Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 22 (1.6.1934)
- Date
- 1934-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 UEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIOIONSQEMEINDE ZU LEIPZIG 1. Juni 1934 des letzten Jahres zusammen. Als letzter Redner sprach, lebhaft begrüßt, Elicscr Liebenstein aus Ejn-Charod. 1 iebenstein wandte sieh schart gegen die Einw andcrungspolitik der l'alästinarcgicrung. Jüdische Zeitschau. Pflegestellen- und Adoptionsvermittlung. In Düsseldorf fand kürzlich die diesjährige Vorstandssitzung der Zentralstelle fiir jüdische Pflegestellen- und Adoptionsvermltt- I u n g, I Iberfeld, unter Leitung der Vorsitzenden, Frau Samuel, statt. Bei dm Beratungen waren neben dem Arbeitsausschuß1 der Zentrale vertreten: der Jüdische Frauenbund, der Rabbinerverband, die Zentralwohlfahrtsstelle, der Preußische Landesverband, das Jüdische Wohlfahrtsamt Berlin, die Sammelvormundschaft, die Anstalts- Qäste. Die Debatte über einige neue Gesetzt nahm einen breiten Raum ein. So fand eine Aussprache statt über „das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses", das sowohl in bezug auf seiiu praktische Anwendung und Wirksamkeil in der offenen und geschlossenen Erzichungs- und Gefährdetenfürsorge als auch in -einer theoretischen Bedeutung im Hinblick auf das judische Religionsgesetz erörtert wurde. Iis wurde beschlossen, e in er Stelle im Reich alle Anträge, die für die Sterilisierung jüdischer Personen gestellt «erden, zur Gewinnung eines Oberblickes und zur eventuellen Beratung zur Kenntnis zu bringen. Ferner wurde der Wunsch nach einer Stellungnahme der deutschen Rabbiner geäußert. Dr. Margarete Bereut referiert über das Gesetz „gegen Mißbrauch bei der Eheschließung und der Annahme an Kindes Statt" in seiner Beziehung zur \doptlonsverinittlung. Dem/ulolgc sind Adoptionen /wischen Angehörigen verschiedener Rasse für die Zukunft unerwünscht, können jedoch rückwirkend auf Grund dieser Tatsache allein nicht angefochten werden. Ls wird darauf hingewiesen, daß Adoptiveltern, die Kinder nichtdenlscher Staatsangehörigkeit adoptiert haben, für diese l'.isse haben müssen, denn eine Adoption an sieh ändert nicht die Staatsangehörigkeit des Kindes. Neben gesetzlichen Maßnahmen wurden noch eine Reihe von Einzelfragen, die sich aus der Praxis der Adoptionsarbeit ergeben haben, besprochen, Einzeladoptionen ins Ausland, die Frage der Abfindung, die Weitelverfolgung des Schicksals adoptierter Kinder, die Frage der Adoption von Geschwistern, ferner die Stellungnahme zur Massenverschickung ins Ausland, die erneut abgelehnt wurde. Zum Pflegestellenwesen wurde vor allem die Frage der Krankenversicherung, sowie die Schulung der Pflegemütter und Vertrauensfrauen beraten. Mit der Zentralwohlfahrtsstelle ist vereinhart worden, dal! die Beschaffung von Pflegestellen im Ausland für Kinder bis zu zwölf Jahren durch die Liberfelder Zentrale, fiir altere Kinder durch die Zentralwohlfahrtsstelle erfolgen soll. Ls wurde davon Kenntnis gegeben, dal! die geplante Lrhebung über „Vorkommen und Schicksal unehelicher jüdischer Kinder" in/wischen eingeleitet worden ist. Ferner wurde beschlossen, im Titel der Zentrale die allgemeine Aufgabe des jüdischen Kinder- und Mutterschutzes stärker /um Ausdruck ZU bringen. Die Verhandlungen zeigten wiederum, welch ernste und wichtige Aufgaben die Zentrale ZU erfüllen hat. Alle Vertreter beteiligten sich mit warmstein Interesse an den Beratungen und gaben aus ihrem reichen Schatz an Erfahrungen Anregungen für die weitere Arbeit. De/ernat für Handelsvertreter. Nachdem die jüdischen Handelsvertreter in den neuen allgemeinen Handelsvertreterverband, den Reichsverband