Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 45 (6.11.1936)
- Date
- 1936-11-06
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 6. November 1936 Rabbi Akiba Egers Leben. Zu seinem 175. Geburtstag am 8. November von Leo Hirsch. Rabbi Akiba Eger, 1701 zu Eisenstadt in Ungarn geboren. war <"irö it.. •!• sinsiuni hv .ii.i.>i.iiiuiifLii aiik'ii w [im, ii \erpflichtet Seine Vorfahren, dU ir.ütic<iiuic Familie kam aus Haiberstailt, waren vielfach bekannte Rabbinen, sein Großvater Rabbi Akiba Eger der Ältere war als Verfasser der Misehnat de Rabbi Akiba berühmt, sein Urgroßvater Abraham Broda, seit 1711 Rabbiner von Frankfurt am Main, ein groBmäcbtiger Talmudist, ein luxuriöser, pompöser Herr und „Wiederhersteller der Thorakrone in Deutschland". Unser Akiba Eger war frühreif, als Kind ungewöhnlich ernst, als Bachui auffällig durch seine rasche Auffassung, strenge Logik, Fleill, Zähigkeit, tiefe Frömmigkeit, Schüchternheit, Menschenfreundlichkeit und rührende Bescheidenheit. Dies alles bei quälendster Körperschwäche und Kränklichkeit. Er war gewiß nicht stolz, und am wenigsten auf seine Schwächlichkeit eitel, und so will es schon was heißen, daß ei in seinem Nachruf verewigt wissen wollte, er habe von seinem fünfzehnten Jahr an mit Schülern „in schweren Schmerzen" gelernt. 1774 kam er nach Breslau, Jesehiwaschülei, bald Meister und bekannte I euchte des Studiums, die jüdischen Nabobs rissen sieh um ihn als Schwiegersohn, und 1780 zog er als Bräutigam der QlQckcheil Margulies in Lissa ein. Ans dieser Zeit stammt sein ältestem erhaltenes taimudisehes Gutachten, das sich außer durch Scharfsinn und W issen durch sein Temperament und „rücksichtsloses wissenschaftliches Selbstbewitstsein" auszeichnet. Lissa war damals polnisch und mit seinen viertausend Juden ein Zentrum der jüdischen Gcisteswclt. Itzig Margulies war ein reicher Mann, der seinem Schwiegersohn Akiba Egei ein schönes, gartenumgebenes;- -behagliches Heim mit einer stattlichen Bibliothek einrichten konnte, und der junge Ehemann schuf sich, ohne And, ohne Aussicht auf (ield und Qeltung, eine eigene Jcschiwa. Seine Lehrmethode war neuartig. Er verzichtete auf allen Pilpullsmus, geistreiche Wörtchen und sensationelle Qedankenkombinationen, Schein- und Notlösungen. Er hielt täglich drei Vorlesungen, beachtete jede andere Meinung, duzte keinen Schüler, nannte auch niemand „Schüler", sorgte aber fiir jeden, wo es nur nottat, während er für sich auffällig genügsam, gegen sich Ungemein streng war und dabei das „reine Oemüt eines unschuldigen Kindes" sich wahrte. Fr lieh* sich keinen Dienst an Notleidenden, Kranken und Toten entgehen. Damals begann seine kleine Statur uutersetzl zu wirken, „der Kopf uuverhältnisinältig stark, die Nase hoch und länglich, die Augen leuersprühend und die Stirn hochgewölbt". Dazu ein häufig auftretender Zug von tiefer Schwermut und stillem Leiden um die Lippen. Zehn Jahre laug ging es ihm gut in Lissa, er konnte Tag und Nacht lernen und lehren und helfen und hatte ein ruhiges, materiell K,.r...•...,>■•; ••. .-.v c Aorisnum Uüu ötuwuiu ^wer, Weich angenehme f iZkri^diung! fUcfoTatÜe SttUHU, sondern der Eintopf - Sammler der Jüdischen Winterhilfe Er kommt am 8. November später Akiba Egers Nachfolger in Rosen, und zwei Töchter kamen hier zur \\ elt. 1790 brannte Lissa ab, von 181 Häusern blieben nur <), itzig Margulies war hettelarm geworden, und Rabbi Akiba Eger mußte sehn, wie er weiter kam und seine Familie ernährte. Nicht eben beglückt "■>•">• r die Stellung «äiiui Räubiucts in maruiscii Friedland an Fr war 20 Jahre »It hatte Frs:: und vis: Kiudsi mal bekam, es reichte nicht sehr weit, folgendes „üehalt": freie Amtswohnung und 40 Pfund Licht für den Winter, 10 laier monatlich, dazu 6 Taler jährlich für zwei Predigten, 2% von Hochzeiten. 