Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 43 (25.10.1906)
- Date
- 1906-10-25
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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zelnen Erscheinunqen dieses Universrnns zu ge winnen, die einzelnen Glieder dieser Gesellschaft zu beglücken, die einzelnen Bürger dieses Staates zu ihren» Rechte und zu ihren Pflichten kommen zu lasten. Aus einem (Gedankenblitz das Bau׳ »natcrial zur Weltschöpfunrz gewonuen — uud es hat Menschen gegeben, die daran glaubten, Menschen gegeben, die das befriedigte, die überrascht von dem Zucken dieses Blitzes, dieses einzigen, schwachen, nachterhelleuden Wiedcrscheines einer einzelnen, begnadeten Geistesle»»chte dir Augen schlossen uud vor dem Prachttempel, zu (ihren eines sterblichen ErdcnkloßeS von dankbaren Mitmenschen errichtet, so verehrungsvoll und knechtisch vorbeidefilierten, als ob das Recht der Kritik, das Recht und die Pflicht der nüchternen Uebcrlequng ein menschenuntvürdiges Bergehen wäre, lind »vas diese Blindheit verewigte, war die Vererbung dieses sklavischen Respektes aus Jahrtausende hinaus. Ein anderer Weg lies uud läuft auch heute noch über die lachende» Fluren der M 1111 fl. Er wird von denen bevorzugt, denen spekulatives Grübeln ein Greuel und die Anbetung der leichtergeschürzten Bluse mehr Wonne vcr leiht, als der unfruchtbare Kultus vor dem Griesgram von Philosophie. Daß in dem fünft lerischen Linnen ein gutes Stück philosophischer Lebensweisheit steckt, »vird von ihnen nur 1111 gern zugegeben und nur daun, wenn sic die be'teren Züge ihrer angebeteten Göttin nicht vcr deck! und nicht verzerrt. Hier ist die Wirkung eine viel unmittelbarere, weil de! Weg kürzer ist, der zur Einheit, zu jenem unmittelbaren Ver hältnis zur Allnatnr führt, die aus spekulativem Wege umständlicher und auch unvollkommener er!eicht werde» köiinru. Fni Bunde der dritte in das religiöse Be dürsniS, die religiöse Selmsucht des Menschen. Dieser Bundesgenosse in zugleich der reichste und stärkste und wird im richtigen Verständnis viel sach mn der Rarur, dem All idenlinciert. Er ist der stärkste, weil er die schwächsten, cx ist der gesündeste, weit er d!e kränksten stützt und heilt. Er ist stärker als die Philosophie, weil die viele», die sich in seinen Schoß flüchten, von der Philo sophie ihren Ausgang nahmen und aus hoher Sec sic das Geschick eines geborstenen Wraks ereilte. Er ist mächtiger als die Kunst, weil er eines nervigeren Armes bedarf, um die über Waner zu halten, die nnsehlbar darin versänken, wenn sie nur die Kunst mit ihren Lilienarmen stiitzte. Er ist mächtiger als beide zusammen, n׳eil er älter und erfahrener!stund die Religion, je älter sic wird, uinso größere Erfolge und dauerndere Wirkungen erzielt. Denn es ist arge Selbsttauschiiug, die religiöse Entfremdung selbst einer ganzen Geschichtsepoche als Blarasmus der Religion selb st zu diagnostizieren. l Spekulative, Gedankenarbeit, Kunst und Re igion setzen den Menschen in ein Verhältnis zum All, zu besten Festlegung er des gesellschaftlichen Zusammenhanges eiuraten zu können glaubt, ja behindert zu werden fürchtet, wenn das Recht deS Andern an ihn, eine altruistische (Gewissensforderung seine Kreise stört. Merkwürdig breit und dick auf der DRer fläche, wie selten sonst, liegt hier der elendste Frrtuin aus. Diese Zweischeidung, diese Trennung des Wahren, des Richtigen, des Schönen, des Erhabenen von Recht und Pflicht, d i e s e A b s onderun g vo u Kunst, Relig iou, Wissen schüft von den Banalitäten des alltäglichen Daseins und Berufs schuf diese! ganze Wirrsal. Die Zerklüftung des Lebens in! hohes und niederes, in erhabenes und gemeines, beglückendes uud anwiderndes, als ob in Wahr׳ heit das Recht leben zu lassen des Menschen ״verdammte" Pflicht und Schuldigkeit wäre und nicht gerade in der Förderung des Ilächstenglücks, des Nächstenwohls und des Nächstenheils sein eigenes höchstes Glück, sein eigenes höchstes Wohl und sein eigenes höchstes Heil finde der Mensch sie erbaut den Zellenkerker, die klastiflzierte und rubrizierte Gesellschaft, den klastinzicrtcn und in Fächer geteilten Menfchengeist, in welchem dicht nebeneinander, neben dem höchsten Kunst-, Re'igwn