Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 43 (25.10.1906)
- Date
- 1906-10-25
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 87% known words query
- IRI
…/2446951-9543451-9894012--0829-7375315- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Drr ISrarltl. Rr. 4.r Sette 3. _>.־!. Oktober 1906.__ JiöfciTOkgenfä&e hingemieseii haben, wurde dieses Argument mit großer Heftigkeit angegriffen unb alle Mittel zu!einer Widerlegung in Anwendung gebraut. Was werden mm aber Herr Tr. Seiner und feine Freunde dazu fagen, dasi nicht etwa Anhänger der sinsterjten Qrthodorie, sondern der Anssch'usi des westfälischen GemeindeverbandcS, dessen Mitglieder Vertreter der radikalsten Reform sind, unsre Behauptung bestätigen nnd auch nicht zögern, dem Konsistvrialprinzip gegen über die einzig mögliche Konsequenz daraus zn rieben'? Wir freuen nns über die ehrliche nnd offene Ltellungiiahme der westfälischen :Geologen, deren Führer Dr. Eoblenz Bielefeld übrigens auch früher schon das politische Verhalten der konseqnenten Orthodoxie zu würdigen wnsite, und begrüsien sie als einen Beweis dafür, dass gerade da, ivo, ivie in Westfalen infolge des Bestehens mich eines orthodoxen Verbandes, eine reinliche Scheidung der Gegensätze vollzogen ist, beide Teile am ehesten zu ihrem Rechte kommen. Mau hatte in Westfalen die beste Gelegenheit, e contrario die verhängnisvol len Folgen zu erkennen, die eilte Znsmninensaffnng nickt zmammengehöriger Elemente unter־ eine ge ,»einsame Ktrchenbehörde für den religiöfeh Frieden haben würde, und es ist daher begreiflich, wenn gerade der dortige Gemeindeverband so eiltschieden dem Rosin'fchen Projekt entgegentritt. Wenn dennoch die angeführte Resolution einer allerdings auf das (Gebiet der Verwaltung nnd sozialen Für sorge beschränkteit Gefamtorgartisation das Wort redet, so mag das vom neologen Standpuitkt verständlich erscheinen. Für uns aber kommen auch auf diesem Gebiete überall, selbst beispiels־ weise bei der Verwaltung eines Krankenhauses, ״religiöse" Interessen in Betracht, die innerhalb einer mit llaatkicker Macht ansgestatteten Organisation jeder Sicherung entraten müsiten. Fn den Angelegenheiten sozialer Fürsorge aber i!t eine Verständigung von Fall zu Fall auch ohne iebe gesetzliche Organisation sehr ivohl möglich und auch bisher schon wiederholt praktisch geworden. Eine Aufhebung der Freiwillig׳ feit jedoch werden wir anch auf diesem Gebiete genau so ivie den Rosin'schen Gesetzentwurf bis Zinn äutzerfteu bekämpfe». » * * Die russische Ju9eneman?ipafion. Tie russische Regierung zeigt sich in Sachen der Fudenfrage wieder einmal recht betriebsam, sie gibt sich den Anschein, als ob sie allen Ernstes eine Reform der Fudengesetzgebung durchführen wolle und teilt der!Seffentlichkeit gleich zwei Entwürfe eines diese Frage betreffenbei, Gesetzes mit, die beide darin übereinstimmen, «V4U v'iC Uui wesentliche Verbesferung der jüdischen Verhält »ine in Russland bedeuten würde. DaS Fnstitut des Ansiedlnngsravonü, dlirch welches die übertviegeilde Masse der Fuden auf einen geringe» Rani» zusammengedrängt und die Exiffenzmög lichkeit ihnen so überaus schwer gemacht wird, bleibt iuiverändert bestehen. De» Fuden nur, die bisher schon ansserhalb des Aiisiedlnngsrauons wohnen durften, ivird der Aufenthalt im ganzen Reiche zugeftanden, der Laitderwerb bleibt ihnen jedoch ivie der übrigen jüdischen Bevölkerung nach wie