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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1934-06-01 · 22 (1.6.1934) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
10 (1934)
Issue
22 (1.6.1934)
Date
1934-06-01
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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!. Juni 1934 Seite 3 Privatdozent Dr. Paul Eppstein I I Rorl.n Morgen Sonnabend,den 2. juni pünktl. 21.15 Uhr im Künstlerhaus, über das Thema: „Zwei jüdische Generationen" Unkostenbeitrag 30 Pfg. Erwerbsl. u. Jugendl. 20 Pfg. Alle Gemeindemitgliedtr sind herzlichst eingeladen. Künstl. Darbietungen unter freundlicher Mitwirkung des Psalterion-Chors (Dirig. Birnet Licht) umrahmen die Veranstaltung. lüdlsdier |ugendbund Franc Rosenzweig. Leipzig-Loge. Logen-]ugend. 6. Oemeindeabend. In der bis auf den letzten Platz gefüllten Ez-Chaim-Synagoge fand am 27. Mai der 6. Uemeindeabend mit einem Vortrag von Herrn Oberrabbiner Dr. Joseph Carlebach, Altona, statt. Der Redner, der mit dem angekündigten Thema, „Jüdische Denker und Wegweiser der Gegenwart", an Stofflichem zwar mehr verheißen hatte, gestaltete den Abend zu einer Hymne auf Franz Kosenzweig, von dessen Leben und Schaffen er ein tiefempfundenes und packendes Bild entwarf. Franz Rosenzweig, in einem der jüdischen Tradition fernstehenden Elternhause aufwachsend, besuchte als schon reifer Knabe zum erstenmal die Synagoge. Der Gottesdienst wird ihm zum entscheidenden Erlebnis und vermittelt ihm die erste Erkenntnis des Ewigen. Von da ob wird Franz Rosenzweig sich seines Judentums bewufit, er lernt mit Eifer hebräisch und vertieft sich in die Geschichte seines Volkes. Sein Entschluß, Medizin zu studieren, führt ihn nach Marburg, wo er den Mann kennenlernt, der einen bestimmenden Einfluß auf seine weitere Entwicklung gewinnt. Hermann Cohen, der Erneuerer der Kantschen Philosophie, wird Rosenzweigs Lehrer in der philosophischen Methode, Franz. Rosenzweig wird jüdischer Philosoph. Wiederum tritt ein entscheidender Punkt im Leben Rosenzweigs ein: Der Weltkrieg ruft ihn als Soldaten an die mazedonische Front. Das Erlebnis des Todes, vor dem Kriege etwas Fernes und Unbekanntes, wird ihm im Donner der Geschütze zur schaurigen Realität. Er ringt um die Frage nach dem Sinn des Todes und erkennt, daß alle Philosophie von der Wirklichkeit des Todes ausgehen muß. Auf losen Zetteln, die er nach und nach der Mutter aus dem Felde nach Hause schickt, schreibt Franz Rosenzweig inmitten des Krieges sein philosophisches System auf, und bei Kriegsende ist sein größtes Werk, der „Stern der Erlösung" vollendet. Das System Franz Rosenzweigs beruht auf der Verbindung der drei Urelemente des Alls: Gott, Welt und Mensch. Bisher hatte die Philosophie nur gefragt: was ist Gott, was ist Welt, was" ist Mensch? Franz. Rosenzweig aber gelangt zu der Erkenntnis, daß diese drei Urwirklichkciten ja nicht das All sind, sondern nur Teile des Alls, und er erhebt die Frage, wie diese Teile wieder zueinander geführt werden können. So findet er als lebendige Verbindungsglieder zwischen Gott, Welt und Mensch die Schöpfung, die Offenbarung und die Erlösung. Gort, der Ursprung alles Seins, ist mit der Welt durch die Schöpfung, mit dem Menschen durch die Offenbarung verbunden. Der Mensch wieder, der die Offenbarung erlebt hat, ist dazu berufen, die Welt zu erlösen. Nach Beendigung des Krieges errichtet Franz Rosenzweig sein Lehrhaus in Frankfurt a. M., wo er Rabbiner Nchcmias Nobel als Helfer gewinnt. Nicht lange danach wird er von der todbringenden Krankheit befallen, die ihn neun Jahre lang ans Lager fesselt, vollständig gelähmt und unfähig zu sprechen, in diesen Jahren des Leidens und des Siechtums hat jedoch der große Geist Franz Rosenzweigs nicht aufgehört, zu arbeiten und zu denken. Er übersetzt Jehuda Halevi und dichtet seine Werke nach, schreibt Aufsatz über Aufsatz und schafft eine neue Bibelübersetzung. Ergreifend ist die Schilderung der persönlichen Begegnung des Redners mit dem gelähmten, durch Stricke an sein Lager gefesselten und zum Sprechen unfähigen Franz Rosenzweig, an den er durch die Verfechtung des jüdischen Schulwerks besondere Anknüpfung fand. Mit Hilfe einer von seiner Frau bedienten Schreibmaschine diskutierte der Stumme mit seinen Besuchern noch über die tiefsten philosophischen Probleme. Mitten in der Fülle seines geistigen Sehaffens endete das Leben Franz Rosenzweigs. Im Anschluß an dieses