Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 22 (1893)
- Issue
- N° 23. (2.6.1893)
- Date
- 1893-06-02
- Page
- Seite 89 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 89 — Im Verein mit einer stetig zunehmenden Schaar tüchtiger Lehrer, unter denen Namen von Klang, Männer der Wissenschaft wie Dr. Jacob Ege rs, Dr. M. Jastrow, letzt- Rabbiner in Philadelphia, I)r. H. Bärwald, jetzt 1 )irector des Philanthropins in Frankfurt am Main, zu nennen sind, sah Rosin seine Schöpfung zu einer Pflanzstätte jüdischen Glaubens und Wissens in dem vor dieser Schule der l’nterrichtsanstalten jüdischer Religion völlig entbehrenden Berlin heranwachsen und sich befestigen. Goldkömer pädagogischer Weisheit und frommer Gesinnung streute er jährlich in den unscheinbaren, aber durch seine Beiträge heute, noch werthvollen Berichten aus, mit denen zu den öffentlichen Prüfungen der Schüler und Schülerinnen eingeladen wurde. Eine besonders segensreiche Thätigkeit entfaltete Rosin daneben seit. 185» an der Lehrerbildungsanstalt, in deren Annalen ein Name wie L. Zunz erglänzt Nicht nur durch die Gediegenheit und Musterhaftigkeit seines methodischen Vortrags, sondern mehr noch durch sein Vorbild, die Lauterkeit und hoheitsvolle Strenge seiner Gesinnung, durch Muster und Eingang wirkte Rosin hier auf Generationen von jüdischen Lehrern, die den Segen seiner Lehre hinaustrugen in die Gemeinden Deutschlands. Ein väterliches Verhältnis verband ihn bereits hier mit zahlreichen Schülern, denen er nicht nur Lehrer und Führer, sondern unterstützt durch seine edle und hochsinnige, in alle seine Ideale liebevoll eingehende, ach! nur vor der Zeit hinweggenommene Frau Emma geb. Eisak aus Dessau, Berather und Freund, Stab und Stütze wurde und die weit über die Dauer der Lehrjahre, oft fiir’s Leben Dankbarkeit und Verelirung mit dem Meister verknüpft hielt. Da erging in dem grossen Jahre der neuen deutschen Geschichte 1860 von der Universität Bonn an Jacob Bernays, der wie ein Dornröschen der griechischen Philologie bis dahin in dem jüdischen tlieol. Seminar zu Breslau im Verborgenen geblüht hatte, ein Ruf, der ihn als Oberbibliothekar und Nachfolger Rietschel's nach Bonn berief. In die durch seinen Weggang am Breslauer Seminar entstandene Lücke trat nun R osin. Es war der höchste Beweis von Vertrauen, der dem verdienten Schulmanne durch diese Berufung entgegengebracht wurde: eine im besten Sinne des Wortes perähnliche Auszeichnung, denn es war hier nicht der literarische Name, der Ruf seiner schriftstellerischen Thätigkeit, der zu seiner Wahl bestimmt haben konnte; die Bürgschaft für seine Leistung lag in dem Manne selbst, nur er selber war die Gewähr der Erwartungen, die an seine neue Stellung geknüpft wurden. In einem seine Kräfte vollauf in Anspruch nehmenden Berufsleben hatte er wohl stets sich die Müsse zu erkämpfen gewusst, um als ein Aufnehmender und Lernender dem Gange der jüdischen Wissenschaft zu folgen, aber zu selbstständigen literarischen Hervorbringungen nicht die Zeit gefunden, zumal ihm von Hause aus die Neigung zu öffentlichem literarischen Hervortreten in einer geradezu unmodern nennenden Weise mangelte. Wie wenig die in ihn gesetzte Zuversicht sich getäuscht hatte, das bewies neben seiner Lehrthätigkeit fortan auch seine schriftstellerische Wirksamkeit. Wie ein Baum, der nicht, kaum dass er aus dem Boden geschlüpft ist, seine Zweige aussendet, sondern sich sammelt und zusammenhält und Zeit findet, als Stamm sich zu erheben, bevor er sich verästelt und in die Blätter schiesst, so erschien hier, ein seltenes Beispiel in unseren Tagen, ein fertiger im Stillen gereifter Mann mit seiner ersten grösseren Hervorbringung auf dem Felde der jüdischen Wissenschaft. Als 1871 der Jahresbericht des Breslauer Seminars Rosin's Arbeit: ״Ein Compendium der jüdischen