Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 22 (1.6.1934)
- Date
- 1934-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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GEMEIN DEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIOIQNSUEMEINDE ZU LEIPZIG_1. Juni 1934 Seite 2 Höhere israelitische Schule und Volksschule. Dns Schulgeld ist in den ersten 5 Tauen jedes Monats, also spätestens bis 5. Juni, im voraus an die Schulkasse oder auf Postscheckkonto Nr. 67007 der Höheren israelitischen Schule zu entrichten. Die Schulkasse befindet sich jetzt Humboldtstraße 13 Erdg. Säumige Zahlungspflichtige werden einmal gemahnt Bleibt die Mahnung fruchtlos, so wird das Schulgeld durch Erheber eingezogen, die Einziehungskosten fallen dem Zahlungspflichtigen zur Last. Wird auch dann das Schulgeld nicht bezahlt, so kann das Kind die Schule nicht weiter besuchen. Der unterzeichnete Schulvorstand hält regelmäßig für die Eltern der Schüler und Schülerinnen Dienstag und Donnerstag von 11 — 12 Uhr eine Sprechstunde ab, die ebenfalls im Erdgeschoß des Grundstücks Huniboldtstralie 13 stattfindet. Leipzig, Der Vorstand den 22. Mai 1934. des Israelitischen Schulvereins E.V. Ein katholischer Priester zur Judenfrage. Die Innere I laltung der Juden muß gewiß aus ihrem Judentum heraus bestimmt sein. Wie alle früheren Generationen gläubige Oberzeugung und unbeirrbare I rene gerade dann am stärksten bewährten, und daraus Sicherheit und Staitdtiaftigkeit schöpften, wenn feindliche Kräfte sich ihnen mit aller Wucht entgegenstellten, so kann auch uns Juden im heutigen Deutschland nur die seelische Verbundenheit mit unserer Lehre, die Uncrscluittcrlichkcit des aus ihr uns gewachsenen Glaubens davor bewahren, daß wir an der Zukunft verzagen. Oleichwohl ist es nicht bedeutungslos für uns. in solcher Zeit, in der wir so sehr von Menschen verlassen scheinen, die Qewißheit ZU erlangen, dal! auch außerhalb der jüdischen Weihen das Qefühl für Gerechtigkeit und Liebe gegenüber den Juden keineswegs erstorben ist. Zu dieser < lewißheU werden wir neuerdings wieder durch Äußerungen bestärkt, die in der von Prof. Friedrich Heiler in Marburg herausgegebenen Zeitschrift ..Line heilige Kirche" veröffentlicht wurden. Das neueste lieft enthalt mehrere Aufsitze, die sich mit dem Problem „Juden und Judentum" befassen. Einem Aufsat/ „Die katholische Kirche und die Judcniragc", den ein deutscher römisch-katholischer Priester zeichnet, entnehmen wir folgende Ausführungen: Die Haltung der Kirche in der Judenfrage müsse, so meint der Verfasser, auf vier sittliche Fundamente gegründet sein: Dankbarkeit, Liebe. Gerechtigkeit und Qebet und Buße. Zum ersten wird ausgeführt: „Die katholische Kirche ist otfcnbarungsglaiibig. Sie glaubt an das Wort: „Das•Heil kommt von den Juden" (Joh. 4, 23). Von ihnen hat die Kirche ihre schönsten Gebete, Lieder, Psalmen, die Schrift der Propheten, die Grundform ihres (lottesdienstes übernommen ... So kann die erste und bleibende Liupfindung der Kirche diesem Volke gegenüber nur sein: Dankbarkeit, Anerkennung seiner einzigartigen religiösen Sendung. Ehrerbietung gegen die Träger der Offenbarung." Der Verfasser weist dann aut den gewaltigen religiösen Kampf unserer läge hin, der im letzten Grunde darum gehe, ob das Christentum seinen Anspruch, absolute Religion /u sein, gegenüber dem völkisch-germanischen Religtonsidcal aufrechterhalten könne. .. \iis dieser I rkenntnis heraus", fahrt er lort, „haben beide Konfessionen bereits schwere Kampfe für das Christentum als Religion der Offenbarung geführt. Auffallen jedoch muh die Tatsache, daß der Kampf für die Geltung des alten Testaments tief und geistvoll gefühlt wurde /um Schutze und der Verteidigung des Judenvolkes als Träger der Offenbarung. Glaubt man wirklich, das Alte Testament retten /u können unter gleichzeitiger Preisgabe der < Micnharung? Lassen wir das jüdische Volk, aus dem ilie größten religiösen Heroen der Menschheit, Moses, die Propheten und der Herr seihst hervorgegangen sind, als eine verächtliche und verworfene Rasse Schelten, wie lange wird dann die Kirche noch (Hauben finden für die Tatsache, dali solch einem