Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 22 (1893)
- Issue
- N° 23. (2.6.1893)
- Date
- 1893-06-02
- Page
- Seite 88 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 88 - Salomon Ihn Adr et übereinstimmend als jene 1־ei11e! Talmudkost vor der ],Hegt׳ der anderen Wissenschaften ' gefordert )iahen. Aus dem preussisch-schlesischen Städtchen Kosenberg hervorgegangen, das der jüdischen Wissenschaft auch den verdientesten Lexikographen der Targiunini und des Talmud, Jacob Lewy, geschenkt hat, als Sohn des frommen und kundigen Gemeindelehrers daselbst geboren, fand Ko sin in seiner Heimath und im Elte׳ hituse schon Gelegenheit, eine feste Grundlage s; VI- und Talmudkeuutniss sieh auzueignen. Für die .votängsgründe einer tüchtigen Schulbildung sorgte die evangelische Schule seiner Vaterstadt. Auf den Talmudschulen zu Myslowitz und zu Kempen, wo der < weithin gefeierte R. Simcha K eh fisch, ein Meister tiefdringender Behandlung und lucider Erklärung talmudischer Materien, sein Lehrer war, baute er vom 13. bis zum 18. Lebensjahre auf dem zu Hause bereits sicher gelegten Grunde seine Kenntnisse weiter, so dass es ihm in Prag nachmals ein Leichtes wurde, den Befähigungsnachweis für das rabbinisrhe Lehramt zu erwerben. Der Ruf Salomo dehuda Lüw Rapoport's. dem er selbst ein Blatt tiefer Pietät, und Verehrung in dem Kranze seiner ('entenarteier gewidmet hat, lockte damals talmudkundige, von Wissensdurst getriebene Jünglinge schaarenweise nach Prag. Es war auch eine seltene Vereinigung von mannigfachen Gelegenheiten zur Weckung und Anregung schlummernder Kräfte und Fähigkeiten, die in dem damaligen Prag sich darbot. Stückweise, im Ansatz sozusagen war das vorhanden, was nachmals die Seminarien gesammelt und handlicher gleichsam zu bieten sich anschicken. Zum ersten Male gewissermassen erscholl da von einer jüdischen Kanzel tiefster jüdischer Geistesgehalt in der vollendetsten Form, in hinreissender tadelloser Sprache. Michael Sachs hatte zum ersten Male ein ideal von dem gezeigt, was die Alten von der Schönheit Jafets sagten, die in die Zelte Sem's einzieht, ein au griechischen Schönheitsmustern grossgezogenes jüdischesRednertalent, goldene Flüchte in silbernen Schalen, Stimmen vom Jordan und Euphrat in den erlesensten Lauten des deutschen Idioms. Neben dieser Wirksamkeit in dem Gotteshause entfaltete Sachs auch durch die Vorlesungen, die er im Kreise von jungen Leuten hielt, eine bildende Thätigkeit. Mehr aber noch als durch sein zündendes Wort und seinen sprühenden Vortrag wirkte diese begnadete Persönlichkeit durch ihren blossen Umgang, durch bezauberndes Wesen und strömende Mittheilsamkeit. Ros in hatte das Glück, früh von Sachs erkannt, herangezogen und seines engeren Verkehrs gewürdigt zu werden. Der klassische Philologe im Predigeramte von Prag war Rosins Lehrer im Griechisehen und Lateinischen. Daneben warfen Rapo ports genussreiche Vorträge wahre Saaten von Kritik und Wissenschaftlichkeit in Rosin's aufgeschlossene Seele. Als er nach wenig mehr als zweijährigem Aufenthalte 1844 auf den Rath Sachs’ Prag verliess, um auf einem preussischen Gymnasium seine Vorbildung für die Universität zu beschliessen, waren seine rabbini sc hen Kenntnisse bereits ein wohlgeordneter, gleichsam krystallisirter tvisi-ensc haftlicher Besitz geworden. Im Juli 1844 hatte sich Rosin nach Breslau gewendet. Mit Anspannung aller Kräfte warf er sich jetzt auf die Gymnasialstudien, in denen er so rasche und sichere Fortschritte machte, dass er Ende März 1845 in die Prima des trefflichen Elisabeth-Gymnasiums aufgenommen wurde. Als er Michaelis 1840 mit dem Zeugniss