er reiste nach Glogau und beschreibt das Wiedersehen mit seinen Eltern mit folgenden Worten: "Dort fand ich meine Eltern - sonst immer freundlich, ruhig und ausgeglichen - im Zustand beträchtlicher Erregung und Enttäuschung. Unsere Wohnung, Möbel, Bilder, Manuskripte waren zertrümmert worden, die klassisch-schöne Glogauer Synagoge, an der mein Vater viele Jahre als Rabbiner amtierte, ein Opfer der Flammen und viele Freunde und Bekannte in Konzentrationslager" verschleppt. Kaum 18jährig wanderte Franz D. Lucas im Dezember 1938 nach Bolivien aus, wo er unter erdenklich schwierigen Bedingungen ein angesehenes Unternehmen mit internationalen wirtschaftlichen Kontakten aufbaute und internationale Anerkennung erfahren hat. Werner Lucas war kurzzeitig Rechtsanwalt in Breslau, lebte bis zu seinem Tode in Argentinien und wurde 1986 auf dem Marburger jüdischen Friedhof beerdigt. Die Glogauer Synagoge, an deren Einweihungsfeier 1892 alle Honoratioren der städtischen Verwaltung, der Kirchen und des Militärs teilgenommen hatten, stand 46 Jahrespäter auf behördliche Anordnung in Flammen. Die Feuerwehr hatte lediglich den Auftrag, die angrenzenden Häuser und die Wohnungen des christlichen Hausmeisters Pohl vor überschlagenden Flammen zu schützen. Von den Brandstiftern wurde die Synagoge völlig geplündert und zerstört; die Überreste der Brandruine wurden schließlich gesprengt. Von nun an wurden alle Bereiche jüdischen Lebens von Gestapoleuten überwacht, selbst die nach der Zerstörung der Synagoge in der Leichenhalle des Friedhofs stattfindenden Gottesdienste. Nachdem die letzten noch in Glogau verbliebenen schulpflichtigen Kinder keine öffentlichen Schulen mehr besuchen durften, wurde von Rabbiner Lucas und dem Lehrer Selowski in dessen Wohnung der Unterricht behelfsmäßig fortgesetzt. Anfang 1939 lebten in Glogau nur noch etwa 100 Juden, viele waren ins Ausland ausgewandert oder nach dem Novemberpogrom mit ihren Familien in Großstädte wie Berlin gezogen. Von hier aus gelang vielen Glogauer Juden die Flucht aus Deutschland, für vorwiegend ältere Menschen war Berlin die letzte Station vor der Deportation. Nach Ausbruch des Krieges sollten sich die Bedingungen für eine Ausreise noch weiter verschärfen. Bereits erteilte Visa wurden wieder zurückgezogen und für ungültig erklärt. Der briefliche Kontakt zu den ausgewanderten Familienangehörigen, die sich verzweifelt bemühten, für die Zurückgebliebenen bei den Behörden des Einwanderungslandes ein Visum zu bekommen, war immer schwieriger aufrechtzuerhalten. Franz D. Lucas hatte für seine Eltern noch eine Einreiseerlaubnis nach Bolivien erhalten und das Generalkonsulat in Hamburg hatte bereits das Visum ausgestellt, als die bolivianische Regierung alle Visaerteilungen annulierte. Als im April 1942 etwa 30 Glogauer Juden nach Izbica am Wieprz in der Nähe von Lublin deportiert wurden, versuchte der Rabbiner von Berlin aus, Hilfspakete zu organisieren, deren Empfang aber niemals bestätigt wurde. Leopold Lucas unterrichtete gemeinsam mit Leo Baeck bis 1942 an der Lehranstalt in Berlin. In einem Brief vom 19. November 1941 schrieb Leo Baeck an Ismar Elbogen, der nach New York emigriert war: "Das neue Semester der Lehranstalt wollen, wir so gut und schlecht es eben geht durchzuführen suchen; wir wollen Lewkowitz und Lucas stärker einspannen. Der Fleiß unserer Hörer ist bewundernswert; man muß bisweilen bremsen". In den Jahren 1938 bis 1941 arbeiteten beide mit Hilfe von Dr. Hilde Ottenheimer an einem Manuskript mit dem Titel "Die Rechtsstellung der Juden in Europa". Das Manuskript umfaßte fünf halbseitig beschriebene Schreibmaschinenbände in vierfacher Ausfertigung. Eine Fassung liegt heute im Leo- Baeck-Institut New York. In den Anmerkungen waren jüdische Autoren wie Ferdinand Lassalle, Moses Hess, Georg Lukasz oder Karl Marx in Klammern mit einem "J" gekennzeichnet. Es ist unwahrscheinlich, daß die Autoren diese stigmatisierende Bezeichnung selbst gewählt hatten. Vielmehr entsteht der Eindruck, daß ihre Arbeit unter nationalsozialistischer Beobachtung stand, die ihre redaktionelle Freiheit erheblich einschränkte. Hierin liegt möglicherweise der Grund, warum das Manuskript bis heute noch nicht herausgegeben wurde. Am 17. Dezember 1942 wurde Leopold Lucas mit seiner Frau Dorothea nach Theresienstadt deportiert. Hier arbeitete er trotz seines schlechten Gesundheitszustands weiter als Seelsorger für Kranke und Sterbende und hielt Vorträge in den Krankenhäusern. Am 13. September 1943 starb er durch Hunger geschwächt an einer Lungenentzündung. Dorothea Lucas, die in Theresienstadt als Krankenschwester arbeitete, wurde im Oktober 1944 in Auschwitz (Oswiecim) ermordet. Leo Baeck, der 1943 deportiert wurde, und Leopold Lucas hatten zuvor im Komnzentrationslager Theresienstadt ein "Manifest an das deutsche Volk" erarbeitet, das für den "Tag danach" bestimmt war. Beide hatten sich die Aufgabe gestellt, daran mitzuwirken, "den Tag herbeizuführen, da der Abgrund überbrückt wird, der heute zu den Füßen der Menschheit gähnt", so die Worte des Rabbiners bei seiner Antrittspredigt in Glogau. Leo Baeck überlebte die Shoa, er starb 83jährig 1956 in London. In einem Brief an (Fortsetzung auf Seite 12)