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Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1937-02-01 · 2 (1.2.1937) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Magdeburg, Duisburg, Bremen, Nordwestdeutschland, Tilsit, Halle, Stettin und Pommern) · p. Seite 2

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Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
15 (1937)
Issue
2 (1.2.1937) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Magdeburg, Duisburg, Bremen, Nordwestdeutschland, Tilsit, Halle, Stettin und Pommern)
Date
1937-02-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Don Jizdiak Abravanel Zur 500. Wiederkehr seines Geburtstages Von Rabbiner Dr. S. Samuel. Von dunklem Hintergründe hebt sich, wie so oft, die Gestalt eines Staatsmannes und Denkers ab, der dem Judentum vor nunmehr 500 Jahren — 1437 in Lissabon — geschenkt worden ist, D,o n Jizchak Abravanel. Wenn das heutige Portugal, wie gemeldet wird, demnächst dieses seines Sohnes ehrend denken will, so haben wir Juden vordringlichen Anlaß dazu. In seiner Persönlichkeit verkörpert sich in idealer Weise jenes Doppelbild des mittelalterlichen Juden, wie es Graetz in der Einleitung zum 4. Bande seiner Geschichte zeichnet: einmal das geknechtete Juda mit dem Wanderstab in der Hand^^dem Pilgerbündel auf dem Rücken; und dieselbe Figur fihit dem Ernste des Denkers auf der lichten Stirn, der Forschermiene in den verklärten Gesichtszügen. Er, in dessen Leben die düstere Endepoche einer Diaspora-Judenheit, ihre Verbannung aqs dem geliebten sonnigen Spanien fiel, hat doch mit seinem Namen, den ein stolzes, bis auf das Königshaus Davids zurückblickendes Geschlecht führte, verklärendes Licht zu verbinden gewußt. Ein Riß schien freilich durch sein Leben zu gehen, der dessen Tragik scharf erkennen läßt: der Hang zu den lauten Staatsgeschäften der Mächtigen verbindet sich in ihm mit der Sehnsucht zu stillem Sinnen und Forschen. Mehr als vier Jahrzehnte darf er glauben, daß beides sich harmonisch verknüpfen ließe. Unter König Alfonso V. ist Portugal beinahe eine Friedensinsel; Abravanel ist Hofmann und Berater des Königs, Freund der Mächtigen, selbst ein Grande des Reiches. Er kann sich der Verfolgten in anderen Ländern annehmen, Gefangene in fremden Häfen auslösen, in seiner Vaterstadt Vorträge über den von ihm über alles geschätzten „More Nebuchim“ halten. Aus einer elegischen Schilderung des Hochbetagten wissen wir, daß sein Haus ein Sammelpunkt der Weisen war; und wir staunen, welchen Umfang in der gleichen Zeit, in der das christliche Spanien sich der Renaissance verschloß, des Portugiesen Abravanel humanistische Studien annahmen: Jakob Guttmann (in s. Werke J. Abr.'s religionsphilosophische Anschauungen, Breslau 1916) zählt dahin Pythagoras, Empedokles, Anaxagoras, Sokrates, Plato, Aristoteles; und wiederum Seneca, Alexander Aphrodisias, Ptolemaeus, Sallust, Vergil, Plinius, Plotin, Porphyrius, Themistios, Galen, Hermes Trismegistos. Daß Abravanel neben ausgebreiteten Kenntnissen in Bibel, Talmud und Midrasch, seiner philosophischen Neigung entsprechend, in den Schriften unserer Denker von S a a d i a bis zu Chasdai Crescas, Serachja h a 1 e v i, Jos. A 1 b' o , Abraham B i b a g o und Jizchak Arama heimisch war, bezeugt jede Seite seiner Bücher. Ja, man könnte aus diesen eine fast lückenlose Geschichte der religionsphilosophischen Probleme bis auf Abravanel herstellen, da es seiner Methode entsprach, erst nach eingehender Auseinandersetzung mit allen spruchbefugten Vorgängern die eigne, wohlbegründete und durch keine bloße Autorität gebundene Meinung darzulegen. Unter der Zweiheit von Fürstendienst und Thoradienst stand Abravanels Leben j'wie unter unversöhnlichen Gegensätzen, die immer wiener gewaltsam in sein Schicksal eingriffen und doch nie zu entsagender Trennung, zum Entweder-Oder gelangen konnten. Jählings ward der Friede seiner Seele und seines Hauses unterbrochen, als er gleich im Anfang der Regierung Joäos II. in den Sturz des Hauses Braganza gezogen werden sollte. Mit knapper Not dem Tode entronnen (i. J. 1483), flüchtet er unter Preisgabe von Hab und Gut nach Kastilien, das ihm und bald