und Wisienschastsidealts-nus die schnödeste Hab und Selbstsucht wohnen und angebetet werden. Eine solche Teilung der geistigen Lcbenssphäre ist kaum menschlich — vielleicht. Aber un jüdisch gewiß. Feuer Kampf zwischen ״kosmischer und sozialer Lebensführung", wie ein geistreicher Denker das unerträglichste Dilemma der Gegenwart nennt, kann n»r von uns, von der Thora, vom Fudeutum geschlichtet werden. Weil das Fudentum sich für die Ehre schönstens bedankt, als Ersatz für fozinle Lebensführnng behende einzuspringen, kann ihm nur dann mit Erfolg gedient werden, wenn man sich dazu hergäbe, sich dieser Religion mil allem was man hat und will und!st, restlos zu überantwortcn. -stur dann in das Dilemma gelöst, nur daun aus dem lapus wirklich dcus geworden. Diese Ihn- Wandlung wird nur vollbracht an der Hand des Schöpfers des Himmels und der Erde, aus dessen allmächtiger Wallung auch die erste Ge sellschast stammt, die auf Erden weilte und der * dem ersten Juden soziales Empnnden lehne, indem er sprach: ,והיד, sei fein Wolf, sondern werde zum Segen. li. B. - .׳ t» WochenrunKschau. neues ותסס Rofin’fchen Kriegsfchaupla&e. Nachdem vor kurzem der ,,Zentralverein is raelitischer Gemeindemitglieder" in Frankfurt a.M. sich gegen das im Rosmscheu Gesetzentwurf durch geführte Konsistorialprinzip ausgesprochen harre, ist dem Prof. Rosiu und den Führern des Ge meindebuudes nunmehr eine zweite Absage ge worden, die diesen Herren und ihrem Anhänge wohl noch unangenehmer als die Frankfurter Kundgebung gewesen sein wird. Der Ausschuß des V c r b a u d e s d e r S »1 n a g o g e n g e m e i n d e n Westfalens har sich am!4. ds. Mts. mit der Beratung des Rosin'schen Geseßentwin-fes besaßt und eine Resolution angenommen, die sowohl wegen der Motivirung des darin abgegebenen Votums als auch mit Rücksicht auf ihre Urheber eine nicht geringe Bedeutung im jüdisch-politischen Leben in Anspruch nehmen darf. Die Resolution lautet: ״Die religiösen Gegensätze innert,alb der preußischen Judehhcik sind so groß, daß sie die (Lindeil in der Retigionsübung aus schließen. Der Rosinsche Gesetzentwurf oder siebt die Schaffung religiöser Herinstanzen vor, die nach ein beirlichen kirchlichen Satzungen die jüdische Rcligions Verfassung ausbaucn und die Beobachtung der Reliaivns gesetzt in den unteren Verbanden überwachen sollen. Diese Einrichtungen müssen bei den vorhandenen (Gegensätzen notwendig zu (ffew i i srns zwang führen. Der Ausschuß des Verbandes der Sunagvgcngcmcinden Westfalens lrimr deshalb den Rosm schen ״Entwurf eines Gesetzes über die Organisation der israelitischen Religionsgcmeinschast in Preußen" e i 11 st i m in i g unbedingt ab. - Dagegen hält er eine (ffesamtorganisarivn der preußischon Fudenbeit unter völliger Wahrung ber rrligwscn Antonomic der Sunügvgeugemeinden zu! Förderung der gemeinsamen Interessen, insbesondere auf dem Geviele der Verwaltung und sozialen Fürsorge für erstrebenswert." Was hier über die religiösen Gegensätze innerhalb der preußischen Flideuheit — dasselbe gilt natürlich auch außerhalb Preußens — gesagt wird, ist wahrhaftig keilte welterschütternde Neuigkeit. nt vielmehr eine Wahrheit, bereit jeder halbwegs Unbefangene, solange es eine Reform giebt, aut Schritt und Tritt innc werden mußte. Aber es ist doch überaus wertvoll, dag gerade eine Stelle wie der Ausschuß des westfälischen Gcineindc- Verbandes diese Wahrheit einmal klar und den! lich znm Ausdruck gebracht hat. Demi so oft wir bei unserem Kampfe gegen die Konsistorial bestrebungen auf die Unvereinbarkeit der rcli Kleines DtziliUstsn. ffscbzelMrsie und Trainings-! feierlichkeiten einst und letzt. citiiw Der größt Wirr. der aus dir Trauungsreden wie in׳ nun tiuiual meistens iind. heute gelegt wird, Hai auch noch deu großen RackneN, daß die präeise Erfüllung der für de» Trmuingsakl vorgrsetiriebcuen i7bierva»zen eiu pffndlich daruiuer leidet, wodurch die ganze (>(>tl1gke>t des , Trauuiigsakies m Frage gestellt werde» kann. Es giebt beute sebr viele Verne. welche wirklich glaube», obue Trauungsrede könne keine richlig gilnge Trauung voll zogen iverden. Dagegen giebt es sebr wenige, welche willen, daß. wenn V keine vom iffesetz als aualineierl anerkannten