Deutscher Handelsvertreter und Geschäftsreisender, der .ml dem Aricrprül/ip hißt, nicht aufgenommen werden, ist bei der Reichsvertretung der deutschen Juden ein Handelsvertreter ausschuß gebildet w orden. Gleichzeitig wurde im Auftrage der Reichs- Vertretung beim Centraiverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens e.V. ein De/ernat für Handelsvertreter errichtet, das allen jüdischen Handelsvertretern, unabhängig davon, welche innerjüdische Richtung der einzelne hat. zur Verfügung steht. Der Handelt- Vertreterausschuß der Reichsvertretung hat die Aufgabe, die für den Handelsvertreterberuf In Betracht kommenden allgemein-wirtschaftspolitischen Fragen zur Bearbeitung im Rahmen der (icsamtwalmmg der judischen Interessen durch die Reichsvertretung zu behandeln. Das Dezernat wirkt im Interesse aller judischen Handelsvertreter für die Sicherung und l örderung ihrer Existenz* und Betätjgungsmöglichkeit und dient der beruflichen Unterrfchtung und Beratung des einzelnen jüdischen Handelsvertreters. Ludlich wird sich das Dezernat die Betreuung von in Not geratenen jüdischen Handelsvertretern und der Hinterbliebenen von verstorbenen Handelsvertretern angelegen sein lassen. Das Dezernat w ird innerhalb des C. V. von dem bisherigen langjährigen Syndikus des Centraiverbandes Deutscher Handelsvertreter-Vereine, Diplomkaufmann A. Juliusburg, betreut. Zum Streit zwischen dem Deutschen Makkahi-Kreis und dem Sporthund des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten. Die Reichsvertretung der deutschen Juden gibt folgendes bekannt: Zwischen dem Sportbund iks Reichsbundes judischer Frontsoldaten und dem Deutschen Makkabi-Kreia e.V. sind in den letzten Monaten in steigendem Maße Spannungen eingetreten, die in Schreiben innerhalb der Organisationen und in Veröffentlichungen Ausdruck gefunden haben. Auf A n r e g u n g d e r R c i c h s v e r t rc - tung haben sich nunmehr die genannten beiden Organisationen zur Befriedung ihres gegenseitigen Verhältnisses auf folgende Richtlinien geeinigt: 1. Beide Verbände verpflichten sich, bei voller Aufrechterhaltung ihrer Weltanschauung und unbeschadet des Rechtes der Werbung neuer Mitglieder in ihren Veröffentlichungen, Kundgebungen und Verhandlungen solche Formen anzuwenden, die jeden Versuch einer Diffamierung des Partners ausschliefen. 2. Bei allen Verhandlungen mit Behörden unterbleibt jeder Versuch, den Vertragspartner zur Unterstellung unter den eigenen Verband zu bringen, wie auch die Tendenz des anderen Verbandes herabzusetzen. 3. Beide Verbandsleitungen verpflichten sich, ihre Unterorganisationen bzw. Vereinsleitungen zu veranlassen, auf Qemeindevorstände oder andere jüdische Behörden dahin einzuwirken, bei der Zuteilung von Vereinsräumen, Turnhallen oder Sportplätzen, falls sich keine gemeinschaftliche Benutzung ermöglichen lälit, paritätisch ZU verfahren. 4. Die Führer beider Verbände verpflichten sich, auf die ihnen nahestehenden Organisationen dahin einzuwirken, dalt auch diese sich bei der innerjüdischen Auseinandersetzung und im Auftreten nach außen solcher Formen bedienen, die der gesamt jüdischen Verantwortung in dieser Zeit entsprechen. 