Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 31 (29.7.1870)
- Date
- 1870-07-29
- Page
- Seite 286 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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286 bestimme Ich, daß am Mittwoch den 27. Juli ein außerordentlicher allgemeiner Bettag gehalten und mit Gottesdienst in den Kirchen, so wie mit Enthaltung von öffentlichen Geschäften und Arbeit, soweit die dringende Noth der Zeit es gestattet begangen werde. Zugleich bestimme Ich, daß während der Dauer des Krieges in allen öffentlichen Gottesdiensten dafür besonders gebetet werdx, daß Gott in diesem Kampfe uns zum Siege führe, daß Er Uns Gnade gebe, auch gegen Unsere Feinde uns als Christen**)^ zu verhalten." — — gez. Wilhe'l m. Erinnert dieser „Bettag" mit seiner „Enthaltung von MnlUchen Geschäften nnd Arbeiten", nicht lebhaft an unsere allrchrwürdige Institution, an das edelste Kleinod Israels, an den „Sabbath?" (5s klingt gar 'kühn, ist aber dessenungeachtet unbezweifclbar: wo ein ethischer, sittlicher Fortschritt in der Menschheit g e sch i c h t, geht dieser aus dem heiligen Borne der m o s a i s ch e n Ans ch auu n ge n hervor; wo eine (5 n t a r t u n g i m B ö l k c r l c b c n sich zeigt, da ist diese st e t S ein Symptom d e ff e n, daß die Generation vom ll r q u c ll der göttlichen Bücher sich entfernt. Dieser unanfechtbare, ewig-wahre Gedanke erhebt uns auch über den blutigen Jammer der Gegenwart. Er ist uns Trost dafür, daß schließlich doch die Grundprinzipien der Bibel in dem Vcbcn der Mcnschh>it als normgebcnd sich bewähren und daß früh oder spät in Erfüllung gehen werden die Worte unserer Psalmistcn und Propheten: „Nicht durch M a ch t und durch Heere, nicht durch R o ss c und durch W a ff c n, s o n d e r n a ll c i n durch den Geist Gottes und den Willen Gottes." Es wird in E rf üllung gehen im Laufe der Zeiten, daß d i c B ö l k c r schmieden ihre Schwerter zu Sensen unb ihre Sperre zu Winzermcssern: „jcht erhebt ein Volk gegen das Andere das Schwert und nicht lernen sic fürder den Krieg." Daß diese glorreiche Zeit bald in Erfüllung gehe, das walte Gott! Adolph Kohllt. *) C5-« ifl zu drdaiier». das, stets von „Christen" gesprochen wird, während doch auch so viele Tausende unserer jüdischen Glaudenogknosskn im preußischen Heere dienen. Der Berf. Wochenchronik. *** Flrischschubmarken. Das dreiglicdcrigc provisorische Appellantenthum im Vereine mit der Repräsentanz beabsichtigt zum Schuhe jenes jüdischen Publikums, das sich eines rituell operirtcn Rindviehes vergewissern will, Schutzmarken nur an jene Fleischer zu verabreichen, die ihr Vieh von dem Gemcindcschlächter vom Leben zum Tode befördern lassen. Die Schutzmarke soll in einer mit dem geschriebenen Patent versehenen Tafel bestehen, die am Eingänge des Fleischergewölbes angebracht werden soll. Ob sich diese Maßregel bewähren wird, wollen wir bezweifeln, und wir wüßten eine andere, die weit wirkungSrcichcr wäre. Man appelire an die religiöse Gewissenhaftigkeit, der in ihrer rituellen FlcischauSschrottung acreditirten Fleischhauer und verhalte sie, jedes Pfund Fleisch bei gutem Gewichte um drei oder vier Kreuzer billiger zu geben und der Zweck wäre erreicht, daß das ganze jüdische Publikum ob rigoros, ob nicht, rituell affrkurirteS Fleisch kaufen würde. %* Statuten. Die Statuten des israelitischen BeerdigungSbrüderschafts-VereincS in Lodositz wurden von der h. k k Statthalterei genehmigt. \* Jnvalidenstistung. Se. Majestät der Kaiser hat mit der