Zeugen iur die Trauung besonders dengmen sind, wenn der Trauring und seine Uebergabe nicht de»! gesetzlich vorgeichriebenen Weise entsprechen, daß dann die ganze Trauung nich! ..nach de», Gesetze Molche s und Fsraels vollzogen und a»'o ung.mg Daß der jüdische Ebebrie' die »eimvo. den religionsgeietztichen Aniorderungen einiprechen muß. daß uiiiuinelbar nach der Trauung die'e ihren Abichluß er» dadurch er Kali boß das Bramvaar iur kurze Feil m eurem Zuume, allein in. das alles sind Dinge, die vielen vollständig un bekannt nnd Freilich in es nichl Pstich! des Braut Paars iondern de.» eingen. der die Trauung voll riebt, über die Beachtung dieser und anderer DbliegenhciU» zu wachen. Aber wenn der Schwerpunkt des ganzen Aktes eben aus die Trauungspredigt gelegt wird, so darf inan «ich nichi wundern, wenn nach dieser Seile tun so vieles >m Argen liegt, daß es beute gebieterische Vüicht eines >eden Brautpaares in. rechtzeitig dafür zu sorgen, daß seine Trauung durch eine Persönlichkeit erfolgt, welche nach dieser Richtung Inn zu keinem Bedenken Anlaß giebt. Es ist dies eine Noiwendigkett. welche d!e frühere :'»eit nicht kannte, die aber beule dringend geboten ist. Das Hochzeitsmabl an und sü» sich, vorausgesetzt, das! es von gcwinenhanen Wirten bergerichlel ist nnd also den Ansorderungen unserer Speiiegeietze entspricht, voraus gesetzt ferner, daß alle Gäste dem Religionsgesetz entsprechend nicht ohne die Hände gewaschen und das -Haupt bedeckt zu baden sich zu Tisckw niedersetzen, unterscheidet sich wenig von dem .Hock׳zeitsmabl in früherer Zeit. Aber htnnchtlich der Würze des Mahls, hinsichtlich dessen, was dabei gesprochen, gesungen, vorgetragen und zur Er benerung des!ungen Paares auigciührt wird, macht sich der Unterschied um so mehr bemcrklich Gottes T borawort. seine Erklärung und Verklärung durch die Aussprüche der Weilen »n Taiimid nnd Midrasch bildeie in irüdercr Zeit den unerschöpflichen Ten für alles, was ernstes und heileres a» der Hochzeitstairl gesprochen wurde. ..Wenn drei an einem Tuche nisammen aßen. j ohne daß Worte der THora von den Speisenden gewechselt ׳ wurden, io in cs. als Hanen ne von Toien Mahlern gcj Mm.׳; Der Ernst dieses Wortes, der!edes tägliche Mahl vergeistigte. lam bei der FeiNlimmung des Hochzeiismaklcs ganz besonders zu seinem Recht. Auch die Vicder uud Darnellungen ivaren alle dem ,üdischcu Veden lmd Denken eiminwmm׳ >.!nd!!׳:.׳. de׳. F.ier des Tages in Zusammeni iiang gebracht. Das gab selbst dem Ernst eine gewine .Heiterkeit »nd der Heiterkeit eine Dosis Ernst. Diese Würze des Mahles gehl unseren modernen Hochzeiisscierlichkeücn ihrer großen Piehrheii nach voll ständig ab, weil ihre Teilnebmer auch sonst sich nicht in den Baimen bewegen, in welchen sie allein zu finden ist. Es iverden Toaste gehalten, Deklamationen vorgetragen, V'tcbcr gesungen, Hochzritszeiiungen mit und ohne Anzüglichkeiten nnd Zweideutigkeiten verteilt, die für eine christliche oder islamitische .Hochzeit ebenso gut oder ebenso schlecht^ am Platze wären, wie sie eS für eine jüdische sind. ,Dann kommen noch die »ngezäbllen Depeschen, deren ermüdendc Vorlesung für die wenigsten von Fnlcressc ist und die dom jeder anhöre» muß. Feder versichert, wir köstlich er mb amüsiert habe, atmet aber doch crleichcrk aus, wenn die Tafel ihr Ende erreicht, oder wenigstens die erste Paine eintriti. Denn diese Panse und der Tanz, der sie austüllt, >ß für den jüngeren Teil der Hochzeitsgesellschaft die eigcntz lichc Hochzeit! alles bisherige war nur Staffage- Auw bei den Hochzeiten alten Schlags wurde getanzt, r-ie junge Frau rröffnete den Reigen und für!eben der An wesenden galt der Tanz mit der Heldin deS Tages ms besondere Auszeichnung, ja als Mizwo! man nannte ivn geradezu den Mizwo Tanz! aber es war ein Reigen aus dessen Atmosphäre in der Tat alles verbannt war, was!rnscits der reinen Mizwo-Freude liegt. Der (ffiptclpunn aller Hochzeitssreudr lag aber für alle Teilnehmer darin, Eboson und Kallo zu rrtrcueu. Der Schwerpunkt unierer modernen Tanzboden Freude liegt mehr in dem Veureven sich selber zu amüfferr». Auch die -rt und Weise, wie fick unsere^ modernen Hochzeiten ihrem Ende zuncigrn, unirrschridri sie charakie