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Die Gegenwart · 1870-07-29 · 31 (29.7.1870) · p. Seite 287

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Gegenwart
Volume
III (1870)
Issue
31 (29.7.1870)
Date
1870-07-29
Page
Seite 287 (sequence 5)
Language
German
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217 I Inland. % In PUsen hat der Borstand einen Sendboten an alle Gemeinden des pilsner und klattaucr Kreise« geschickt mit der Aufforderung sic mögen eine ernstliche Verwahrung gegen die Besetzung des erledigten Kreisrabbinates einlegen. Natürlich sind die Gemeinden diesem Begehren bereitwilligst nachgckommen. Aus Pest, 18. d., wird berichtet: Ein Borfall, wie er brutaler kaum gedacht werden kann, hat sich heute Nachmittags in der Zwei-Mohrengasse zugetragen. Ein jüdischer altersschwacher Greis, Namens Neumann, suchte im Hause Nr. 21 der genannten Gasse einen Bekannten und trat von ungefähr in das Vorzimmer deö Herrn des HauseS, F. Ernay, rin, wo er von zwei Kötern angefallen wurde, die er mit einem leichten Stäbchen von sich abwehrte. Auf den Lärm kam die Frau hinaus, die den Greis nach seinem Begehr fragte und ihm die Wohnung des Gesuchten wies. Doch kaum hatte der arme Greis die Schwelle überschritten, als Herr Eruay ihm nacheilte und ihn die Wendeltreppe hinunterstürzte, nachdem er ihn mit geballter Faust zweimal ins Antlitz geschlagen. Mit gebrochenen Gliedern blieb das Opfer der gemeinsten Rohheit unten liegen, doch bald wurde derselbe von mitleidigen Leuten bemerkt, die die Transportirung des Unglücklichen in daS israelitische Spital veranlaßten. Unterdessen hatte sich der Vorfall mit Blitzesschnelle durch die ganze Theresienstadt verbreitet, allenthalben staute sich die Menge in der engen Gasse und machte jede Kommunikation unmöglich. Drohende Rufe, wie: „Sperrt .ihn ein, den Mörder!" „Schlagt ihn tobt!" wurden laut, und Ernay fand es endlich für rathsam, in einem Eomfortable Rettung vor der erbitterten Menge zu suchen. Doch kaum hatte er den Wagen bestiegen, als auch schon die Fenster desselben eingeschlagen wurden, der Kutscher- Hieb in das Pferd ein, doch kam dasselbe keinen Schritt vorwärts, da die Räder von hundert Händen festgehaltcn wurden. Wuchtige Schläge fielen nun auf das Haupt des Unmenschen, Weiber drohten ihm die Auge auszukratzcn, und derselbe wäre gewiß auf der Stelle ein Opfer seiner Unthat geworden, wenn nicht einige Sichcrhcits - Kommissäre die Menge besänftigt und den blutig geschlagenen Ernay in das Stadthaus eskortirt hätten. Ausland. In Hamburg starb am 17. Juni der Rabbiner Mo« seS Lichtenstein, wegen seiner talmudischen Wissenschaft s§hr berühmt. Er war in Pohlen geboren und ein Schüler des Rabbiner Akiba Eger; erlebte in Hamburg 20 Jahre. Er schrieb ein ausgezeichnetes Hebräisch, und verfaßte mehrere vortreffliche Gedichte in dieser Sprache. Seine Kenntnisse in der heiligen Schrift waren überraschend, er kannte sie buch stäblich auswendig. Mithin verlor Hamburg..§jne der letzten talmudischen Celebritäten. Auf den Vorschlag seiner Professoren und ausgezeichneten Gelehrten Mailands wurde der junge Gelehrte Hr. Bedarida Aronne zum Mitgliede der geologischen Gesellschaft in Paris ernannt. — London. Ein Correspondent der „Pall Mall Gazette" thcilt mit. daß die engl. Missionsgesellschaft im verflossenen Jahre eine Einnahme von 406,548 fl. und eine Ausgabe von 374,796 fl. hatte. Nimmt man nun an, daß die Zahl der bekehrten Juden 31 ist (was schon viel heißen will), so kostet jeder Bekehrte 12,000 fl.'Ein schönes Geschäft. (Ein gräßlicher Raubmord.) Urber einen vergangenen Monat in Warschau begangenen Raubmord erzählt die Berliner „Trib". Unweit der Warschau-Wiener Eisenbahn auf der „Piekna* unterhielt der im 70. Jahr stehende Israelit Alembik eine, von den in der Nähe einquartiertrn Soldaten stark frequentirte SchnappSschenke. Er bewohnke