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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1927-07-16 · 8 (16.7.1927) · p. [Seite]

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i gl nnPiupp^ — 233 - aufchließm für einander" vom Christentum aus undenkbar ist. Die sieben jüdischen Antworter gehen um diesen Teil der Frage zumeist scheu herum und behandeln mit mehr oder weniger Geschick Einzelfragen der jüdischen Weltanschauung. Aber keiner der jüdischen Debatter wagt das offene Wort: Uns ist alle Anbiederung oder alles „Schaufschließen für einander" innerlich zuwider; das Judentum ist entweder so, wie es ist, oder es hat keine Daseinsberechtigung! Oder haben die jüdischen Antworter nicht gewußt, in welchem Zusammenhang ihre Bekenntnisaufsätze erscheinen sollen? Für den jüdischen Menschen sind natürlich die drei oder vier christlichen Antworten besonders aufschlußreich, wenn sie auch in keinem Teil« zur Aufhellung des Problems beitragen. Die beste ist ein knappes Apperyü des Pfarrers D. Hermann Kutter „Gott und die Ideen". Er bringt die Frage in Uebereinstimmung mit Professor Martin Dibelius (S. 22) auf die Formel: „Was ist die Idee des Judentums? Das Gesetz. Was ist die Idee des Christentums? Die Gnade." Gibt es für diese beiden Erscheinungen eine gemeinsame höher« Idee, so finden sie in ihr den Zusammenhang. Gnade und Gesetz sind Ausfluß der Gottheit. Also begegnen sich beide Bekenntnisse in der Gottesidee. Ist die oberste Idee, die Idee Gottes, di« oberste Tatsache in beiden Religionen, so ist in ihr der Weg zur Verständigung gewiesen. Der Gedankensplitter Kutters hört dort auf, wo er beginnen sollte. Er schreit nach der Fortsetzung: Ist die Gottesidee in beiden Bekenntnissen dieselbe? Ist der geglaubt« Gott des Christentums und der erlebte Gott des Judentums der gleiche? Religion ist im Judmtum kein Glauben, sondern ein Wissen, ein Ueberzeugtsein von Gott, das Gotterlebnis und das Leben mit diesem Gott. Religion ist im Christentum Einstellung auf das Irrationale, Gläubigkeit und ihr Substrat die Gnade. Das Judentum ist Talreligion, das Christentum Glaubenslehre. Eine Annäherung müßte also mit der Beseitigung dieser Grundvoraussetzungen oder mit der Aufhebung dieser Fundamente beginnen. Ist das denkbar? Martin Dibelius findet den entscheidenden Gegensatz zwischen Judentum und Christentum in dem Verhältnis des Menschen zu Gott. Die christliche Gottesaufsassung ist mit der hellenistischphilosophischen arteins geworden. Neben dem „pessimistisch irrationalen Bewußtsein von der Kluft zwischen der von Christen geglaubten Ueberwelt und der Welt, in der wir leben", wirkt im Christentum „das optimistisch-rationale Bestreben" der Philosophie. Das Judentum kannte diese Doppelung der Beziehungen nur in der Zeit des Hellenismus. Diese Anschauung Dibelius' ist aus der völligen Unkenntnis vom nachchristlichen Judentum entstanden. Dibelius weiß scheinbar von dem Ringen der jüdischen Religionsphilosophie von Saadja bis zu Hermann Cohen nichts. Er hat zwar von der mittelalterlichen Mystik und der chassidifihen Problematik gehört (S. 22), aber er hat keine Vorstellung, welche Rolle der Aristoteliker Maimonides im Judentum des Ostens bis zur Gegenwart gespielt hat. Daß dabei im Judentum die Theodizee, die Rechtfertigung Gottes, die felsenfeste Ueberzeugung von der absoluten Gottesgerechtigkeit die treibende Kraft gewesen, ist bei einer Gemeinschaft selbstverständlich, in der die Gottesidee das ganze Leben durchatmet. Der sachlich unbedeutendste Beitrag von christlicher Seite ist Professor Alfred Jeremias' Auseinandersetzung „Christentum und Judentum", in dem ~mit der Logik des Missionars die Taufe als der einzige Weg zur Lösung.des Problems empfohlen wird.' Den Wert der Darlegungen , Jeremias' hat Oskar Wolfsberg am besten ge- | kennzeichnet, der von einer anderen Arbeit Jeremias' auf Seite 84 schreibt: „Nun enthält aber die Arbeit Jeremias' so schwerwiegende Fehler und schiefe Urteile, daß wir nicht mit Shllschweigen daran Vorbeigehen können" und Seit« 85 schließt: „Er ist der Misfionstendenz erlegen und mit ihr und durch sie verliert seine Arbeit an Wert und Bedeutung für uns — und für alle." Dieses Urteil gilt vollinhatllch auch für den Aufsatz „Christentum und Judentum". Das Er- . gebnis seiner langschweifigen Auseinaildersetzungen ist die tiefe Weisheit: „Eine christlich gewordene Judenheit würde die "Kraft gewinnen, dem Judenhaß das Wasser abzugrabm" (S. 48). $ Bei der auch über die Grenzen von Leipzig bekannten Einstellung des Dr. Alfred Jeremias wäre die Anfrage an ihn besser untechlieben. '■■■ Der Abdruck der Taufpredigt im „Juden" ist eine j — arge Entgleisung! \ Die jüdischen Mitarbeiter an dem Sonderheft 1 kennen die christliche Voraussetzung, daß die Idee j des^udmtums das Gesetz ist, und sind alle bemüht, j das Wesen dieses Gesetzes im Judmtum als ] eines Faktors der Verinnerlichung, also als Rej lijjion darzustellen. Das tut Nathan Birnibaum ebenso wie Max Wimer, Max Dienemann, Friedrich Thieberger und Max Eschelbacher, indem sie den Wert der sittlichm Tat im Gegensatz zum Glauben an die Gnade ins rchte Licht stellen. Max Wiener stellt sch die besonder« Aufgabe, die Spuren jüdischer Religion bei den Juden nachzuweisen, die von christlicher Seite als ungläubig gekennzeichnet werden, „also den jüdischreligiösen Geist in säkularisierter Form, in reiner Zukehr zur Welt" (S. 12). Als. das Wesen dieser in das Weltliche umgesctztm Religion begreift er die Tatreligion und den „dem lutherischen Christm einfach unfaßbaren Glauben an die Möglchkeit der Weltverbesserung". 3

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