minderwertigen Volke die Heilschätze der Offenbarung anvertraut worden sind? Verachtung des Trägers der Offenbarung führt notwendig auch zur V e r w e r f U n g der Offenbarung s e I b s t." Das zweite Fundament der Stellungnahme zur Judenfrage, meint der Verfasser, sei die Lieb e. Es müsse Widerspruch dagegen erhoben werden, daß man das Gebot „Du sollst den Nächsten lieben wie dich selbst" auffasse, als bedeute es: „Du sollst den Volksgenossen, den Menschen arischer Abstammung lieben wie dich selbst" - Die Hotschaft des blinden Hasses gegen die Juden sei bis weit in christlich denkende Kreise hiAeingedrungen. Für einen katholisch und evangelisch denkenden ( bristen sei es aber unverständlich, daß die Kirche nicht angesichts dieses Hasses mit vermehrter Wucht und Kraft das Evangelium der allumfassenden Bruderliebe verkünde, die auch die Juden einschließt. Durch ein solches Schweigen gegenüber der Verletzung des Hauptgebots gefährde die Kirche nicht nur die christliche Religion, sondern auch eines der höchsten Kulturgüter. „Denn der Anfang jedweder menschlichen Kultur", ruft der Verfasser aus, „ist die Achtung vor dem Leben, den (iahen und Vorzügen der anderen Menschen und Völker, kurz, die allumfassende Menschenliebe. Wenn die Kirche diesen kostbaren Kultursehatz nicht sorgsam hütet, wer soll es dann tun? Gehen dann nicht Kultur und Kirche dem Verfall entgegen?" Zum dritten Faktor, der Gerechtigkeit, bemerkt der Verfasser folgendes: „Man braucht nicht blind zu sein gegen offenbare Fehler des Judentums, die sich verhängnisvoll am Volksgaitzeu auswirkten. Ls fand sich innerhalb des Judentums viel hemmungsloser Materialis in u S, schnöder M a m m on is m US, viel llng I a u b e und sittliche Frivolität. Niemand kann es als Unrecht empfinden, wenn solch schädliche Einflüsse hintangehalten und solche Elemente nach Recht und Gesetz bestraft werden. Aber nur die Schuldigen. (iegen die Gerechtigkeit ist es, wenn kein Unterschied gegen schuldig und unschuldig gemacht wird und wenn Menschen, bloß deshalb, weil sie jüdischer Abstammung sind, mit den Schuldigen entrechtet, verfemt und der Verachtung und bisweilen auch der wirtschaftlichen Not preisgegeben werden." „Wo war die Kirche, als solches geschah? - Das Schweigen der Kirche gegenüber dein Leiden schuldloser Menschen steht im Widerspruch mit dem Wesen des Christentums und mit den besten Traditionen der Kirchengeschichte. Es war eine Ruhmestat der römischen Päpste des Mittelalters, dali sie nicht bloß die Christen gegen gewisse Gefahren, die ihnen vom Zusammenleben mit den Juden drohten, durch ihre Gesetzgebung schützten, sondern daß sie umgekehrt wiederholt die Juden vor den Gewalttaten der aufgeregten Volksmassen in Schutz, nahmen, ihnen Sicherheit des Lebens, Eigentums und Reehtsstandes garantierten, sie gegen die Verleumdung des R i t u a I m o r d e s verteidigten, ja sogar Glaubens- und Kulturfreiheit zusicherten." Der Verfasser klagt dann darüber, dalt Rom bis jetzt geschwiegen habe, vielleicht aus klugen diplomatischen Erwägungen. Die Gerechtigkeit gebietet jedoch, so möchten wir meinen, darauf hinzuweisen, dali die Stimme des Papstes sich möglicherweise geltend gemacht hat, ohne dalt die Öffentlichkeit etwas davon erfuhr. Zum Schluß führt der Verfasser „gegenüber der unchristltchen Judengegnerschaft" die christliche Pflicht demütiger Seelenhai t ii n g ins Feld, die nicht zuerst an die Sünden der anderen denkt und über diese lieblos und selbstgerecht zu Gericht sitzt, sondern die sieh der eigenen Schwächen und Fehler bewußt wird und diese ZU überwinden sucht. Heute aber sehe man an der jüdischen Rasse nur Schlechtes, bei sieh und der Edelrasse, der man sich zuzählt, nur Gutes. „Was der nordische Mensch denkt und fühlt und tut, ist gut, am Vertreter der semitischen Rasse ist alles verwirf lieh". Auf solcher Grundlage könne nur Überheblichkeit gezüchtet werden. Der „Israelit", dem wir die Wiedergabe der Auszüge aus dem Aufsatz verdanken, fügt ihr folgenden Satz an: „Man muß dem Mut des Verfassers dankbare Anerkennung zollen, daß er es wagt, den Juden gegenüber Worte zu finden, wie sie seit langer Zeit nicht gehört worden sind."