der Reife die Universität Berlin bezog, hatte er die Schätzung seiner Lehrer, unter denen Männer waren, wie der Rektor Fickert, der Kenner des Sencca, und der Mathematiker Kamhly, und die Freundschaft seines Collegen Eduard Laster fürs Leben sich erworben. Obzwar mit Ernst uud Eifer den philologischen Studien liingegeben, die aus dem Munde von Leuchten der Wissenschaft und Pfadfindern ersten Ranges, wie Boeckli. Beneke, Ifeyse, Trendelenburg, Zumpt und Andere ihm vertraut und theuer wurden, hatte Rosin doch keinen Augenblick die Liebe seiner Jugend, die jüdische Wissenschaft, aus den Augen verloren. War doch mittlerweile sein guter Stern wieder vor ihm aufgetaucht, Michael Sachs als Rabbiner nach Berlin berufen worden. Wieder war sein Haus die Quelle taglieber Anregung und Förderung für Rosin, der nicht müde ward, mit dankbarer Begeisterung die Offenbarungen dieser schöpferischen Persönlichkeit in sich aufzunehmen. Neben den Universitäts- und Privatstudien widmete der juuge Philologe sich auch den Hebungen am königlichen Lehrerseminar, um für den Unterricht an der 1847 begründeten, aber bald wieder geschlossenen Religionsschule sich fachmännisch vorzubereiten. Nach dem Abgange von der Universität im August 1850 übernahm er an der Gemeinde-Knabenschule einen Theil des hebräischen Unterrichtes, doch war diese Thätigkeit nur von kurzer Dauer, da die Schule vom Gemeinde-Vorstande nach wenigen Monaten bereits geschlossen wurde. Im November 1851 erlangte Rosin als schönste Frucht seiner hingebungsvollen Studien vor der königliehen Prüfungscommission für die Provinz Brandenburg die unbedingte ״facultas doceudi“ und wurde am 17. Dezember desselben Jahres von der Universität Halle unter dem Kectorate Job. Friedr. Gottfried Eiselen's zuui Doctor der Philosophie promovirt; seine Dissertation hatte den Agamemnon Homers zum Gegenstaude. Die Erwerbung• der Befähigung für das höhere Lehrfach sollte, wie es damals manchem hervorragenden Manne jüdischen Bekenntnisses, wie z. B. dem trefflichen Dr. M. Joels, nachmals Seminarlehrer und Rabbiner in Breslau, erging, eine persönliche Auszeichnung, ein I ״gradus ad Parnassum*‘, keine Stufe zu Amt und Beruf werden. Im Januar 1852 trat er mit den neuen Titeln und Würden in die damals unter der Leitung des Rectors A. Hör witz gestellte Gemeinde-Knabenschule, in der er auch bis zur Uebernahme des Religiousfaches an der! Lehrer-Bihlungsanstalt im November 1859 verblieb. Aber eine Gelegenheit zu führender Stellung und selbstständiger organisatorischer Thätigkeit sollte sich fiii Rosin durch die Gründung einer Religionsscliule der Berliner Gemeinde eröffnen, die er mit sicherer und kräftiger Hand aus schwachen und unscheinbaren Anfängen zu reicher Bliithe emporgeführt hat. Am 4. und 7. Januar 1854 hatte er in gesonderten Cursen für Knaben und Mädchen mit zusammen 81 Züglingen die Schule eröffnet, die im Ansehen der Gemeinde wie der Behörden, in der Liebe der Eltern und der Schüler in raschem Wacbstlium sich entfaltete. Von der Liebe uud Schätzung eines Mich. Sachs und dessen vor Allen herrlichen und begnadeten Freundes Dr. Moritz Veit gehoben und getragen, schuf hier Rosin in stiller, aber gesegneter Wirksamkeit eine Schule, der ein Blatt in der Erziehungsgeschichte der jüdischen Gemeinde Berlin gebührt. Dass der freiwillige Besuch nicht zum willkürlichen werde, der Mangel an Zwaugsmittein nicht zur Regellosigkeit führe, darauf war unausgesetzt, aber mit wachsendem Erfolg die Aufmerksamkeit des Dirigenten gerichtet, der bald die Genugtuung erfuhr, sein Werk in den grosseu Kreis der Gemein- 1 institutionen aufgenommen zu sehen.