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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1933-03-17 · 11 (17.3.1933) · p. [Seite]

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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG 17. März 193:1 sprünglich Arzt, später ein Führer der freiheitlichen Bewegung in Ostpreußen. 1848 wurde er zum Abgeordneten Königsborgs für die Nationalversammlung gewählt, deren erster Vicepräsident er wurde. In verschiedenen Parlamenten nahm er hervorragende Stellungen ein. Als Letzter in dieser Gruppe sei der unstreitig Größte genannt, Eduard Lasker aus Jarotschin. Nach den Ärzten und Politikern wollen wir nun die noch viel umfangreichere Galerie der Gelehrten kennen lernen. Hier finden wir Repräsentanten aus den verschiedensten Wissenszweigen: der Theologie, Philosophie, Philologie, Jurisprudenz, der Medizin und Naturwissenschaften. Es würde den Umfang des vorliegenden Aufsatzes allzusehr Uberschreiten, wollte ich den Versuch machen, auch nur die bloßen Namen der hochberühmten Rabbiner aufzuzählen, die in der Provinz Posen geboren, in ihr gowirkt und gelehrt hatten, dort unsterbliche Werke der Literatur geschaffen und mit ihren Forschungen und Entscheidungen dem gesamten Judentum gedient haben. Das Bild eines Einzigen soll sie alle verkörpern, das des unsterblichen Rabbi Akiba Eger. Und diesem ganz Großen reiht sich aus andern Gebieten eine stattliche Anzahl großer und größter Gelehrter an. Wer kennt nicht einen Moritz Lazarus (Filehne), Heinrich Grätz (Xions), den Historiker des Judentums, ferner Hermann Aron (Kempen), den Erfinder des nach ihm benannten Elektrizitätszählers, Albert Abraham Michelson (Strelno), Nobelpreisträger für Physik, der zu den 9 amerikanischen Gelehrten gehörte, die auf dem panamerikanischen wissenschaftlichen Kongreß in Lima, Ende 1924 und Anfang 1925, die Vereinigten Staaten zu vertreten die Ehre hatte? Wer weiß nicht, welche Bedeutung für die Geschichte des Ostens der Posener Staatsarchivar Geheimrat Adolf Warschauer (Kempen), hatte? Wer hat nicht von dem großen Religionsphilosophen, Rabbiner Leo Baeck (Lissa), von Professor Ismar Elbogen (Schildberg), von Hofrat Professor Pick (Posen), einem der bedeutendsten Numismatiker von internationalem Ruf, gehört? Es ist kaum möglich, die unzähligen Posener Söhne, die hervorragende Gelehrte goworden sind, erschöpfend hier aufzufuhren. Nur von einigen sei noch berichtet, die Uber den engeren Berufskreis hinaus sich einen Namen in weiteren Kreisen erworben haben. Wir wollen sie in alphabetischer Reihenfolge der Städte nennen, aus welchen sie stammen. Aus Filehne: Der berühmte Kanzelredner und Talmudgelehrte Dr. Josef Isaacsohn,, der 1850 als Oberrabbiner nach Rotterdam berufen wurde. Aus Gneaen: Professor Dr. Jacob Caro, Verfasser der 7 bändigen „Geschichte Polens", lange Zeit wissenschaftlicher Berater bei der Großfürstin Helene von Rußland. Aus Inowrazlaw: Dr. Israel Levy, Professor am Rabbinerseminar in Breslau, einer der bedeutendsten Talmudgelehrten und Verfasser einer großen Anzahl anerkannter Werke. Aus Jutroschin: Dr. Michael Friedländer, Direktor des Jewish College in London. Seine Übersetzung des Pentateuch und seine Schilderung Spinozas als Mensch und Philosoph sind Perlen der jüdischen Literatur. Aus Moschin: Der Berliner Mathematiker Professor Lazarus Fuchs, der 1884 als Nachfolger von Weierstraß von Heidelberg nach Berlin berufen wurde. Aus Labischin: Der große Erlanger Physiologe Prof. Isidor Rosenthal, den die Stadt Erlangen zum Ehrenbürger ernannte. Aus Obersitzko: Prof. Dr. Abraham Berliner; er wirkte als Dozent und Bibliothekar am Hildesheimerschen Rabbinerseminar in Berlin. Von der Preußischen Staatsrugierung erhielt er eine Subvention zu Forschungen in Italien und von der Berliner Akademie