Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland
- Volume
- 16 (1938)
- Issue
- 1 (1.1.1938)
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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K Mirg./Nr. 1 : Mr dt« lyijog«B Oinhdii In geben. Der President des Verbände« israelitischer Gemeinden in Bayern hat eine Sitzung des Präsidialausschusses der Reichs- Vertretung der Juden in Deutschland dazu ■utst, um in einer scharfen Erklärung den chlaß unseres Rates anzugreifen. Der Präsident unseres Verbandes, der jener Sitzung als stellvertretender Vorsitzender des lates bei der Reichsvertretung ebenfalls bei* söhnte, trat der Erklärung entgegen und kennzeichnete den Angriff der süddeutschen adesverbände als verfrüht und unbeehtigt. Dieser muß überdies als ein Ver- Such bezeichnet werden, die in Aussicht ge* gutene Annäherung des Preußenverhandes lie süddeutschen Verbände zu verhindern. t ausgesprochen freundlichen Geste ist so* eine Unfreundlichkeit gegenübergestellt ^rorden. Die jüdischen Blätter haben über die Kund* kebung und über die Ratstagung, entsprechend ■er Bedeutung beider Veranstaltungen, aus* jährlich berichtet und die Vorgänge durchaus unparteilich behandelt. Eine be* Merkenswerte Ausnahme macht allein die O-V.-Zeitung; ihr ist offensichtlich daran ge* I' legen, die süddeutschen Verbinde bei ihrer gegen den Preußischen Landesverband ge* richteten Taktik zu unterstützen. Sie glaubt, ihrer publizistischen Pflicht genügt zu haben, indem sie über die Ratstagung unseres Ver* bandes zunächst nur mit vier Kurzzeilen be* richtet, aus denen niemand — auch nicht der mit den Verhältnissen Vertraute — etwas darüber entnehmen kann, in welcher Weise die Sitzung verlaufen ist. Diesem Bericht läßt die Zeitung den Beschluß des Rates und die Gegenerklärung des Präsidenten des Ver* bandes Israelitischer Gemeinden in Bayern folgen. Wenn sie über das Ganse die Ueber* Schrift setzt „Eine Resolution und ihr Echo44, so kann ihr der Vorwurf nicht erspart werden, daß sie eine unvollständige und des* halb unrichtige Darstellung des Sitzungsvor* gangs gegeben und sie durch eine irre* führende Schlagzeile gekennzeichnet hat. Dieses Verhalten eines jüdischen Blattes wird zweifellos allgemein bedauert werden; dem Landesverband aber ist das wirkliche Echo, das seine Arbeit überall im Lande ßndet, für seine weitere Tätigkeit der wertvollste Ansporn. /Nordd««lzclilnd 1. Ummme lfM In den Kreis derer ein, die vor Jahrtausen* den schon zu diesem Gotte beteten, die stets nur von ihm ihre Hilfe und Aufrichtung empfingen, deren Urahnen einen Bund mit Gott schlossen, die ihre Wurzel nnd Kräfte in diesem Bunde haben und die so lange bestehen werden, solange dieser Bund ceia wird. Hat Gott je ein reineres, edleres, gläubigeres Hers gefunden als deines, als du zum ersten Male vollwertig mit der Gemeinde betetest? Gibt es ein erhabeneres Gebet als das reine, vertrauende Aufschauen des jungen Menschen zu Gott? Nun, mein Freund, wisse es: Opferfreude, aber auch Opferschmerz hast du auf dich genommen, als du das Bekenntnis als Jude vor deinem Gotte und deiner Gemeinschaft mit lauter, bebender Stimme ablegtest. Das Leben als ein Leben mit Gott und mit den Vätern zu führen hast du übernommen. Denn du hast nun auch den Schwur zu diesem Bunde getan, du