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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1999-01-01 · No. 67 (1999) · p. Seite 10

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1999
Issue
No. 67 (1999)
Date
1999-01-01
Page
Seite 10 (sequence 1558)
Language
German
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10 "Sie wirken in einer Gemeinde, die einen historischen Namen besitzt" (Fortsetzung von Seite 9) gegen antisemitische Parolen bieten sollte. 1892 wurde in Breslau der "Verein für jüdische Geschichte und Literatur" gegründet. Bereits ein Jahr später wurde folgende Statutenänderung beantragt: Der Verein solle "die Bekämpfung des Antisemitismus durch Wort und Schrift in den Kreis seiner Bestrebungen aufnehmen". 1894 wurde noch unter Rabbiner Dr. Benjamin Rippner der Glogauer "Verein für jüdische Geschichte und Literatur" gegründet, der sich als eine Religionsfortbildungsschule für Jugentliche und Erwachsene verstand Schließlich wurde von jüdischen Studenten aller Fakultäten der Breslauer Universität im Jahre 1897 die "Akademische Gesellschaft für jüdische Geschichte und Literatur" vor dem Hintergrund antisemitischer Tendenzen ins Leben gerufen. Durch "inniges Eingehen auf die Geschichte und Literatur" sollten die Studierenden sich "Selbstachtung und Selbstbewußtsein aneignen können", um so die Überzeugung zu gewinnen, daß "'Jude' ein Ehrentitel sei". Zur Stärkung der Gemeinden trug der Verband der Synagogengemeinden der Regierungsbezirke Liegnitz (Legnica) und Breslau bei. Die Glogauer Gemeinde wurde im Verband durch Justizrat Isidor Friedmann vertreten. Doch die kleine, aber recht wohlhabende Glogauer Gemeinde konnte selbst ein Antisemit wie Fürst Pückler aus Klein-Tschirne (Czerna) nicht beeindrucken. Man verstand sich als deutsche Bürger, hatte bereits in den Befreiungskriegen gedient, nahm später selbstverständlich am Ersten Weltkrieg teil und war in politischer, wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht akzeptiert. Weit mehr sah der junge Glogauer Rabbiner im religiösen Indifferentismus eine Gefahr für die jüdische Gemeinde. Viele Juden waren dem Judentum entfremdet; insbesondere in den Berliner gebildeten und aufgeklärten Kreisen traten viele zum Christentum über. Jüdische Schriften, die wirksam antijüdischer theologischer Agitation hätten begegnen können, gab es nicht oder sie waren , wenn überhaupt, nur einem kleinen akademischen Kreis bekannt. Vor diesem Hintergrund ist Lucas' Gründung der "Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums" zu sehen. Ende 1901 bis Mai 1902 widmete er sich intensiv dieser Aufgabe, unterstützt von Gleichgesinnten konnte er unter anderem den Historiker Prof. Dr. Martin Philippson für seinen Plan gewinnen. Erst nach mehrwöchigen persönlichen Beratungen mit Hermann Cohen in Lucas' Heimatstadt Marburg brachte der zweite Gründungsaufruf den gewünschten Erfolg. Lucas verfolgte mit der "Gesellschaft" vor allem zwei Ziele: Zum einen den Zusammenschluß aller wissenschaftlichen Kräfte, zum anderen den Aufbau eines Mitgliederkreises, den es für jüdisch-wissenschaftliche Werke zu interessieren galt und der den Veröffentlichungen einen großen Leserkreis und damit größtmögliche Resonanz sichern sollte. Am 2. November 1902 wurde die Gesellschaft in Berlin gegründet. Lucas wurde Schriftführer, Martin Philippson von 1902 bis 1917 erster Vorsitzender. "Bei Übernahme des Amtes" - so Lucas - "leitete Philippson gewiß nicht zum wenigsten die Erinnerung an seinen Vater Dr. Ludwig Philippson und mich selbst besonders die Erinnerung an meinen Großonkel, den Naturforscher, Dichter und Religionsphilosophen Dr. S.L. Steinheim, den unter anderem treueste Freundschaft mit Gabriel Rießer und Leopold Zunz verband." Bereits nach 25jährigem Bestehen hatte die Gesellschaft etwa 100 Publikationen herausgegeben. Darunter die "Germania Judaica", in der in alphabetischer Folge alle