a. h. Entschließung vom 18. Juni d. I. gestattet, daß die von der böhmischen Landesjudenschaft im Grunde der a. h. Entschließung vom 7. Dezember 1866 errichtete Jnvalidcnstistung den Namen „Kaiser Franz Josefsinvalidenstiftung für der böhmischen Landesjudenschaft angehörige Juden" führen dürfe. *** Ein eigener Betrug wird von hier nach der „Br. Doch." gemeldet. Ein hiesiger allgemein geachteter Mann (Jude) erhielt vor einigen Tagen vom Grand-Rabbin zu Paris ein Telegramm des Inhalts, daß fein Sohn in Paris angekommen, jeder Subsistenz entblößt sei und daher einer genügenden Unterstützung benöthige. Das Telegramm gelangte zufällig in später Abendstunde nach Prag und versetzte die ganze Familie, welche den jungen Mann in Wien wähnte, wo er als Hörer der Rechte seine Studien vollenden soll, in nicht geringe Bestürzung. Am nächsten Morgen wurde dem Grand-Rabbin nach Paris telegraphirt, daß er dm jungen Mann mit dem Nöthigsten für den ersten Augenblick versorgen solle. Bald aber stellte sich heraus, daß der Grand- Rabbin muthmaßlich von einem jungen Juden, der sich früher in Wien aufgehaltcn und den Prager 8tudiv8U8 zuri8 gekannt, in betrügerischer Weise mystificirt worden. *** Wissenschaftliche Vorlesung für die reifere israelitische Jugend. Sonntag den 24. d. M. hielt Sr. Ehrwürden Herr Rabbiner und Prediger Dr. A. Stein im Vereine „Afike Jehuda“ eine Vorlesung über JosephuS Flavins Leben und Charakter in einer der reiferen Jugend angepaßten und recht populären Weise. Er entrollte vor dem jungen Auditorium ein Bild jenes Geschichtschreibers in den -natürlichen Farben, die nicht derb aufgetragen, der Jugend den Charakter JosephuS in seiner Einfachheit und Natürlichkeit erscheinen ließen. Dr. Stein nennt Josephus einen Pharisäer von griechischem und römischem Geist und Bildung, was auch mit den historischen Quellen des Alterthums übereinstimmt. Er erzählt der der Vorlesung lauschenden Jugend, wie Josephus in seinem 28. Jahre nach Rom ging, der Liebling an Nero's Hofe wurde, wie er als Prätor in Galiläa Jotapata gegen VcSpasian vcrthcidigt, und gefangen, von diesem jedoch wegen einer Prophez-ihung wieder frei gegeben wurde. Als sich die Weissagung erfüllte, wurde JosephuS ein Günstling der Kaiserin nnd blieb bis zu seinem Tode in der Umgebung TituS während der Belagerung Jerusalem?. So entwickelte Herr Stein eine sehr interessante Lebensbeschreibung des JoscphuS Flavins (Blonden), faßte dessen Geist, gegenüber dem damaligen Zeitalter ganz richtig auf, während er Dr. Grätz in sehr eleganter Weise widerlegte, daß dieser die Bildung JoscphuS zu sehr an den Maßstab des gegenwärtigen Zeitgeistes legte, ohne zu vergessen, daß JoscphuS 1800 Jahre (.‘17 n. Ehr.) zurück lebte. Bei dieser hochinteressanten Vorlesung. die eine Stunde in Anspruch nahm, manifestirte sich Herr Dr. Stein al« ein gründlicher Gelehrte, der nicht auf der Oberfläche bleibt, sondern in die Tiefen der Wissenschaft dringt. Fern von jedem Komödien- und Komödiantenartigem sprach er zur Jugend, für die auch die Vorlesung bestimmt war. Man mußte das einfache Gewand betrachten, in dem das Thema gekleidet war, schmuck- und prunklos, dagegen war die Sprache frei von allem Jargon, eine durch nnd durch deutsche; denn während der einstündigen Vorlesung ließ sich auch nicht ein fremde« Wort hören, das man so sehr liebt, für ein deutschezu setzen. Dr. Stein kann in der That der Jugend zum Muster dienen, wie man die Wissenschaft behandeln und nicht zu einem Hokuspokus herabwürdigen soll.