hast mit die Verantwortung für den Weiterbestand des Judentums übernommen. Und nur wenn Juden mit Gott und seinem Gesetz leben, nur wenn Judentum ihnen Opferbringen bedeutet, leben sie ajs wahre Juden. Dem unbekannten jungen Juden Von Rabbiner Dr. Josef Kliersfeld (Bochum) Mit vielen Tausenden zogst dn fort, allein nd mit den Eltern. Wir waren gute Freunde nd glaubten, dein Fest gemeinsam feiern zu nnen. Nun bist du auf alter, für dich euer Erde, in einem Lande, das dir neue eimat werden soll. Ich weiß nicht, wohin jdich dein Schicksal auf deiner Wanderung geführt hat, mein Freund. Aber wo du auch immer diesen Tag begehen magst, nimm diese Zeilen, die ich dir in die Ferne sende, Is ein Zeichen, daß ich auch hier in deiner Früheren Gemeinde an dich denke. Deine Haltung und dein Schicksal wird das Judentum für Generationen bestimmen. Du mußt es wissen und gerüstet sein. Du kannst nicht wissen, wie an einem solchen Tage ein Vater sein Kind zum Gotteshause führt. Ernster, feierlicher, stiller ist er al« sonst, im Schweigen selbst merkt man roch seine innere Bewegung. So mag der erste jüdische Vater — unser Erzvater Abraham — mit dem ersten jüdischen Kind, seinem Sohn Isaak, geschritten sein, al« er den schwersten Wegseines Lebens, zur Opferung, tat. Er war unser Ahnherr und er zeigte als erster Jude, was Judentum bedeutet: Opfern ... So, mein junger Freund, ist es geblieben durch die Jahrtausende und so wird es weiter sein: Jude sein heißt Opfer bringen, immer wieder, immer wieder . . . So aber auch mag unser königlicher Urahn Joseph mit seinen Söhnen zum greisen Vater Jaakob gegangen sein, daß er ihnen und ewigen Geschlechtern den Segen Gottes und des Lebens gebe. Und auch das bedeutet Judentum: Lehen mit Gott und den Vätern. Nein, du kannst es nicht wissen, was die Eltern bewegt, denn du bist noch zu sehr von dem Erleben des Augenblicks gefangen. Der Vater aber weiß, daß er das Kind, für das er gelebt Und gearbeitet, gebetet und gehofft hatte, dem Bunde der Väter, in welchen es als Mitglied aufgenommen wird, weiht. Er weihte es dem Dienste an Gott und seinen Geboten, er weihte es dem Leben, er weihte es dem Dienste der Gemeinschaft Israels, wie Väter und Urväter es einst taten. Ewige Weihe einer ewigen Gemeinschaft! Wird nicht der unlösbare Schwur zwischen Gott und Israel durch dich, mein junger Jude, immer wieder, in jeder Generation, neu geweiht? Wird nicht Gottes nnd Israels kostbarstes Juwel, die Tora, durch dich, neu geweiht? Du kannst nicht wissen, was an einem solchen Tage eine jüdische * Mutter bewegt. Und wenn du hinauf zur Mutter blicktest, sähest du sie? Sähest du sie, wie sie mit freudig-glänzenden Augen auf dich schaute, wie sie dich mit ihrem liebenden Blick umschlang, spürst du, wie Mutterfreude, Mutterliebe und Mutterstolz sich heute auf einen einzigen Punkt in der Welt konzentrierte, auf dich? Vielleicht fühltest du auch das nicht. Denn du tratest heute als Beter So, mein unbekannter junger Jude, ist es bei uns. Du aber bist uns das Teuerste, denn du bist Band und Brücke mit dem kommenden Geschlecht, du trägst das Judentum auf deinen jungen Schultern in kom* mende Tage. Nie darf diese Brücke stürzen, denn die Last ist unersetzlich. Aber nie auch hat ein junges Geschlecht in heroischen Zeiten der jüdischen Geschichte