Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 14 (1936)
- Issue
- 3 (1.3.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Duisburg, Magdeburg, Halle, Stettin und Pommern)
- Date
- 1936-03-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Amtlicher Teil Einrichtung eines Bezirksrabbinats in Bochum durch den Preußischen Landesverband Nach der vor einiger Zeit erfolgten Pensionierung des Rabbiners Dr. David in Bochum ist das dortige Rabbinat unter entscheidender Mitwirkung des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden neu besetzt und zum Bezirksrabbinat für die umliegenden Gemeinden des Industriegebietes ausgestaltet worden. Zum Rabbiner wurde Dr. Josef Kliersfeld gewählt. Die Einführunvsfeier des neuen Rabbiners fand am 2. Februar in Bochum unter reger Beteiligung der jüdischen Einwohner aus Bochum und den anderen Gemeinden sowie in Anwesenheit zahlreicher Rabbiner aus Rheinland und Westfalen statt. Der Vorsitzende der Gemeinde Bochum, Rechtsanwalt Schönewald, und als. Vertreter des Landesverbandes der Amtsvorgänger, Dr. David, begrüßten den neuen Rabbiner und führten ihn in sein Amt ein. Dann sprach Dr. Kliersfeld in einer wirkungsvollen Predigt über die Aufgaben des Rabbiners in der Gegenwart. Er wies besonders auf das Vorbild hin. das er an seinem Lehrer, Rabbiner Dr. Galliner in Berlin gehabt habe. Die Grüsse des rheinisch-westfälischen Rabhinerverbandes überbrachte Dr. Appel aus Dortmund. In allen Ansprachen kam wiederholt die dankbare Anerkennung für die Mitwirkung des Landesverbandes und seines Dezernenten Dr. Galliner bei der Neubesetzung des Rabbinats zum Ausdruck. Leichenwagen abzugeben Die Synagoeen-Gemeinde Adass Jeschurun in Köln schreibt uns: „Wir haben einen gut erhaltenen Leichenwagen für Pferdebespannung, den wir gerne preiswert abgeben möchten, da in Köln Leichenzüge durch die Stadt nur noch ausnahmsweise stattfinden, weil meistens Leichenautos benutzt werden.“ Wir brineen unseren Mitgliedsgemeinden dies zur Kenntnis und bitten, gegebenenfalls direkt mit der Synagogen-Gemeinde Adass Jeschurun, Köln, St. Apernstraße 29/31 in Verbindung zu treten. Unsere Wanderbücherei Eine Folge von Buchbesprechungen wichtiger neuer und älterer Bücher aus den Wanderkisten des Preußischen Landesverbandes. Ans dem Füllhorn unserer Phantasieschätze. Gor Ion, Micha Josef bin: Der Born Judas. Legenden, Märchen und Erzählungen. 6 Bde. Leipzig: Insel-Verl. — Die Sagen der Juden. 4 Bde. Frankfurt a. M.: Rütten 4 Loening. — (Neuausgabe beider Werke im Schocken- Verl.) Der erste Eindruck beim Anblick der sechsbändigen Ausgabe, in die ..Der Born Judas“ seine zahllosen Ursprungsquellen einmünden ließ, bleibt Ehrfurcht vor der Lebensarbeit des unvergeßbaren Gelehrten, unermüdlichen Sammlers und kritischen Sichters unserer Phantasieschätze aus allen Zeiten unseres Schrifttums. Die jüdische Volksseele in ihrer Entwicklung seit Jahrtausenden erschließt sich uns hier in den Ländern dreier Erdteile, und alle Spielarten der Erzählnngskunst: Legende, Märchen. Bericht, Fabel und Parabel, finden hier an einem Ueberreichtuip von Motiven Entfaltungsmöglichkeiten. So feiert der erste Band in seinen Historien, Legenden, Märchen und mythischen Fragmenten Liebe und Treue, der zweite den rechten Weg der Weisen und Lehrer, z. B. Rabbi Akibas; hier folgen wir auch Elias auf seinen Wanderungen. Die Mären und Lehren des dritten Bandes zeigen die Annäherung jüdischer an allgemein orientalische oder weltliche Phantasie und wollen unterhalten sowie Erkenntnisse verbreiten. Der vierte Band: Weisheit und Torheit ähnelt dem dritten; hier aber bleiben die Heldengestalten namenlos. Der fünfte Band bringt wie die beiden ersten (mit den Legendenauswertungen aus Talmud und Midrasch) abermals volkstümliche Geschichten, unüberhörbare Sehnsuchtsklänge des nationalen Ideals nach dem Messias sowie nach einem religiösen Führertum durch Propheten und Erlöser. Im sechsten „Kabalistische Geschichten“ durehgeistem Dämonen und übersinnliche Erscheinungen mannigfachster Art die weltweiten Träume eingeengter Ghettobewohner; zuletzt erreichen die Ausläufer chässidistischer Mystik die Gegenwart. Die abenteuerlichen Erden- und Himmelsfahrten eines frei schweifenden Volksgeistes verleugnen in ihrer textgetreuen, nur 