Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 3 (1872)
- Issue
- 3. Jahrgang Nᵒ 3.
- Date
- 1872-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/5369809-5935003-5935568--1047-5370696- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
w?5‘ SS di« freqnentirtrste tn der ganzen Welt war nnd es nach dtt «Ulf de» hentigen Lag' ist. Di« Zaljl der Hörer schwankt zwischm 300 und 400. Dir vielen Zeschtia'« tn Ungarn find gewissermaßen Borbereitunglschulim für die Preßburger ^Irra wnter. An dieser wird in bei; Thal da< Lalmudstudium In einer Weise und in einem solchen Maße gepflegt, wie nirgeni«» weiter, obschon der Lehrkörper nur au« einem Manne besteh!, oder, wie wir jetzt leider sagen müssen, bestand, au« Gamurl Wolf Schreiber. Die rastlose Geistesarbeit blieb denn in der Thal nicht ohne nachtheilige Spuren für seine körperliche Gesundheit. Schon vor Zähren waren an dem großen, starken und schönen Manne, dessen äußere Erscheinung unwillkührlich Jedem imponirt« und Ehrfurcht einflißte, Merkmale einer zerrütteten Gesundheit wahrzunehmen. Wie konnte e« aber auch andersein. Ein Mensch, der regelmäßig von 3 Uhr Morgens bis 11 Uhr NachtS in Folianten vertieft und mit der anstrengendsten Geistesarbeit beschäftigt ist, kann nicht gesund bleiben und wenn er auch von Natur aus rin Herkules wäre. Zu der geistigen Arbeit kam aber nach die physische hinzu. ES wäre vergebliche Mühe, Ke körperliche Anstrengung, ja die wahrhaft aufreibende Arbeit schildern zu wollen, welche die Abhaltung eines tali mudischen Vortrages inmitten von 400 Talmudjüngern, welche fwnft dem Gegenstände vollkommen vertraut sind und von dern V, OiSputationsrecht den weitesten Gebrauch machen, erfordere. £ Kur wer einem „Schiur" in der Preßburger- „Schiurstube" einmal angewohnt, kann sich davon einen Begriff machen. i sDer Preßburger Rabbiner hat also nicht nur der Thora gelebt, sondern ihr sein Leben zum Opfer gebrächt und somit die vom Talmud an Numeri 19, 14. geknüpfte Bemerkung an sich zur Wahrheit gemacht. Es wäre ungeziemend, bei hinein Manne, wie der Verklärte, von Frömmigkeit zu sprechen nd durch eine längere Auseinandersetzung erst beweisen zu ollen, daß er neben der Thora auch der Abodah abgelegen, ir können daher gleich zu der dritten Säule des Juden hums übergehen, zu Gemiluth - Chaßodim. Man rühmt die vhl- und Mildthätigkeit von Leuten, welche von ihren llionen, von ihrem Ueberflusse der Armuth einen kleinen l zukommen lasten. Was ist aber solchen gegenüber ein [, Mann, der nur Weniges bestpt und von dem Wenigen nur sa« zur Deckung seiner Bedürfniste Nothwendigste für sich das Uebrige aber an Arme vertheilt? Ein solcher Mann aber Rabbi Samuel Wolf Schreiber. Die armen Talmudgelehrten in Preßburg, namentlich lber die armen und oft den unglaublichsten Entbehrungen usgesetzten Jünger misten davon zu erzählen. Die an ge- - oisten Festen ihm zugesandten Gaben wurden von ihm sofort «n armen Gelehrten zugewcndrt. Wie wehe es ihm that, - oenn seine Schüler darben mußten, beweisen folgende Worte, che Schreiber dieses, der in dem Dahingeschiedenen seinen verehrten, unvergeßlichen Lehrer betrauert, sehr oft von zu hören Gelegenheit hatte. Wenn er nämlich nach der Haltung eines Vortrages keuchend und schweißtriefend nach ausr kam und zum Mittagsttsch sich setzte, da sagte er sehr t: „Ich habe nach der großen Mühe und Anstrengung gstens was zu Mittag zu essen, wie viele aber von den achurim", die sich eben so angestrengt und geplagt, kommen „Schiur" nach Hause und wüsten Hunger leiden"! Daß Preßburger Gemeinde, wie überhaupt