vor unterlagt, gelbst wenn also die Regierung wirklich beabsichtigen sollte, ihre An kündignngen Gesetz werden zu lauen, was nach der Regel ״wer einmal lügt nsiv." nicht ganz ausser Fweitel steht, so wäre damit für unsere russischen Brüder doch!0 gilt ivie gar nichts ge schehe». Es ist tvirklich schwer, über die Regierung des Faren einmal etwas Renes zu sagen, und es bleibt auch angesichts der jüngsten ״rat" des Herrn Stoltjpin nichts anders übrig, als den alten Gemeinplatz z»! wiederholen, dasi von dieser Seite ein für allemal eine ehrliche Resormarbeit nicht ertvartet werden kann. Ein Testtag des ungarischen;Judentums. Von Rabbiner Dr. -Hermann Klein in »ronsiadi. Am 4. Marcheschwan dieses Fahres sind es 1<יא Fahre, dasz r>fabbi R.'oses Svfer זצ״ל den Preszbiirger Rabbinatsstuhl bestiege». Ein Fahrhundert ist ein langer Feitraum, rvvhl ge uügend, rrm die Wirkungen eines geschichtlichen Vorgangs einigermaszen überblicken,' und dieses selbst seiner vollen Bedeutung nach würdigen zu j könne». ES ivar keine Aussehen er regende Begeben heit, dasi der damalige Rkattersdorser Rabbiner, der sich schon eines hohen Ansehens erfreute,; dem Rufe der Preszbiirger Gemeinde Folge leistete,; und doch erwies sich in der Folge die Besetzung j des Prefzburger Rabhinatssitzes durch R. Moses Sofer als ein historisches Ereignis von unermesz sicher Tragweite »nd von nilvergänglicher Bedentung. R. Moses Soser ivurde in Frankfurt a. M. geboren. Seine Eltern erzogen den Knaben, der schon sehr früh ungewöhnliche Anlagen verriet, im Sinne und Geiste unserer heiligen Lehre und liegen ihn in deren Studium einführe». Er wurde bald ein Lieblingsschüler des graften Rabbi! Rat Han Adler, für de» er bis in fein spätestes j Alter eine geradezu rührende Anhänglichkeit be , wahrte. Er besuchte auch die Lelnvorträge des damaligen Frankfurter Rabbiners R. Pinchas! Hurwitz. Hoch betrachtete er den Erstgenannten ׳ als seinen eigentlichen Führer nnd Meister, denen Lebensschicksale er bis zu einem gewissen Masie! teilte. Als dieser nämlich gczivnngen ivar, Front s»rt zu verlassen, folgte der treue Schüler dem grosien Lehrer. Fn noch verhältnismäfzig jngeild lickiem Alter wurdeR. Moses Safer der Rabbinatssitz zu Tresnitz in Mähren übertragen. Von da kam er nach Mattersdorf, um bald de» Prefzburger Rabbinatsnuhl anzutreten. Seine Berufung »ach Preszburg bedeutet einen Wendepunkt in der Lebensgeschichte R. Moses Sofers sorvohl, als auch in der Geschichte der Prefzburger Gemeinde nnd der Geschichte des ungarischen Fndentnms. Rabbi Moses Soser fand eine Gemeinde, die ihm We legenbeit bot, feine nngewöhnsich reichen Geistesgaben vollauf zu entfalten, und die Prefzburger Gemeinde fmib einen Führer, der sie zum Mittel punkte des jüdischen Lebens in Ungarn, zur Hochbürg des Tliorastudinins erhob. Es war dasselbe Verhältnis wie das Rabbiner Hirschs zur Frank fiivtev Religionsgesellschaft. Cb ne Hirsch wäre die Religionsgesellschaft zu Frankfurt a. M niemals das geworden, was ne heute ist, eine ׳Zentrale des gesetzestreuen Judentums in Deutschlandaber 'ohne die Religionsgesellschaft wäre vielleicht auch Hirsch nicht der grosze Lehrer in Israel geworden, alS den ihn heute ein jeder gefevestreue Fude betvunderu mufz. tltzohl war Rabbi Moses Soser schon ein bedeutender Gelehrter, ein Gaon von Ruf, als die Wahl der Prefzburger Gemeinde auf ihn siel, aber zu seiner vollen Grosze entfaltete