Landschaften und Orte des Deutschen Reiches in knapper Übersicht anhand von Quellen dargestellt wurden. Der vierte Teil soll jetzt gemeinsam mit der Hebräischen Universität Jerusalem an der Universität Duisburg im Fach Jüdische Studien erarbeitet werden. In der Reihe "Grundriß der Gesamtwissenschaft des Judentums" waren bis 1927 bereits 13 Bände aufgrund ihres hohen Niveaus und regen Absatzes oft in mehreren Auflagen publiziert. Als erstes Buch der Gesellschaft erschien von Leo Baeck “Das Wesen des Judentums". Weitere Titel waren Hermann Cohens "Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums" oder Moritz Güdemanns "Jüdische Apologetik", die beim Carl Flemming Verlag in Glogau herausgegeben wurde. Die Gesellschaft übernahm die von Marcus Brann in Breslau geleitete renommierte MGWJ. Programmatisch für die Gesellschaft war der erste Aufsatz nach dieser Übernahme: Hermann Cohens Vortrag "Die Errichtung von Lehrstühlen für Ethik und Religionsphilosophie an den jüdischtheologischen Lehranstalten". Die MGWJ erschien 1938 im 82. Jahrgang. Von der Gesellschaft weitergeführt wurde auch das "Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur". Anläßlich ihres 25jährigen Bestehens resümierte Lucas im Jahre 1927: "Die Gründung der Gesellschaft hat von Anfang an einen sehr bedeutenden Eindruck außerhalb und innerhalb des Judentums hervorgerufen und sich in dieser Hinsicht als ein Segen für unsere Gemeinschaft erwiesen. Es war eine Zeit der Bedrängnis, in der die Begründung stattfand. Die Gegner fügten dem Judentum vielen Schaden zu durch wissenschaftliche Formulierungen ihrer Annahmen und Behauptungen. Mit ganzen Systemen ging man gegen uns vor....Scheinbar wissenschaftliche Werke beeinflußten in noch nicht da gewesener Art die öffentliche Meinung. Dem System dieser Angriffe gegenüber fehlte dem Judentum die Organisation, wie die Gesellschaft sie darstellt.... Es war Schadenfreude im Lager der Gegener und Pessimismus in unseren Reihen. Da stellte sich fast plötzlich ein so stolzer Areopag von Gelehrten dem Judentum zur Verfügung und begann systematisch die notwendige umfassende Arbeit. Die Publikationen, die durch Förderung der Anregung der Gesellschaft erschienen sind, bilden heute eine unschätzbar wertvolle Bibliothek jüdischen Wissens, ohne die eine Beschäftigung mit der deutsch-jüdischen Geschichte der letzten 200 Jahre kaum möglich wäre. In der Gründung dieser Gesellschaft liegt nach meiner Einschätzung das Hauptverdienst des letzten Glogauer Rabbiners. Lucas setzte sich einerseits für Wissenschaft und Religion des Judentums ein und suchte daneben den Dialog mit der nichtjüdischen Umwelt. An seinen eigenen publizierten Werken sind hervorzuheben sein in mehreren Auflagen erschienenes Hauptwerk "Zur Geschichte der Juden im 4. Jahrhundert" (1. Aufl. 1910), "Mitteilungen auf Grund neuer Forschungen über die Religionen", "Die Wissenschaft des Judentums und die Wege ihrer Förderung". In Anerkennung seiner wissenschaftlichen Arbeit wurde er 1911 zum Mitglied der Byzantinischen Gesellschaft in Athen gewählt. In Glogau hielt er im Verein für Jüdische Geschichte, im Gewerbeverein und in der Glogauer Volkshochschule religionsphilosophische Vorträge. Mit seinen Vortragszyklen zu "Oswald Spenglers Untergang des Abendlandes" oder "Der Glaube und seine Geschichte" sprach er alle Konfessionen und Bevölkerungsschichten an. Anläßlich seines 25jährigen Rabbiner-Jubiläums wurde er in Glogau nicht nur mit einer "Rabbiner Dr. Leopold Lucas-Jubiläumsstiftung" bedacht, sondern erhielt auch vom Vorsitzenden der Berliner Rabbiner-Versammlung, Leo Baeck, Glückwünsche übermittelt: "Sie wirken in einer Gemeinde, die einen historischen Namen besitzt, als Nachfolger eines Mannes, der in dem deutschen Rabbiner- Stande seinen Namen von eigenem Klang hatte. Das Vierteljahrhundert Ihrer Wirksamkeit (Fortsetzung auf Seite 11)

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