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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1933-03-17 · 11 (17.3.1933) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
9 (1933)
Issue
11 (17.3.1933)
Date
1933-03-17
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Aufflage 4500 Stück *J l (Bcmrinöcbloftr DER ISRAELITISCHEN REUGIONSGEMEINDE ZU I f"|P7|fL AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT LLIl ^1 V DER GEMEINDEVERWALTUNG« N \ Schriftleitung: Gemelnderabblnor Gustav Cohn, Leipzig, i rthrstraBe 10 — Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Genehmigung des Verfassers gestattet Hummern / Jahrgangs 17. März 1933 Anzeigenannahme: E. Goldfreund, Leipzig O 5, CIchorlusstraBe 2 a Fernsprecher Nr.60771 — Druck: Gebr. Garhardt, Leipzig S3 HEINRICH KÜRT/AU. Die Bedeutung der früheren Provinz Posen für die Entwicklung der deutschen Judenheit. Durch don Vcrsailler Vertrag und die Entscheidung des Völkerbundes gelangte die heutige Woywodschaft Poznan — der größere Teil der früheren Provinz Posen — in die Hände der Polen. Der Posonschen Juden bemächtigte sich damals — ob mit Recht oder Unrecht, sei dahingestellt — die Furcht, daß für sie in dem neuen Staate keine Existenzmöglichkeit bestehen würde, und daß sie von einer gehässigen Behandlung bedroht seien. Es setzte daher eine in ungehouerm Ausmaße sich vollziehende Auswanderung nach Deutschland ein. Das führte zu fast völligem Untergang der stattlichen Posenschen Gemeinden, in denen von altersher stets ein außerordentlich reges religiöses und kulturelles jüdisches Leben geherrscht hatte. Es waren etwa hundert Gemeinden, die eine Synagoge, zum Teil auch ein Lehrhaus, das Beth-Hamidraach, besaßen, in denen Rabbiner und Lehrer nicht nur den Kultus pflegten, sondern dem eifrigen Studium des Talmuds oblagen. In einem solchen „Beemedresch", äußerlich acht so anspruchslos und winzig, im Innern an seinen Wänden ausgefüllt mit breiton und hohen Regalen, enthaltend die Schätze ehrwürdiger Folianten, Kostbarkeiten einer 100 jährigen Literatur, wurde noch wahrhaft „gelernt". Gelernt, geforscht und gelehrt Wieviel Geistesschärfe verdankte die Posensche Jugend den von ihren großen Rabbinern und Lehrern ihr zuteil gewordenen Unterweisungen. Und mehr noch: Starkon Wissensdrang und eifriges Streben, auch nach den profanen Lehrfächern. Eine Fülle führender Persönlichkeiten auf den verschiedensten Gebieten, Wissenschaft, Politik, Kunst, Wirtschaft hatten ihren Ursprung in diesen Posener Gemeinden. Ihre Bilder würden, zu einer Galerie vereinigt, Räume usd WSndo von sehr erheblichem Ausmaße füllen. Das würde eine hochinteressante Gemäldeausstellung geben. Statt ihrer können wir hier nur versuchen, uns in kurzen biographischen Darstellungen einen Teil dieser hervorragenden Männer und Frauen vor Augen zu führen. Beginnen wir mit dem wohltätigen, segensreichen Beruf des Arztes, der die Schmerzen der leidenden Menschheit zu lindern sich bemüht. Da fällt unser Blick zuerst auf ein eindrucksvolles Bild in schlichtem Rahmen: Es stellt Professor Abraham Buschke dar. Er wurde im Jahre 1861 in Nakel geboren, hatte frühzeitig Mutter und Vater verloren und besuchte als Waisenknabe zunächst die jüdische Elementarschule und dann das Gymnasium seiner Vaterstadt. An den Universitäten Breslau, Berlin und Greifswald absolvierte er seine medizinischen Studien. Unter andern arbeitete er unter Virchow und Behring und habilitierte sich 1900 als Privatdozent für Dermatologie und Urologie an der Berliner Universität Schon 1904 wurde er von der Stadt Berlin mit der Einrichtung einer dermatologischen Abteilung am städtischen Krankenhause am Urban betraut und zu deren Leiter ernannt. 