Gesetzeskünde aus dem 14. Jahrhundert“ brachte, ging ein freudiges Staunen durch die Reihen der Kundigen, denn das war, •las erkannte jeder Einsichtige, הזם• darum eine Erstlingsarbeit, weil ihr Urheber früher nicht dazu gekommen war. eine andere zu veröffentlichen; in allem Wesentlichen trug sie die Kennzeichen der Methode und Gelehrsamkeit eines tief und seit jeher in der jüdischen Wissenschaft erbgesessenen und heimathsberechtigten Forschers. Eine Bekanntschaft mit dem talmudischen Schriftthnme, wie sie in Deutschland nicht mehr gewöhnlieh " ״r. eine keinen Schwierigkeiten ausweichende Gn . keil und Redlichkeit der Forschung, eine bis in die letzten Einzelheiten peinliche Gewissenhaftigkeit und Zuverlässigkeit, eine Sauberkeit und Schönheit der Darstellung, die allerorten die philologische Schulung und Zucht verrieth, mussten sofort an dieser Leistung auffallen. Es war hier offenbar Einei• zu Worte gekommen, der unter Entbehrungen nur in den harten Pflichten seiner Aemter der wissenschaftlichen Arbeit hatte entsagen müssen, und dem es erst jetzt wieder wohl geworden war, da er spät, aber noch rechtzeitig seinem wahren Berufe sich wiedergegeben sah. Hier, wo der Unterricht ein Lernen war, jeder Augenblick seiner Thätigkeit der Wissenschaft zu Gute kam, eine auserlesene Bibliothek gleichsam zum Zulangen und zum Ergreifen literarische! Aufgaben herausforderte, hier erwacht!“ in Rosin die zurückgehaltene Mittheilsamkeit, die in einer reichen und gedeihlichen Lehrthätigkeit sich nicht ersättigte, sondern zu literarischen Unternehmungen zu drängen anfing ־, dev Jahresbericht von 1876 brachte ״Die Ethik des Maimonides“. Mit einem Bienenfleisse, dem kein Atom des gesammelten Stoffes gleichgültig ist, war hier aus zerstreuten und gelegentlichen Aeusserungen Maimuni's ein glänzendes Bild von der erhabenen und wie alle Aeusserungen dieses reichen und grossen Geistes durch ihren Bau und Zusammenhang überwältigenden Sittenlehre dieses ״Adlers der Synagoge“ geliefert worden, das zugleich als Beitragzu einer Geschichte der jüdischen Ethik im Mittelalter ein wichtiges Gebiet der Wissen- Schaft erhellte und befruchtete. War in diesen Arbeiten nur dem tiefer Blickenden der Beweis von der sorgfältig abwägenden philologischen Behandlung mittelalterlicher hebräischer Texte erbracht, so sollte Rosin bald Gelegenheit finden, auf streng philologischem Gebiete seine Meisterschaft zu bekunden. Längst hatten seine Schüler in seinen der Erklärung unserer grossen mittelalterlichen Exegeten gewidmeten Vorlesungen die Früchte bewundert, die eine eindringende Beschäftigung mit den Handschriftenschätzen der Breslauer Seminar-Bibliothek im Stillen gezeitigt hatte. Es war ein neuer Samuel b. Meir, der da in der weihevollen Einsamkeit seiner Studierstube erstanden war, ein neuer Abraham Ihn Esra. der erst der hingebenden Abhorchung im Zeugenverhör der Manuscripte seine Räthsel gelöst, seine Geheimnisse erschlossen hatte. Wohl war es nur ein•‘ einzige Handschrift, die vom Dachboden der altehrwürdigen Synagoge in Worms in die Riichersammlung R. David Oppenheim’s gelangt war, auf Grund deren unsere Ausgaben des Pentateiichcommentars Sam. b. Meir's zu Stande gekommen waren, aber was war von der ersten arg genug bereits verunstalteten Edition an aus seiner wortsparenden Kürze, aus dem comprimirienGeist•־ seiner Erklärungen geworden! ״R. Samuel b. Meir als Schrifterklärer“, so heisst die Arbeit, w elche die Ergebnisse dieser mit unvergleichlicher Hingebung und Sachkunde unternommenen Handschriftenvergleichung 1880 für die Geschichte der hebräischen Grammatik und Exegese im Mittelalter e1־schöpfend darlegte. 1881 erschien der Pentateuch-Commentar des Samuel b. Meir nach Handschritten und Druckwerken berichtigt und mit kritischen, erklärenden, vergleichenden und den Nachweis der Stellen