Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 14 (1885)
- Issue
- N° 40-41. (8.10.1885)
- Date
- 1885-10-08
- Page
- Seite 160 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— IGO — In seiner Nähe hat auch sein eifriger Mitarbeiten nnd Amtsgenosse, Rabb. Br. Joseph Änb, den die Gemeinde auf dem Grabstein ihren ״hochverehrten Lehrer, geb. 1804, gest. 1880“, nennt, neben seiner Gattin die letzte Rahestatt getänden. Und nicht weit davon heisst es auf einem Grabstein: Dem Rabbiner und Prediger Samuel Holdheim Dr. phii. gest. 22. 8. 1860. Die dankbare Reform-Gemeinde Berlin. In derselben Reihe liegt auch die treffliche Gattin des berühmten Nestors der jüd. Wissenschaft unserer Zeit, Leopold Zans — Adelheid Zunz. _ (Schluss folgt.) Moses Mendelssohn. Eine S&culareriimerung. Hundert Jahre ist er todt und doch lebt er noch der weise Denker, Aesthetiker, Bibelübej־setzer und Reformator Moses Mendelssohn. Es dürfte bei einem so edlen Streiter für Recht und Wahrheit nioht überflüssig sein, zu seinem 100. Todestage (4. Januar 1886) ein erinnerndes Wort seinem Andenken zu widmen; um so mehr, als bis jetzt kein Denkmal ans Erz oder Stein das Leben dieses Welt weisen und klassischen Schriftstellers verewigt. Und wahrlich, er verdient fortzuleben in der Erinnerung einer dankbaren Nachwelt, fortzuleben als ein muthiger Bahnbrecher zu deutscher Cultur und Freiheit, als Muster eines edlen deutschen Styls und reinen Geschmacks, als treuer Wegweiser in den verworrenen Gängen der Philosophie, er verdient noch mehr, nicht blos erhoben, sondern auch fleissiger gelesen zu sein. Glänzt auch nicht der Name Mendelssohns als der eines Sterns erster Grösse, eines Heros im Pantheon der Weltweisheit, so darf doch besonders seine philosophische Thätigkeit nicht gering angeschlagen werden. Misst man diese nicht blos nach der logisehen Schärfe und mathematischen Sicherheit, sondern auch nach der wirksamen Kraft, die zündend in die Herzen und Gemüther einschlägt, begeistert und überzeugt, so gilt in Bezug auf Mendelssohn das״ Wort Schillers: ״Wer den Besten seiner Zeit genug gethan! der hat gelebt für alle Zeiten.“ Schon sein P h ä d 0 n wog eine That auf und war ein Denkmal seines Talents und seines dauernden Ruhmes. In alle lebenden Cultursprachen übersetzt, wurde der Phädon oder die Unsterblichkeit der Seele im In- und Auslande von Gelehrten und Laien gelesen und gepriesen und erfreute sich eines Erfolges, wie ihn der bescheidene Philosoph nicht erwartet hätte. Die Beweise für die Unsterblichkeit der Seele werden da zwar nicht in dialektischer Schärfe, in der Weise der Kant’scheu ״Kritik der reinen “Vernunft“ aneinandergereiht und bis auf die Grenzen einer möglichen Erkenntniss geprüft, wohl aber nach Art des gleichnamigen Platonischen Dialogs in einer fasslichen herzgewinnenden Sprache in die Herzen und Seelen der Leser überzeugend eingeprägt. ״Mendelssohns Phädon begeistert mich“, schreibt Plateu in seinem Tagebuch, ״mit welcher steigenden Eloquenz wird man da von Beweis zu Beweis getragen“. Dennoch hat er trotz der überschwänglichen Lobeserhebungen und Huldigungen, die man ihm ״dem deutschen Plato“, ״dem Sokrates des 18. Jahrhunderts“ zu Theil werden liess, wie er selbst gesteht, sich niemals in den Sinn kommen lassen, Epoche in der Weltweisheit zu machen oder durch ein eigenes System berührt zu werden; er begnügte sich damit, Vorgefundene Bahnen zu ebnen und von neuen Seiten aus zugänglich zu machen, ans Licht gebrachte Wahr- 1 beiten fasslich und