Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- IV (1927-1928)
- Issue
- 8 (16.7.1927)
- Date
- 1927-07-16
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Belongs to
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— 234 - Daß auch dm jüdischen Antwortern bedenklich« Jrrtümer in ihren Darstellungen unterlaufen, ist bedauerlich und ein Mangel der Redaktion. So wenn Birnbaum behauptet, daß das Judentum niemals den Anspruch erhoben habe, Weltreligion zu sein (S. 7), obwohl ein wesentlicher Teil der biblischen Prophetie diesm Anspruch unzweideutig erhobm hat, oder wenn Friedrich Thieberger glaubt, daß das Auftreten des Messias BarKochba im Judentum sich nur aus dem Vorgang Jesu erklärm lasse (S. 52), während tatsächlich Josefus und das Neue Testammt von einer ganzen Reihe von Messiassen vor und zur Zeit Jesu berichtm. Am besten gefällt mir unter den jüdischen Antwortern Dr. Paul Adler (Hellerau). Er scheidet die soziologische von der religiösen Seite des angeblich jüdisch-christlichen Problems. Soziologisch weisen die Judm keine besonderen Merkmale auf, zumal es lächerlich ist, „im Zeitalter der Sozialwissenschastm noch von Fremdstämmigkeit und von Wirtsvölkern zu reden" (S. 25). Aber auch religiös ha< das Christentum dem Juden nichts zu bieten, was er nicht im Judentum vorfindet, „und es versagt ihm nicht mehr, als es auch dem Getauften versagt", denn auch das Christentum darf nicht heilsgeschichtlich, sondem muß geistesgeschichtlich begriffm werden. Das Christentum steht uns Juden osfm, auch ohne daß wir es „annehmcn". Wäre in ihm ein wertvolles uns fehlendes Gut, wir dürften es uns aneignen. Wir nehmen uns das Recht, deutsch zu sein, so weit es uns beliebt. Ter vollwertige Jude fühlt sich weder „fremd", noch „unerwünscht", noch „unebenbürtig", da er sich sein Schicksal von keinem vorschreiben läßt. Er ist im Staate ein Staatsbürger, in der Wirtschaft ein Wirtschaftsobjekt oder Subjekt, unterscheidet sich also in keinem Teile von seinen „arischen" Mitmenschen. Und das Ergebnis der Rundfrage, des „Juden?" Das hat Nathan Birnbaum in das Wort gefaßt: „Das Judentum setzt ruhig seinen Weg fort, weiß sich weiter als ein Gefäß und ein Werkzeug göttlicher Gnade (S. 9)". Diese Worte sind das Urteil über das Sonderheft, ein Urteil, das aber bereits! vor dem' Erscheinen des Heftes bei allen ausrechten und artbewußten Juden ktzt stand. Judentum und Christentum müssen in ihrer Eigenart nach ihren Eigenwerten verstanden werden. Jede „Annäherung" bedeutet einen Eingriff in das heilige Reich des Gewissens und muß von beiden Seiten entschieden abgewehrt werden. Das Judentum am Scheidewege. Von Hans Sternhell»-Stuttgart. Die Notwendigkeit, durch Erhaltung der Landgemeinden und Schaffung eines spezifisch jüdischen Bauernstandes dem Judentum neues gesundes Blut zuzuführen, ist an dieser Stelle schon des öfteren betont worden. Weste Kreise versprechen sich von der Verwirklichung dieser Hoffnung nicht nur die Erneuerung des religiösen Lebens, sondern auch eine allgemeine physische Regeneration ihrer Träger, die durch das rastlose Tempo unserer Zeit auch körperlich schweren Schaden genommen haben. Ferner glaubt man antisemitischen Strömungen dadurch wirksam entgegenzuarbeiten, daß zwischen Landbevölkerung nud Judenheit möglichst inniger Kontakt geschaffen und aus der Praxis heraus die unbedingte Eignung des Juden zu grob-manuell«! Arbeit bewiesen wird. So wichtig und bedeutungsvoll diese Gesichtspunkte nun auch sind, so ermangeln sie letzten Endes doch der erfolgessicheren Durchschlagskraft, wenn es nicht gelingt, den angestrebten ländlichen Regencrationsprozeß auf das gesamte deutsche Judentum zu übertragen und alle Kreise auf einer Plattform zu vereinigen. Diese Basis heißt: Zusammenschluß, zum Zwecke religiöser Erneuerung. In Nr. 7 der „Gemeindezeitung" wurde eine ^Statistik der Wiener jüdischen Gemeinde veröffentlicht, die tatsächlich erschreckend ist und allen, denen nicht nur der äußere Bestand, sondern vor allem auch die seelisch-geistige Existenz unserer Glaubensgemeinschaft am Herzen liegt, sehr zu denken geben sollte: I» der Zeit vom 1. Januar bis 30. Mai 1927 sind beim Matrikelamte der Israelitischen Kultusgemeinde Wien 549 Geburtsanzeigen erstattet worden, hiervon 291 männliche und 258 weibliche. In dem gleichen Zeiträume sind 1092 Sterbefälle zur Eintragung gelangt, hiervon 1036 Erwachsene und 56 Kinder Austritte aus dem Judentum kamen 371, Eintritte in die Jfr. Religiontgesellschaft 109 vor. 367 Trauungen fanden Katt, 151 Ehescheidungen wurden durchgeführt. Aus dieser Zusammenstellung, die für das westeuropäische Judentum symptomatisch ist, geht schlagend hervor, daß der Bestand des Judentums zu mindestens in absehbarer Zeit gefährdet ist, wenn es nicht gelingt, dies« überaus traurigen Erscheinungen abzuschwächen oder zu beseitigen. Es ist nun eine nur zu bedauerliche Tatsache, daß in unseren jüdischen Landgemeinden die echte Religiosität immer mehr im Schwinden begriffen ist. Wenn glücklicherweise in anderen Gegenden die Verhältnisse nicht ganz so trübe sind, wie sie Oberlehrer Spatz-Rexingen in seinem Artikel „Landgemeinden und Judentum" (Gemenndezeitung Nr. 7) schildert, so kann doch nicht in Abrede gestellt werden, daß sich in den letzten Jahren gerade in den Städten wieder positiv-religiös gerichtete Kreis« gebildet haben, während auf dem Lande eine weitgehende Verflachung eingetreten ist. So erfreulich nun di« neue religiöse Konsolidierung in den Städten ist — von einer füh lbaren Neuorientierung