versagt, und auch du wirst, wenn du dein Judentum ernst nimmst und es lebst, dich deines alten Stammes würdig erweisen. In deinen Adern rollt das Blut Abrahams, Isaaks nnd Jaakobs. Hörst du diese Stimme? Sie mahnt. Zwischen zwei Zeilen Von Dr. Ernst Fraenkel Zwischen Baruch Spinozas Verfluchung in der Amsterdamer Synagoge am 27. Juli 1656 und dem Erscheinen von Moses Mendelssohns Pbädon, 1767, Ereignissen, die über den Bezirk des jüdischen Lebens hinaus Ausdruck des Beginns einer neuen Welt- und Lebensbetrachtung sind, Hegt für die Juden in Deutschland ein Jahrhundert, dessen widerstreitende Kräfte, sofern man überhaupt von solchen sprechen darf, Dumpfheit, geistige Erstarrung, Feindschaft jedes geistigen Fortschrittes und andererseits ein schwärmerischer, von Phantasten und Betrügern entfachter und ausgenutzter mystischer Erregungszustand waren. Es ist ein tragisches Geschick, daß in einer Zeit, in der es die große Aufgabe des Rabbinertums war, gegen den von Sabbatai Zewi und seinen Nachfolgern in ein Zerrbild verwandelten Messianismus für die Erhaltung des wahren jüdischen Lebensstils in den Gemeinden kämpfen zu müssen, sich die nach Bildung, Sitte und Herkommen berufenen rabbinischen Führer ihrer Aufgabe nicht gewachsen zeigten, ja sogar zum großen Teil der Idee des Rabbinertums durch die Mißstände, die in ihm eingerissen waren, und durch ihr persönliches Verhalten außerordentlich Abbruch taten. Wir hören von Kauf und Ausnutzung von Familienbeziehungen bei der Neubesetzung von freigewordenen Rabbinersteilen, nnd selbst der Vorwurf der nicht genügend gewahrten Unparteilichkeit in Streitsachen vor jüdischen Gerichten wird erhoben. Eine solche soziale nnd geistige Haltung mußte von innen heraus das durch die Jahrhunderte bewahrte Ansehen des Rabbinertums, das sich gleichsam selber an den Pranger stellte, unterhöhlen. Der charakteristische Ausdruck jener Zeit der Irrungen und Wirrungen ist ein Ereignis, das für lange das gesamte Judentum in zwei sich bekämpfende Parteien gespaltet hat and das unter dem Namen „Hamburger Amu* lettenstreit44 bekannt ist. Wenn nunmehr ein junger jüdischer Ge* lebrter in Amerika, Mortimer L Cohen, in einem soeben erschienenen umfangreichen, nach Form und Inhalt gleich gehaltvollen Buche (Jacob Emden, A Man of Controversy. Philadelphia 1.9 3 7) ein Bild der damaligen Zeit nnd ihrer Re* präsentanten zu geben unternimmt, so hat ihn eine neue Betrachtungsweise zu neuen und aufschlußreichen Ergebnissen geführt, die uns einen tiefen nnd lehrreichen Einblick in die inneren. Verhältnisse der jüdischen Gemeinden Deutschlands — insbesondere der „Dreigemeinden“ Hamburg, Altona und Wandsbek — und in die seelische und geistige Haltung ihrer Menschen gewähren. Jakob Emden, der Sohn des Chacham Zewi, des Amsterdamer Rabbiners, nannte sich selbst „kannai ben kannai44, Eiferer, Sohn des Eiferers. Nicht minder erbittert als der Vater setzte der Sohn alle seine Kräfte dort ein, wo er irgendeinen sabbatia* nischen Einfluß sah oder zu sehen glaubte. Die Gelegenheit zur Betätigung dieses seines bis an das Psychisch-Pathologische grenzenden Zelotentums schien ihm gekommen zu sein, als bekannt geworden war, daß R. Eibeschütz, der in Altona die Stelle hatte, die einst Emdens Vater bekleidet hatte, an Frauen der Drei* 4