Der Aufstieg
- Journal
- Der Aufstieg
- Volume
- Band 1 (1930-1932)
- Issue
- 10 (4.1932)
- Date
- 1932-04-01
- Page
- Seite 260 (sequence 18)
- Belongs to
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kurz, orientiert jedoch zur Genüge. Es kann aber nicht verschwiegen werden, daaa sie den Uebersetzer als einen Mann zeigt, der lieh wohl durch grossen Rrspekt vor der Tradition auszeichnet, aber sie nicht mehr seine Sache sein lässt. Eine Stelle in dieser Einleitung wird gläubige jüdische Leser besonders befremden Sie lautet: „Mag dem heutigen Bcwusstsein die Beschränkung des Blickes auf da* eigene Volk atxt.Vs.sig erscheinen, sie entsprang der Tatsache, dass gerade Israel in besonderer Weis" jenen in der biblischen Geschichte bezeichneten Verbindungsfaden mit der gesamten Urmenschheit in sich bewahrte und vermöge jenes .Bundes' die Idee und Realität eines erneuerten Menschentums (und nicht bloss Judentums) vorbilden konnte, die dann durch das Christentum auch wieder der Menschheit als solcher zurückgegeben wurde." Doch das ände:1 natürlich nichts an der Qualität und dem Wert der Uebersetzung selbst. N. B. TNACH-WISSENSCHAFT. Das Hohelied. Übertragen und gedeutet von Joseph Carlebach. -- Frankfurt a M Hormon Verlag. 5691 Man kann manchenorts lesen, dass seit vielen Jahrhunderten von jüdischer Seite nur wenig zur Erforschung der Bibel getan wurde. Diese Meinung ist aber nur für die richtig, denen die Arbeit der Bibelkritik einziges Mass und letzte Instanz ihres Urteils ist. Bei uns kümmert man sich übrigens nicht viel um diesen Anwurf. Die „Wissenschaft vom Alten Testament" selbst dagegen ignoriert man nicht vollständig. Man benutzt bis zu einem gewissen Grade die Literatur auf bibelkritischer Grundlage. Das bedeutet zwar keineswegs die Annahme ihrer Voraussetzungen und Ergebnisse, gibt aber schliesslich doch einem gewissen Einfluss von jener Seite her Raum. Bezeichnend ist, dass vor einigen Jahren ein thoratreuer Gelehrter es für nötig fand, seine Verehrung für das Wörterbuch des Gesenius zu betonen und einen Vorwurf in dieser Richtung als unbegründet zu widerlegen. _Natürlich sah man es mit Bedauern, dass im letzten Jahrhundert eine ganze Anzahl von .Juden" am Werk der protestantischen Bibelkritik mitgebaut haben, aber man nahm es als «inen selbstverständlichen Teil der grossen Abfalbewegung hin und nur selten ging man dazu über, selbst etwas dagegen zu tun. Es will uns scheinen, dass hier eine Versäumnis nachzuholen wäre. Eine solche Arbeit muss notwendigerweise zur Hälfte der Verteidigung der eigenen Stellung dienen — und das ist vor allem der Angriff gegen die feindliche Festung. Mit Predigten ist hier nichts zu erreichen. Da heisst es, das Gebiet genau zu erkunden, um den Angriff auf richtige Weise vortragen zu können. Den wenigen Büchern ähnlicher Richtung ist vor kurzem ein neues, sehr verdienstliches an die Seite getreten. Joseph Carlebach hat eine Übersetzung des Schir Haichirim mit einer abschnittsweisen Erläuterung, die vor allem die Zusammenhänge des Wortsinnes verfolgt, und mit einer wertvollen Einleitung versehen. Carlebach zeigt die Unzulässigkeit verschiedener moderner Deutungen, die ihr« Auffassung des ganzen Werkes auf eine einzige Konjektur gründen, er widerlegt z. B. die Erklärung der Schir ffaschirim als einer Sammlung von Hochzeitaliedern sehr wirksam damit, dass es nur die Liebe der Sulamith behandelt Er beweist, wie die Modernen gerade an entscheidenden Stellen den Text ändern müssen, um die Allegorie zum Verschwinden zu bringen. Das Hohelied ist eine Allegorie. Es ist voll Anspielungen auf ein Höheres, die Person der Geliebten lässt sich durch die sprachlichen Formen als ein Kollektiv erkennen. Das Bild von Bräutigam und Braut, von der Ehe zwischen Gott und 260