1906 wurde er dirigierender Arzt der dermatologischen Abteilung des Rudolf Virchow-Krankenhauses. — Neben Buschkes Bild blickt uns das patriarchalische Geeicht des alten Geheimen Sanitätsrats Dr. Samuel Kristeller an, geboren in dem winzigen Städtchen Xions. Er ist besonders bemerkenswert als der erste jüdische Kreisphysikus In Preußen und als Ehrenvorsitzender des Deutsch-israelitischen Gemeindebundes. — Wie der vorher genannte Professor Buschke stammt aus Nakel auch Professor Julius Schwalbe. Auch er besuchte, wie Abraham Buschke, zuerst die jüdische Elementarschule und dann erst das Gymnasium. Sein Vater war ein kleiner Buchbinder, übrigens taubstumm. Schwalbe ließ sich zuerst als praktischer Arzt nieder, veröffentlichte aber schon frühzeitig bemerkenswerte Aufsätze medizinisch-wissenschaftlichen Charakters und wurde sehr bald ständiger Mitarbeiter an medizinischen Fachzeitschriften, besonders an der wohl bedeutendsten, der „Deutschen medizinischen Wochenschrift". 1894 wurde ihm die Redaktion in Gemeinschaft mit Professor Eulenburg übertragen, und nach dessen Tode leitete er sie dann selbständig weiter. Er erhielt den Titel Professor und Geheimer Sanitut s rat Ein viertos Bild: Ein überragender Arzt, Gelehrter und Lehrer in einer Person, dessen frommes Gemüt ihn auch noch die Zeit finden ließ, sich im jüdischen Gemcindeleben Berlins als Repräsentant eifrig zu betätigen: Geheimer Medizinalrat Professor Dr. Senator, geb. in Gnoscn. — Zwoi ganz kleine Posener Städtchen schenkten der Menschheit eine besonders große Anzahl jüdischer Männer, unter denen sich auch hervorragende Aerzte befanden, Filehno und Wronke. In Filehne erblickte Ludwig Waldenburg das Licht der Welt. Er lehrte als Professor an der Berliner Universität. Von ihm sagt Kayserling in seinen „Gedenkblättern": „Eine Zierde der medizinischen Wissenschaft, die er durch mehrere preisgekrönte Arbeiten Uber Krankheiten der Atmungsorgane bereicherte. Manche früher unheilbare Krankheit wie die Lungenerweiterung wurde durch seine Erfindungen erst heilbar." Aus dem Städtchen Wronke stammt die in Berlin grodezu populär gewordene Ärzteschaft der Professoren Zondck. Dem einen von ihnen, Hermann, hatten Stresemann und der Reichskanzler Müller bekanntlich ihr unerschütterliches Vertrauen bis zum Tode geschenkt Aber nicht nur kleinen und kleinsten Städtchen der Provinz Posen verdanken wir hervorragende Arzte. Selbst in einem Dörfchen stand die Wiege eines großen Arztes, des angesehensten und bekanntesten Laryngologen in den Vereinigten Staaten. Dr. Wolff Freudenthal, geboren in dem Dorfe Luisenfelde bei Inowrazlnw. Nachdem er seine medizinische Ausbildung auf deutschen Universitäten genossen und auch in einem badischen Regiment als Einjähriger Arzt gedient hatte, ging er nach Amerika und führte dort bei der Behandlung der Kehlkopftuberkulose ganz neuo Verfahren ein, die die von ihm geleitete laryngologische Abteilung der German Poliklinik zu der meist frequentierten Spezialklinik New Yorks machten. Schwer wird es mir, zu entscheiden, in welche Abteilung meiner Bildergalerie ich die aus Rawitsch stammenden Brüder Wolfgang und Ferdinand Straßmann einreihen soll. Beide waren bedeutende Ärzte, aber auch auf dem Gebiete des allgemeinen öffentlichen Lebens leisteten sie Hervorragendos. Der Erstere war Mitglied des Preußischen Abgeordnetenhauses, und er bekleidete Jahre hindurch das Ehrenamt eines Vorstehers der Berliner Stadtverordnetenversammlung. Dem Andern widerfuhr die seltene Auszeichnung, zum Ehrenbürgor der Stadt Berlin ernannt zu werden. Erwähnte ich hier eben einen hervorragenden Politiker, so seien hier gleich die Namen der Posener jüdischen Söhne genannt, welche das Vortrauen der Bürgerschaft ihrer Wahlkreise in den Landtag bezw. in den Reichstag berief: Geheimer Kommerzienrat Louis Aronsohn und Rechtsanwalt Moritz Baerwald, beide aus Bromberg, Justizrat Josef Horwitz aus Strclno, Gerichtsassessor a. D. Dr. Leopold Levy aus Inowrazlaw, Landgerichtsrat Martin Peltasohn aus Ostrowo, Justizrat Felix Waldstein aus Gaesen, Rechtsanwalt Eduard Wolff aus Lissa. Hierbei ist der Provinziallandtagsabgeordnete Dagobert Friedländer (geb. in Kolmar) zu nennen, der neben dem Baron Meyer Karl v. Rothschild der einzige Jude war, der sich zu den Mitgliedern des Herrenhauses zahlen durfte. Weiter ist zu erwähnen Raffael Kosch aus Lissa, übrigens auch ur-

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