9 Monate Gefängnis für Fälschung von Talmud-Zitaten. Nach zweitägiger Verhandlung hat das Kattowit/er Kreisgericht das Urteil in einein Verleumdungsprozeß gefällt, den die jüdische Gemeinde gegen den Schriftleiter der antisemitischen Zeitung „Blvskawica" Eduard C/owanski angestrengt hatte. Chowanski hatte auf Grund gefälschter Talmud-Zitate behauptet, die Juden bereiteten die Vernichtung der christlichen Welt vor. Chowanski wurde zu 9 Monaten Gefängnis mit 3jähr. Bewährungsfrist verurteilt. Neben den Kosten des Verfahrens wurde ihm die Zahlung von J(H) Zloty an die Jüdische Gemeinde als Bube auferlegt. In dem Pro/eil nahmen die Berichte der vorgeladenen Sachverständigen, des Kattowitzer Rabbiners Kaiman Chamejdes, des Warschauer Rabbiners l'rof. Moses Schon und des Krakauer katholischen Klerikers Prof. Archutowski, den Hauptteil der Verhandlung ein. Rabbiner Chamejdes legte eine eingehende Expertise vor, die folgende vier Teile enthält: I. Entstehung des Talmud, 2. Beziehung des Judentunis zu den anderen Religionen, 3. Judentum und Christentum, 4. Analyse der Zitate in der „Blyskawica". Prof. Archutowski und Prof. Schölt stimmten dieser Expertise zu, doch versuchte Prof. Archutowski zu beweisen, daß das Judentum wenigstens in den ersten Jahrhunderten nach Christi das Christentum mit Hall verfolgte. Es sei möglich, daß zu jener Zeit gewisse jüdische Sekten sich des Blutes zu magischen Zwecken bedienten. Prof. Archutowski berief sich dabei auf Sätze im Talmud, mußte aber nach den Gegenausführungen von Prof. Schorr zugeben, dali er ein Opfer falscher Hinweise geworden sei, da solche Sätze im Talmud nicht enthalten sind. Prof. Schorr schilderte die geistige Atmosphäre, in der der Talmud entstanden ist, und wies nach, daß die von den Antisemiten seit vielen Jahrzehnten benutzten Talmudzitate entweder gefälscht oder frei erfunden sind. 900-Jahrfeier der Wormser Synagoge. Am 3. Juni Mit findet in Worms aus Anlall des 900jährigen Bestehens der Synagoge ein Weihe-Gottesdienst statt. Die Synagoge, eine Stiftung des kinderlosen Ehepaares Jakoh und Rahel, ist im Jahre 1034 vollendet worden. Sie spiegelt in ihrem Bau die wechselnden Schicksale der Wormser Gemeinde wider und bildet ein steinernes Dokument für die Verbundenheit der deutschen Juden mit deutschem Boden und deutschem Schicksal. Die Feier findet nur im Kreise der Gemeindemitglieder statt unter Teilnahme des Vorsitzenden der Reichsvertretung der deutschen Juden und einiger Vertreter jüdischer Korporationen. Der Weihe-Gottesdienst wird aus einer von musikalischen Vorträgen umrahmten Festpredigt bestehen. Aus Anlaß dieses denkwürdigen Tages soll eine vom (iemeindevorstand veranlaßte Gedcnkschrift erscheinen, die sich mit der Geschichte der Qemeinde und der Synagoge Worms befaßt und an der namhafte jüdische Historiker Deutschlands mitgearbeitet haben. Unsere Gemeinde. Mitteilung des C. V.-Syndikats. Leipziger Bezirksdirektionen von Privatkrankenversicherungen haben in ihren Oeschiftsriumefl ein Verzeichnis nichtarischer Ärzte anstiegen. Am Kopfe'dieses Verzeichnisses wird mitgeteilt, daß die Erstattung der Rechnungen von namentlich aufgeführten nichtarischen Ärzten den arischen Patienten abgelehnt werden muß. Hierzu ist ausdrücklich zu bemerken, daß die Ablehnung der Erstattung sich nur auf die arischen Mitglieder der Krankenkassen bezieht, nicht aber auf die jüdischen. Jedes jüdische Mitglied hat, wie immer wieder ausdrücklich betont werden muß, nach wie vor das Recht, jüdische Ärzte in Anspruch zu nehmen und erhält die Rechnungen der Ärzte erstattet. Das gilt für alle nichtarischen Mitglieder und sogar für solche Mitglieder, die sich selbst als nichtarisch bezeichnen. Jüdischer Jugendbund „Franz Rosenz.weig" Leipzig. Die Veranstaltung mit dem Referat des Herrn Dr. Paul Eppstein, Berlin, über das Thema „Zwei jüdische Generationen", auf deren ganz besondere Bedeutung wir bereits mehrfach hingewiesen haben, findet morgen Sonnabend, 21,15 Uhr im großen Saal des Künstlerhauses statt. Auf Grund seiner Tätigkeit als Geschäftsführer der Zentralstelle für jüdische Wirtschaftshilfe in Berlin, und auf Grund seiner umfassenden Kenntnisse als Reichsleiter des