alle, dir ihn kannten, nicht nur hoch, sondern fast göttlich verehrten, ist unter Umständen nicht mehr ausfällig. zw fM, r ab DI Sein frühe« Dahinscheiden hat wohl nicht tn Preßburg allein den tiefsten Schmerz verursacht, sondern wird überall, wohin di« Nachricht davon gelangen wird, Trauer Hervorrufen. Denn in dem Preßburger Oberrabbtner wird der größte Talmudgelehrte, der frömmste und gläubigste Jude und einer der edelsten und besten Menschen überhaupt zu Grabe getragen. Wir fügen diesem Nekrologe nur einige Worte hinzu. Daß die Beerdigung rin« würdige, die Trauer eine ti<fempfundene und übrrwälttgende, di« Leichenfolge, der sich außer den Einheimischen noch tausend« von Fremden angeschlosten hatten, eine großartige gewesen ist, bedarf kaum der Erwähnung. Der Bahre wurden von Schülern 56 von dem Verblichenen verfaßte Manuskripte voraufgetragen. (Im Druck ist bei seine» Lebzeiten nicht« erschienen). Der literarische Nachlaß besteht au« 42 gebundenen Manuskripten, halachischen und agadischtn Inhalts, dazu weit über 100 Hefte, welche man in 14 Partten getheilt hatte, um so die Zahl der Werke und der Lebensjahre des Verfassers derselben in Gleichmaß zu bringen. Noch vor der Beerdigung wurde der Sohn, R. Bunam (DJia) zum Nachfolger erwählt und während dersrlben als solcher proklamirt. Man glaubt allgemein, daß er dieser ausgezeichneten Ehre, den Platz seines Großvater- und seine« Vater« s. A. auszufüllen, in der That würdig sei. Unser oben erwähnter Eorrespondent will wissen, daß sich eine Opposition gegen die Wahl zu Gunsten des Rabbiner« Fisch mann in Preßburg geltend gemacht habe, doch ist diese augenscheinlich bald in den'Hintergrund getreten. Die Zahl der gehaltenen Trauerreden ist sehr groß gewesen und die Leichenfeier hat von 11 bis gegen 5 Uhr gedauert. — Die Zeitungen der Stadt widmeten dem Verstorbenen ehrend« Worte de« Nachrufs. Die Mutter desselben war eine Tochter de« R. Akiba Eger s. A. — Hkefl. Das „Trad. Jud." zeigt an, daß e« fortan gleichsam „Amtsblatt der jüd. orthod. Confession" sein werde. Um diesen Zweck in vollem Umfange zu erreichen, wird die' Redactton dieses Blattes mit Nächstem der Leitung eineH Mannes anvertraut werden, der nebst eminenter literarischer Befähigung, gründlichem hebräischen Wissen und umfangreicher Bekanntschaft mit den bierländischen jüd. Zuständen — auch mit einem genügenden Grade diplomatisch-politischer Begabung auSgestattet ist!" Ob unsere Leser den Sinn des letzten Ausdruckes besser verstehen als wir, wissen wir nicht. Ob damit angrdeulet sein soll, daß das Blatt in Zukunft sich diplomatischer, d. h. weniger roh ausdrücken werde? ES wäre sehr zu wünschen. Daß der vr. Freund demnächst von der Redactton zurücktreten werde, hat derselbe bereits angezeigt. (In Nr. 1 ist jedoch die Red. noch unverändert.) Frankreich. 6. December. (Das im vorigen Blatte erwähnte Schreiben von E. Hirsch an den „univ. Zsr." in Betreff der französischen jüdischen Kriegsgefangenen in Gießen lautet, mit Weglassung des bereits mitgetheilten-Einganges:) „So viel ich und soviel die Gemeinde zu Gießen wußte, befanden sich in der Stadt vier israelitische Kriegsgefangene: der Commandant M., der Lieutenant S., Unterlieutenant vqn der Mobilgarde K., und ich schlichter Freiwilliger. Wir erfreuten uns alle vier der zartesten Aufmerksamkeit, materiellqr wie moralischer, von Seiten der Gießener Zsraelüen, welch« _ um die Wette unsere traurige Lage zu lindern bemüht waren. Herr vr. Levi, Rabbiner dieser so gastlichen Gemeind^, halte nicht gewartet bis daS Loos der Sch'achten ihm seinen