er sich erst in Preszburg. Aus dem Preszbiirger Rabbinatssitz hatteil zu jeder Feit Gaouim ge fegen; die »ninittelbare» Vorgänger R. Riojes Sofers waren der wegen fernes Scharfsinns weitberühmte R. Meir, Meharam Barbi genannt, liird der nicht minder berühmte R. Meschiillem Tüsiineilitz, aber erst »nter der Führung Rabbi Mofes Sofer ivurde Preszbnrg die vy, als die sie die ganze Welt kennt und als die sie einem jeden ungarischen Filden eilt Gegen stand der Verehrung ist. Es hängt das Herz jedes iliigarischen Fuden an dieser altehrwürdigen (N’>1‘!!״-i1!iy, de!!!: sie ist ja die Wiege des un gnrischen ״Lernens״ Mit seinem ganz eigenartigen Eharakter. ^ea»!»»nr o »e gnnze 4^vinuniut Ungarns aus der Schiurftube Presiburc^s: hat sich doch fast jeder ungarische Talmid Ehochom längere oder kürzere Feit innerhalb Prefzbnrgö gastlichen Mauern anfgehalten. Und dasz dem so ist, das ist das unsterbliche Verdienst des Mannes, der volle dreinnddreisiig Fahre hindurch der geistige Führer in Presiburg war, das Verdienst > Rabbi Moses Sofers. Er war der Gründer der altehrwürdigen Prefzburger Feschiwoh,der Schöpfer des Lehrspstems, das »och heute in Ungarn heimisch ist. Als Rabbi Moses Soser de» Preszburger Rabbinatssitz antrat, da gab es nur eine verschwindende Fahl ungarischer Talmud gelehrten. Die meiste» Raböinatssitze hatten Ansländer i»»e, ivie ja R. Moses Sofer selbst ein Ansländer war. Da gründete er eine Feschiwob, die UI,fang» Ivvbl nicht aiizuftart besucht geweteu fein dürfte. Bald aber verbreitete sich der Ruf des Prefzburger Raw uud feiner Feschiwob so riftifdi von den Hochzeiten allen Schlags. — Wenn cs damals zur .Loch zeit ging, kamen dir Gaste von weil und bren aus ihren Wagen angcfabren und so verliehen ne auch d,e Hochzeit wieder. Sie konnten also kommen und; geben, wir uud wann cs ihnen beliebte; sic konnten über >bre;len frei verfügen, sic waren ihre eigenen Herren. , Heule drückt den Festgenoncn schon, wenn er sich zur r aicl - meder'etzt, das Bcwuhtsein, das; um acht, neun oder zehn > Ubr sein Zug gehl! Als ob es wirklich sein Zug wäre! -em Fuhrwetk mar es in srührrr Zeit, sein Zug >si es dem, nicht mehr! Würde noch ein gemeinschaftlicher Zug »e Ile sorksührcn, lo könnte mau das ganze Fest dem ( emi! rechend einrichtcn 20 aber rüstet nch ein Teil schon; uni neben, ein;eil um acht, andere srüher oder später! die CRsellschafl zu verlassen, sodaß es Mühe kostet fürs! uschgebct am Schlüsse des Mahles alle zusammen zu halten. r'iese llngcmütlichkeit des Abschieds und dir dadurch bewirkte Störung des ganzen Festes, oft wenn cs im besten; -'׳uge!st, beeinträchtigt die ganze Frstesirrudc viel nach baingrr als manche glauben. — Freilich ist dies ein Aach i!eil, der nicht in den Menschen sondern in der Zeit und ilnem Fortschritt liegt. Hätten unsere Allvordcrrn schon Eisenbahnen benützen können, so wären sie wohl auch nicht au׳ ihren Fuhrwerken zur Hochzeit gefahren- Gewiß ^ier isi es nicht eigentümlich, dag, wie in diesem schein bar kleinen Zuge, so auch überall >m grosze» Weltverkehr,! •e ungeahnten Fortschritte dcö menschlichen Geistes nicht! dazu angetan sind, den Menschen;uiriedener, heiterer, glück ucher zu machen, sondern i!» Gegenteil >n immer neuen . i anatwnen die alte salomonische Wahrheit zu bestätigen > >׳e inehr Wisien, desto mehr Weh'?'" . I Au! o,e Hochzeit folgt die Hochzeitsreise; eine modrnie l Gründung, die allein