Bild Franz Rosenzweigs wies der Redner darauf hin, daß die Thesen dieses großen jüdischen Denkers auch für die Lösung der jüdischen Gegenwartsfragen maßgebend sein müssen. So hob er insbesondere die Wichtigkeit der jüdischen Schule hervor, für die sich auch Rosenzweig schon eingesetzt hat. Zum anderen stellte er die tiefe Religiosität dieses Mannes als Vorbild hin. Die Rückkehr zum Judentum, so betonte der Redner, kann nur durch den jüdischen Gott erfolgen, sei es, daß wir in Ercz Israel unsere neue Heimat suchen oder daß wir hier unter dem Druck der Völker uns behaupten. Gesänge von Herrn Oberkantor W i I k o m i r s k i und dem Synagogenchor der Ez-Chaim-Synagoge boten einen würdigen Rahmen für das Erlebnis dieses Abends. Dr. G. L. Habonim Noar Chaluzi in Leipzig Im Jüdischen Jugendheim zu Leipzig tagte vom 19. bis zum 22. Mai die von 210 Vertretern aus allen Teilen des Reiches beschickte Reichsführertagung der am 19. Februar 1933 aus der Vereinigung von Brith Haolim und Kadimah hervorgegangenen Jugcndgemeinschaft Habonim Noar Chaluzi. Dr. Enzo Sereni wies in einem Vortrag „Der Kampf des jüdischen Arbeiters um die jüdische K o 1 o u i e" auf die Gefährdung der Verwirklichung des Zionismus durch Fortzug jüdischer Arbeiter aus jüdischen Kolonien hin und bezeichnete es als Aufgabe des Bundes, Menschen zu erziehen, die entschlossen sind, sich der landwirtschaftlichen Arbeit in den Kolonien zu widmen. Aus dem von Leo Steinberg und Georg Pape erstatteten Bericht der Bundesleitung ging hervor, daß der Habonim heute 57 Ortsgruppen mit 3927 Mitgliedern umfaßt. Einschließlich der etwa 8IK) auf Hachscharah befindlichen und der nicht in Ortsbünde eingereihten Chawerim betrage die Zahl der Mitglieder in der Golah 5(HK), der Zuwachs (seit dem 5. September 1933) 1872. Marduk Schattner sprach über „Die Lage des deutschen Hechaluz"; er erklärte, der Aufschwung des Hechaluz in Deutschland, der heute 10 (MX) Mitglieder zählt, in 11 Ländern über 3000 Chawerim auf Hachscharah hat und beispielgebende Kulturarbeit leiste, sei vor allem durch die Tätigkeit von Mitgliedern des Habonim, die im vorigen Jahr überall Ortsgruppen des Hechaluz gründeten, ermöglicht worden. Habonim müsse auch weiterhin seine Aufgabe gegenüber dem Hechaluz erfüllen. Unmittelbar vor der Reichsführertagung hatte auf Gut Winke' bei Berlin vom 9. bis 19. Mai das erste Führerseminar des Habonim für 72 Führer aus allen Teilen des Reiches stattgefunden. An dem Seminar, das vor allem die Aufgabe hatte, in die grundsätzliche Problematik der Chaluzhcwcgung einzuführen, beteiligten sieh als Referenten: Kurt Blumeufeld, Hr. Enzo Sereni, E. Liehenstein, Marduk Schattner, Leo Steinberg, Georg Pape, Seew Meinrath, Franz Schlesinger und Josef Horowitz. In einem Kurs über die Stellung zum Jüdischen forderte Dr. Sereni vom bewußten Juden, sein kulturelles Blickfeld nicht auf das von Juden Geschaffene einzuengen, sondern das gesamte Kulturgut der Welt, insbesondere das europäische Gedankengut der letzten Jahrhunderte mit zur Grundlage seiner Kultur zu machen. Auch heute müsse der klassische, der harmonisch ganze Mensch als Ideal angestrebt werden. Voraussetzung solcher Harmonie sei allerdings die hebräische Sprache als Gefäß für diese Kulturiuhalte. In Kursen über weltanschauliche und Jugenderziehungsfragen wurde die Notwendigkeit betont, die jugendlichen zu selbständigem Denken und zu Selbstcrziehunff zu führen. An allen Seminartagen wurde in fünf Kursen des Studium des Hebräischen gepflegt. Ferner fanden Einzelvorträge und On'ge-Schahbath (Freitagabend-Feiern) statt. Anläßlich der Reichsführertagung veranstaltete die Leipziger Ortsgruppe des Habonim gemeinsam mit der Zionist. Ortsgruppe Leipzig eine große Jugendkundgebung im Auguste-Scnmldt- Haus mit dem Thema „Die jüdische Jugend als Trägerin der jüdischen Zukunft". Den Vorsitz in der außerordentlich stark besuchten Versammlung führte Dr. Leo Goldhaber, Georg Pape stellte dem Streben der jüdischen Generationen der letzten 13(1 Jahre nach Ruhe und Behaglichkeit das Ideal der Chaluzjugcnd. die in Bewegung und gesellschaftlicher Arbeit ihre Aufgabe erblicke, gegenüber. Leo Steinberg bezeichnete als die drei Etappen chaluzischer Entscheidung: Bewußtwcrden des Volkstums, Bejahung des Zionismus, Übergang zur produktiven Arbeit. Dr. Georg Josephstal faßte die Ereignisse und die mit ihn»'n verbundenen Erkenntnisse

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