allein, nnr mit seiner 58jährigen Frau Rebekka und seinen Töchtern Sara und Golde, 24 und 26 Jahre alt, sein Neines, nur ans einem Parterre bestehendes Häuschen. Während der Anwesenheit des Kaisers verkehrten namentlich viel Soldaten dort. Es fiel daher dem Gastwirthe nicht auf. daß unter den Gardisten ein öfters bei ihm verkehrender Gast sich länger als gewöhnlich deS AbenvS und bis in die Nacht hinein aufhielt; als sich kürzlich bereitalle übrigen Gäste auS dem Lokal entfernt hatten, wurde auch Peter RoSkwarenzow, so heißt der erwähnte stabile Gast, an seine Kaserne erinnert. Er bemühte sich, das Lokal zu verlassen, doch schienen seine Gliedmaßen ihm den Dienst zu versagen, denn er vermochte sich nicht von der Bank, auf die er sich hingestreckt, zu erheben. Es wurde deshalb ihm, dem scheinbar Entschlummerten, daS Plätzchen auf der Holzbank belassen, worauf die WirthSleute zur Ruhe sich begaben. Als der Soldat sich überzeugt hatte, daß Alle in tiefen Schlaf gesunken, öffnete er die nur angclchntc Thüre ihre» Schlafzimmers, um zuerst den beiden in einem Bett liegenden Mädchen vermittelst des Küchcnbcils mehrfache Schläge auf den Kopf bcizubringen und ihnen dann die Kehle mit einem sägcühnlichcn Instrument durchznschnciden. Darauf erst muß der Moder sich den alten Leuten genähert und sie in gleicher Weise zum Tode gebracht haben, denn man sah blutige Fußspuren, welche von den Betten der Kinder an die Schlafstätte der Eltern führten. Gleich nach der Thal scheint der Mörder im Dunkeln die Behälter durchwühlt und nur was ihm gerade in die Hände fiel, an sich genommen zu haben; denn am Morgen nach der Thal fand sich ein großer Thcil baarcn Geldes und Effekten noch in einem Holzkasten, welcher unter einem Tisch stand, vor. Die Leichm selbst lagen mit cingeschlagcncm Schädel und durchschnittenem Halse in ihren Betten. Als am folgenden Morgen das Gespann der hiesigen großen FuchS'schen Destillation vor dem Hause Nr. 1618 der „Piekna" hielt, um wie gewöhnlich Spirituosen abznliesern, wunderte sich der Kutscher nicht wenig, daß die Thüren der Schenke noch geschlossen waren; mit Entsetzen sah er, als er durch den Laden in das Zimmer trat, die Kunden seiner Herrschaft im Blut schwimmen: die Tochter Golde röchelte noch. Bei der Thcilnahmc der jüdischen Bevölkerung an dem Schicksal ihrer Glaubensgenossen war die Schreckensnachricht binnen einer Slundc überall bekannt. Als daher Morgen» 10 Uhr ein Soldat auf dem „Poczkjow" Pretiosen und ein Paar silberne Leuchter znm Kauf ausbot, wurde ec von dem jüdischen Händler Silberblick angchalten und einem hcrbeigerufcnen Polizisten überwiesen. Seine genaue Bisitirnng ergab außerdem 44 Rubel Banknoten, über deren Besitz sich der Betroffene ebenfalls nicht auszuwciscn vermochte, weshalb man ihm jene Mordthat sofort auf den Kopf zusagte, die er auch endlich cingcstand. Herr Ritter Eüsar Finzi, früher schon znm Generalsekretär des öffentlichen Unterrichts ernannt, wurde jetzt zum Professor der höheren Mathematik an der Universität zu Pis» ernannt. — Auch Hr. AnvoS Eavaticr auö Ferrara wurde vom akademischen Senat der Universität zu Pisa znm Professor daselbst berufen. — Hr. Professor Rafael Eonstanttn wurde zum Mitgliede der Prüfungskommission der industriellen und Gewerbeschulen für dieses Jahr ernannt. — Hr. G. Nissim, Besitzer einer so bedeutenden Spinnfabrik in Pisa wurde Ritter der Krone Italien«. Bei der jüngster Zeit in Modena stattgefundenen Wahl wurden mit großer Stimmenmehrheit der ältere Ritter Eäsar Rovighi zum Gemeinde und Provinzialrathe und De Leone Sacerdoti zum Gemeinderath gewählt. Der königlich toskanische Gartenba uvrrein hat den Pr»-' feffor Eäsare d' Ancone zu ihrem Sekretär gewählt. Herr David Olivetti wurde in Iurra zum Gemeinde» rath gewählt. Die Brüder Lehmann jene frommen getaufte» 3»-

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