der Wissenschaften eine solche zum Druck des Targums. Der König von Italien erhob ihn zum Ritter des italienischen Kronenordens. Aus Posen: Der berühmte Mathematiker, Wirklicher Geheimer Rat Prof. Leo Königsberger, der eine Zeit lang Lehrer der Mathematik und Physik an der Berliner Kadettenanstalt war. Seine hervorragendsten Werke sind „Elliptische Funktionen" und „Lehrbuch der Differenzialglcichungen". Gleichfalls aus Posen stammend der von Dubois-Reymond als der größte Physiker bezeichnete Prof. Dr. Hermann Münk, ferner Prof. Dr. Robert Remak, der Entdecker des „Achsenzylinders" und der „Remakschen Nervenfasern", (seinen Hui begründete er durch die Einfuhrung des konstanten Stroms bei der Behandlung von Nervenkrankheiten. Aus Rawitsch, das schon mehrfach als die Geburtsstättc hervorragender jüdischer Männer genannt wurde, stammt auch der Philologe Prof. Dr. Levy, dem eine eigenartige Gelehrtenlaufbahn beschieden war. Da ihm als jüdischer Philologo in Preußen kein Fortkommen winkte, ging er nach Beendigung soiner Studien nach Wien, von dort nach Padua und Paris. Von 1864 bis 1868 organisierte er das Schulwesen in Marokko. Er wurde von der portugiesischen und französischen Regierung mit Ehren geradezu Uberhäuft. Aus Rogasen stammt der erste Rektor der Berliner Handelshochschule Prof. I. Jastrow, ebenfalls Sanitätsrat Dr. Gustav Bradt, der sich um die Akademie der Wissenschaft des Judentunis hochverdient gemacht hat. Vergessen wollen wir auch nicht den aus dem Städtchen Schubin stammenden Moses Mielziner, der sein Leben in Cincinatti beendete. Er war einer der bedeutendsten Gelehrten unter den Rabbinern der Voreinigten Staaten. Als Professor der orientalischen Sprachen verfaßte er eine große Anzahl anerkannter Werke. Aus dem Städtchen Schwcrsonz stammt Dr. Siegfried Placzek, der bekannte Berliner Nervenarzt und forensisch-medizinische Schriftsteller, ein Bruder des letzten deutschen Stadtverordnetenvorstehers in Posen, Justizrat Dr. Michaelis Placzek. — Kein ürtchen der Provinz Posen zu klein, um große Geister in ihm erstehen zu lassen. Das wenig mehr als tausend Einwohner zählende Städtchen Unruhstadt brachte eine überraschend große Zahl von ausgezeichneten Männern hervor. Nur einen möchte ich besonders erwähnen, den Schriftsteller und Literarhistoriker Felix Bamberg. Er lebte in Paris und lernte dort Friedrich Hebbel kennen, mit dem ihn dann eine innige Freundschaft verband. Er besaß sämtliche Originalhandschriftcn des Dichters und gab die „Tagebücher Hebbels" und das Werk „Hebbel mit Freunden und berühmten Zeitgenossen" heraus. 1851 trat Bamberg in den Preußischen Staatsdienst, wurde Konsul in Paris und Generalkonsul fn Messina. 1870 wurde er im Hauptquartier zu Versailles Leiter der Presseangelegenheiten und 1870 dem Befehlshaber der Besatzungsarmee, Geuoralfeldmarschall Freiherrn v. Manteuffel als politischer Rat beigegeben. In dieser Stellung blieb er bis zur Räumung des französischen Gebiets. Aus Wronke, der Geburtsstadt der schon genannten Professoren Zondek, stammt auch der Geheime Regierungsrat Dr. Adolf Pinner, Prof. an der Tierärztlichen Hochschule in Berlin und Mitglied des Patentamts. — Erstaunlich ist die große Zahl von Berühmtheiten, die das winzige Städtchen Zerkow hervorgebracht hat. An dieser Stolle will ich nur Julius Kürst nennen, den ersten Juden, der als Professor an einer sächsischen Universität lehrte. Von seinen bedeutenden Schriften sei besonders hervorgehoben das große Werk „Lehrgebäude der arabischen Idiomo". Wie schon gesagt, ist es unmöglich, in dem beschränkten Rahmen eines Zeitungsaufsatzes eine lückenlose Darstellung aller derer zu geben, die aus der Provinz Posen stammend, dem Judentum unschätzbare Dienste geleistet haben. Die Aufzählung der Namen der Wirtschaftler allein würde Spalten Uber