1" u VOS I estameuteu. In Märkisch Friedland lebten damals etwa 700 Juden, es war mehr zum Sterben als zum Leben, aber ..nicht der Ort bringt den Mann, sondern der Mann bringt den Ort zu Ehren, „UJld Rabbi Akiba Eger zog bald einen Schwann bedeutender Schüler an, die später bekannt wurden, und ii: schwierigen Fällen wandten sich selbst die entlegensten Gemeinden au ihn um Gutachten und Entscheid In seinen Korrespondenzen dieser Art handelt es sich nicht nur um verzwickte Fragen des Ehe-Scheidungs- und sonstigen Rechts, sondern auch um Probleme, die für die Rechtsentwicklung der jüdischen Angelegenheiten im preußischen Staate entscheidend wirken sollten, und es ist wenig bekannt, wie häufig und intensiv das Berliner Rabbinat sich damals an Rabbi Akiba Eger gewandt hat. Und als Napoleon 1807 das Herzogtum Warschau schuf, entsandten die Großgememden des nun dazu geschlagenen Posen, nftmlicfi Posen und Lissa, Rabbi Eger m den Regierungsverhandlungen nach Warschau, obwohl er oder vielmehr seine (ieineinde Märkisch Friedland ja bei Freuben geblieben war. Dabei erwies sich seine angeblieh fanatische und reformfeindliche Einstellung erstaunlich weitsichtig und emanzipatorisch in politischer Hinsicht, denn er war es, der für den Wegfall der Trauschein- und Flandelsgeld3r wie der Reknitengelder, also in den Heeresdienst der Juden eintra*. Man war schon sehr stolz auf diese Zierde des Judentums, die man „zu Napoleon" schickte, nur die Bezahlung war schändlich. Mehrere Gesuche Rabbi Akabi Egers um Gehaltszulage blieben unberücksichtigt. Zaghaft gestand er. daß sein Einkommen nicht zwei Drittel seines Bedarfs deckte, und bat um 5 Taler die Woche. Als er eine Tochter verheiratete, gestand man ihm endlich eine kleine Summe nach peinlichstem Hin und Her zu, und später beglückte man ihn vollends durch Folgenden jüdischdeutsch niedergeschriebenen Vorstandsbeschluß: „Wir genehmigen 250 R. T. jedesmal iia Raw ha Gaon Akiba Eger zu schenken, wannen er eins seiner Kinder ausgibt, so männlich wie weiblich." Dann, 5350, stirbt seine Frau ülückchen, und Märkisch Friedland wird durch Icuersbruust zerstört. 1800 folgt eine zweite Feuersbrunst. Im Jahr danach heiratet er Brendel Feibelmann, die ihm fünf Sühne und sechs Töchter schenkt. Mittlerweile geht es in Märkbch Friedland wieder besser, sein Einkommen wird erhöht, die Gemeinde hält ihn, dem anderweitig Besseres geboten wird, der hochberühmte Rabbi Moses Sofer wird sein Schwiegersohn, und 1811 bietet die GroßgemeJnde Posen R;Ü:!:i \!.;L:.- E"^r ii.- f»••••••»»ii'. ,v„-tt -iH*; «KP* ' . , — _ Fhr Cr CS ülitiilill konnte, gab es die luuuubuiiicil kample zwischen den Aufklärern, denen er mit seiner bedingungslosen jüdischketl (Um schlimmste Dorr, im Auge war, und den AJtfrommen, die ihn verehrten; er war längst die anerkannteste Autorität seiner Zeit in allen jüdischen, talmudischen, rabbinischen Dingen. Anderthalb Jahre kämpfte die Opposition gegen den dem Gewählten schon /mitgeteilten Beschluß. Filde 1813 wurde er endlich rechtsniäliig ernannt, mit 12 Talern die Woche und freie Wohnung. Die aufgeklarte Opposition protestierte beim Preußischen Oberpräsidenten gegen die Wahl dieses Laudesrabbiners, der bigott wäre und als Fanatiker abergläubische Vorurteile begünstigen würde. Mau einigte sich auf ein Kompromiß, beschränkte die Schülerzahl, die Einkünfte und die moralische, d. h. jüdisch politische Wirksamkeit des neuen Rabbiners und bestimmte' eine Kontrolle. Als er einzog, gab es natürlich Autreguug genug. Einer seiner Gegner hatte erklärt, hei seinem Leben sollte Rabbi Akiba Eger nicht nach Posen kommen, und wurde kurz vorher vom Schlag getroffen. Ein Fleischer redete Häßliches über den mit Ovationen in Posen einziehenden Rabbi und starb auf der Stelle. Wenigstens gingen solche Nachrichten um, und man kann daraus schlichen, in welchem Auselm er stand. i Ihn selbst kümmerte nur seine Arbeit. Morgens um 4 Uhr begann er mit Mischnastudieu. Wenn es Tag wurde, im Sommer nach dem Morgengebet, im Winter davor, hielt er vor Gemeindemitglie-