darauf auch den Seinen zum Asyl wird. Daheim hat er eine Erstlingsschrift „Ateres S e k e n i m“ (über die göttliche Vorsehung) verfaßt, und einen Kommentar zum 5. Buch Mose begonnen. Jetzt, in der unfreiwilligen Muße, die er zugleich als Mahnung des Himmels auffaßt, vollendet er den letztgenannten Kommentar und schreibt innerhalb von 6 Monaten wie in einem Zuge einen solchen zu Josua, Richter und den Büchern Samuel. Er ist’s, der seinen Ruf als Bibelerklärer fest begründet. In ihm spricht der Hof- und Staatsmann, der mit Krieg und Frieden und allem weltlichen Regiment, von dem in jenen Büchern die Rede ist, besser vertraut ist, als der Gelehrte der stillen Klause. Als einer der ersten geht er kritisch auf die Fragen der Verfasserschaft und Entstehungszeit kanonischer Schriften ein und weiß so manche Erkenntnisse der modernen Bibelwissenschaft vorweg zu nehmen. In einer allgemeinen Einführung vergleicht er sinnreich die drei großen Bibelgruppen mit dem Allerheiligsten, dem Heiligtum und der Vorhalle des Tempels. Zum Prinzip der Dreiteilung macht er den Anteil Gottes an jeder der drei Gruppen: Thora, welche die Gebote enhält, ist ihm ausschließlich Gottes Wort; Propheten sind wohl Künder, aber auch Verfasser; Schriften haben Schriftsteller (medabbrim) zu Urhebern, die vom „heiligen Geiste“ nur erfüllt waren, „solange sie schrieben“. Prophet und Historiker unterscheiden sich darin, daß jener nur Göttlich-Erhabenes, den Menschen Notwendiges und Wahres künden müsse; dagegen der Geschichtsschreiber auch Subjektives, Unrichtiges oder überflüssiges berichten könne. In Jeremia erblickt Abravanel sogar einen „Redaktor“ der Königsbücher. So fruchtbar dieser Thoradienst war, so schnell war er abgelöst von neuem Fürstendienst. Ferdinand von Aragonien und Isabella von Kastilien, deren Bund zugleich den Untergang der spanischen Judenheit besiegeln sollte, locken den verbannten portugiesischen Staatsmann an ihren Hof, vertrauen ihm hohe Ämter an. Hat Abravanel das unaufhaltsam heranrückende Unheil unterschätzt, seinen eigenen Einfluß weit überschätzt? Sicher das letztere. Wir verdanken dem Forscherfleiß von Fritz Jizchak Baer heute zahlreiche Regesten aus jener kritischen Zeit von 1484—92 (in s. Werke „Die Juden im christl. Spanien“, I. Band 2); in ihnen ist Abravanel nur einer unter vielen jüdischen Höflingen; und besäßen wir nicht sein eigenes literarisches Schrifttum, das damals acht Jahre lang ruht, so bliebe uns sein Rang verborgen. Nur so viel scheint gewiß, daß Abravanel sich ganz zuletzt mit voller Energie vor den Riß stellte und doch das Edikt von Granada vom 31. März 1492 nicht verhindern konnte! Kaltblütig schreibt das Königspaar an seine Beamten, daß sie die Außenstände des Steuerpächters Abravanel energisch einzutreiben hätten, da sie dem Könige gehörten; Abravanel aber, „wie alle Juden“, am 31. Juli das Land verlassen müßte! Er verließ es mit allen seinen Angehörigen; ausgenommen einem einjährigen Enkel, der seinen Namen trug; dem Söhnlein seines Erstgeborenen Juda, des später zu hoher Berühmtheit gelangten Leone Ebreo (Verfassers der Dialoghi d’Amore). Nach Portugal gebracht, ward jenes Kind vermutlich im katholischen Glauben erzogen, und entpreßte dem Vater erschütternde Worte des Schmerzes in seiner „Elegie über das Schicksal“. Die Geretteten der Familie mit Don Jizchak Abravanel als Oberhaupt finden sich wieder in Neapel. Noch hat Don Jizchak nicht Zeit, seinen Thoradienst wieder aufzunehmen, da glaubt er die unverhoffte Gunst der Könige Ferdinand und alsdann Alfonsos von Neapel nicht verscherzen zu sollen, und leistet ihn£n Fürstendienst. Die Vertreibung Alfonsos reißt auch ihn, den Allzutreuen, mit sich fort; ausgeplündert, selbst der Bücher beraubt, kommt er auf kurze Zeit nach Korfu, dann nach dem kleinen Monopoli in Apulien. Hier erst trägt der still verinnerlichte Thoradienst neue, köstliche Früchte: Abravanel verfaßt für seinen jüngsten, staatsmännisch begabten Sohn Samuel (den Gemahl der edlen Benvenista) einen Kommentar zu den Sprüchen der Väter (Nachalat Abot) 1496; einen andern zur Pessach-Haggada (1497); und ein Werk 2

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