Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- IV (1927-1928)
- Issue
- 8 (16.7.1927)
- Date
- 1927-07-16
- Page
- [Seite] (sequence 2)
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- 232 - licher Deutscher. Wenn die Juden in Deutschland, in dem sie über 1600 Jahre beheimatet sind, heimatlos wären, dann müßte der bei weitem überwiegende Teil des deutschen Volkes als fremdbürtig und fremdstämmig bezeichnet werden. In jedem Falle ist es eine Wüte aus dem Wortschatz des Antisemitismus,' fcie deutschen Juden als heimatlos zu brandmarken. Daß Frau v. Kardors-Oheimb sich diese antisemitische Redeform aneignet, ist ihr zu vergeben. Wir Juden sind an derartige Fehlurteile angeblicher christlicher Judensreunde von jeher gewöhnt. Daß die anwesenden Zjpnisten diese Bestätigung ihrer Ideologie freudig begrüßt haben, ist zu begreifen. Daß aber die in d-n offiziösen Berichten über die Berliner Versammlung namentlich angeführten nichtzionistischen Anhänger der Kcrcn- Hajessod-Bewegung sich das haben widerspruchslos sagen lassen, peitscht jedem aufrechten deutschen Juden das Blut der Scham in das Antlitz. Jeder von diesen Nichtzionisten würde, gefragt, bekannt haben, daß er sein Heimatrecht in Deutschland als ein unveräußerliches Gut betrachtet. Aber in Gegenwart seiner neuen christlichen Freunde verlor er den Mut zum Bekenntnis. Tie Berliner Versammlung der christlichen „Judenfreunde" im Berliner Pro-Palästina Komitee muß allen selbstbewußten Juden das drastische Wort in die Erinnerung rufen: Herrgott, schütze mich vor meinen Freunden, vor meinen Feinden will ich mich selber schützen! Judentum und Christentum. In Weltanschauungssragen gibt es nur ein Entweder-oder. Alles Paktieren, jeder Kompromiß in Angelegenheiten des Gewissens ist bedenklich. Wenn irgendwo muß hier ein klares Bekenntnis ohne Liebedienerei und ohne Schielen nach rechts und links als einzige sittliche Möglichkeit gefordert werden. Ist aber eine solche Forderung vom Standpunkte der Religion aus gerechtfertigt? Ist nicht gerade hier Nachgiebigkeit als Mittel der Annäherung geboten? Annäherung ist das Entgegenkommen zweier an sich gegnerischer Parteien, um sich auf einer mittleren Linie, auf halbem Wege zu treffen. Beide wollen bestimmte Positionen preisgeben, um dadurch bisherige Feindschaft in Freundschaft zu wandeln. Ist solche Annäherung nicht menschlich erfteulich und sachlich erstrebenSwett? Eine solche Annäherung bedeutet aber auf dem Gebiete der Religion und der Weltanschauung unendlich mehr als sonst im Leben: sie bedeutet hier Preisgabe wichtiger Eigenwerte, ein Selbstopfer, das von der Gegenseite als Eingeständnis der Schwäche, von der Eigenpartei als Nachlassen der sittlichen Energie empfunden wird. Hier ist ein klares Herausarbeiten der Gegensätze für das gegenseitige Verstichem und Bewerten besser als weichliche Rücksichtnahme aus irgendwelcher Liebedienerei. Das gegenseitige Verständnis wird hier gerade dadurch gefördert, daß die Gegensätze deutlich und in ihrem Eigenwerte ohne alle Menschenfurcht dargestellt werden. Allerdings sind aus dem Judentum schon wiederholt Personen hervorgetpeten, die in einem Rausch messianischer Schwärmerei, in der tiefempfundenen Sehnsucht nach Frieden und Verbrüderung dem Judentum den Damaskusweg zum Christentum empfohlen haben, wenn nicht die Tlauf«, dann wenigstens die Aufnahme Jesu in den Kreis der Propheten und des Neuen Testaments in das heilige Gefüge der Bibel. Die einen haben zur Gründung einer judenchristlichen Gemeinschaft im Judentum, die anderen zur Bildung einer neuen Sette innerhalb des Christentums geraten, ohne Gehör und noch weniger Gefolgschaft zu finden. Das Judentum blieb im Bewußtsein seiner Eigenwahrheit ungebrochen, und die Lobredner einer Versöhnung, die tatsächlich Selbstaufgabc predigten, mußten beschämt verstummen. Zum dritten Male erscheint jetzt „Ter Jude", „eine Vierteljahrsschrift begründet von Marthn Buber" im Kostüm des Friedensstifters. In einem ersten Sonderheft „Antisemitismus und jüdisches Volkstum" hatte er für Sympathie zwischen diesen beiden plädiert. Ein zweites Sonderheft mit dem Titel „Judentum und Deutschtum" sollte den Weg des einen zum andern ebnen. Ich habe in einer Entgegnung dem ersten Hefte gegenüber meine Entrüstung zum Ausdruck gebracht und dem Herausgeber des „Juden" und seinen Freunden entgegengerufen: „Mehr Selbstachtung meine Herren, und mehr Selbstkritik" (Württembergische Gemeindezeitung vom 1. Februar 1926, Seite 571)! Ter Mahnruf zum Ehrgefühl blieb nicht ungehört, wurde aber überhört. Ich rief dem Herausgeber nach dem zweiten Sonderheft noch einmal meinen Mahnruf zu (Württembergische Gemeindezeitung vom 1. Dezember 1826, Seite 385). Die Wirkung dieser Mahnung ist das neue Sonderheft: „Judentum und Christentum". Elf Aufsätze — der zwölfte umfangreichste über Tostojewstt und das Judentum hat keine eigentliche Beziehung zu der Grundfrage — bilden eine Antwort auf die Rundfrage des Herausgebers: „Ist es möglich, daß sich Juden und Christen nicht nur gegenseitig verstehen, sondern auch für einander aufschließen?" Die innere Unklarheit der Fragestellung hat Christoph Schremps in seiner Antwort blosgelegt, indem er die Gegenfrage aufwirft, welches von den vielen Christentümern und welches von den verschiedenen Judentümern mit der Frag« gemeint sei. Die übrigen drei christlichen Beantworter haben unzweideutig erttärt, daß ein solches „Sich-