genügte, um den nesgebenden Unter schied zunschen einst unb!ctzt in seiner ganzen Grgensätz lichkeit zu veranschaulichen. Wenn unsere Wnisen uns eine Anordnung hinter lassen hätten! Zwei junge Heute, die üch die Hand reichen, um gemeinschastlich ein Haus zu gründen, sollten, unmittrl bar, nachdem sie diese Vereinigung vollzogen, idrr Hauses gründnng damit beginnen, da» sie Haus und Hos verlassen, um einige Wochen ziellos tn der Welt umder zu reisenwie stünden da dir Aachrichter bereit, den Stab über eine solche Vorschriit zu brechen und sie als Ausbund aller Verkehrtheit und Verschrobenheit hinzustellen' Und nun verlangt cs nicht die bewährte alte Wnshttt der Regler unseres Pnichttrbens, sondern etne gedankenlose, moderne Tborden stellt diese Forderung an die Aeuver mäblten und viele derselben glauben wirklich, eine Hoch zeitsreiie sei sür eine glückliche Ehe brr »nerläftliche erste Schritt' Gs soll hier nicht wiederholt werden, was vom rrtn menschlichen. rationellen und hugiemschen Gresichtspunkte auch aunerbalb unirrro Strciscs gegen dir Unsitte der Hoch zeitSrcisen geltend gemacht wird. Gin geistvoller nicht ,ädischer Beurteiler und Verurtriler dieser Arlicn kommt am Gndc seiner Betrachtungen zu dem Ante! ״Wenn die jungen Heute von der Bedenklichkeit, Gesäbrllchkeit, Langweitlgken und »osisplrtigkeit der Hvchzeilsreisen überzeugt, eben als Sklaven der Mode nicht in der Hage sind, sich von drr Forderung des Tages zu rmanzl- Pieren und absolut ihrer Umgebung den (Glauben beibrmgrn müsi'cn, sie hätten eine Hochzeitsreise gemacht, so sollten ne sich in einem abgelegenen Borstadtsviertel rin Zimmer aus 14 Taae mieten und dorr ihre Hoch2,׳dhc!!:er!. Dir Mutier drr jungen Frau könnte in daS Gebeunnis ringcweihl werden, bannt sie die Arisrnden nicht nur mit Proviant, sondern ihre!vchter auch mit ibrrm mutter lichen Aal und inn!hrrr Grsadruu» versorgt, aus welche die Acuvrrmahltr!ctzt mehr als >e angewiesen ist.״ Sicht man ׳ich aber dir Hochzeitsreisen vom jüdischen '!lenchtSpunktk an — und von weichem sonn sollten sie jüdische Aeuvermahllc in erster und einziger Aride brlrach ien? — so »lüsirn üch halbwegs vernünnigr junge Heute solgrndcs sagen! Gs mag sür zwei jung verhetratrle Leute geivisi selnrn eigenen Reiz haben, eine grösirre gememschastliche Vcr giiügungsrcise zu machen. Aber es musi dies nicht un mittelbar nach der Hochzeit sein! denn die Aeise verliert von ihrem Aeiz nichts, ,a ne gewinnt sehr wesentlich, wenn sie einige wenige Wochen später rrsoigt. Alle jungen ׳paare, dir wirklich ihr l^attenleben ge wlsienbatt nach dem «besetze Mvschehs und Fsraels zu iübren gewillt und, können ruie solche Rene nicht etttmui aniiiiiit, ohne in dir prinlichsten KonNikte mit dem, »vas ihnen heiligste Pnichl ist, zu geraten. Dir alle ,üdischr Anschauung i״nd und sindrt ihr reinstes Glück im Hause, die zeitgenössische Helchttrblgkrit miiü das Heim vcrlasirn und das t^lück und dir Freude in drr rastlosen Aeise suchenob sie es findet'? Viele ,unge Paare, dir nach dem Gesetz Gottes ihr Gdeleben rühren, haben nachträglich bekannt, ne möchten nicht pim zweitenmal eine Hochzeitsreise machen' Die bewährte alte jüdische Anschauung kann »ch einen ,ung verheiratete» Mann so wenig aus der Aeise denken, daß sie, wenn der Wille Gotte» uns die Pflicht an» Herz!:gl, Lg:r dem Gottes.ovrlr >u sprechen auai ״wenn vu aur die Aeise gebkk". stille fleht und sagt יכ^כ?ך כדרך