Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 30 (1906-1907)
- Issue
- No. 4. (1906)
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 15 (sequence 3)
- Language
- German
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15 sein Talmudstudium — und nur dieses, denn Bibel lesen war ja Sünde — bei dem berühmten, früh verstorbenen R. Jecheskel Pschiitiker, den er in solch ehrendes Andenken hielt, daß er seinen jüngsten Sohn nach ihm benamste, l^it 17 Jahren heiratete er und blieb nach damaliger Sijtte im Hause seines Schwiegervaters. Dort begann fer, allerdings im tiefsten Geheimnis, Bibelstudien. Seinem großen Meisterdrange wurdet die Grenzen des Hauses bald zu eng, zumal er mit iseinon kaufmännischen Experimenten Schiffbruch gelitten. Fiau und Kinder in der Hut des Elternhauses wissend, wandte er seine Schritte nach Deutschland und hatte das Glück, in Gnesen im Hause einei G. Pulvermacher als Talmudlehrer für zwei Knaben eine angenehme Stätte zu finden. Dort erst,, in seinem 22. Lebensjahre, lernte er das deutsche A B C, und damit erschlossen sich seinem Geiste bisher ungeahnte Bahnen. Es zeugt von seiner immensen Auffassung, daß er, keine zwei Jahre später, die Jungfrau von Orleans ins Hebräische übersetzte. Mendelsohns Bibelübersetzung machte den tiefstjen Eindruck auf ihn und gab auch wohl den Anstoß zum Minchath-schabbos. Frau und Kinder waren wieder mit ihm vereint, nicht ohne Kämpfe, denn durchreisende Polen hatten daheim erzählt, er gerate guf den Weg des Abfalls. In seiner Angst wandtZ sich sein Schwiegervater an den ihm persönlich( bekannten R. Akiba Eger. Dieser letztere hatte kurze Zeit vorher Gelegenheit gehabt, Caro kenneh zu lernen und sich über sein Wissen und Können zu instruieren. Er lud nun, nachdem er sich auch fiber seinen Lebenswandel erkundigt, Caro zu sich und übergab ihm selber die Antwort für seinen V|ater. Diese war nicht nur in für Caro schmeichelhaftester Weise abgefaßt, sondern in wahrhaft prophetischer Weise schloß er mit den Worten ״Fürchte nichts für das Seelenheil Deines Sohnes, er wird eibe Leuchte Israels.“ 11 Jahre hatte sich Caro als Kaufmann einer wenn auch nicht behaglichen, so doch dien bescheidenen Ansprüchen genügenden Existenz!erfreut, die ihm gestattete, seinem Studium zu leben.i Dort entstand der Minchath Schabbos, angeregt durch einen Verein, dem er allwöchentlich homiletische Vorträge hielt. Da trat eine verhängnisvolle Wepdung ein. Große Konkurronz-Geschäfte, mit deren I^apital und Arbeitskraft er unmöglich wetteifern könnte, entzogen ihm seine Subsistenzmittel. Krankheiten seiner Frau und von ihm selbst, sowie die yergiößerto Familie trieben ihn schnell dem Ruin : entgegen. Da bot sich ihm die Rabbinatsstelle inj Pinne bei Poson und, obgleich er einige Jahre vorher eine ungleich reicher dotierte von sich gewiesen, ergriff er diese, um seiner Familie nur Brot zu geben Er schied aus dem Kaufmannsstande ohne p Pf. Vermögen, aber auch ohne daß er jemandem 5Pjf. schuldig geblieben. Aber es war dieser Griff kejin glücklicher, und es waren wohl die in Pinnej verlebten 10 Jahre die kümmerlichsten seines Lebeps. Seine Familie bestand damals schon aus 6 Kindern, und es klingt uns märchenhaft, wenn wir hjören, daß er mit 150 Thl. Gehalt und vielleicht ^bensoviel Nebeneinkommen es fertig brachte, nicht nur seine Familie standesgemäß zu ernähren, sondern auch seine beiden ältesten Knaben auf Gymnasien unterzubringen, ohne die öffentliche Wohltätigkeit in Anspruch zu nehmen. Zu dieser gequälten materiellen Lage kam noch, daß in seiner Gemeiude wohl kein einziger war, der sein Wissen zu würdigen, ja nur zu ahnen vermochte. Auch seinem Weiterstreben war jeder Boden entzogen, da ein Städtchen, ohne Eisenbahnverbindung, fern von jeder größeren Stadt, dem Armen keinerlei Bildungsmittel bietet. Er war ganz auf sich angewiesen. Nichts destoweniger blieb Caro nicht stehen. Sein Werk auf Jore dea war vollendet. ׳ (Schluß folgt.) Literaturbericht. Rezensionen. 28. Jahresbericht der Landesrabbinerschute ln Budapest. Für das Schuljahr 1904 — 1905. Voran geht: Leo Modenas Briefe und Schriftstücke. Ein Beitrag zur Geschichte der Juden in Italien und zur Geschichte des hebräischen Privatstils. Zum ersten Mal herausgegeben, mit Anmerkungen und Einleitung versehen von Prof. Dr. Ludwig Blau. Budapest 1905. (Einleitendes, deutsch, 96 S., i Leon Modenas Briefe, hebräisch, 208 S.) (Schluß). Die Wahrheit wird wohl in der Mitte liegen. Blau hat ja selbst angedeutet, daß Modena nicht mit allem zufrieden war, aber nicht mit dem Talmud brechen wollte. Kr verließ sich in solchen Fragen auf eine Macht, die jederzeit eine klärende Wirkung übt: Auf die Macht der Erörterung! Darlegung aller Gründe und Gegengründe, unparteiische Darstellung des ganzen streitigen Gebiets — das waren seine Mittel. So ist er in die Lage gekommen, von einem Geiger für sieh in Anspruch genommen zu werden; so kommt er nun bei Blau zu einer Ehrenrettung. Seine Zeit und die folgenden Jahrhunderte begriffen den sachdenklichen Kopf nicht, denn sie verlangten Eifer, Begeisterung! Und Modena zeigte nichts von dem. nur sachliche Behandlung. Mose C'haim Luzzatto hat das längst verdrossen, und auch er ahnte den Ketzer in Modena; der Haß macht scharfsichtig. Daß die Hamburger Zweifler vorhanden waren, bezweifeln wir nicht. Sie waren Modena eben eine Veranlassung, vor• zugehen. Veranlassungen, Anregungen hat ein solcher Geist nötig, wenn das in ihm Fertigliegende heraus soll. Ohne dies hat er zwar Ai beiten begonnen, aber wieder liegen gelassen, trotzdem sie in ihm vollendet waren. Mit Abzug seiner schwachen dichterischen Leistungen eine echt Goethesche Natur, die nur nach ihren eigenen Gesetzen erfaßt werden kann. Ueberall und nirgend — kein Sondergebiet, wo man ihn bequem einreihen kann, zum Kummer strenger Fachmänner! In einer geistig anregUDgsreichen Zeit wachsen aus einem solchen die großen Werke von selbst empor; in einer Zeit geistiger Enge nur bruchstückweise, und das Meiste bleibt in ihm begraben. Blau hat die Frage, die bei Nennung des Namens Leo Modena jeden beherrscht, entschieden der Lösung näher gebracht, indem er die einseitige Verketzerung des Mannes als eine Täuschung nachgewiesen bat. In dem soeben von uns angedeuteten Sinn kann das Rätsel vielleicht gelöst werden. Dabei bietet gerade die vorliegende Briefsammlung mehr als eine andere einen Einblick in das geschichtliche Gesamtbild der italienischen Judenschaft. Italien handelt in jener Zeit noch mit der Levante. Das Rabbinat zu Venedig wird