Spalten füllen. So möchte ich mit einem Finale schließen, das der hehren Kunst geweiht sei und die Namen einiger ihrer Junger ins Gedächtnis rufen: Meister Lessor Ury (aus Birnbaum), Maler und Zeichner Jacob Steinhardt (aus Zerkow), Maler und Graphiker Hermann Struck (aus Filehno), die Dichter Ernst Toller (aus Samotschin) und Ludwig Jacobowski (aus Strelno), die herrliche Vortragskünstlerin Edith Herrnstadt-Oettingen (aus R&kwitz), der einst berühmte Tenor Werner Alberti und der Maler Siegfried Laboschin (diese beiden aus Gnesen), der Dramaturg Prof. Adolf Gerstmann (aus Ostrowo) und der große Schauspieler Ludwig Dessoir (aus Posen). Welch eine imposante Fülle von Berühmtheiten, die diese Provinz dem Judentum und der Kulturwelt Uberhaupt geschenkt hat! Diese Quelle ist nun versiegt! Man kann heute von einem in der Provinz Posen bestehenden Gemeindelebcn, mit ganz wenigen Ausnahmen, Uberhaupt nicht mehr sprechen. In den meisten Städten sind nur einige wenige Familien zurückgeblieben. Vereinzelt hat eine Gemeinde noch einen Rabbiner. Die aus dem jetzigen Polen nach Deutschland abgewandorten Juden haben sich in verschiedenen Städten in Heimatvereiiicn zusammengefunden, die durch eine einheitliche Organisation, den „Verband Posener Heimatvereine" in Berlin umschlossen werden. Ihre Aufgabe sehen wir vor allem auch darin, im Rahmen der geldlichen Mittel die alten Kultstädten, in erster Reihe die Friedhöfe, zu erhalten, nach Möglichkeit auch die Synagogen und Lehrhäuser. Aus aller Welt Die tirabschrift des Königs Ussia. Im Russischen Archäologischen Museum auf dem Oelberg bei Jerusalem wird seit längerer Zeit ein .Steintäfelchen aufbewahrt, das eine schwer zu entziffernde aramäische Inschrift trägt. Von Sachverständigen wurde die darauf befindliche Inschrift mit Muhe entziffert. Sie lautet nach einstimmiger Meinung derselben: „Hierher wurden die Gebeine des Königs Ussia von Juda gebracht, öffne nicht!" Die Inschrift ist in der Schreibweise der Zeit Christi geschrieben und so wundervoll in den Stein eingeschnitten, daß man zunächst ihre Echtheit bezweifelt Da außerdem während des Weltkrieges der Katalog des Museums verschwunden war, ließ sich nicht mehr feststellen, wo das Täfelchen hergekommen ist. Für die Echtheit setzt sich jetzt Professor Dr. W. F. Albright von der Johns-Hopkina-Universit&t in Baltimore ein, ein hervorragender Kenner der Altertumskunde Palästinas. König Ussia, der in der Bibel nur mit einem s geschrieben wird und auch den Namen Asarja fuhrt, regierte von 808 bis 757 v. der Ubl. Ztr. Im zweiten Buch der Chronik Kapitel 26 Vers 3 heißt es von ihm: „Sechzehn Jahre alt war Ueia, da er König ward, und regierte zwei und fünfzig Jahre zu Jerusalem". Wir erfahren weiter, daß der König gegen Ende seiner langen Regierungszeit vom Aussatz befallen wurde. In Vers 23 heißt es dann: „Und Usia entschlief mit seinen Vätern, und jle begruben ihn bei seinen Vätern im Acker bei dem Begräbnis der Könige; denn sie sprachen: Er ist aussätzig; und Jotham sein Sohn ward König au seiner Statt." Daraus ergibt sich, daß Ussia in Jerusalem begraben wurde. Einige Zeit nach dem Tode Ussias wurde zweifelhaft, wo sein Grab lag, und im Volksmunde hieß es, daß es sich auf dem königlichen Friedhof außerhalb der Stadtmauer befände. Zur Zeit Christi wurde, wie Albright annimmt, dasjenige Grab, das man in der Überlieferung des Volkes für das Grab Ussias hielt, mit den wirklichen oder angeblichen Gebeinen des Königs aus irgendeinem Grunde an eine andere Stelle verlegt Hier wurde das jetzt entzifferte Täfelchen aufgerichtet. „Dieses Täfelchen", sagt Albright „ist ein bemerkenswerter Beweis für die wachsende Ehrerbietung, die man den Gräbern und Reliquien großer Männer der Vergangenheit entgegenbringt."

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