überzeugend zu behandeln, di» schweren Goldbarren der Metaphysik zu kleinen gangbaren Münzen zu prägen. Eine spätere eben 80 bedeutsame Schrift Mendelssohne, die Morgenstunden, welche unter anderen philosophischen Materien das Dasein Gottes zu erweisen suohen, hat nicht minder in allen Schichten der damaligen gebildeten Welt Aufsehen erregt — Voller Begeisterung las Alexander von Hum«- bol dt die Morgenstunden, welche er als Hausfreund Mendelssohns schon vorher in Form von Vorlesungen im Familienkreise bei ihm gehört hatte, und seinem jüngern Bruder Wilhelm von Hu mb old t \aben sie zu ähnlichem litter&rischen Schaffen ״Ueber Gott, Versöhnung und Unsterblichkeit“ angefeuert. Auch in dieser Schrift, in welcher er seine metaphysischen Anschauungen von den Grundbegriffen an in klarer, gefälliger und mastergiltiger Spraohe vorträgt, zeigt er sich als einen der bedeutendsten Moralphilosophen,, einen geschickten Wegweiser in den verschlungenen Gängen der deutschen Philosophie, als einen Mann, der in einer skeptisch und pessimistisch angehauchten Welt zur rechten Zeit das rechte Wort gefunden. Das Bestreben, unmittelbar aufs Leben zu wirken, einen durch die Lehren eines Holbach, de la Mettrie, Diderot, Voltaire von dem Gifte des Zweifels und des Pessimismus betäubten Zeit aus der todten Erkenntniss der Vernunft zu wahrem sittlichen Leben zu verhelfen, dieses Bestreben hat neben seiner edlen Sprache, einem Style, der die ״grösste Deutlichkeit mit dem sanften Flusse der Rede verband“, seinen Schriften eine unwiderstehliche Anziehungskraft verliehen. Diesem Vorzüge der wirkungsvollen Darstellung, in welcher Inhalt und Form, Gedanke und Einkleidung, Perle und Muschel, gleich herzgewinnend ist, mag es auch zuzuschreiben sein, dass bei der Preisaufgabe, welche die königliche Akademie der Wissenschaften in Berlin im Jahre 1763 gestellt: Ob die metaphysischen Wahrheiten einer solchen Evidenz fähig sind, wie die mathemathi sehen, Mendelssohns Arbeit über1 die tieferes aber im Tone der schwerfälligen und steifen Schul- Philosophie jener Zeit gehaltene Abhandlung Kant,, den Sieg davon getragen hat. Moses Mendelssohn, geboren am 6. September 1729, war der Sohn eines armen israelitischen Schreibers in Dessau. Sein Lehrer daselbst war der begabte Rabbiner Frankel, der aber zum Bedauern des lernbegierigen Knaben nach Berlin berufen wurde. Es dauerte jedoch nicht lange und der Schüler folgte dem Lehrer nach. In Berlin fand der gesunde Kern seines frühgeweckten Geistes einen fruchtbaren Boden, vor. Nachdem er die deutsche Sprache erlernt hatte, studirte er den Euklid und machte sich ohne Anleitung die lateinische Sprache, später auch die französische und englische, zu eigen. Der heisse Wissensdurst Mendelssohns bedurfte nur geringer Anweisung in der Philosophie, dann lag er von selbst mit Eifer dem Studium des damals herrschenden Systems von Leibnitz und Wolf ob und vertiefte sich in die Schriften des Spinoza. Neben Mathematik, die er von Jugend auf getrieben, war die Philosophie seine ״treuste Gefährtin, in allen Widerwärtigkeiten des Lebens sein einziger Trost“. Durch seine Armuth, welche ihn oft gezwungen haben 8011, Einschnitte ins Brod zu machen, um den ihm erlaubten täglichen Bedarf zu bezeichnen, und durch anhaltendes Studiren war sein Körper vernachlässigt, schwächlich und gekrümmt, und seine äussere (Fortsetzung in der Beilage.) Verantwortlicher llcdacteur Dr. ltahmer, Magdebug. Druck von D. L. Wollt, Magdeburg. Verlag von Robert Friese. Leipzig.