10. selten, gekürzten Wiedergabe durch die meisterlichen Ucbertragungen von Rahel Rainberg weder ihre jüdische Substanz noch manche geistige und seelische Essenz von den Wirtzvölkem. Aberhunderte, meist in der Diaspora entstandene Geschichten formen hier die Geschichte unserer fabulier- und. phantasiefreudigen Volksdichtung, ein Standardwerk, das mit Recht oft mit den Märchen aus 1001 Nacht verglich. Die „Sagen der Juden“ wenden sich mehr an die Vernunft als an das Gemüt Ihr Zweck ist: „weniger zu erzählen als vielmehr die menschlichen Geschicke und die Geschicke der Welt auszulegen". Micha Josef bin Gorion erlebte nur das Erscheinen der beiden ersten Bände: „Von der Urzeit“ (1913) und „Die Erzväter“ (1914). Die weitere Auswertung jener Sammlung jüdischer Sagen und Mythen verdanken wir Rahel und Emanuel bin Gorion im Wetteifer vorbildlicher Uebersetzungen. So wurden durch zuverlässige und liebevolle Betreuung eines literarischen Erbes von seltener Kostbarkeit die Heldenbiographie des dritten Bandes: „Mose“ (1926) und der Heroenkult des vierten „Juda und Irael“ (1927) (u. a. mit einer posaunenstarken Huldigung für den Feldherrn Josua) ebenbürtige Nachfahren. Aus den Deutungen oft durch literarische Parallelen wiederholter, weit häufiger abgewandelter Motive sowie mühsam ausgegrabener Sagentexte aller Stilarten empfängt der Wanderer durch die Geschichte unseres Schrifttums eine überwältigend reiche und stets ruhelose Geistigkeit. A. S. Neuerscheinungen. Bonne, Alfred: Palästina. Land und Wirtschaft (2. Aufl.). Leipzig: Deutsche Wissenschaftliche Buchhandlung 1933 308 S. Der Autor des Buches ist Leiter des Wirtschaftsarchivs für den Vorderen Orient in Jerusalem. Er bietet hier eine rein sachliche Darstellung der gesamten Wirtschaftsverhältnisse Palästinas westlich des Jordans, wie sie sich im Jahre 1933 ergibt. Die Probleme der natürlichen und staatlichen Bedingungen, der Urproduktion, des Verkehrswesens, der Berufsstände und wirtschaftlichen Organisationen, der Industrie, des Gewerbes und Handels werden allgemeinverständlich bearbeitet und durch ein Literaturverzeichnis, Sachregister, Diagramme und Karten, zahlreiche Statistiken und einen Anhang über die politischen Grundlagen und Bestimmungen ergänzt. Die soeben erschienene dritte Auflage (1935/36) bringt das Buch auf den neuesten Stand der Zahlen, Daten und Tatsachen. H. M. Frank, Rudolf: Ahnen und EnkeL Roman in Erzählungen. Berlin: Jüdische Buch-Vereinig. 1936. 267 S. Die Handlung des unterhaltenden und aktuellen Romans ist so buntfarbig, wie das große Stück der Landkarte, über welche sie sich erstreckt. Die jüdischen Auswanderer, welche hier, Geschichten erzählend und erlebend, nach Hinterindien fahren, wollen „mehr sein, als bloß ein Dutzend kleiner Leute, die aus Deutschland kommen: Wir sind ein Werk, eine Willenskraft Ein Kampf des bewußten Geistes gegen die Mächte der Gewohnheit und aller unklaren Triebe.“ Aber sie sind fast alle erfüllt von dem Zwiespalt zwischen Heimatliebe und Rückgewandtsein, die sich in den Anekdoten und Geschichten von ihren Vorfahren ausspricht, und dem ein wenig abenteuernden Vorwärtsschauen nach der neuen Heimat die sie schließlich, gleichviel wie, gefangen nehmen wird. Man wird gern und oft persönlich berührt den alten und neuen Geschichten der Erzählenden lauschen und sich nicht nur an ihrem guten Humor erfrischen, sondern auch von den brennenden Fragen des Ganzen berührt und zum Nachdenken angeregt werden. E. G—n. Legende vom armen Juden Von Rudolf Frank. Hebräische Lettern sind wie magische Schlüssel, die viele Türen öffnen und Ausblicke geben ins Weite, Einblicke ins Enge, Wege durch Unglück und Glück. Im Innendeckel eines schwarzen hebräischen Buches fand ich vor einigen Jahren einige Reihen solcher Lettern. Ihr seltsamer Duktus, vom Alter verwischt, schreckte und lockte, verschwieg und verriet, stellte Fragen und löste Rätsel, deutete an und hüllte ein, bis endlich zwischen Zeilen und Zeichen die folgende Begebenheit vor mir aufstand: Zur Zeit, als in Wiesenfeld noch Juden lebten, es ist lange her, hauste dort schlecht und recht ein armer Kantor mit seinem Weib Rachel in einem windschiefen Häuschen. An einem Winterabend, während der Mann im trüben Licht des Öllämpchens beim Studium der heiligen Schrif-